29.04.2002

„Schluss mit Sonderregelungen“

ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, 59, über die Weigerung deutscher Manager, ihre Gehälter zu veröffentlichen
SPIEGEL: Herr Cromme, im August sollen die von Ihrer Kommission verfassten neuen Spielregeln für mehr Transparenz in deutschen Konzernen in Kraft treten. Ist Ihr Vorstoß angesichts der gewaltigen Widerstände gescheitert?
Cromme: Nein, im Gegenteil. International haben wir breiten Zuspruch für den Verhaltenskodex erhalten. Und auch in Deutschland herrscht Einigkeit, dass wir im weltweiten Wettbewerb klare und offene Spielregeln brauchen. Kritik gibt es, soweit ich das sehe, nur an einzelnen Punkten ...
SPIEGEL: ... die jedoch entscheidend sind. Sie hatten beispielsweise gefordert, dass die Vorstandsgehälter jedes einzelnen Managers detailliert in der Bilanz aufgedeckt werden. Dazu ist jedoch nach derzeitigem Stand kaum ein größeres Unternehmen bereit.
Cromme: Warten wir doch mal ab. Ich erwarte, dass der Druck der internationalen Finanzmärkte und auch der Öffentlichkeit so stark wird, dass sich kaum ein Konzern leisten kann, diese simple Forderung nach mehr Transparenz bei der Bezahlung der Topmanager auf Dauer zu ignorieren.
SPIEGEL: Warum sollten gerade die Finanzmärkte Druck machen?
Cromme: Weil es für Investoren immer wichtiger wird, ob sich ein Unternehmen an klare und nachvollziehbare Spielregeln hält. Dazu gehört der Kodex und damit auch die Frage der Gehälter. Wer nichts zu verbergen hat, kann die Bezüge der einzelnen Vorstände doch aufdecken. Wer es nicht tut, verspielt enormes Vertrauen.
SPIEGEL: Wieso wehren sich Ihre Managerkollegen derart massiv?
Cromme: Wir haben in Deutschland eine lange Tradition, nach der Gehälter und alles, was damit zu tun hat, zur Privatsphäre gezählt werden. Der Abschied von solchem Denken fällt vielleicht noch ein wenig schwer.
SPIEGEL: Glauben Sie nicht, dass die Vorstände die Diskussion über ihre Gehälter wegen der unglaublichen Summen scheuen? Bezüge wie die rund 11 Millionen Euro, die etwa Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer schätzungsweise einstreicht, sind doch kaum noch zu erklären.
Cromme: Ich weiß nicht, ob diese Neiddiskussion weiterhilft. Sicherlich sind solche Summen in der Öffentlichkeit immer wieder Anlass für Diskussionen, aber die überwiegende Anzahl deutscher Manager oder auch Wissenschaftler wird im internationalen Vergleich nicht zu hoch bezahlt. Im Gegenteil: Wenn wir in einigen Bereichen nichts tun, wandern uns die Spitzenkräfte ins Ausland ab.
SPIEGEL: Sie plädieren für höhere Gehälter?
Cromme: Nein. Ich plädiere weder für höhere noch für niedrigere Gehälter. Jeder soll entsprechend seiner Leistung bezahlt werden, mit einem Grundgehalt und einer deutlich größeren leistungsabhängigen Komponente. Ich sage nur: Wenn sich viele Großkonzerne nun einmal entschieden haben, so hohe Gehälter zu zahlen, müssen sie auch für entsprechende Transparenz sorgen. Dann muss Schluss sein mit undurchsichtigen Sonderregelungen, die sich jeder Überprüfung entziehen.
SPIEGEL: Ist das nicht Wunschdenken? In der Realität gleicht mancher Konzern eher einem Selbstbedienungsladen für Topmanager. Ein Unternehmen wie die Telekom etwa schreibt das schlechteste Ergebnis seiner Geschichte und erhöht die Vorstandsbezüge. Wären solche Entscheidungen mit dem Verhaltenskodex zu vermeiden?
Cromme: Nein. Für die Vorstandsgehälter ist jeder Aufsichtsrat auch in Zukunft selber verantwortlich. Wir können nur darauf hinwirken, dass die Entscheidungen veröffentlicht werden. Sollte es Auswüchse geben, werden die dann öffentlich diskutiert. Ich halte das für ein äußerst wirksames Verfahren.
SPIEGEL: Direkte Sanktionsmöglichkeiten hat Ihre Kommission aber nicht?
Cromme: Nicht im Sinne von Strafmaßnahmen. Allerdings wird im Sommer das Aktiengesetz geändert. Vorstand und Aufsichtsrat werden dann gesetzlich verpflichtet zu sagen, ob sie sich an den Kodex halten oder nicht. Wenn sie von den Empfehlungen abweichen, müssen sie das offen legen. Das kann dann jeder nachlesen. INTERVIEW: FRANK DOHMEN
Von Frank Dohmen

DER SPIEGEL 18/2002
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