29.04.2002

KARRIEREN

Der Effe aus Nürnberg

Von Geyer, Matthias

Florian Gerster, neuer Chef der Bundesanstalt für Arbeit, will mit schnellen Reformen den Arbeitsmarkt auf den Kopf stellen. Nun bekommt er Feuer von allen Seiten - vor allem aus den eigenen Reihen. Von Matthias Geyer

Neulich, an einem der ersten Tage im April, kam Eberhard Einsiedler in sein Büro in der 16. Etage und guckte auf seine Zimmerpflanze. Da wusste er, dass nichts mehr so sein würde, wie es immer war.

Einsiedler ist seit 29 Jahren bei der Bundesanstalt für Arbeit im Dienst. Irgendwann in dieser Zeit kaufte er einen Setzling der Art "Dieffenbachia picta", grub ihn in einen Topf und sah ihm beim Wachsen zu. Es vergingen Jahre; aus dem Sachbearbeiter Eberhard Einsiedler wurde der Vorsitzende des Hauptpersonalrats. Sein Bauch schwoll an, die Haare fielen ihm aus, und der Setzling gedieh zum Baum. Er wuchs bis unter die Decke. Bis zu diesem Tag im April.

Der Baum war in sich zusammengestürzt. Schicksal? Altersschwäche? Krankheit? Einfach so?

"Man hat ihm das Rückgrat gebrochen", sagt Einsiedler.

"Man"? Er meint ihn. Ihn da unten aus der ersten Etage. Diesen Geschniegelten, diesen hemmungslosen Neoliberalen, den Neuen, der glaubt, er könne diese schöne Anstalt platt machen, kaum dass er in ihr eingezogen ist. Er meint Florian Gerster.

Vergangenen Dienstag war der Tag, an dem Eberhard Einsiedler Rache nahm.

Die Bundesanstalt für Arbeit hatte Geburtstag. Sie war 50 Jahre alt geworden, es sollte ein schönes Fest werden im Historischen Rathaus von Nürnberg, mit Bundeskanzler, Arbeitsminister und Musik - und natürlich mit Gerster, dem neuen Chef der Behörde.

Früh am Morgen zog sich Eberhard Einsiedler einen braunen Anzug und eine bunte Krawatte an. Um zehn stand er auf dem Rathausplatz. Er war nicht allein. 300 Menschen standen da, mit Transparenten und roten Trillerpfeifen. Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di hatte zu einer Demonstration aufgerufen. Es ging gegen Gerster.

Der Bezirksgeschäftsführer von Ver.di Mittelfranken, ein Mann mit Halbschuhen aus Reptillederimitat, nahm sich ein Megafon und las vom Blatt. "Aufbruch? Wir sagen Abbruch." - "Demontage des Sozialstaates." - "Dies ist Herr Gerster: Menschenverachtung."

Nach jedem Satz steckten die Menschen ihre Trillerpfeifen in den Mund. Der Redner war sehr aufgeregt, der Zettel tanzte in seiner Hand. Nur Eberhard Einsiedler kaute ruhig auf einer Brezel herum, er sah auf die Transparente und sagte: "Net schlecht." Dann ging er hinein in den Festsaal. Er war noch nicht fertig.

Drinnen spielte ein Ensemble der Musikhochschule Nürnberg-Augsburg Klassisches und Modernes, aber es lief nicht richtig rund, weil man von draußen immer diese Trillerpfeifen hören konnte. Es gab viele langweilige Reden. Aber zum Schluss kam Einsiedler.

Es sollten "Grußworte" sein. Es wurde ein Tritt genau zwischen die Beine von Gerster. Einsiedler zitierte Gerhard Schröder, der die Bundesanstalt zu seiner größten Baustelle erklärt hatte. Richtig. Aber: "Wenn Fehler auf einer Baustelle passieren, dann ist das meistens nicht die Schuld der Arbeiter, sondern die Schuld der Architekten oder der Bauherren." Und: "Es bedarf noch einiger Einarbeitung des neuen Bauherrn." Dann war die Feier zu Ende.

Einsiedler nahm Glückwünsche entgegen. Von Bernhard Jagoda, Gersters Vorgänger. Von Heinrich Franke, Jagodas Vorgänger. Von Josef Stingl, Frankes Vorgänger. Von drei Jahrzehnten Bundesanstalt für Arbeit.

Florian Gerster stand da schon unten in der Empfangshalle und hielt sich an einem Stehtisch fest. Er aß zwei dünne Nürnberger Rostbratwürste mit Sauerkraut und trank Rotwein. Er trug einen blauen Anzug und eine grüne Krawatte. Er war blass und wirkte einsam.

Er blickte aus kleinen Augen auf die Würstchen. Er sah ein bisschen so aus, wie der Fußballspieler Stefan ("Effe") Effenberg im Moment aussieht.

Dabei hatte es so furios angefangen, Anfang Februar, als die Bundesanstalt mit ihrem Skandal um gefälschte Vermittlungsstatistiken aufgeflogen war. Der Kanzler hatte mal wieder einen großen Trümmerhaufen vor den Füßen, Jagoda musste gehen, und Schröder sagte, er habe den Mann der Zukunft. Florian Gerster, Sozialminister aus Rheinland-Pfalz, einer, der so ist, wie Schröder nicht sein darf im Wahlkampf. Einer gegen die Front der Stillstandsbewahrer in der SPD, einer gegen die Wand dieser ewig nölenden Gewerkschaftsköppe.

Gerster, 52, kam sehr oft ins Fernsehen in diesen Tagen, häufiger als in den 25 Jahren zuvor, in denen er sich auf den unteren Etagen der Politik abarbeiten musste. Das Publikum wusste nicht viel von ihm, höchstens, dass Petra Gerster, die Nachrichtenfrau vom ZDF, seine Schwester ist. Er war ein Mann mit dünnem Haar und Oberhemden, die immer so stramm gebügelt sind, als kämen sie gerade aus der Zellophanverpackung.

Aber dann begann er zu reden, und dieser Sozialdemokrat klang wie einer, den man irrtümlich bei der Unternehmensberatung ausgeliehen hat. Bundesanstalt für Arbeit? Kann auch mit der Hälfte der Leute klarkommen. Arbeitsmarktpolitik? Ver-

schlanken, privatisieren. Weniger Arbeitslosengeld für die Älteren. Gestaffeltes Arbeitslosengeld für die Jüngeren. Arbeitslosenhilfe abschmelzen auf das Niveau der Sozialhilfe.

Gerster sprach wie Effenberg ("Stütze auf Minimum"). Er wirkte nur irgendwie seriöser, auch weil er es nicht dem "Playboy" gesagt hatte.

Natürlich hat es ihn nicht überrascht, dass alle aufjaulten. Parteilinke, Gewerkschaften, Christdemokraten. "Unverschämtheit", "sozialpolitische Sauerei", "Rambo-Methoden". Gerster hatte zwar keine Gesetze gemacht, sondern erst mal nur Vorschläge, aber er bekam Feuer, als hätte er gerade den kompletten Sozialstaat zum Einsturz gebracht.

Er saß damals noch in Mainz, es waren noch ein paar Wochen hin bis zu seinem Umzug am 27. März, er dachte: Lass sie schreien, kriegen wir alles hin. Sagt ja auch der Kanzler. Nur: Der Kanzler sagte nicht mehr viel, jedenfalls nicht öffentlich. Er darf die Menschen jetzt nicht verschrecken.

Gerster ist seit einem Monat in Nürnberg. Er weiß jetzt, wie die Welt in Nürnberg wirklich aussieht. Die Welt in Nürnberg ist die Hölle.

Es ist eine Welt aus 17 Stockwerken, die in den siebziger Jahren hochgemauert wurde. An einigen Steinen wächst Moos. Der erste Wegweiser, den man sieht in dieser Welt, ist ein Hinweisschild zur Kantine. Die Menschen, die in dieser Welt zu Hause sind, laufen Punkt zwölf durch die Gänge und sagen "Mahlzeit" zueinander.

90 000 Angestellte und Beamte beschäftigt diese Anstalt - hier in der Hauptstelle und in den 181 Arbeitsämtern der Republik. Sie tragen Aktenordner über Linoleumfußböden und an Warteschlangen vorbei, sie gießen Grünpflanzen in ihren Zimmern, sie verwalten vier Millionen Arbeitslose und sich selbst gleich mit. Sie haben es sich behaglich gemacht unter einer dicken, fetten Staubwolke, und obendrüber sitzen Politiker, Arbeitgeber und Gewerkschaften und passen auf, dass alles so bleibt.

Florian Gerster stand also an diesem Tisch vor seinen Rostbratwürsten und sah seine Gegner an sich vorbeilaufen. Die ganzen verdienten Kräfte des kaputten Arbeitsmarktes. Und Herrn Einsiedler. Und die Frauen von den Gewerkschaften, die Frauen mit den Doppelnamen.

Die Frauen mit den Doppelnamen sind die Schlimmsten für ihn. Er erklärt ihnen ständig, dass er den Sozialstaat "krisensicher" machen will. Die Frauen mit den Doppelnamen behaupten, dass er den Sozialstaat "zerschlagen" will. Er sagt: "In jeder Großorganisation gibt es Strukturkonservative, die alles abwehren, was ihre Stellung in Frage stellen könnte." Sie sagen: "Kahlschläger." Und sie haben Macht. Es gibt in Deutschland acht Millionen Gewerkschaftsmitglieder. Wenn sie wollen, können sie den Kanzler aus dem Amt streiken.

Ursula Engelen-Kefer trug einen schwarzen, glänzenden Mantel und eine weiß schimmernde Strumpfhose. Sie sah kühl an Gerster herunter und ging weiter. Frau Engelen-Kefer ist seit 1974 beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Es war die Zeit anschwellender Arbeitslosigkeit, und Frau Klementine aus der Ariel-Werbung war ein Fernsehstar.

Für Engelen-Kefer gibt es keinen großen Unterschied zwischen dem Deutschland der siebziger Jahre und dem Deutschland der Pleitewellen. 6,5 Prozent Lohnerhöhung wären ihrer Meinung nach in Ordnung. Sie findet, dass jeder Euro, der von oben nach unten verteilt wird, ein guter Euro ist. Und wenn sie durch Berlin-Grunewald fährt und die vielen Villen sieht, dann denkt sie wahrscheinlich, dass für die da oben noch immer genug übrig ist. Ob Rentenreform oder Kürzungen in der Arbeitsmarktpolitik, Frau Engelen-Kefer sagt immer Nein.

Der DGB ist von Düsseldorf nach Berlin umgezogen, Engelen-Kefer hat ein neues Büro, aus dem sie in das Esszimmer eines Callboys sehen kann. Viel mehr hat sich nicht verändert.

Sie sitzt an einem Konferenztisch und redet sich in Rage; ihre Stimme bekommt in solchen Momenten etwas sehr Metallisches. "Herr Gerster erinnert an die Sozialabbau-Debatte der frühen Kohl-Regierung", schnarrt sie in den Raum. Ihre Fingernägel klackern auf die Tischplatte. "Herr Gerster macht immer den Versuch, im Mainstream zu sein. Und wenn der Mainstream in Richtung Moderne geht, dann gibt es auch einen Beitrag von Florian Gerster." Sie hat sehr große Ohrringe, die jetzt wild hin und her wackeln. "Wenn Herr Gerster den offenen Konflikt mit den Gewerkschaften will, soll er nur so weitermachen."

Vor 24 Jahren saß Engelen-Kefer zum ersten Mal in einem Aufsichtsgremium der Bundesanstalt für Arbeit. Zum Schluss war sie ehrenamtliche Vorstandsvorsitzende. Sie hat immer mitgelenkt auf dem Weg der Bundesanstalt zu einer Bruchbude. Demnächst wird ein neuer Verwaltungsrat zusammengestellt, und sie meint, sie gehöre da rein. "Mit welcher Begründung sollen diejenigen, die dort über Jahre hinweg unbescholten ihre Arbeit gemacht haben, jetzt das Handtuch werfen? Ich wüsste überhaupt nicht, warum."

Es geht nicht nur um die Macht der Gewerkschaften oder den Wahlerfolg des SPD-Kanzlers. Es geht auch um sie. Sie hat inzwischen viele Feinde bei den Gewerkschaften, weil sie immer gegen alles ist. Ohne die Bundesanstalt hätte sie gar nichts mehr.

Wenn man sie fragt, ob sie der Meinung ist, dass die Arbeitsämter effizient sind, guckt sie einen aus stark geschminkten Augen an und fragt zurück: "Arbeiten die Finanzämter effizient?"

Natürlich war Engelen-Kefer bei der Demonstration auf dem Rathausplatz in der ersten Reihe dabei. Sie dankte den Demonstranten für die vorzügliche Arbeit. Neben ihr stand noch eine Frau mit einem Doppelnamen, sie hat schmale Lippen und blonde Haare und nickte.

Isolde Kunkel-Weber aus dem Ver.di-Vorstand ist vielleicht Gersters schärfste Bremse. Sie sitzt in der Kommission, die zurzeit über Reformvorschläge für die Bundesanstalt nachdenkt. Frau Kunkel-Weber findet es wahrscheinlich großartig, dass so eine Kommission gegründet worden ist, in der die unterschiedlichen Interessenvertreter erst mal miteinander diskutieren, weil das ziemlich sicher bedeutet, dass am Ende mal wieder nichts dabei rauskommt.

Sie ist bei Ver.di für das Referat Sozialversicherung zuständig. Zum Symbol ihrer Abteilung hat sie den Elefanten erklärt. Der steht auf vier dicken Füßen, genauso wie der Sozialstaat, sagt sie. Rente, Krankenversicherung, Unfallversicherung, Bundesanstalt für Arbeit. Wenn man dem Elefanten ein Bein weghaut, fällt er um. Wie beim Sozialstaat, sagt sie.

In ihrem Büro gibt es einen rosa Plüschelefanten. Das kleine Monstrum sitzt auf den Hinterbeinen.

"Wenn ich das Gefühl habe, dass etwas zerschlagen werden soll, was 50 Jahre lang gut funktioniert hat, dann werde ich zum Widerstand aufrufen", sagt sie.

Isolde Kunkel-Weber ist eine eher schwere Frau, aber als sie gehört hat, dass Gerster die Hälfte der Belegschaft entfernen will, "da bin ich hier über den Tisch gegangen".

20 000 der 90 000 Beschäftigten bei der Bundesanstalt sind bei Ver.di organisiert. Die Gewerkschaft hat das Problem, dass ihr die Mitglieder davonlaufen. Seit Gerster in Nürnberg eingezogen ist, werden die Zahlen besser. In den Arbeitsämtern liegen jetzt Mitgliedsanträge für Ver.di aus. "Die gehen gut weg", sagt Frau Kunkel-Weber.

So sieht es aus. Florian Gerster hat sich das alles anders vorgestellt.

Früher, als er noch in Mainz saß, hat er gern scharfe Thesenpapiere verfasst, zur Sozialpolitik, zur Gesundheitspolitik, zur Verteidigungspolitik. Er verschickte sie ins Kanzleramt und an Zeitungsredaktionen. Er erfand das "Mainzer Modell". Er tat das alles nicht, weil er nach Nürnberg wollte. Er wollte nach Berlin.

Und er war guter Dinge. Aus Berlin kamen Andeutungen. Vielleicht hätte er nach der Wahl im September ein Ministerium übernehmen können. Das von Ulla Schmidt zum Beispiel, der Frau aus Aachen mit ihrer Singsang-Gesundheitspolitik. Oder das von Walter Riester, von dem man noch immer nicht weiß, ob er Reformer ist oder IG-Metall-Funktionär. "Ja, als Option wäre das vorstellbar gewesen", sagt Gerster.

Und jetzt? Falscher Ort, falsche Zeit. Oder, wie Gerster es ausdrückt: "Es gibt unabwendbare Forderungen durch entstandene Situationen, die müssen erfüllt werden." Wat mutt, dat mutt.

Wäre Jagoda mit seinem Saustall ein Jahr früher aufgeflogen, dann sähe die Welt vielleicht besser aus. Dann hätte Gerster hier aufgeräumt und wäre danach womöglich doch noch ein großer Minister in Berlin geworden. Zu spät. "Ich muss mich hier schon über mehrere Jahre einrichten." Das klingt wie offener Strafvollzug.

Nichts bleibt ihm auf diesem Posten erspart, gar nichts. Wäre Gerster nicht ausgerechnet bei dieser Bundesanstalt gelandet, dann müsste er auch nicht solche Abende verbringen wie neulich den beim "Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks".

Im Berliner "Kaisersaal" wurde feinstes Essen aufgefahren und ein "innovatives Teilzeitarbeitsmodell" vorgestellt. Gerster sollte etwas dazu sagen. Nach dem Hauptgang wollte er gehen, aber er durfte nicht, weil ein PR-Fritze darauf bestand, dass er noch auf das Wohl der Gebäudereiniger anprostet. Solche Abende sind das Grauen.

Und am Tag ist es auch nicht besser. Morgens fährt er sein Auto in den Hof. Wo er hinguckt: braune Steine. Alles sehr bedrückend, sagt er. Vielleicht bestellt er demnächst die Maler.

Dann geht er in sein Büro, und auf dem Schreibtisch findet er Zettel, auf denen steht: "RdErl". "RdErl" ist die Sprache der Bundesanstalt. "RdErl" heißt Runderlass. Er möchte, dass "RdErl" demnächst ausgeschrieben wird, "wenigstens in der Überschrift".

Wenn der Mittag kommt, geht Gerster in die Kantine, da trifft er

das Volk. Sein Volk. In solchen Momenten kann er den Absturz der Raumtemperatur fühlen.

Die Frauen grüßt er, die älteren Männer auch. Die jüngeren nicht, "ich versuche aber zu zeigen, dass ich sie gern zurückgrüßen würde". Würde er gern, kann er aber nicht, denn: Keiner grüßt. Er hat mit seinem Pressesprecher darüber gesprochen. Der Pressesprecher meinte, die Franken seien störrische Menschen. Aber das ist es nicht.

Eberhard Einsiedler, der Hauptpersonalrat, weiß, was die Belegschaft denkt. Er sieht dem Dampf seines Zigarillos hinterher und sagt: "Es gibt Sauereien, die können nur Sozialdemokraten." Wenn der Neue meint, er könne mit der Hälfte der Leute auskommen - bitte schön. Soll er mal versuchen.

Einsiedler hat schon in den siebziger Jahren in Kommissionen gesessen, die sich mit der Zukunft der Bundesanstalt für Arbeit beschäftigt haben. Er weiß, was läuft, sagt er. Hier im Haus jedenfalls läuft alles gut. Die Politik muss sich ändern, nicht wir, sagt er.

Und der Vermittlungsskandal?

Skandal? Was heißt Skandal?

"Wenn unsere Zahlen nicht stimmen, dann hat das ja für den Arbeitsmarkt nix zu sagen. Die Behörde kann nix dafür, für den Arbeitsmarkt", sagt Einsiedler. Das heißt: Der Arbeitsmarkt bleibt, wie er ist, ob sie in der Behörde nun bescheißen oder nicht.

Ständig kommen irgendwelche neuen Sachen aus der Politik, und die Kollegen sollen den Durchblick behalten. Gersters Mainzer Modell zum Beispiel. Das Mainzer Modell bedeutete: 51 Seiten mit neuen Anweisungen. Die muss man erst mal lesen. Das braucht Zeit. Und bis man die begriffen hat, braucht es noch mal Zeit. "Die Kollegen draußen schaffen von morgens bis abends." Einsiedlers Füße liegen auf einem Stuhl.

15 Stockwerke tiefer sitzt Florian Gerster an seinem Besprechungstisch. Er hat die Hände auf die Oberschenkel gelegt. Er sieht demütig aus. Er sagt: "Ich räume ein, dass die Formulierung ''Halbierung des Personals'' ungeschickt war."

Das Büro, in dem er arbeitet, war vorher das Büro von Bernhard Jagoda. Es gibt jetzt keine Aktenordner mehr in den Regalen. Es hängt Kunst an der Wand. Gerster hat alles neu gemacht in diesem Büro. Fast alles.

Auf dem Boden stehen drei Zimmerpflanzen. Sie sind bis unter die Decke gewachsen. Es waren Jagodas Zimmerpflanzen. Gerster sagt, es gebe Dinge, die müssten so bleiben, wie sie sind.

* Während der Demonstration gegen Florian Gerster am 23. April in Nürnberg. * Beim Festakt zum 50. Geburtstag der Bundesanstalt für Arbeit mit seinen Amtsvorgängern Heinrich Franke und Josef Stingl am 23. April in Nürnberg.

DER SPIEGEL 18/2002
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