06.05.2002

GEHEIMDIENSTEDer Sieg des Spitzels

Ein ehemaliger V-Mann soll 450 000 Mark Agentenlohn zweckentfremdet haben. Das Land Berlin verklagte ihn und verlor - ein einmaliger Fall in der deutschen Justizgeschichte.
Zwischen Pinien und Zypressen, auf einem großen toskanischen Weingut nahe Siena, hat der Trüffelhund angeschlagen. Emsig kratzt er die schwarzen Kostbarkeiten aus der Erde.
Zufrieden sitzt der Mann, der früher Volker Weingraber Edler von Grodek hieß, wenig später in der rustikalen Küche seines Gutshauses und sieht Lebensgefährtin Franca bei der Arbeit zu. Behände bewegt sie den Trüffelhobel, nach und nach fallen die hauchdünnen grauen Scheiben auf das Risotto von Steinpilzen.
Das feine Olivenöl, mit dem die Frau des Edlen die Vinaigrette für den Salat angerichtet hat, stammt aus eigener Ernte. Selbst die Trauben für den vorzüglichen Chianti Riserva, den der Hausherr reicht, reifen auf eigenem Grund - der Adlige aus Deutschland, einst eine Größe im Berliner Geheimdienstmilieu, hat es weit gebracht in seinem zweiten Leben.
Auch im ersten Leben, im politisch bewegten Berlin der siebziger Jahre, war Weingraber, heute 59, erfolgreich gewesen. Unter dem Decknamen "Wien" hatte sich der Professorensohn als V-Mann des Landesamts für Verfassungsschutz an die anarchistische "Bewegung 2. Juni" herangepirscht und war schnell zum wichtigsten Schnüffler im linken Milieu avanciert, ehe er sich später mit den Geheimen überwarf und sich mit ihnen in einen bislang in der deutschen Rechtsgeschichte einmaligen Streit verwickelte.
Nun, 23 Jahre nach dem Ende seiner Spitzeltätigkeit, ist Weingraber aus der kuriosen Auseinandersetzung als vorläufiger Sieger hervorgegangen. Das Landgericht in Florenz wies jetzt - nach achtjähriger Verfahrensdauer - eine Klage der Berliner Senatsverwaltung für Finanzen ab, der zufolge Weingraber 450 000 Mark Agentenlohn zuzüglich vier Prozent Zinsen, insgesamt rund 600 000 Mark, zurückzahlen sollte.
Eingereicht hatte das Land seine Klage, weil es sich von seiner früheren Spitzenkraft übers Ohr gehauen fühlte: Weingraber, der mit neuer Identität in der Toskana untertauchte, nachdem ihn das Landesamt 1979 als Quelle "abgeschaltet" hatte, war 1986 vom SPIEGEL (40/1986) enttarnt und dann vom Verfassungsschutz zum "Sicherheitsfall" erklärt worden. Die 450 000 Mark, die er erhalten hatte, sollte er hernehmen, um zu seinem eigenen Schutz umzuziehen. Weingraber nahm zwar das Geld an, blieb aber bei seinen Trauben.
Seine Spitzelkarriere hatte Weingraber im November 1972 begonnen. Die Sicherheitsbehörden sind in jener Zeit in Panik, weil die Rote Armee Fraktion und die Bewegung 2. Juni dafür sorgen, dass sich der Terrorismus metastasenhaft über die Bundesrepublik ausbreitet.
Allein auf das Konto der Bewegung 2. Juni gehen etwa der Mord am Berliner Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann und die Entführung des Berliner CDU-Chefs Peter Lorenz, mit der fünf inhaftierte Terroristen freigepresst werden.
Weingraber, im Berliner Stadtteil Kreuzberg Teilhaber der Szene-Kneipe Tarantel, hat das Vertrauen etlicher Anarchisten. Sie ahnen nicht, dass er alles, was er erfährt, für das damals stattliche, steuerfreie Jahressalär von 28 000 Mark seinem V-Mann-Führer ausplaudert: wer in der Szene was plant und wer wen liebt. "Ich habe mich nie als Verräter gefühlt", sagt Weingraber heute, "ich stand immer auf der anderen Seite", auf der Seite des Staates.
Der V-Mann geht ein hohes Risiko ein. Wie die Terroristen mit Verrätern umgehen, erlebt er aus nächster Nähe. Ulrich Schmücker, 22, ein Student der Ethnologie, steht unter Spitzelverdacht. Am Abend des 4. Juni 1974 wird er im Berliner Grunewald hingerichtet.
Weingraber und der Geheimdienst spielen im Vorfeld der Tat eine bis heute ungeklärte Rolle. Die Vorbereitungen für einen Fememord finden quasi unter den Augen des Verfassungsschutzes statt: "Wien" bekommt mit, was sich gegen Schmücker zusammenbraut, und informiert seinen V-Mann-Führer - aber das Amt unternimmt nichts. Die akute Lebensgefahr, in der Schmücker sich befindet, erkennen die Beamten trotz Weingrabers Hinweisen nicht. Oder, noch schlimmer: Der Verfassungsschutz nutzt Schmücker gar als eine Art Lockvogel, der weiteren Zugang zu Terroristen schaffen soll - so beurteilte jedenfalls das Gericht im letzten Schmücker-Verfahren das Vorgehen des Geheimdienstes.
V-Mann Weingraber hilft den später als Täter Verdächtigen, wo er kann. Die tippen auf seiner Schreibmaschine einen Fragenkatalog, den Schmücker im Rahmen eines "Volksgerichtsverfahrens" beantworten soll. "Wien" leiht ihnen auch den gelben VW-Firmenbus der Tarantel, mit dem die Täter an Schmückers letztem Abend zum vereinbarten Treffpunkt in den Grunewald fahren.
Und - kaum zu glauben: Nicht einmal eine Stunde nach dem Mord gibt einer der Tatverdächtigen Weingraber den VW-Bulli am Bahnhof Zoo zurück und überlässt ihm die vermeintliche Tatwaffe, eine Parabellum 08.
Dabei kommt es, wie Weingraber jetzt dem SPIEGEL berichtete, zu einem furchtbaren Dialog: "Wie hast du das gemacht?", habe er den mutmaßlichen Täter gefragt, der neben ihm im VW-Bus gesessen sei und geweint habe. "Mit einem Kombatschuss", habe der Mann geantwortet. Weingraber ahnt, woher der Täter den Begriff kennt. Der Kompagnon wohnt zum Zeitpunkt des Mordes nämlich vorübergehend bei ihm und hat im Bücherregal ein Werk über so genannte Kombat-Techniken entdeckt. Der Titel: "Der erste Treffer zählt".
Der mutmaßliche Täter bittet den V-Mann, wie dieser erzählt, die Parabellum 08 an einen sicheren Ort zu bringen und zu beseitigen, und der ist schnell gefunden. Noch in der Nacht übergibt Weingraber die Waffe seinem V-Mann-Führer, dann lässt die Behörde eines der wichtigsten Beweismittel der Tat für 15 Jahre im Tresor verschwinden.
Richter, die den Mord aufklären sollen, erfahren nichts von der Waffe, auch nichts über Weingraber und das angebliche Geständnis im Tarantel-Bus. Mehrere Urteile gegen Verdächtige hebt der Bundesgerichtshof auf, 1991 wird das Strafverfahren nach 15-jähriger Dauer eingestellt. Der Mord an Schmücker wird nie aufgeklärt - weil Justiz, Verfassungsschutz und Polizei wie in einem Komplott ihre nähere Kenntnis der Tatumstände verschleiert haben.
Zum Schein fahndet die Polizei auch nach Weingraber, damit seine Genossen nicht misstrauisch werden. Fast vier weitere Jahre, bis Anfang 1978, lebt er im Berliner Untergrund, dann wechselt er nach Italien, um im Behördenauftrag die Verbindungen zwischen deutschen und italienischen Terroristen auszukundschaften. 1979 lernt er seine jetzige Lebensgefährtin kennen, woraufhin der Verfassungsschutz die Zusammenarbeit beendet.
Als der SPIEGEL sieben Jahre später die Hintergründe des Mordfalls Schmücker und die Verwicklung des Verfassungsschutzes und seines V-Manns enthüllt, meldet sich bei Weingraber aufgeregt ein Geheimdienstler. Weingraber taucht in Mailand unter und wird vom Verfassungsschutz großzügig unterstützt. Im Dezember 1986 etwa erhält er 60 000 Mark "Abschlagszahlung zur Begleichung der wichtigsten Verpflichtungen im Zusammenhang mit dem Weingut". Innerhalb eines Jahres kassiert Weingraber 310 300 Mark.
Am 11. November 1987, bei einem Geheimtreffen in der Schweiz, freut sich Weingraber im Beisein seiner Lebensgefährtin über eine weitere Lebenshilfe. Zwei Verfassungsschützer haben einen sechs Tage zuvor ausgestellten Scheck der Berliner Commerzbank über 450 000 Mark für die "endgültige Regelung meines Sicherheitsfalles" mitgebracht, wie er quittiert.
Weingraber unterschreibt, "dass die Abfindungssumme nur unter der Voraussetzung an mich gezahlt wird, dass ich das Gut aufgeben und mir an einem anderen sicheren Ort eine neue Existenz unter den mit mir abgesprochenen Sicherheitsvorkehrungen aufbauen werde". Die sonst von Berufs wegen eher misstrauischen Geheimdienstler vertrauen ihm, eine Frist für den Umzug setzen sie nicht.
Jahrelang stolpert in Berlin niemand über das seltsame Papier. Erst als sich 1990 ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss mit dem Fall beschäftigt, fällt auf, dass etwas schief gegangen ist - und das Land strengt, Jahre später, eine Klage an. Weingraber habe es vorgezogen, "einen Waffenschein für eine Pistole zu beantragen, statt an einen anderen Ort zu ziehen", und "vorsätzlich das Land Berlin hintergangen", heißt es in einem Schriftsatz der Anwälte des Landes vom November 1994.
Weingraber weist den Vorwurf zurück, er hätte den Verfassungsschutz aufs Kreuz gelegt. Der Fehler, sagt der frühere V-Mann, liege "bei denen": Er, seine Lebensgefährtin und deren Sohn hätten eine neue Identität erhalten sollen. "Diese Sicherheitsvorkehrungen waren abgesprochen." Tatsächlich habe aber nur er selbst neue Papiere bekommen.
Den Prozess verlor das Land Berlin aus rein formalen Gründen. Die Klage, befand das Landgericht in Florenz, sei nicht zulässig, weil nicht das Landesamt für Verfassungsschutz selbst sie eingereicht habe, sondern die Senatsverwaltung für Finanzen. Eine Argumentation, die man in Berlin nicht für schlüssig hält. Schließlich, heißt es in der Senatsverwaltung, verfüge der Verfassungsschutz über "keine eigenständige Rechtsfähigkeit". Ob das Land in die nächste Instanz geht, war Ende voriger Woche noch nicht entschieden.
Für den Fall, dass Weingraber den Prozess verlieren sollte, hatte er schon vorgesorgt. Seine Anteile am Weingut hatte er seiner Lebensgefährtin überschrieben, sein Dasein nahe Siena fristet er auf der Grundlage eines lebenslangen, nicht pfändbaren Nießbrauchrechts. "Da hinten hätten die Berliner sich ein paar Bäume fällen können, wenn sie gewonnen hätten", ulkt er und zeigt auf ein Waldstück in der Nähe seines Olivenhains.
Mit dem Sieg von Florenz will sich der ausgemusterte V-Mann allerdings nicht zufrieden geben. Lange schon stört er sich an dem neuen Namen, den ihm der Verfassungsschutz verpasst hat. Weingraber will wieder Weingraber heißen, so wie einst. "Darauf werde ich das Land verklagen", tönt der Edle von Grodek - möglichen Sicherheitsbedenken seines früheren Geldgebers zum Trotz. CARSTEN HOLM
Von Carsten Holm

DER SPIEGEL 19/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 19/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GEHEIMDIENSTE:
Der Sieg des Spitzels

Video 02:15

Neuer Spider-Man-Trailer Jetzt hat er auch noch Flügelchen

  • Video "Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen" Video 02:15
    Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen
  • Video "Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer" Video 00:54
    Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer
  • Video "Freiburgs Trainer über Fremdenhass: Man muss große Angst haben" Video 01:38
    Freiburgs Trainer über Fremdenhass: "Man muss große Angst haben"
  • Video "Virales Video aus Österreich: Was machen die da?" Video 00:57
    Virales Video aus Österreich: Was machen die da?
  • Video "Filmstarts der Woche: Hi, ich bin Frank Zappa" Video 05:00
    Filmstarts der Woche: "Hi, ich bin Frank Zappa"
  • Video "Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel" Video 00:43
    Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel
  • Video "Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe" Video 01:07
    Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe
  • Video "Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe" Video 00:58
    Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe
  • Video "Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt" Video 01:15
    Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt
  • Video "Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung" Video 00:52
    Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung
  • Video "Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser" Video 00:46
    Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser
  • Video "Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo" Video 01:48
    Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo
  • Video "Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit" Video 01:54
    Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit
  • Video "Werbevideo der US-Polizei: May you be with the force" Video 01:28
    Werbevideo der US-Polizei: "May you be with the force"
  • Video "Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen" Video 00:52
    Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen