06.05.2002

KUBAMomente der Traurigkeit

Fidel Castro öffnet sein Privatarchiv - und gewährt Einblick in komplizierte Familienverhältnisse.
Sie ist blond, hoch gewachsen und hat grüne Augen. Ihr Alter, wohl um die 60, gilt als Staatsgeheimnis, Fotos von ihr unterliegen der Zensur. Das Volk weiß von ihrer Existenz, aber offiziell wurde sie nie vorgestellt: Dalia Soto del Valle, die Ehefrau von Fidel Castro.
Aus Sicherheitsgründen hat Kubas Staatschef sein Privatleben immer vor der Öffentlichkeit abgeschirmt. Seit der Machtübernahme von 1959 hätten Exil-Kubaner und die CIA 637-mal versucht, ihn umzubringen, behauptet der kubanische Geheimdienst. Dennoch wussten nicht mal Amerikas Agenten bis vor kurzem, wie viele Kinder der Feind aus Havanna eigentlich hat.
Nach und nach lüftet der Comandante nun das Geheimnis. Immer häufiger lässt er zu, dass Informationen über sein Privatleben an die Öffentlichkeit gelangen. Erstmals hat er jetzt sein persönliches Archiv geöffnet: Für eine umfangreiche Biografie durfte die brasilianische Journalistin und Historikerin Claudia Furiati, 47, in seinen Fotoalben und Dokumenten stöbern.
Furiatis zweibändiges Werk*, das im Sommer in Europa erscheint, ist das bislang detaillierteste Buch über den Revo-
lutionsführer. Neun Jahre hat die Autorin daran gearbeitet, zweieinhalb Jahre lebte sie auf Kuba, viermal konnte sie den Staatschef treffen. Besonders auskunftsfreudig zeigten sich selbst Schattenmänner des Regimes: Manuel Piñeiro, der legendäre Geheimdienstchef, steckte ihr Insider-Informationen.
Die Nähe zur Macht geriet allerdings auch zum Handicap: Furiatis Kritik an dem rigiden Autokraten fällt äußerst zaghaft aus. Dennoch ist das Werk eine Fundgrube für Historiker.
Die Autorin beteiligt sich an einem alten Streit um das Alter des Comandante: Castro ist ein Jahr jünger als offiziell verbreitet. "Sein Vater hat im Jahr 1941 einen Gerichtsbeamten mit 100 Pesos bestochen, damit er Fidels Geburtsdatum um ein Jahr zurückdatiert", berichtet Furiati. "So konnte er ihn an einer höheren Schule einschreiben." Castro wurde am 13. August 1927 und nicht 1926 geboren, wie offiziell behauptet. Doch in der Vorstellung der Kubaner bleibt die Zahl 26 "ein Symbol der Revolution", sagt die Historikerin.
Bei ihren Nachforschungen sei sie auf neue Details aus der Sturm-und-Drang-Zeit des Comandante gestoßen: An der Universität von Havanna mischte er in Bandenkriegen mit. Auf einem Foto aus jener Zeit ähnelt Castro verblüffend dem amerikanischen Kinorebellen James Dean. Doch ein Träumer war der Revolutionär nie, glaubt Furiati: "Er ist ein Pragmatiker, das Reflektieren hat er Ché Guevara überlassen." Sie schildert Castro als kühlen Schachspieler, der seinen Gegnern meistens einen Zug voraus ist. "Er muss sich immer beweisen."
Ausführlich beschreibt die Geheimdienstexpertin Furiati die zahlreichen Attentatsversuche gegen Castro. Ein abtrünniger Revolutionär sollte ihn mit einer als Kugelschreiber getarnten Giftspritze umbringen. Ein anderer versuchte, seinen Milchshake zu vergiften, doch die Giftpille war im Kühlschrank festgefroren.
Auch eine Deutsche setzte die CIA auf Castro an: Die Kapitänstochter und Castro-Geliebte Marita Lorenz behauptet, CIA-Chef Allen Dulles habe sie für einen Mordversuch angeworben. Doch beim Rendezvous mit Castro habe sie der Mut verlassen, sie spülte das Gift in die Toilette.
Die Romanze mit Marita war für den Frauenhelden Castro nur eine von vielen Affären. "Die wichtigste Frau in seinem Leben war seine Revolutionsgefährtin Celia Sánchez", erzählt Furiati. Wie nur wenigen anderen vertraute Castro der Arzttochter aus Manzanillo, sie beriet ihn bei politischen Entscheidungen und organisierte seinen Haushalt. Doch eine Heirat lehnte der Revolutionsführer immer ab: "Er hasste die Vorstellung, an der Seite einer Frau posieren zu müssen." Die Abneigung gegen eine förmliche Verbindung hatte die gescheiterte Ehe mit Mirta Díaz-Balart hervorgerufen, einer Tochter der kubanischen Oberschicht, die heute in Spanien lebt.
Aus Respekt vor der Genossin Celia legalisierte Castro sein Verhältnis zu seiner heutigen Frau Dalia, genannt Lala, erst nach Celias Tod im Jahr 1980. Er hatte die Lehrerin aus der Stadt Trinidad während einer Alphabetisierungskampagne 1961 kennen gelernt.
Dalia lebt mit Castro in ihrem gemeinsamen Strandhaus in Jaimanitas westlich von Havanna. "Fidel führt ein durchaus
bürgerliches Privatleben", sagt Furiati. Die zwei Gebäude sind mit Basketball- und Tenniscourt sowie einem Riesenfernseher ausgestattet. Außerdem hat Castro zu Hause Zugang zu sämtlichen Nachrichtenagenturen. Furiati: "Er ist ein Agentur-Junkie."
Mit Dalia hat Castro fünf Söhne, die alle auf Kuba leben: Alex, Alexis, Alejandro, Antonio und Angel. Die Vorliebe für Namen mit dem Buchstaben A ist eine Reverenz an den Feldherrn Alexander den Großen, den Castro bewundert. Außerdem hat er drei Kinder aus früheren Beziehungen: Fidelito, sein Ältester, stammt aus der Ehe mit Mirta Díaz-Balart. Ihn hat Castro als einzigen Sohn öffentlich anerkannt. Jorge Angel ging aus einer Romanze mit der Revolutionsgefährtin María Laborde hervor. Seine einzige Tochter Alina ist das Kind von Naty Revuelta, einer weiteren Freundin aus der alten kubanischen Oberschicht. Alina floh 1993 aus Kuba und lebt heute beim Klassenfeind in Miami.
Für kubanische Verhältnisse haben Castros Söhne ein gutes Auskommen, sonderlich verwöhnt sind sie nicht. Nur Fidelito bekleidete vorübergehend ein politisches Amt: Von 1980 bis 1992 war er Vorsitzender der Kommission für Atomenergie. Alex und Alexis sind Computerspezialisten, Antonio ist Facharzt für Orthopädie, Alejandro leitet eine Computerfirma.
Berichte über die verzweigte Familie des Staatschefs gehören für kubanische Medien zu den Tabuthemen. Die Wochenzeitung "Trabajadores" landete einen bis dahin unerhörten Scoop, als sie voriges Jahr einen Artikel über Antonio veröffentlichte. Mutter Dalia wurde in der Öffentlichkeit überhaupt erst 1999 gesichtet. Sie saß im Publikum, als Castro mit Venezuelas Staatschef Hugo Chávez Baseball spielte. Bei einem Protestmarsch vor der US-Vertretung voriges Jahr in Havanna lächelte sie bereits in die Fernsehkameras.
Widerwillig fügt sich Castro nun dem Druck der Mediengesellschaft. Die Freigabe seines Privatarchivs zeigt aber auch, dass er Einfluss auf die historische Einordnung der Legende Fidel Castro nehmen will. "Fidel ist schließlich der einzige Befreiungskämpfer, der sein Werk vollendet sieht", sagt Furiati.
Ist er mit seiner Lebensleistung auch zufrieden? "Auf den Fall der Mauer war er nicht vorbereitet", konstatiert sie und hat "Momente der Traurigkeit" beim Comandante ausgemacht. Vor allem aber zeige er neuerdings eine Eigenschaft, für die er bisher nicht bekannt war: "Er schweigt immer öfter." JENS GLÜSING
* Claudia Furiati: "Fidel Castro. Uma biografia consentida". Editora Revan, Rio de Janeiro; 1072 Seiten; 47 Euro. * An Bord des Passagierschiffs "Berlin" 1959 mit Offizier Ernst Hankiewicz.
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 19/2002
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KUBA:
Momente der Traurigkeit

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