06.05.2002

IDOLE Kühle Quickies

Das FBI ermittelte gegen Marlene Dietrich wegen des Verdachts der Spionage - doch die Agenten enthüllten bloß ein paar Intimitäten.
Kein Star verbrachte im Zweiten Weltkrieg mehr Zeit als Unterhalter bei den US-Truppen als Marlene Dietrich - die Hollywood-Größe war ein Idol der GIs.
Aber nicht einmal ihre amerikanische Staatsbürgerschaft, erworben am 9. Juni 1939, bewahrte sie vor bundespolizeilichen Spitzeln, die sie "stichprobenartig" beschatteten und eine Zeit lang sogar die Post der Diva öffneten.
Erst jetzt ist das ganze Ausmaß der Überwachung zu erkennen: Seit 1942, so steht es in der seit kurzem zugänglichen FBI-Akte Nr. 65-42237, liefen gegen Marlene Ermittlungen wegen "Spionageverdachts" - indirekt ausgelöst durch die unkonventionelle Methode, mit der sie ihrem neuen Liebhaber Jean Gabin sein Einwanderungsvisum besorgt hatte.
Während in Washington eine einflussreiche Ex-Regierungsangestellte namens Mabel Walker Willebrandt im Auftrag der Filmgesellschaft 20th Century Fox noch daran tüftelte, wie der bullige, unberechenbare Franzose den US-Behörden genehm gemacht werden konnte, regelte die Diva den Fall beim Tee mit dem Beamten, der das Sagen hatte.
Mrs. Willebrandt nahm für die Honorar-Einbuße perfide Rache: Sie schwärzte den Star bei J. Edgar Hoover, dem mächtigen Boss des FBI, an. Telefonisch berichtete sie, Marlene arbeite für eine Filmgesellschaft, die von Nazis und französischen Kollaborateuren gegründet worden sei, um Deutsche und Franzosen mit Propagandafilmen einander näher zu bringen. Dafür wolle die Dietrich Jean Gabin gewinnen und nach Frankreich lotsen.
Ein recht absurdes Szenario - doch Hoover wies seine Dienststelle in Los Angeles sofort an, tätig zu werden. Allabendlich erwartete er einen telegrafischen Rapport.
Doch obwohl die FBI-Leute alles versuchten, war der Ertrag praktisch gleich null. Nicht einmal im Umkreis der Dietrich und ihres Ehemanns Rudolf Sieber ließen sich unamerikanische Aktivitäten ausmachen. Das Nazi-Hetzblatt "Der Stürmer" hatte die Diva bei ihrer US-Einbürgerung als Vaterlandsverräterin beschimpft. Einen Kollegen aus Berliner Tagen, der sie zurücklocken wollte, hatte sie laut Zeugen angefahren, sie wolle mit ihm und allem, was deutsch war, nichts mehr zu tun haben.
Gewiss: "Sie wird ihre deutsche Herkunft nie vergessen", notierten die Fahnder. Ansonsten aber sei Marlene Dietrich ohne jede Einschränkung bereit, "alles zu tun, um diesem Land zu dienen". Um die Blamage zu verdecken, mussten da schon private Details herhalten.
"Trotz ihrer Ehe mit Sieber" sei die Dietrich "promiskuitiv", wenn auch "auf eine kühle, glamouröse Art". Ihre Liebschaften seien nie von langer Dauer, manchmal nur "Quickies", allenfalls "Angelegenheiten von sechs Monaten".
Besonderes Interesse fanden ihre "von der Norm abweichenden Affären" mit "notorischen Lesben" wie der Schauspielerin Kay Francis und einer anderen Schönheit, deren Identität das FBI nicht preisgibt. Sicher ist nur: Marlene schenkte der Namenlosen in einem Nachtclub auf dem Sunset Strip einen stattlichen Saphirring.
Damit wäre der Fall eigentlich beendet gewesen - erst recht, als sich Jean Gabin bald darauf von "Ma grande", wie er Marlene nannte, trennte, um im Gefolge des Generals de Gaulle Frankreich zu befreien.
Aber Hoover fand einen neuen Angriffspunkt. Aus "vertraulicher Quelle" erfuhr das FBI, Dietrich-Ehemann Rudolf Sieber habe sich 1937 beim deutschen Konsul in Los Angeles für den NS-Militärdienst registrieren lassen. Zwar erwies sich schon drei Tage später, dass Sieber wohl nur einer gesetzlichen Pflicht genügt hatte. Doch weil im Oktober 1942 seine Einbürgerung anstand, sah Hoover Anlass genug, den Ehemann der Dietrich zu observieren.
So wühlten die Agenten weiter: Sieber lebte nicht in Kalifornien bei seiner Frau, sondern in New York. Störte er etwa die Umtriebe seiner Gattin? Warum hielt sie ihn, den arbeitslosen Filmmann, von ihren Gagen über Wasser? "Der Kerl ist ein Schmarotzer und fühlt sich dabei auch noch wohl", gab ein schnoddriger Portier des New Yorker Hotels "Croyden" zu Protokoll.
Zum Verhängnis wurde Sieber, dass er im Nebenzimmer seiner Suite eine gewisse Tamara Matul beherbergte - mit dem Einverständnis der Dietrich. Der damals 45-Jährige gab die Enddreißigerin Tamara, eine russische Emigrantin, mal als Sekretärin, mal als Mündel aus. Als die Agenten schließlich Frau Matul selbst verhörten, ob sie etwa mit Sieber "Fehltritte" begangen habe, schwieg sie verblüfft. Das nahmen die FBI-Leute als Eingeständnis. Mitte Juni 1943 wurde Siebers Einbürgerungsantrag abgewiesen. Der Grund: "Unsittlicher Lebenswandel".
Marlene Dietrich, erst verunsichert, demonstrierte nun offen ihre Loyalität: Sie bot dem FBI ihre Dienste an. Noch im Februar 1944, kurz bevor sie als Truppenunterhalterin nach Übersee aufbrach, bekräftigte sie ihre Bereitschaft, "Erkenntnisse über subversive Aktivitäten" in Europa zu sammeln. Tatsächlich erscheint sie als "Spezieller Dienstkontakt" in FBI-Dokumenten. Was das heißt, ist ungewiss: Ein Teil der Akten wurde 1980 vernichtet.
Hoover blieb trotz alledem weiter misstrauisch. Als er im Januar 1945 den unzutreffenden Vermerk erhielt, Marlene Dietrich sei von deutschen Truppen gefangen genommen worden, notierte er mit Kinderschrift und falscher Rechtschreibung: "Wenn's stimmt, dann ist was faul mit der Dietrick."
Noch 1967 und 1976, als Marlene ins Weiße Haus geladen war, wurden diese haltlosen Anwürfe aus den alten Akten wieder hervorgekramt. Folgen aber hatte es für die Diva nicht: Längst war ihre Legende größer als jede Verleumdung. AXEL FROHN
Von Frohn, Axel

DER SPIEGEL 19/2002
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