13.05.2002

VERBRECHEN„Nachhaltig gestört“

Beim Rausschmiss des Amokschützen Robert Steinhäuser aus dem Gymnasium wurde das Schulgesetz missachtet. Nun gerät Thüringens Kultusminister unter Druck.
Das Massaker am Erfurter Gutenberg-Gymnasium lag gerade fünf Tage zurück, da erhielten die Eltern von Robert Steinhäuser einen eigenartigen Brief.
Nach einem knappen Hinweis auf den "schmerzlichen Verlust", den der Tod ihres Sohnes sicherlich für sie bedeute, referierte der Absender, Thüringens Kultusminister Michael Krapp (CDU), in gestelztem Bürokraten-Deutsch, die Schullaufbahn des Gymnasiasten, die am 26. April in einem Blutbad endete: "Ihr Sohn Robert hat diese schreckliche Tat begangen, nachdem er die Klassenstufe 11 noch einmal durchlaufen hatte und der Beginn der 12. Klasse mit immer größeren Schwierigkeiten verbunden war, bis es zu einer strafbaren Handlung kam."
Robert sei daraufhin "von der Schule verwiesen" worden. "Dabei", bemerkte der Minister streng, "stehen Bluttat und der ursprüngliche Anlass in einem völligen Missverhältnis."
Ganz ohne Not hat sich der Minister mit dem Schreiben selbst in die Kritik gebracht. Denn ungewollt räumte der CDU-Mann mit den peinlichen Zeilen einen Zusammenhang zwischen der thüringischen
Schulpraxis und dem Erfurter Massenmord ein.
Während Profiler des Bundeskriminalamts vergangene Woche die Motive des Täters zu enträtseln versuchten, Staatsanwälte und Polizisten noch immer nach einem möglichen Mitwisser fahndeten und die Ermittlungen immer neue Fragen aufwarfen, brach über Krapp und die gesamte thüringische Landesregierung eine heftige Diskussion um deren Schulpolitik herein.
Nach der Bluttat steht nun ausgerechnet ein Schulsystem zur Disposition, das sich rühmt, eines der besten in Deutschland zu sein. Wenige Tage nachdem Erfurt kollektiv Trauer getragen hatte, bestimmten plötzlich schrille Töne die Szenerie. Am vorigen Dienstag forderten über 3000 Schüler auf dem Domplatz - der noch von der Gedenkfeier für die Toten mit Blumen und Kränzen geschmückt war - lautstark eine Schule, die Rücksicht auf Schwächere nimmt und nicht deren Auslese zur Maxime macht. Vor allem Erfurter Gymnasiasten machten ihrem Ärger über Krapps Politik Luft: "Wir wollen keine Ausnahme in Deutschland sein."
In Thüringen regiert an den Gymnasien ein bundesweit einmaliges K.-o.-System: Jugendliche, die auch beim zweiten Anlauf die Abiturprüfung nicht bestehen, müssen die Schule bislang ohne jeglichen Abschluss verlassen (siehe Kasten Seite 116).
Ein knallhartes, leistungsorientiertes Ausleseverfahren, auf das schon Krapps Vorgänger Dieter Althaus besonders stolz war: " Es gibt überhaupt keinen Anlass, die Qualitätsstandards der thüringischen Schularten aufzugeben."
Den Wunsch, zu den Besten und Härtesten zu gehören, hegen nicht nur die Bildungspolitiker des Landes. Auch an den Gymnasien des Freistaates wird der Elite-Gedanke groß geschrieben. Schulversager müssen rechtzeitig aussortiert werden; wer leistungsschwach ist, verdirbt die Quote.
Auf welchen Wegen Schule und Schulverwaltung Leistungsverweigerer herauspicken, wird auch beim Schulrausschmiss des Erfurter Amokschützen Robert Steinhäuser deutlich. Schulgesetz und Schulordnung sehen für ein Schulausschluss-Verfahren klare Regeln vor. Nahezu keine davon wurde bei Steinhäuser eingehalten.
So heißt es im thüringischen Schulgesetz in Paragraf 52 unmissverständlich: Der Ausschluss muss zunächst angedroht, außerdem müssen Eltern- und Schülervertreter gehört werden. Zudem muss den Ausschluss-Antrag die Lehrerkonferenz beschließen. Erst dann kann die Schulleitung den Rauswurf beim zuständigen Schulamt beantragen.
Doch nach diesem komplizierten, rechtlich korrekten Procedere stand den Verantwortlichen des Gutenberg-Gymnasiums in der Causa Steinhäuser nicht mehr der Sinn. Die einfachste Lösung schien eine Art Aufhebungsvertrag zu sein - wie man ihn mit missliebigen Arbeitnehmern schließt, die keinen echten Grund zu einer Kündigung liefern.
Die Schule machte Robert ein Angebot zum Verlassen der Bildungseinrichtung, das dieser nicht ablehnen konnte. So gelang es, räumt ein Lehrer freimütig ein, den lernfaulen Schüler "unbürokratisch" loszuwerden.
Im August und September vorigen Jahres schwänzte Steinhäuser öfter den Unterricht. Die immer auffälligeren Fehlzeiten veranlassten Schulleiterin Christiane Alt, den Schüler zur Rede zu stellen. Doch er war nicht greifbar. Schließlich wurde Steinhäuser über einen Aushang am Schwarzen Brett zum Termin gebeten. Steinhäuser reagierte nicht, sondern besuchte ungerührt den Unterricht - als wäre nichts geschehen.
Am Morgen des 4. Oktober ließ die Direktorin Robert aus der Biologie-Stunde herausrufen. Mitglieder des Lehrerkollegiums hatten sich versammelt, auch ein Schülervertreter war dabei. Die informelle Runde verkündete Robert eine Entscheidung, die sein Leben nachhaltig verändern sollte: Er müsse das Gutenberg-Gymnasium verlassen, weil "das Vertrauensverhältnis zu Schulleitung und Lehrern nachhaltig gestört" sei.
Auch den Grund teilte ihm das inoffizielle Gremium mit: Durch Nachfrage bei den Ärzten habe sich herausgestellt, dass seine Atteste gefälscht seien.
Über die Unterredung wurde anschließend ein Protokoll angefertigt, das der volljährige Schüler Steinhäuser, wie auch das Kultusministerium einräumt, nicht gegengezeichnet hat.
Die Pädagogen-Runde eröffnete Robert, er werde vom Schulamt in eine andere Schule eingewiesen. Steinhäuser, so beteuert Kultus-Staatssekretär Hermann Ströbel, habe "eingesehen, dass ein Schulwechsel angesichts seiner Verstöße eine Alternative" sei. Die Variante "Schulwechsel aus wichtigem Grund" sei bevorzugt worden, um Steinhäuser einen förmlichen Schulverweis zu ersparen. Rechtlich sei alles "korrekt gelaufen".
Nicht ganz: Denn auch diese Maßnahme muss die Lehrerkonferenz beschließen, so schreibt es das Schulgesetz in Paragraf 51 vor. Das Gesamtkollegium wurde aber nach Aussage von Gutenberg-Lehrern erst im Nachhinein informiert.
Da war Steinhäuser aus dem Schülerverzeichnis des Gymnasiums schon gestrichen. Am 16. Oktober meldet sich der gefeuerte Schüler verabredungsgemäß beim Erfurter Schulamt. Zwei Tage später weist die Behörde Robert einen Platz im Königin-Luise-Gymnasium zu - dort soll er in einem halben Jahr seine Prüfung ablegen.
Die fremde Schule bietet jedoch nicht den von Steinhäuser belegten Physik-Grundkurs an. Deshalb wendet sich der Schüler erneut ans Schulamt. Die Beamten hätten dann, so behauptet Staatssekretär Ströbel, ein "anderes Gymnasium genannt", an dem sich Robert aber niemals gemeldet habe. Den Namen dieses Gymnasiums will das Ministerium allerdings nicht preisgeben.
Zufall oder nicht - genau zur selben Zeit beschafft sich Robert Steinhäuser die spätere Mordwaffe. Der Kaufvertrag über eine Glock 17 nebst Zubehör datiert auf den 18. Oktober, den Tag der Zuweisung an das Königin-Luise-Gymnasium. Am 30. Oktober, zwei Tage vor Ablauf seiner Meldefrist beim Schulamt, erwirbt Steinhäuser bei der Erfurter Waffenhandlung "Frankonia" die Pumpgun.
Das weitere Schicksal des erfolgreich abgeschobenen Delinquenten interessierte fortan kaum noch einen am Gutenberg-Gymnasium. Im Gegenteil: Die Verantwortlichen schienen teils regelrecht erleichtert, einen Problem-Schüler weniger zu haben.
Ähnliche Fallbeispiele sind in Thüringen keine Seltenheit. Nachdem am vergangenen Mittwoch die Jugendkammer des Erfurter Landgerichts die 20-jährige Katrin G. zu drei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt hatte (siehe Seite 50), befand der Vorsitzende Richter Holger Pröbstel, eine Änderung des thüringischen Schulgesetzes sei dringend geboten. Die junge Frau hatte im Fallersleben-Gymnasium in Weimar Feuer gelegt, nachdem sie dort im November vorigen Jahres der Schule verwiesen worden war.
Richter Pröbstel steht mit seiner Auffassung nicht allein. Seit Jahren fordern Elternvertreter Abschlüsse auch für gescheiterte Gymnasiasten. Zweimal, 1994 und 1999, wollte die PDS das Schulgesetz entsprechend ändern. Vergebens. Es gebe überhaupt keinen Grund, so der damalige CDU-Kultusminister Althaus barsch, "für Gymnasiasten im Mitnahmeeffekt den Realschulabschluss zu vergeben".
Einen letzten Vorstoß bei Krapp hatte die Landeselternvertretung am 20. April unternommen - sechs Tage bevor Robert Steinhäuser am Gutenberg-Gymnasium zwölf Lehrer, eine Sekretärin, zwei Schüler und einen Polizisten erschoss. Erst der öffentliche Druck nach dem Amoklauf scheint nun zu wirken. Nachdem Krapp Anfang vergangener Woche noch vor schnellen Korrekturen am Gesetz gewarnt hatte, sah es wenige Tage später danach aus, als lenke er ein: Mit einem Mal plädierte auch der Minister dafür, an den Gymnasien in Thüringen nach der zehnten Klasse zumindest eine Zusatzprüfung für die Mittlere Reife einzuführen.
Wie genau die grauenhafte Tat am 26. April im Gutenberg-Gymnasium abgelaufen ist, versuchte die Polizei Ende vergangener Woche noch zu rekonstruieren. Dabei stießen die Ermittler auf Beispiele von Mut und Selbstlosigkeit. Drei Lehrerinnen hatten bis zuletzt versucht, ihre Schüler zu retten - offenbar ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben.
Statt selbst zu flüchten, blieb etwa Kunstlehrerin Birgit Dettke auf dem Schulhof stehen und wies den panischen Schülern den Weg aus der Schusslinie. Die Lehrerin wurde von Steinhäuser auf dem Schulparkplatz ermordet.
Ihre Kollegin Gabriele Klement stellte sich zwischen den Klassenzimmern 204 und 210 dem Amokschützen in den Weg, um die Flucht ihrer Schüler zu decken. Dafür bezahlte sie mit ihrem Leben.
Wenige Meter entfernt schaffte es die Lehrerin Monika Burghardt, obwohl bereits angeschossen, den Raum 203 zu verriegeln, in dem sich Schüler und Lehrer versteckt hatten. Steinhäuser richtete sie vor der Tür hin.
Dass der Amokschütze bei seinem Verbrechen einen Komplizen hatte, schließen die Ermittler inzwischen fast sicher aus; Belege hierfür habe man nicht gefunden.
Das bis dahin stärkste Indiz für mögliche Mitwisser hatte sich vergangenen Freitag gleichsam in Luft aufgelöst. Zeugenaussagen, nach denen Steinhäuser oder einer seiner Kumpels kurz vor der Tat Schüler per SMS gewarnt hätte, dem Gymnasium fernzubleiben, erwiesen sich als Missverständnis: Ein Maler, der für den 26. April mit Renovierungsarbeiten im Gutenberg-Gymnasium beauftragt war, hatte gegen sieben Uhr morgens auf seinem Handy einen Anruf von einem Bekannten erhalten. Der schimpfte sinngemäß am Telefon: "Lass dich in der Schule nur nicht blicken."
Grund für den zornigen Anruf war allerdings, eruierten die Ermittler, nur ein persönlicher Streit des Malers mit seinem Kumpel. FELIX KURZ, CORDULA MEYER,
SVEN RÖBEL, ANDREAS WASSERMANN
* Oben: am vergangenen Dienstag bei einer Schülerdemonstration in Erfurt; rechts: im September 2001.
Von Felix Kurz, Cordula Meyer, Sven Röbel und Andreas Wassermann

DER SPIEGEL 20/2002
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