13.05.2002

UMWELTAus den Augen, aus dem Sinn

Jahrelang haben Behörden Dioxin-Funde nahe dem Flughafen Berlin-Schönefeld verharmlost. Neue Messungen beweisen: Sogar das Grundwasser ist verseucht.
Die Nachricht war alarmierend, doch der Minister gab sich gelassen. Als der Bürgerverein Brandenburg-Berlin e. V. (BVBB) im März bekannt gab, dass von ihm beauftragte Experten im Bodenschlamm eines Tümpels nahe der brandenburgischen Ortschaft Diepensee Dioxin festgestellt hatten, schloss Wolfgang Birthler (SPD) eine "akute Gefährdung" der Anwohner aus.
Was den Mann, angesichts einer gemessenen Giftkonzentration von 34 570 Nanogramm/TE pro Kilogramm Erdreich*, so optimistisch stimmte, blieb sein Geheimnis. Denn die Menge übersteigt den Grenzwert der Klärschlammverordnung um das 345fache. Zudem hatte Birthler einräumen müssen, dass auch Umweltbehörden des Landes in dem Gewässer, unweit der Kläranlage Diepensee, ähnlich hohe Konzentrationen gemessen hatten - ohne die Bevölkerung zu informieren.
Besonders brisant dabei ist, dass der Tümpel nur rund einen Kilometer vom Flughafen Berlin-Schönefeld entfernt liegt - in einem Gebiet, das dem Airport beim Ausbau einverleibt werden soll. Problematische Altlasten jedoch könnten das laufende Planfeststellungsverfahren scheitern lassen.
Die Werte jedenfalls sind mehr als problematisch. Sie gleichen jenen, die nach einer der schwersten Umweltkatastrophen
der vergangenen Jahrzehnte im italienischen Seveso gemessen worden waren. Dort war 1976, nach einem Unfall in einer Chemiefabrik, Dioxin ausgetreten und hatte eine Fläche von mehr als 100 Hektar verseucht. Tausende Tiere verendeten. 640 Menschen erlitten durch das Krebs erregende und erbgutschädigende Gift schwerste Hautverätzungen und Chlorakne. Zur Abgrenzung der so genannten Todeszone setzten die Behörden damals einen Dioxin-Mittelwert von 15 000 ng/kg fest.
In Brandenburg ließ die zuständige Bodenschutzbehörde im März lediglich einen Maschendrahtzaun ziehen, der spielenden Kindern und durstigen Wildtieren den Zugang zum Gifttümpel verwehren soll. Nach Ansicht der Beamten ist die dürftige Schutzmaßnahme ausreichend. Das Dioxin sei fest in den Sedimenten eingebunden. Umweltminister Birthler legte sich fest: Das Grundwasser sei nicht vergiftet.
Ein vorschnelles Urteil, wie sich nun zeigt. Proben, die BVBB-Mitglieder mit Hilfe eines Diplomchemikers Anfang April heimlich in der Umgebung von Diepensee gezogen haben, belegen: Auch das Grundwasser ist verseucht. Der niedrigste Dioxin-Wert, den das Berliner Prüfinstitut MPU festgestellt hat, liegt bei 4,5 pg TE/l (Picogramm pro Liter), der höchste bei 80,1 pg TE/l. Der Richtwert für Dioxin-Belastungen im Trinkwasser ist null.
BVBB-Sprecher Kristian-Peter Stange: "Erschreckend ist vor allem, dass der Höchstwert östlich des Tümpels und der Kläranlage gemessen wurde. Denn dorthin fließt das Grundwasser ab, direkt auf die Ortschaft Kiekebusch zu, die bislang nicht über einen Trinkwasseranschluss verfügt. Die Bewohner schöpfen ihr Wasser aus hauseigenen Grundwasserbrunnen."
Die Messergebnisse markieren den vorläufigen Höhepunkt einer Skandalchronik brandenburgischer Landespolitik, die mit Dilettantismus und Schlamperei allein wohl kaum zu erklären ist. Denn die Tatsache, dass das Klärwerk Diepensee ein Umweltproblem darstellt, ist alles andere als neu.
Seit 1969 flossen sämtliche Abwässer des Flughafens Schönefeld einschließlich giftiger Schwermetalle in die Anlage. Bei starken Regengüssen lief das Klärbecken über - die Abwässer flossen in den besagten Tümpel und auf die umliegenden Felder.
Die Dioxin-Gefahr ist den zuständigen Behörden seit 1994 bekannt. Damals wurde das Gift, das nach Expertenmeinung aus den Reinigungsmitteln für Flugzeug-Toiletten stammte, erstmals in der Diepenseer Anlage nachgewiesen. Gemessener Wert: 35 600 ng/kg.
Sonderlich aktiv wurden die Verantwortlichen jedoch nicht. Erst als besorgte Anwohner im Juli 1996 Greenpeace informierten und die Umweltschützer nach eigenen Messungen die katastrophalen Werte öffentlich machten, kam Bewegung in die Sache - 2500 Tonnen verseuchten Klärschlamms wurden geordnet entsorgt.
Am 8. August 1996 notierte ein Mitarbeiter des Landesumweltamts Cottbus, es bestehe "die Gefahr einer Grundwasserkontamination durch dioxinbelasteten Schlamm". Die im Herbst desselben Jahres von der Landesregierung eingesetzte "Arbeitsgruppe Dioxin" hielt im Protokoll der Sitzung vom 14. Oktober fest: "Es kann die Einschaltung der Kriminalpolizei veranlasst werden." Doch nichts geschah.
"Kein Wunder", so BVBB-Sprecher Stange, "schließlich saßen Vertreter des Flughafenbetreibers und des Abwasserzweckverbands, gegen die sich die Ermittlungen hätten richten müssen, mit in der Arbeitsgruppe." Offenbar hofften alle Beteiligten, die 1998 stillgelegte Anlage im Rahmen des geplanten Flughafen-Ausbaus mitsamt den verbliebenen 800 Tonnen Klärschlamm zubetonieren zu können - nach dem Motto "Aus den Augen, aus dem Sinn". Das legen zumindest die 1999 im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens vorgelegten Unterlagen nahe.
In der "Zusammenstellung der Altlasten-Verdachtsflächen außerhalb des derzeitigen Flughafengeländes" fehlt jeder Hinweis auf Dioxin. Die vermuteten Schadstoffe der Kläranlage sind nur unter "organische Verbindungen, SM (Schwermetalle)" aufgeführt. GUNTHER LATSCH
* Nanogramm = milliardstel Gramm; TE = toxische Äquivalente (Rechnungseinheit, bei der verschiedene Dioxine auf die Giftigkeit des gefährlichsten dieser Stoffe, des Seveso-Gifts TCDD, umgerechnet sind).
Von Gunther Latsch

DER SPIEGEL 20/2002
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