13.05.2002

USA„Wir werden nicht scheitern“

Pentagon-Planer Richard Perle über die Aussichten für einen Sturz Saddam Husseins und die Eindämmung des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern
Perle, 60, gehört in Amerika zu den einflussreichsten Strategen konservativer Außenpolitik. In der Reagan-Ära war er von 1981 bis 1987 Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Heute ist er Vorsitzender der Kommission für Verteidigungspolitik im Pentagon und Berater Donald Rumsfelds. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Wen erwarten Sie zuerst in Bagdad: die Inspektoren der Uno, über deren Rückkehr in den Irak gerade verhandelt wird, oder US-Soldaten?
Perle: Weder die einen noch die anderen. Ich hoffe, die Iraker werden ihre Heimat selbst befreien. Seit vielen Jahren wartet eine ansehnliche irakische Opposition, die endlich Anerkennung als Freiheitskämpfer gegen eines der tyrannischsten Regime überhaupt finden sollte, auf internationale Unterstützung. Die Gegner Saddam Husseins könnten in Bagdad als Erste aktiv werden, denn sie sind schon dort.
SPIEGEL: Von den Uno-Inspektoren unter der Führung von Hans Blix halten Sie offenbar nicht viel?
Perle: Inspektionen können das Problem nicht lösen, geschweige denn das irakische Volk befreien. Saddam Husseins Geschick, seine Massenvernichtungswaffen zu verstecken und die Inspektoren zum Narren zu halten, ist bekannt, seit das erste Uno-Team zwischen 1991 und 1998 danach gesucht hat. Der Irak ist ein großes Land, biologische und chemische Waffen werden mobil gelagert und bei Bedarf vom einen ins nächste Versteck gebracht.
SPIEGEL: Ihr Präsident George W. Bush befürwortet allerdings die Rückkehr der Kontrolleure in den Irak.
Perle: Meine Regierung verfolgt da eine rückwärts gewandte Politik, sie setzt auf die Effizienz der Überwachung. Doch selbst wenn die Uno-Kontrolleure das Recht besäßen, an jedem Ort im Irak und zu jeder Zeit Kontrollen durchzuführen, selbst wenn die Inspektoren über eigene Flugzeuge und Hubschrauber verfügten und auf abhörsicheren Kanälen brisante Informationen über Lagerstätten mit verbotenem Material erhielten, wäre der Erfolg der Mission noch keineswegs gesichert. Bagdad muss doch in einem solchen Fall nur die betreffende Region zum militärischen Sperrgebiet erklären und die Inspektoren in nervtötende Verhandlungen über die Bedingungen des Zutritts verwickeln - und inzwischen das inkriminierte Material wegschaffen. Wir wissen ja vom ersten Uno-Inspektionsteam, über wie viel sinistren Einfallsreichtum Saddam Hussein verfügt.
SPIEGEL: Weiß Ihre Regierung eigentlich, welche Massenvernichtungswaffen das Regime noch - oder wieder - besitzt?
Perle: Wir wissen längst nicht alles, aber doch eine ganze Menge. Saddam Hussein besitzt noch immer Giftgas, das er schon gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt hat. Wir sind auch davon überzeugt, dass in irakischen Arsenalen Anthrax-Erreger und andere biologische Kampfstoffe lagern. Zudem sind wir sicher, dass er mit aller Macht, beinahe wie im Fieberwahn, danach strebt, Atomwaffen zu erwerben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er das schafft.
SPIEGEL: Woher haben Sie diese Informationen: von Satellitenfotos und Geheimdienstagenten?
Perle: Wir verfügen über exzellente Aufklärungsergebnisse, unter anderem durch Überläufer, die an den Massenvernichtungswaffen mitgearbeitet haben. In etlichen Geheimlabors, deren genaue Lage wir jedoch nicht kennen, versuchen die Iraker, ihr eigenes Natur-Uran zu waffenfähigem Material anzureichern. Außerdem bemüht sich Saddam Hussein, eine Atomwaffe auf dem Schwarzmarkt zu kaufen. Über genug Geld verfügt er ja. Niemand, der bei Sinnen ist, kann davon ausgehen, dass er sein Ziel aufgibt, wenn wir ihn nur in Frieden lassen.
SPIEGEL: In den Vereinigten Staaten werden derzeit viele Termine für den Angriff auf den Irak genannt: Spätsommer, Herbst, Frühjahr 2003. Wann rechnen Sie denn damit?
Perle: Ich kann das nicht einschätzen. Zu viele Faktoren spielen da eine Rolle ...
SPIEGEL: ... zum Beispiel, dass Saddams Elite-Einheiten blutigen Widerstand leisten dürften?
Perle: Bagdads Militär ist viel schwächer als vor dem Golfkrieg 1991. Die Armee besitzt nur noch ein Drittel der damaligen Truppenstärke - derzeit gerade noch 424 000 Mann -, sie ist praktisch genauso ausgerüstet wie damals. Hinzu kommt, dass die Streitkräfte momentan in ständiger Alarmbereitschaft gehalten werden. Das lässt sich ohne Verschleiß nicht über einen längeren Zeitraum durchhalten.
SPIEGEL: Wie kommt es, dass Sie so viel von der Opposition, dem Irakischen Nationalkongress, halten, der doch schon mehrmals mit Aufstandsversuchen jämmerlich gescheitert ist?
Perle: Die Ursache dafür lag unter anderem darin, dass die Opposition bisher keine nachhaltige Unterstützung bekam. Wenn sie Waffen erhält, ausgebildet wird und moralische Aufrüstung erfährt, wird sie stark werden. Das war mit der Nordallianz in Afghanistan nicht anders. Und das Potenzial der irakischen Opposition ist größer.
SPIEGEL: Dennoch scheint massiver Einsatz amerikanischer - oder alliierter - Truppen im Feldzug gegen den Irak wie 1991 erforderlich. Strategen in Washington spekulieren lange schon über die Zahl der Bodentruppen, die Schätzungen gehen bis 250 000 Mann.
Perle: Ich halte Bodentruppen für unwahrscheinlich. Wir müssen die Opposition nur aus der Luft wirkungsvoll unterstützen. Mit unseren Präzisionswaffen sind wir in der Lage, Saddams gepanzerte Streitkräfte schwer zu schädigen - und auf sie stützt er ja seine Macht. Allein kann die Opposition das Regime nicht beseitigen, aber gemeinsam mit uns kann es gar nicht schief gehen. Der Krieg mag größere Verluste verursachen - wir hoffen natürlich auf möglichst geringe Schäden -, doch wir werden nicht scheitern.
SPIEGEL: Wenn Saddam in die Enge getrieben wird, könnte er seine Massenvernichtungswaffen einsetzen.
Perle: Diese Gefahr besteht durchaus. Am wahrscheinlichsten wäre der Einsatz der wenigen verbliebenen Scud-Raketen mit C-Waffen-Sprengköpfen gegen Israel. Mir erscheint allerdings zweifelhaft, dass seine Generäle diesen Befehl ausführen würden, da sie wissen, wir würden sie dann als Kriegsverbrecher vor Gericht stellen. Außerdem haben wir heute bessere Aufklärungs- und Abwehrmittel als vor zehn Jahren.
SPIEGEL: Würden die Vereinigten Staaten in einem solchen Fall auch Atomwaffen einsetzen, wie es Außenminister James Baker 1991 dem Regime in Bagdad angedroht hatte?
Perle: Unsere Möglichkeiten, jedes denkbare Ziel mit konventionellen Waffen auszuschalten, ist so hoch entwickelt, dass wir Atomwaffen dazu nicht mehr benötigen. Aber natürlich kann kein vernünftiger Stratege deren Einsatz prinzipiell ausschließen.
SPIEGEL: Der Angriff auf den Irak lässt auch deshalb auf sich warten, weil die Krise im Nahen Osten immer weiter eskaliert.
Perle: Dieses Argument ist im Augenblick zwar sehr populär, aber gleichwohl falsch. Wir sind im Stande, uns gleichzeitig um die Probleme zwischen den Palästinensern und Israel und um Saddam zu kümmern.
SPIEGEL: Präsident Bush wollte sich lange aus dem Konflikt heraushalten. Nun wird
er von den gemäßigten arabischen Staaten heftig bedrängt, Einfluss auf Israel auszuüben. Er ist wieder dort angelangt, wo sein Vorgänger Clinton vor zwei Jahren stand.
Perle: Ich hoffe, wir werden uns nie wieder in dieser atemlos-hektischen Art im Nahen Osten einmischen wie Clinton, der damit die Lage dramatisch verschlechtert hat. Im Übrigen wollte sich Bush nicht heraushalten. Er war vielmehr überzeugt, dass unter dem Einfluss von Selbstmordanschlägen an sinnvolle Verhandlungen nicht zu denken sei.
SPIEGEL: Womit könnte denn Ihrer Ansicht nach der Konflikt eingedämmt werden - durch eine Mauer zwischen Israelis und Palästinensern?
Perle: Darauf scheint die Entwicklung leider zuzulaufen. Die beste Lösung aber wären zwei demokratische Staaten. Das Problem liegt zuerst und zuletzt darin, dass die Palästinenser den jüdischen Staat nicht anerkennen wollen.
SPIEGEL: Letztlich hängt aber jede Lösung davon ab, ob die Vereinigten Staaten sich entschieden dafür einsetzen.
Perle: Wir können keine Lösung erzwingen, solange die eine Seite das Lebensrecht der anderen nicht anerkennt. Wir werden doch nicht Zehntausende GIs schicken, um unter solchen Bedingungen eine Waffenruhe zu erzwingen.
Die Israelis haben in Oslo den schweren Fehler begangen zu glauben, dass ein Diktator auf der anderen Seite vielleicht nicht schlecht sei, weil Arafat sich rücksichtslos gegen radikale Kräfte in den eigenen Reihen durchsetzen könne. Das war kurzsichtig, denn echten Frieden wird es erst geben, wenn auf beiden Seiten Demokraten regieren.
SPIEGEL: Im Nahen Osten haben die USA an Glaubwürdigkeit eingebüßt, weil sie bisher nicht nachhaltig mäßigenden Einfluss auf den israelischen Premier Ariel Scharon ausgeübt haben. Das ist ein Grund mehr etwa für Ägypten, Jordanien oder Saudi-Arabien, einen weiteren Golfkrieg abzulehnen.
Perle: Diese Ablehnung wird nur nach außen hin bekundet. Hinter verschlossenen Türen klingt das meist ganz anders.
SPIEGEL: Wie denn?
Perle: Nach Zuneigung zu Saddam Hussein werden Sie dort vergeblich suchen. Die Araber wissen genau, wozu er fähig ist. Doch verständlicherweise verspüren die Regime im Nahen Osten Vorbehalte gegen die Vertreibung eines Diktators, da sie ja allesamt nicht demokratisch legitimiert sind.
Am Ende wird alles vom Ergebnis des Krieges abhängen: Haben wir Erfolg, schlagen sie sich auf unsere Seite. Scheitern wir, stehen wir alleine da.
INTERVIEW: SIEGESMUND VON ILSEMANN,
GERHARD SPÖRL
* Am vorigen Dienstag in Washington.
Von Siegesmund von Ilsemann und Gerhard Spörl

DER SPIEGEL 20/2002
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