DER SPIEGEL



MOBILFUNK

Sender unterm Kirchendach

Von Ludwig, Udo und Schmundt, Hilmar

Rund 1300 Bürgerinitiativen rebellieren gegen Mobilfunkantennen auf Büros, Schulen und Kirchen. Zwar sehen die Experten keine Gefahr, doch die Angst vor den Strahlen grassiert.

Für die behandelnde Allgemeinmedizinerin ist der Fall klar: Karin Wiese, eine 64-jährige Patientin, habe "massive Schlafstörungen, Muskelspannungen und Missempfinden am ganzen Körper". Grund für die chronischen Erkrankungen, so ihre Ärztin in einem Attest, sei eine "hohe Sensibilität gegen elektromagnetische Wellen" - eine empfindliche Reaktion auf Strahlungen, die auch Wieses Orthopäde diagnostizierte.

Karin Wiese aus Hamburg-Iserbrook glaubt zu wissen, was ihre Gesundheit ruiniert: drei Sendemasten in der Martin-Luther-Kirche, von der sie 400 Meter entfernt wohnt. Vor gut zwei Jahren hatte ein Mobilfunkanbieter unter dem Kirchturmdach die Anlage installiert. Und seitdem die Hausfrau das erfahren hat, zieht sie gegen den Verursacher der Elektrowellen zu Felde: "Die Kirche", schimpft das einstmals aktive Gemeindemitglied, "soll uns beschützen und nicht verstrahlen."

Der Streit hat Parallelen in vielen Teilen Deutschlands. Schon heute fühlen sich viele Anwohner von den rund 50 000 Sendemasten für den Mobilfunk bedroht: Auf Büro- und Fabrikgebäuden, auf Schulen, Kasernen und Minaretten ragen sie in den Himmel. Und mindestens 40 000 weitere Stationen sollen in den kommenden Jahren noch hinzukommen - für den Betrieb von Handys der UMTS-Generation. Über 1300 Bürgerinitiativen gegen Mobilfunkanlagen in ihrer Nähe hat Siegfried Zwerenz gezählt, ein Heilpraktiker, der über seine Website www.buergerwelle.de mobilfunkkritische Stimmen bündelt.

Schon lange prüft die Fachwelt aus Medizinern und Physikern diese Befürchtungen. Das Fazit lautet immer gleich: Belege für Gesundheitsstörungen gibt es nicht.

"Die Ergebnisse bisheriger wissenschaftlicher Untersuchungen deuten nicht auf einen begründeten Verdacht für ein Gesundheitsrisiko hin", heißt es etwa im "Umweltgutachten 2002", Mitte April vom Rat von Sachverständigen für Umweltfragen vorgelegt. Die Fachleute sehen daher "zurzeit keine Notwendigkeit, die Grenzwerte zum vorsorglichen Schutz der Bevölkerung herabzusenken". Selbst das "Greenpeace-Magazin" kommt zu dem trockenen Schluss, dass "außer Beweisen auch eine schlüssige Wirkungstheorie" für Gesundheitsstörungen fehle.

Der Streit ist damit jedoch nicht beigelegt. "Alles, was wir bisher haben, ist ein Nachweis des Unwissens, keineswegs aber ein Nachweis der Unschädlichkeit", mahnt Peter Nießen vom mobilfunkkritischen Nova-Institut. Daher fordern er und seine Mitstreiter eine Umkehr der Beweislast: Die Handykonzerne sollen nachweisen, dass ihre Sender absolut unschädlich sind.

Das werden die kaum können: Seriöse Wissenschaftler können grundsätzlich nur über den "derzeitigen Kenntnisstand" urteilen, nicht aber zukünftige Erkenntnisse vorhersagen. Der angemahnte "Negativbeweis" ist daher rein logisch unmöglich.

Zudem kennt die Risikoforschung kein absolutes Nullrisiko, sondern allenfalls extrem geringe Risikowahrscheinlichkeiten. Genau darum könne es sich im Falle der Handystrahlen allenfalls handeln, meint Eduard David, 67, emeritierter Medizinprofessor der Universität Witten-Herdecke.

Seit Jahrzehnten erforscht David den so genannten "Elektrosmog" und brachte letztes Jahr mit seiner Studie über Gesundheitsschäden durch Röntgenstrahlung aus Radargeräten die Bundeswehr in arge Rechtfertigungsnot. Bei der Handystrahlung jedoch sei die einzige bekannte Wirkung der "thermische Effekt": Während eines Telefonats erhöht sich die Temperatur an der Gehirnoberfläche um etwa 0,1 Grad - medizinisch völlig unbedenklich.

Zwar schließt David nicht völlig aus, dass Langzeitstudien irgendwann einmal leichte Schäden diagnostizieren könnten. Die leichtfertige Panikmache selbst jedoch stelle ein weitaus größeres Risiko dar: "Wer ständig Angst gemacht bekommt, kann dadurch psychosomatisch krank werden, das geht von Schlafstörungen über Bluthochdruck bis hin zum Herzversagen."

Die Forschung läuft derweil weiter auf Hochtouren: In England verfügt die "Mobile Phone Task Force" über einen Etat von 12 Millionen Euro, die EU investiert 1,4 Millionen Euro in ein eigenes Forschungsprogramm, die WHO verfolgt seit 1996 ein Zehnjahresprogramm mit Gesamtkosten von 6 Millionen Dollar, und das Bundesumweltministerium erhöhte die Mittel für die Mobilfunk-Wirkungsforschung bis 2005 auf insgesamt 8,5 Millionen Euro. Doch jede neuerliche Entwarnung, so scheint es, heizt die Handyphobie nur weiter an.

Vor allem die Kirchen stehen im Sperrfeuer der Kritik: Weil die Gotteshäuser hoch sind und in unmittelbarer Nähe der Menschen stehen, gelten sie Netzbetreibern als ideale Standorte. Viele Kirchenvorstände schlossen mit ihnen Verträge ab, für jährlich bis zu 5000 Euro pro Standort.

Nur einige vermögendere katholische Bistümer wie Paderborn, Würzburg und München-Freising widerstanden der Versuchung. Andere Gemeinden waren weniger zurückhaltend. Auch Gemeindevorstände von Wahrzeichen wie dem Hamburger Michel oder der Schlosskirche zu Wittenberg, an die Martin Luther 1517 seine 95 Thesen anschlug, wollten auf die Mieteinnahmen nicht verzichten. Da Techniker die Sendemasten meist trickreich versteckten, bekamen die Gemeindemitglieder von den Antennen oft gar nichts mit.

Dafür hagelte es nach deren Enttarnung umso größere Proteste. Bürgerinitiativen formierten sich gegen Pastoren und Kirchenvorstände, es gab Symposien, Resolutionen und Demos, und mancherorts beugten sich die Gemeinderäte schließlich dem Druck der Basis - so wie im Hamburger Stadtteil Klein Borstel, wo der Kindergarten der Gemeinde Maria Magdalenen mobil machte. "Restrisiken sind offenbar nicht auszuschließen", fand der Kirchenvorstand Jürgen Hoffmann nach einer Anhörung und kündigte den Vertrag mit E-Plus.

Besonders in Hessen verhärtete sich der Streit so weit, dass er nun nur noch von weltlichen Richtern gelöst werden kann. Im Dezember vergangenen Jahres reichten Bürger der Gemeinde Bruchköbel beim Landgericht Hanau drei Klagen gegen Mobilfunker und den Kirchenvorstand der Jakobuskirche ein. Ziel: den Betrieb der Mobilfunkanlage verbieten zu lassen.

Neue Brisanz erhalten die Verfahren durch einen Brief des Netzbetreibers Vodafone an das hessische Wirtschaftsministerium, in dem die Firma zugibt, Sendeanlagen "ohne Baugenehmigung auch in reinen Wohngebieten errichtet zu haben".

Um sich gegen die Anfeindungen mit wissenschaftlichen Argumenten zur Wehr zu setzen, arbeiten katholische und evangelische Kirche seit April zusammen, um mit Unterstützung der Bundesstiftung Umwelt in einem 100 000 Euro teuren Projekt die Mobilfunkgefahren zu erforschen.

Derzeit ist ein eigenartiger Positionswechsel im Gange: Während die Pfarrer ihre Hoffnung auf harte Fakten setzen, entdeckt die wissenschaftliche Risikoforschung zunehmend die Seelen - und Gemütslage der Menschen als Forschungsgegenstand. Denn der Streit um strahlende Kirchtürme ist geprägt von einer tief liegenden Kommunikationsstörung. Hier treffen zwei "Rationalitäten" aufeinander, wie es der Soziologe Ulrich Beck in seinem Klassiker "Risikogesellschaft" formuliert: Die Alltagsvernunft mit ihrem bewährten Erfahrungswissen auf der einen Seite, die Wissenschaft mit ihren abstrakten Wahrscheinlichkeiten auf der anderen.

Die Ängste der Betroffenen lassen sich auch mit den ausgefeiltesten Techniken nicht wegrechnen. In der Schweiz gelten zum Teil zehnmal niedrigere Werte als in Deutschland - protestiert wird trotzdem.

Bislang waren viele Strahlenschutzexperten ratlos: Hohe Sendemasten zum Beispiel führen zu lautem Protest - obwohl sie Mensch und Umwelt weniger belasten als bodennahe Sender. "Dies scheinbare Paradox lässt sich ganz einfach erklären", sagt Peter Wiedemann, Leiter der 20-köpfigen Forschungsgruppe Mensch-Umwelt-Technik am Forschungszentrum Jülich. "Deutlich sichtbare Risiken werden meist höher bewertet als unauffällige."

Statt sich also zu sehr auf immer neue medizinische Studien zu verlassen, so Wiedemann, sei es viel wichtiger, dass sich die Kontrahenten auf eine gemeinsame Datenbasis einigen: "Die beiden Lager reden völlig aneinander vorbei", das hat er bei einer Literaturauswertung festgestellt: "Die zitieren zu über 93 Prozent aus völlig unterschiedlichen Studien."

Stattdessen wird viel polemisiert. Die Mobilfunklobby etwa reitet gern auf dem Widerspruch herum, dass viele Handykritiker selber mobil telefonieren - obwohl dabei das elektromagnetische Feld rund hundertmal stärker auf den Kopf einwirkt als durch das Wohnen in der Nähe einer Sendestation.

Dieses scheinbare Paradox erklärt eine Forschungsgruppe der WHO so: Risiken, die man selber steuern kann, werden leichter toleriert als solche, denen man ausgeliefert ist. Außerdem spiele bei der Risikoeinschätzung das Alter der Betroffenen eine Rolle - und natürlich der erhoffte Nutzen. Derlei psychologische Erkenntnisse stehen im Zentrum eines für den Sommer geplanten Handbuchs der WHO, das den Dialog zwischen Experten- und Protestkultur erleichtern soll.

Noch zögern die Kirchen, im Handyzoff eine neue Rolle als Vermittler zwischen den beiden Rationalitäten anzunehmen, als Schnittstelle zwischen Wissen und Glauben, öffentlichem Nutzen und privaten Ängsten. Die Gotteshäuser seien Zufluchtsort und Schutzraum, sagt Heide Emse, Dezernentin für Theologische Grundsatzfragen des Nordelbischen Kirchenamts, "und wenn auch nur ein kleiner Teil von Menschen Angst vor den Anlagen hat, widerspricht dies ihrem herkömmlichen Sinn".

Helmut Ritter dagegen, Sprecher der Telekom in Kiel, sieht in dem Masten-Boom unter den Dächern von Kathedralen und Kapellen einen zwischenmenschlichen Fortschritt: "Die Kirchen", sagt er, seien nun endlich "wieder - wie einst - das Zentrum der Kommunikation." UDO LUDWIG,

HILMAR SCHMUNDT


DER SPIEGEL 20/2002
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