13.05.2002

„Eine neue aufregende Ära“

US-Regisseur George Lucas, 57, über das jüngste „Star Wars“-Spektakel „Episode II - Angriff der Klonkrieger“, die Kritik an seiner Weltraum-Saga und die Qualität digitaler Kinofilme
SPIEGEL: Mr. Lucas, Branchenkenner rechnen damit, dass bis zu 2,6 Millionen Amerikaner am Donnerstag dieser Woche ihrer Arbeit fernbleiben, um den US- Start Ihres neuen Films zu erleben. Einer aktuellen Studie zufolge könnte dabei ein volkswirtschaftlicher Schaden von 300 Millionen Dollar entstehen. Glauben Sie, dass Ihr Werk solche Opfer wert ist?
Lucas: Die Leute arbeiten doch alle viel zu hart, sie brauchen mal eine Pause.
SPIEGEL: Haben Sie sich die heftige Kritik am Vorgängerfilm "Episode I" zu Herzen genommen?
Lucas: Ich lese prinzipiell keine Kritiken, denn aufrichtige Analysen finden in den Medien ja doch nicht statt. Die Medien haben den Film damals kaputtgeredet - dabei ist er nach "Titanic" und "Harry Potter" der dritterfolgreichste Film der Kinogeschichte.
SPIEGEL: Immerhin haben Sie diesmal das Drehbuch nicht allein geschrieben.
Lucas: Das Schreiben ist nicht die Arbeit, die ich am meisten mag. Eine Woche vor Drehbeginn wurde mir klar, dass ich am Buch noch arbeiten muss. Ich wollte nicht tagsüber Regie führen und dann bis zwei Uhr nachts über dem Buch brüten, darum habe ich Jonathan Hales, den ich gut kenne, gebeten, ein paar Probleme auszubügeln.
SPIEGEL: Im letzten Film quälte eine Kunstfigur namens Jar Jar Binks Kritiker und Publikum gleichermaßen, jetzt taucht die Nervensäge kaum auf. Nehmen Sie Kritik also doch ernst?
Lucas: Das hat nichts mit den Kritiken zu tun - sondern damit, dass ich eine Geschichte zu erzählen habe. Die Geschichte habe ich schon vor 30 Jahren niedergeschrieben. Ich arbeite nicht wie Hollywood, wo Figuren je nach Publikumserfolg in der nächsten Folge einfach kleiner oder größer gemacht werden.
SPIEGEL: "Episode II" ist der erste volldigital aufgenommene Spielfilm, mit speziell für Sie entwickelten Digitalkameras. Werden Sie jemals wieder echten Film benutzen?
Lucas: Mit Sicherheit nicht. Im Kino hat jetzt eine aufregende neue Ära begonnen, die nur vergleichbar ist mit dem Wechsel von der aufwendigen Fresko- zur weitaus vielseitigeren Ölmalerei.
SPIEGEL: Was ändert sich für das Publikum?
Lucas: Das Bild auf der Leinwand ist viel schärfer, zumindest wenn ein Digitalprojektor eingesetzt wird. Davon gibt es jetzt nur etwa 70 in den Kinos der Welt, aber das wird sich ändern. Ich hoffe stark, dass wir mit der Digitalisierung viel einfallsreichere Filme zu sehen bekommen.
SPIEGEL: Wie das?
Lucas: Das Spektrum der möglichen Stoffe wird enorm erweitert, weil Kulissen und Statisten im Digitalstudio keine Unsummen mehr verschlingen. Die Phantasie ist die einzige Grenze. Große Historienfilme werden so machbar.
SPIEGEL: Sehen da die Schauspieler nicht einer tristen Zukunft entgegen - weg von exotischen Sets und großartigen Interieurs, hin zur immergleichen Blue Box im Studio?
Lucas: Es gibt für Schauspieler natürlich nichts Besseres, als in einem echten Palast auf einem echten Thron den König zu spielen. Am digitalen Set gibt es vielleicht noch den Thron, aber sonst nichts. Die Blue Box wirft die Schauspieler zurück auf ein minimalistisches Theater, wo es auf der Bühne nur einen Tisch und eine Lampe gibt.
SPIEGEL: Tötet das Digitalkino die Filmkunst, wie offenbar besonders die Europäer fürchten?
Lucas: Haben Ölbilder die Malerei zerstört? Haben Computer der Schriftstellerei ein Ende gesetzt? Bei jedem Wechsel gibt es Leute, die dagegen ankämpfen.
SPIEGEL: Aber verleiten die technischen Möglichkeiten nicht leicht zum übermäßigen Gebrauch von Effekten?
Lucas: Wenn etwas Neues eingeführt wird, ob Ton oder Farbe, gibt es immer Leute, die die neuen Möglichkeiten missbrauchen. Aber das gibt sich mit der Zeit.
SPIEGEL: Ist "Episode II" ein Beispiel für digitalen Missbrauch?
Lucas: Das glaube ich nicht, aber es sind natürlich in fast jedem Bild digitale Effekte eingebaut. Ohne Computeranimation hätte der alte Jedi-Meister Yoda niemals einen solch rasanten Schwertkampf zeigen können. Mit einer Puppe wie früher ist das nicht zu machen.
SPIEGEL: Können Sie mit solchen digitalen Wesen künftig auf Schauspieler verzichten und etwa Marilyn Monroe wieder auferstehen lassen?
Lucas: Wer so was glaubt, hat keine Ahnung von der Schauspielkunst. Man könnte in der Tat eine digitale Version von Marilyn Monroe herstellen. Dafür braucht man talentierte Animatoren und einige Schauspieler, die sie nachahmen - in Mimik, Gang, Habitus und Sprache. Das wäre sehr teuer, und das Ergebnis wäre nicht befriedigend. Es gab nur eine Marilyn, Computer können das nicht ändern.
SPIEGEL: Manche Leute werfen Ihnen vor, Ihre Filme seien gigantische Werbefilme für "Krieg der Sterne"-Spielzeug, weil Sie mittlerweile mit dem Merchandising mehr Geld verdienen als mit den Filmen selbst.
Lucas: Als unabhängiger Filmemacher muss ich alles nutzen, was mir zu Verfügung steht, um zu überleben.
SPIEGEL: Sie sind allerdings ein äußerst unabhängiger Filmemacher mit einem geschätzten Privatvermögen von rund drei Milliarden Dollar. Denken Sie schon bei der Filmarbeit an die Vermarktung?
Lucas: Ich treibe die Merchandising-Spezialisten regelmäßig zur Verzweiflung, weil ich sie immer ignoriere. Es ist nicht das Merchandising, was meine Filme vorantreibt. Aber ich wäre ein Idiot, wenn ich all dies nicht ausnützen würde.
SPIEGEL: In einem legendären Deal haben Sie sich 1976 von den Fox-Filmstudios im Tausch gegen die Hälfte Ihres Regie-Honorars die Merchandising-Rechte an "Star Wars" geben lassen. Hatten Sie gespürt, was für ein Milliardengeschäft daraus wird?
Lucas: Nein, niemand hat das geahnt. Ich habe geglaubt, dass ich vielleicht ein paar T-Shirts und Poster verkaufen kann. Das erste Spielzeug kam erst ein Jahr nach dem Film auf den Markt. "Star Wars" eignet sich für diese Vermarktung, weil die Saga ein eigenes Universum ist: Alles - die Planeten, die Lebewesen, ihre Fortbewegungsmittel und Behausungen - ist von uns gestaltet worden.
SPIEGEL: Werden Sie, wie einst angekündigt, auch die Episoden 7 bis 9 verfilmen?
Lucas: Niemals.
SPIEGEL: Weil Ihnen der Stoff zum Hals raushängt?
Lucas: Keineswegs. Aber es dauert zehn Jahre, so eine Trilogie herzustellen. Ich habe eine Menge Filme im Kopf, die ich machen möchte - bevor ich 75 bin.
SPIEGEL: An den nordamerikanischen Kinokassen bricht zurzeit "Spider-Man" alle Rekorde. Wären Sie enttäuscht, wenn Sie es nicht schaffen, "Spider-Man" zu schlagen?
Lucas: Ich muss nicht dauernd Rekorde brechen. "Spider-Man" läuft in 7500 Kinosälen, wir sind nur in 6000. Ich erwarte, dass "Episode II" allein in den USA 300 Millionen Dollar einspielen wird. Er wird mir genug Geld bringen, den dritten Film der Trilogie zu machen. Und danach habe ich genug Geld für vier oder fünf kleine Filme. INTERVIEW: MARCO EVERS
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 20/2002
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