18.05.2002

VERBRECHEN„Du bist nicht mehr heil“

Mit einem Flammenwerfer raste ein Amokläufer im Juni 1964 durch die Volksschule von Köln-Volkhoven. Noch heute, 38 Jahre später, lassen die Überlebenden die dramatischen Erinnerungen nicht los. Von Bruno Schrep
An diesem Tag endete meine Kindheit", erinnert sich Renate H. "Dabei war ich erst zehn." Während sie spricht, versucht die 48-jährige Frau krampfhaft, mit der rechten Hand ihren linken Unterarm zu verdecken. "Ich fühle mich hässlich", sagt sie, streicht sich über das Gesicht. "Seit diesem Tag."
Dieser Tag liegt 38 Jahre zurück. Am 11. Juni 1964, die Sonne scheint, es ist heiß, dringt der Frührentner Walter Seifert auf das Gelände der katholischen Volksschule in Köln-Volkhoven vor. In einer Hand trägt er eine mit brennbaren Chemikalien gefüllte Unkrautspritze, die er zum Flammenwerfer umgebaut hat, in der anderen eine Lanze mit aufmontiertem Dreikantschaber.
Den 42-jährigen Mann, einen verschlossenen Einzelgänger, treibt jahrelang aufgestauter Hass. Hass auf Verwaltungsbeamte, die seine Tuberkulose-Erkrankung nicht als Kriegsleiden anerkennen, seine kleine Rente nicht erhöhen. Hass auf Ärzte, die nicht verhindert haben, dass seine Ehefrau nebst Baby 1961 im Kindbett starb. Hass auf die ganze Welt.
Hass, den er in seiner alten Schule austobt. Den ersten Feuerstoß richtet er auf die 66-jährige Lehrerin Anna Langohr, die ihm einst Lesen und Schreiben beibrachte, die gerade mit einer Mädchengruppe im Schulhof turnt, sich ihm entgegenstellt. Dann zielt er auf die Kinder.
Innerhalb weniger Minuten zerstört der Tobende das Leben und die Zukunft von vielen. Mit dem sengend heißen, sechs Meter langen Strahl des Flammenwerfers schießt er durch offene Fenster in die ebenerdig gelegenen Klassenräume, zündet Menschen, Möbel, Vorhänge an. "Rache", ruft er dabei, und "ich bin Hitler der Zweite".
Die Bilanz des bis dato einmaligen Amoklaufs: Acht tote Kinder, zwei tote Lehrerinnen. Auch der Attentäter stirbt, er schluckt unmittelbar nach seiner Tat das Insektengift E 605.
Die Reaktionen sind ähnlich wie jetzt nach Erfurt. Zeitungen drucken Sonderausgaben, Boulevardblätter produzieren Schlagzeilen über den "Flammenteufel", das Fernsehen, damals noch schwarzweiß, ändert sein Programm. Und Millionen Deutsche rätseln über Ursachen und Hintergründe des Unbegreiflichen.
"Volkhoven war noch schlimmer als Erfurt", glaubt der Fahrlehrer Andreas Zappe, 48. Noch wahlloser, noch grausamer, noch verheerender für die Überlebenden. Zappe gehörte damals zu den Brandopfern. Dass er überlebte, verdankt er seiner robusten körperlichen Konstitution. Dass er nicht am Druck der Erinnerungen zerbrach, seinen Verdrängungskünsten.
Viele der anderen 20 Schwerverletzten hatten weniger Glück. Ohne psychologische Betreuung, die heute selbstverständlich wäre, beginnt für sie nach der Katastrophe eine Existenz voller Schmerzen, Ängste, Entbehrungen. Die meisten haben das Trauma vom 11. Juni nie überwunden.
"Ich habe mich immer wegen meiner Narben geschämt", gesteht Renate H. Und sie quält sich bis heute mit der Vorstellung, sie sei selbst an ihrem Unglück schuld.
Die Zehnjährige entkommt zunächst unversehrt aus ihrem brennenden Klassenraum. Dann fällt ihr die neue, vom Vater geschenkte Ledertasche ein, die sie noch unbedingt retten will. Auf dem Rückweg gerät sie unter eine brennende Gardine, steht sofort in Flammen.
Im Krankenhaus erkennen die Eltern ihre Tochter nicht. "Ich sah aus wie ein Monster", erinnert sich Renate H. Schwarz das Gesicht, der linke Arm derart verbrannt, dass er beinahe amputiert werden muss.
Die 15 Monate in der Klinik empfindet die Schülerin als Tortur: die neun schweren Operationen, darunter mehrere Hauttransplantationen von den Oberschenkeln ins Gesicht. Die Schmerzen, die sie noch heute "höllisch" nennt, besonders bei den täglichen Verbandswechseln. Dazu die Erkenntnis: "Du bist nicht mehr heil. Du bist hässlich. Du bist entstellt."
Kaum zu Hause, beschließt die inzwischen Zwölfjährige, sich künftig zu tarnen. Niemand soll sehen, wie schwer verletzt sie ist, wie klein, hilflos und ohnmächtig sie sich deshalb fühlt.
Renate H. lernt, sich perfekt zu schminken, ihre Gesichtsnarben unter dicken Schichten Creme und Puder zu verbergen. Sie trägt nur noch langarmige Blusen oder Pullover, zieht, um die verbrannten Hände zu verbergen, auch im Sommer Handschuhe an.
Bevor sie die Wohnung verlässt, prüft sie jedes Detail: Fallen die Haare richtig über die verletzte Gesichtshälfte? Deckt die Creme? Kann man auch das Handgelenk nicht sehen?
Obwohl viele Narben inzwischen gut verheilt sind, versteckt Renate H. ihr Gesicht bis heute hinter Make-up. Ihr wahres Gesicht soll niemand sehen.
Die seelischen Narben sind nicht so leicht zu überdecken. In wiederkehrenden Träumen läuft Renate H. atemlos einem unbekannten Verfolger davon, sieht Flammen, hört Kinder schreien. Geschlossene Räume, etwa Kinos, Busse, Konzertsäle, meidet sie. Schon beim Gedanken an Feuer beginnt sie zu frieren, fängt an zu zittern, immer noch.
Dazu die Selbstzweifel, die Fragen, die ihr keiner je beantworten kann. Ist der Vater aus Kummer über ihre Verletzungen so früh gestorben? Hat sie aus Unsicherheit die falschen Männer gewählt, sind deshalb beide Ehen zerbrochen? Blieb ihr Kinderwunsch wegen des Schocks von Volkhoven unerfüllt?
Realisiert hat sie immerhin ihren schon früh verspürten Wunsch, Kinder zu betreuen, Kinder zu beschützen: Sie arbeitet als Erzieherin in einer Kindertagesstätte. Und oft, wenn sie mit den Kindern allein war, hat sie sich gefragt: "Was würde ich tun, wenn plötzlich einer wie Walter Seifert käme?"
"Am schlimmsten war diese absolute Ohnmacht", erinnert sich die Lehrerin Wiltrud Schweden. Sie gab damals gerade Religionsunterricht, musste hilflos mit ansehen, wie der Attentäter die Klasse in Brand setzte.
Obwohl ihr Kleid Feuer gefangen hat, schleppt sie brennende Kinder zur Toilette, versucht, die Flammen im Waschbecken zu löschen. Dafür bekommt sie später eine Rettungsmedaille.
23 Jahre alt sie ist damals, der Job in Volkhoven ist ihre erste Stelle. 38 Jahre später arbeitet sie immer noch als Grundschullehrerin. Das Schulgelände in Volkhoven hat die heute 60-Jährige jedoch nie wieder betreten.
Ihr Leben ist seit diesem 11. Juni 1964 von Angst bestimmt. Als junge Frau fürchtet sie, ihr Freund, der sie als attraktives Mädchen kennen gelernt hat, könnte ihre Brandnarben abstoßend finden, sie verlassen. Doch obwohl der Freund fest zu ihr hält, sie heiratet, aus der Ehe zwei Kinder hervorgehen, bleibt die Angst.
Wiltrud Schweden gibt sich den Befehl, ihre Gefühle zu unterdrücken: "Man muss sich zwingen, die Angst nicht zu zeigen."
Sie kommt mit zum Feuerwerk, auch wenn der Anblick zischender Raketen sie an den Strahl aus Seiferts Flammenwerfer erinnert. Sie feiert mit bei der Fondue-Party, auch wenn sie angesichts des offenen Feuers an die brennenden Schüler denkt, am liebsten weglaufen möchte.
Sie redet nie über den Amoklauf. Weder in den verschiedenen Schulen, in denen sie im Laufe der Jahre unterrichtet, noch zu Hause. Wenn sie im Schwimmbad nach der Ursache ihrer Verletzungen gefragt wird, gibt sie keine Antwort.
Helene Rauch, die während des Überfalls in Lehrerin Schwedens Klasse saß, reagiert genau umgekehrt. Wenn jemand sie anstarrt, auf dem Campingplatz, im Supermarkt, geht sie in die Offensive: "Wat is, willste e Passbild han?"
Angriff ist für sie die beste Verteidigung. Sagen, was Sache ist. Jawoll, ich war damals dabei. Na und?
Viel anderes bleibt der heute 50-Jährigen auch nicht übrig. Ihre Beschädigungen sind erschreckend: Die Narben im Gesicht und an den Beinen, die versteiften, zur Faust gekrümmten Hände.
Das zwölfjährige Mädchen mit den dunklen Haaren, eines der hübschesten der Klasse, springt damals auf der Flucht dem Attentäter direkt vor die Füße. Und der richtet seinen Feuerstrahl auf sie: einmal, zweimal, dreimal, vom Gesicht bis zu den Füßen.
Das Kind spürt zunächst keinen Schmerz, glaubt an einen Traum, aus dem es gleich erwachen muss. Ruft dreimal nach der Mutter. Doch der Alptraum ist Wirklichkeit: 86 Prozent ihrer Haut sind verbrannt. Keiner, der überlebt, ist schwerer verletzt als die Zwölfjährige.
Im Krankenhaus, wo sie monatelang unter Morphium gesetzt wird, verstecken die Schwestern sämtliche Spiegel. Als sich die Patientin heimlich zur Toilette in einem anderen Stockwerk schleicht, sich erstmals seit dem Unglückstag sieht, trifft sie eine Entscheidung.
"Es gab nur zwei Möglichkeiten", erinnert sie sich: "Entweder ich hänge mich auf, oder ich steh das durch."
Helene Rauch versteckt sich nie und nirgends. Sie geht schwimmen, besucht Discos, mischt sich bei Konzerten unter Gleichaltrige. Hält die fassungslosen Blicke aus, das Erschrecken in fremden Gesichtern. Hält aus, dass sich eine frühere Freundin, die sie erstmals nach dem Attentat besucht, bei ihrem Anblick weinend hinter ihrer Mutter verkriecht.
Die tägliche Konfrontation mit den Folgen des Amoklaufs macht sie stark. Sie heiratet mit 18, bekommt drei Söhne, die sie nach dem Scheitern der Ehe später allein erzieht.
Inzwischen ist sie zum zweitenmal verheiratet, bereits Oma. Und bereut, wegen ihrer schweren Verletzungen - sie ist zu 100 Prozent erwerbsunfähig - keinen Beruf gelernt zu haben. Denn nichts empfindet sie schlimmer als zu grübeln, nachzudenken, zu viel nachzudenken. Vor allem über diesen verfluchten 11. Juni.
Ängste, Erinnerungen, böse Träume? Nichts von alledem plage sie, behauptet Helene Rauch, aber auch gar nichts: "Ich denke nicht daran, ich träume nicht davon, ich habe vor nichts Angst."
Seit ein paar Jahren wird sie jedoch von einem Psychologen behandelt, wegen einer psychosomatischen Erkrankung. Und an den Zimmerdecken ihrer Wohnung hat sie Rauchmelder installieren lassen.
Von Bruno Schrep

DER SPIEGEL 21/2002
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