18.05.2002

Ich kann was!

BILDUNGSSERIE TEIL 2 KINDERGARTEN

Von Kneip, Ansbert; Meyer, Cordula; Stoldt, Hans-Ulrich

Sollen schon Dreijährige Französisch büffeln, Chemie pauken oder Lesen und Schreiben üben? Die meisten Kindergärten sind für neue Aufgaben nicht gerüstet. Es fehlen Geld, Personal - und eine Idee, was die Kleinsten überhaupt lernen sollen.

Wenn es stimmt, was Christian Fricke vom Hamburger Werner Otto Institut sagt, dann ist die Lage wirklich dramatisch. Deutlich mehr als ein Drittel aller Kinder, sagt Fricke, haben keine oder zu wenig Regeln gelernt.

Einfachste Anweisungen wie "Setz dich hin!", "Putz dir die Zähne!" oder "Schlag das Buch auf!" betrachten sie als unverbindliches und folgenloses Geplapper vermeintlich Erziehungsberechtigter. Immer mehr Kinder, so Frickes Erkenntnis, werden schlecht erzogen. Oder besser gesagt: Eigentlich werden sie gar nicht erzogen.

Diese Kinder können nicht lernen, weil sie keine Ausdauer haben. Eltern und Erzieher können ihnen kaum etwas beibringen, weil sie Anstrengung und Misserfolge nicht aushalten. Oft können diese Kinder nicht einmal spielen, jedenfalls nicht in der Gruppe.

Das Schlimme ist: Fricke redet von Kindern, die man sich eigentlich als niedliche, friedliche Steppkes denkt - Kindergartenkids, drei bis sechs Jahre alt. Das sind die, die er täglich zu Gesicht bekommt. Sein Hamburger Therapiezentrum ist auf Monate ausgebucht. Schon bei den Kleinen, die Fricke dort begutachtet, lässt sich erkennen, wie schwer es später die Lehrer haben werden. Wer Glück hat, landet im hauseigenen Integrationskindergarten.

In kaum einem anderen europäischen Land wird der Nachwuchs so spät eingeschult wie in Deutschland - und ist doch so schlecht vorbereitet. Wenn in der Schule das Rennen um die Zukunftschancen beginnt, bringen viele Kinder nicht einmal das Nötigste für den Start mit. Manche halten einen Bleistift wie einen Faustkeil, andere haben keine Ahnung, wie man mit einer Schere umgeht oder wie man Klebstoff einigermaßen anständig dosiert.

Jede Grundschule, die im noblen Vorort genauso wie die im Problemstadtteil, muss heute Schüler aufnehmen, die selbst elementare Verhaltensweisen nicht mehr beherrschen. Zuhören, wenn ein Erwachsener redet, zum Beispiel. Eigentlich sind das Dinge, die man zu Hause lernt, in der Familie. Was aber, wenn es gar keine nennenswerte Familie gibt? Nur 12 Prozent der Bevölkerung leben noch in Haushalten mit mehr als vier Personen, in den fünfziger Jahren waren es noch 32 Prozent. Lediglich 2 Prozent der jungen Eltern hausen mit Kindern und Großeltern in einer Wohnung.

Niemand muss sich die alten, oft beengten Verhältnisse zurückwünschen. Aber klar ist, dass immer häufiger Kindergärtnerinnen mit originären Erziehungsaufgaben belastet werden.

Eigentlich müsste es sogar möglich sein, den Kindern im Kindergarten über ein paar Umgangsformen hinaus noch ein bisschen mehr beizubringen, ein wenig Mathematik vielleicht, ein paar englische Vokabeln, den Umgang mit der Computermaus, ein paar Buchstaben.

Was sollen Kinder können, wenn sie den Kindergarten hinter sich haben? Falsche Frage, sagt Wassilios Fthenakis, Leiter des Bayerischen Staatsinstituts für Frühpädagogik. Die Kita solle gar nicht Lesen und Schreiben beibringen und die Schule vorwegnehmen. Ein guter Kindergarten hilft viel mehr, das Selbstwertgefühl der Kinder zu stärken.

Schön wär''s. Und notwendig wär''s auch. Aber es klappt nur selten.

Mitunter braucht es gar nicht viel, um aus einem Kinderspiel eine kleine Lernaufgabe zu machen. In einem Essener Kindergarten beispielsweise hat die Erzieherin Sandra Leisse, 23, ein Teelicht angezündet. Und jetzt will sie wissen: "Wie kann man das ausmachen?" Na, auspusten, sagt Nick und macht es vor. Dann stülpt Leisse ein Glas über die brennende Kerze. "Ey, die Flamme wird immer kleiner", kreischt Julian. Er hat das Experiment schon einmal mit einer anderen Erzieherin gemacht und erzählt jetzt aufgeregt: "Wenn die Luft zu Ende gebrannt ist, dann kann die Kerze nicht mehr weiterbrennen, dann geht sie aus."

"Das macht mehr Spaß als malen", sagt Andrea mit den langen blonden Haaren. "Da kann man was lernen, wie in der Schule." Darauf ist sie sichtlich stolz.

Eine, die das schon lange propag iert, ist die Bielefelder Professorin für Chemie-Didaktik, Gisela Lück. Seit fast zehn Jahren erprobt sie naturwissenschaftliche Experimente im Kindergarten - mit erstaunlichen Ergebnissen. Lück stellte die Kleinen vor die Wahl: Baden im Plantschbecken oder Experimente in der Turnhalle. 70 Prozent der Kinder entschieden sich für die Experimente, die jede Woche einmal für etwa 20 Minuten durchgeführt wurden. Ein halbes Jahr später kam Lück wieder und befragte die Kinder: Die erinnerten sich an fast die Hälfte der Versuche und konnten auch die Prinzipien erklären.

Lück verglich die Ergebnisse aus Kindergärten in feinen Stadtteilen und in sozialen Brennpunkten. Die Resultate der Kinder aus den Brennpunkten waren "nur minimal schlechter", sagt Lück. "Es gibt also eine Zeit, wo die Kinder offen sind für Naturwissenschaften. Egal, ob sie besonders gefördert werden oder nicht. Das ist eine Chance für das ganze Leben."

Seit 1996 gibt es in der Bundesrepublik eine Garantie auf einen Kindergartenplatz. Die gilt für Kinder ab drei Jahre, rund 2,5 Millionen Knirpse sind derzeit in Kindergärten untergebracht. Für die Kleinsten stehen zudem mehr als 160 000 Krippenplätze bereit.

Aber erst jetzt, nach dem Pisa-Schock, entdecken Politiker und Funktionäre auf einmal einen Bildungsauftrag für die Kindergärten. Ein "umfassendes Bildungsangebot spätestens vom Kindergartenalter an" zählt für Hubert Markl, den Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, zu den wichtigsten "Antworten auf die Bildungskrise". Und Niedersachsens ehemaliger Schulminister Rolf Wernstedt klagt neuerdings, in Kindergärten werde "nicht systematisch genug gelernt und die intellektuelle Weltneugier zu wenig gefördert".

Natürlich ist die Klage berechtigt. Aber die miese Qualität vieler Kindertagesstätten erst jetzt zu entdecken ist ein Zeichen schwerster intellektueller Weltfremdheit.

Die Garantie auf einen Kindergartenplatz ist eingeführt worden als Ausgleich für die Lockerung des Abtreibungsparagrafen 218. Den Konservativen sollte die Zustimmung zur neuen Regelung erleichtert werden, indem der Staat mit einem gewaltigen Kraftakt genügend Betreuungsangebote schafft - und damit Frauen die Entscheidung erleichtert, das Kind doch noch zu bekommen.

Nur: Betreuung ist etwas anderes als Bildung. "Wir haben die ganze Kindergartendebatte aus der Betreuungsperspektive geführt, es ging nicht um Bildung", sagt Fthenakis. In den Köpfen steckt immer noch ein Rest von längst überholter Ideologie: Kindergärten sind Aufbewahrungsstätten für jene armen Kleinen, deren Mütter keine Zeit für sie haben.

Jetzt - eins, zwei, drei im Sauseschritt - sollen die Kindergärten zu Bildungszentren geadelt werden.

Gerade mal ein Drittel der Kindertagesstätten leiste gute Arbeit, ermittelte der Kleinkindpädagoge Professor Wolfgang Tietze von der Freien Universität Berlin in einer Untersuchung für das Familienministerium. Tietze hat vor allem beurteilt, wie die Erzieherinnen mit den Kindern umgehen. Bei drei Prozent der Einrichtungen plädiert er direkt fürs Dichtmachen. Dort sprechen die Erzieherinnen fast ausschließlich, um Anweisungen zu geben: "Setz dich hin" oder "Hol mal das Spiel".

Der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz, sagt Tietze, habe lediglich mehr Kinder ins Betreuungssystem gequetscht - ohne die Ausstattung ausreichend zu verbessern. Wo einst 18 Kinder in eine Gruppe passten, da werden heute locker 20, 22 oder noch mehr untergebracht - bei gleichem oder sogar reduziertem Personal.

Von der finanziellen Ausstattung her kann ein Kindergarten kaum mehr als Aufbewahrungsstätte sein. In vielen Kindergärten wurden die so genannten geschlossenen Gruppen abgeschafft: Man braucht weniger Personal, wenn die Kinder nicht mehr an Gruppenräume und feste Bezugspersonen gebunden sind. Stattdessen können sie durch die gesamte Kita ziehen, von Angebot zu Angebot.

In offenen Gruppen lernen Kinder allerdings sehr schnell, wie man schwierigen Anforderungen ausweicht - wer das Bild nicht zu Ende malen will, geht eben einen Raum weiter in die Puppenecke.

Eine Zeit lang wurden die offenen Gruppen sogar als pädagogisches Konzept gepriesen: keine Bevormundung mehr, die Kinder können sich gemäß ihren Neigungen entwickeln. Eltern glaubten und glauben das offenbar gern. "Sie überschätzen systematisch die pädagogische Qualität der Kindergärten", sagt Tietze.

Es bleibt ihnen auch kaum was anderes übrig. Denn Kindergärten können in den wenigsten Fällen wirklich das bieten, was sie bieten sollen: Trotz mangelhaft ausgebildeten und schlecht bezahlten Personals soll so früh wie möglich ein Zugang zu Bildung vermittelt werden - während gleichzeitig viele Eltern den Schuleintritt ihrer Kleinen so weit wie möglich nach hinten verlagern.

Es gibt nur wenige Länder, in denen die Kinder so alt sind wie in Deutschland, wenn sie ihre Schultüte in die Hand bekommen. Zwar werden jeweils am 1. August alle Kinder in Deutschland schulpflichtig, die am Stichtag (je nach Bundesland zwischen dem 30. Juni und 30. September) sechs Jahre alt sind, in Wirklichkeit liegt das durchschnittliche Einschulungsalter derzeit aber eher bei sieben Jahren.

Viele Eltern glauben, dass etwas ältere Kinder bessere Chancen haben, oder sie wollen ihrem Nachwuchs den einschneidenden Schritt noch ein Jahr ersparen. Auf Antrag ist das möglich. In einigen Bundesländern werden bis zu 14 Prozent Kinder um ein Jahr zurückgestellt. Andererseits merken Lehrer, dass sich immer mehr Erstklässler langweilen: kenn ich schon, kann ich schon, weiß ich doch.

Auch so genannte Kann-Kinder, die in der Zeit bis zum 31. Dezember ihren sechsten Geburtstag haben, werden meist höchst ungern zur Penne geschickt: Der fünfjährige Knirps neben elf-, zwölfjährigen Hauern auf dem Schulhof? Dann lieber doch erst ein Jahr später.

Das ist nicht nur übertriebene Angst um verzärtelten Nachwuchs. Die Kleinsten seien durchaus anfälliger und könnten in der Klasse auch leichter zu Mobbing-Opfern werden, so der Hamburger Erziehungswissenschaftler Peter Struck: "Aus Rückblicksberichten wissen wir, dass die jüngsten Kinder in Schulklassen ganz oft eine Menge an Anfeindungen und sozialen Niederlagen auszuhalten haben."

Dass es auch einen weniger harten Übergang zum Schuleintritt gibt, beweisen andere Länder.

In den USA können schon Dreijährige in "Pre-Schools" Lesen und Schreiben lernen. Ab fünf gilt fast überall "Kindergarden"-Pflicht. In den Niederlanden beginnt in diesem Alter bereits die Schulpflicht. Wer will, kann seine Kinder aber auch schon ein Jahr vorher auf die "Basisonderwijs" schicken - die meisten Eltern wollen das. Während des Unterrichts gibt es viele Spielräume: Wer etwas lernen möchte, findet Hilfe; wer lieber mit Puppen spielt, darf das auch. Eingeschult wird am ersten Tag jenes Monats, der dem fünften Geburtstag folgt.

Die Nordiren und Luxemburger müssen ihre Kinder dagegen bereits ab vier in eine Vorschule schicken. Hier, wie in vielen anderen europäischen Ländern auch, ragt die meist eher spielerisch angelegte Vorschule bis in die Primarstufe hinein und geht allmählich darin auf. In Finnland geht die Primarschule erst mit sieben Jahren los, die Kinder haben bis dahin allerdings einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung, sei es in einer Kindertagesstätte oder bei einer Tagesmutter. Ab sechs können sie (wie in Dänemark und Schweden auch) eine Vorschulklasse besuchen.

Ein besonders krasses Gegenmodell zur deutschen Praxis liefert die französische École Maternelle. Die meisten Zweijährigen besuchen diese Vorschule, ein Jahr später sind es sogar nahezu alle Kinder. Die Erzieher gehen bereits nach Lehrplan vor, und wer von den Zöglingen zwei Tage fehlt, braucht ein ärztliches Attest. So richtig schaden tut das den kleinen Franzosen offenbar nicht - im Pisa-Vergleich liegen sie immerhin über dem Durchschnitt.

Aber es gibt auch Kritiker des von Bildungspolitikern gern als Vorbild gelobten Modells. Die Darstellung der École Maternelle sei in Deutschland viel zu positiv, klagt der französische Journalist Thibaut de Champris, der selbst drei Kinder in der Vorschule hatte: "Dieser französische Kindergarten ist nichts als eine Betreuungsanstalt für Kinder von erwerbstätigen Eltern."

Dass ein Großteil der Schüler am Ende der Maternelle mit sechs Jahren lesen und schreiben könne, sei eine Mär. Die Schule bringe in den meisten Fällen lediglich "ein bisschen Spiele, ein bisschen Zeichnen und viel Langeweile". Immerhin geht in Frankreich die Vorschule nahtlos in die nächste Schulstufe über - die École Élémentaire.

Auch einige deutsche Bundesländer kennen die Vorschule, zum Beispiel Hamburg. Die Kinder treffen sich bereits auf dem späteren Schulgelände, sie lernen die Lehrer kennen, sie üben ein wenig das Stillsitzen, das Malen, Schneiden sowie den selbständigen und rechtzeitigen Gang zum Schulklo.

Die Vorschule ist sogar kostenlos, im Gegensatz zum Kindergarten, für den je nach Elterneinkommen und Betreuungszeit bis zu rund 400 Euro monatlich fällig werden. Kein Wunder also, dass viele Eltern ihre Fünfjährigen beim Kindergarten ab- und in der Vorschule anmelden. Allerdings ist die Vorschule auf wenige Wochenstunden begrenzt. Wer berufstätig und auf Kinderbetreuung angewiesen ist, muss weiter hoffen, sein Kind möge im Kindergarten etwas lernen.

Dazu müsste freilich erst einmal das Personal besser ausgebildet werden. Deutschland ist neben Österreich das einzige europäische Land, in dem es keine einheitliche und keine wissenschaftliche Ausbildung gibt. Im Januar 2000 konnte sich die Kultusministerkonferenz lediglich auf eine Rahmenvereinbarung einigen - danach wird zur Erzieherausbildung zugelassen, "wer einen mittleren Schulabschluss" hat oder "über die geforderte berufliche Bildung verfügt". In den meisten EU-Ländern ist zumindest das Fachabitur Voraussetzung.

Dort findet die Ausbildung auch an Universitäten oder Fachhochschulen statt, während in Deutschland die Absolventen nach ein paar Praktika sowie zwei, drei Jahren an einer Fachschule mit einer sozialpädagogischen Breitbandbildung ins Berufsleben steigen - vielseitig einsetzbar bei der Arbeit mit Drogenabhängigen, Alten, schwierigen Jugendlichen und Behinderten. Oder eben mit Kindern.

Das Personal verstärken zudem inzwischen auch immer häufiger ABM-Kräfte und Kinderpflegerinnen, die selten weitergehende Qualifikationen haben.

Was über die schlichte Beaufsichtigung oder Betreuung hinaus mit den Kindern geschieht, welche Möglichkeiten sie haben, Neugierde und Wissensdurst zu stillen oder ihrem Bewegungsdrang zu folgen, hängt von der jeweiligen Einrichtung ab, von ihrer finanziellen und personellen Ausstattung, den Vorstellungen ihrer Träger und vom Engagement einzelner Erzieher.

Jeder wurstelt mehr oder weniger ziellos vor sich hin. "Der pädagogische Auftrag der Einrichtungen bleibt diffus", stellt der Sachverständigenrat Bildung bei der Hans- Böckler-Stiftung fest. Es gibt, beklagt der Pädagoge Fthenakis, weder verbindliche Vorgaben, was der Kindergarten leisten solle, noch irgendeine Kontrolle, ob er das dann auch tatsächlich tut.

Sein Staatsinstitut für Frühpädagogik entwickelt jetzt im Auftrag des bayerischen Sozialministeriums ein verbindliches Curriculum für Kindergärten. Die Einrichtungen sollen ihren Bildungsplan schriftlich festlegen und in Jahresberichten nachweisen, ob sie ihre Ziele erreicht haben.

Fremdsprachen, Computerkurse, Sportprogramme, Tanzen, alles gut und schön, sagt Fthenakis, aber nicht wegen des Lerneffekts, sondern weil die Kinder merken: "Ich kann was!" Und: "Ich lerne hier was, und hinterher bin ich schlauer."

Anregungen müsse der Kindergarten schaffen, um Verstand, Sprache und Beweglichkeit zu trainieren - also Kinder Experimente machen lassen. Fragen aufgreifen, etwa anlässlich der Reise eines Kindes. Wie kann man von München nach Hamburg kommen? Warum ist zu Fuß gehen nicht so gut, was spricht für, was gegen das Flugzeug? Fthenakis: "Kinder müssen lernen, dass es für ein Problem mehrere Lösungen gibt." Und sie sollen begreifen: Ich kann dies besonders gut, mein Freund kann etwas anderes besonders gut.

Pädagogik-Professor Tietze beschreibt ein paar konkretere Ziele der Bildungseinrichtung Kindergarten: Am Schluss sollte das Kind wissen, dass neue Dinge spannend sind, es sollte in einer Gruppe zurechtkommen. Außerdem sollte es wissen, dass es Schrift gibt; es sollte grundlegende Dinge wie Zeit kennen; wissen, dass manche Sachen schwimmen und andere nicht; und wissen, dass Pflanzen wachsen.

Überall in der Bundesrepublik gibt es Beispiele von Kindergärten, die so etwas schon leisten. Waldkindergärten beispielsweise, lange belächelt wegen ihres Pfadfinder-Images. Dort bleiben die Kinder den ganzen Tag draußen, egal wie das Wetter ist. Wenn''s regnet, streifen die Kleinen mit Gummistiefeln, Regenhose und Kapuze vermummt durchs Unterholz. Spielzeug gibt es nicht, der Wald ist das Spielzeug. Da wird hinter Bäumen Verstecken gespielt, aus einem großen Blatt wird eine Eistüte, aus dem Waldboden der Inhalt.

Erzieher und Eltern begeistern sich für das Konzept, weil Kinder heute mit Bewegungsstörungen, Übergewicht und einem Leben in Gameboy-Realitäten in den Kindergarten kommen.

Fast 16 Prozent der Kinder haben nach einer Untersuchung der Karlsruher Universität Übergewicht, insgesamt bringen die Kids durchschnittlich etwa zwei Kilo mehr auf die Waage als ihre Altersgenossen vor 20 Jahren. Bei dem standardisierten "Motoriktest für vier- bis sechsjährige Kinder" schneiden Kids heute um rund zehn Prozent schlechter ab als die Prüflinge der achtziger Jahre. Die Kinder können schlechter balancieren, klettern, springen und rennen als frühe r. Manche können nicht mal mehr einen Ball fangen.

Über 40 Prozent der Kinder in Deutschland haben laut der Karlsruher Untersuchung immer wieder Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, 12 Prozent leiden unter ständigen Konzentrationsproblemen.

Das zu ändern wiederum ist nicht mehr so einfach. Auf der Straße spielen ist zu gefährlich, in der Wohnung toben zu laut. Und nachmittags fährt Mutti den Nachwuchs mit dem Wagen zum Singkreis. Schon Kleinkinder werden lieber in der bequemen Sitztasche durch die Wohnung geschleppt, statt sie einfach mal kurz in den Laufstall zu setzen.

Dabei stehen die körperlichen Fähigkeiten in einem direkten Zusammenhang mit dem Lernvermögen. Grundschullehrer kennen das Phänomen: Wer gut rückwärts laufen kann, hat oft weniger Probleme mit dem Subtrahieren. Wer ein Gefühl hat für den Raum, in dem er sich bewegt, kann sich auch den Zahlenraum leichter vorstellen. Also auch noch Turnunterricht im Kindergarten? Warum nicht? Es kommt nicht so sehr darauf an, welches Angebot ein Kindergarten macht. Hauptsache, er bietet mehr als nur freies Herumspielen nach dem Lustprinzip.

Natürlich darf ein Computer im Kindergarten stehen - die meisten so genannten PC-Kindergärten haben ohnehin die Erfahrung gemacht, dass die Faszination schnell nachlässt. Bei gutem Wetter wird lieber gekickt als geklickt.

Und natürlich schadet es auch nichts, schon früh eine Fremdsprache kennen zu lernen. Im Gegenteil. "Eine der wichtigsten Aufgaben von Kindergärten ist die sprachliche Sozialisation", sagt der Freiburger Pädagogik-Professor Norbert Huppertz. Dabei könne eine zusätzliche fremde Sprache helfen.

Vor allem in den ersten Lebensjahren bräuchten die Kleinen intensive kommunikative Anregungen: "Wenn sie fünf Jahre alt sind, ist entwicklungspsychologisch der Koffer gepackt, der Rest sind dann nur noch Verfeinerungen."

Dass Kinder Spaß an einer anderen Sprache haben, zeigt ein Modellprojekt, das Huppertz an der Pädagogischen Hochschule Freiburg leitet: Seit Sommer 1999 lernen in der Nachbarregion von Frankreich zwischen Baden-Baden und Lörrach rund 800 Kinder in 39 Einrichtungen Französisch. Einige Kindergärten haben sprachlich gemischte Teams, in andere kommt stundenweise eine Lehrerin.

Im Freiburger Kindergarten "1000 Fühler" können die etwa 70 Kinder den ganzen Tag über immer wieder in kleinen, wechselnden Gruppen eine Sprachlektion erhalten - mit Spiel, Spaß und viel Bewegung.

"Je cherche le canari", sagt Erzieherin Kleber-Fischer in die Runde, und eines der dort versammelten zehn Kinder reicht ihr sein Kartenbild mit dem Kanarienvogel. "Et maintenant je cherche la vache" - strahlend zeigt Fabian seine Kuh.

Später sitzen alle im Kreis und halten Bilder von Früchten in der Hand. Und als die Erzieherin ruft: "Les pommes, changer les places!", stehen die Apfel-Kinder auf und tauschen ihre Plätze, dann wechseln "prunes", "raisins" und "cerises" die Sitze. Und jetzt bitte alles "plus vite!".

Da springen Marvin, Sophie und Victor auf, rempeln sich fröhlich an und finden schließlich ihren Stuhl.

Nicht, dass die Kinder mit Schulbeginn fließend Französisch sprächen, "aber sie gehen frisch und unverklemmt mit der Sprache um", so Projektleiter Huppertz. Und das ist schon viel im Vergleich zu anderen Kindergärten, wo es an Anregungen häufig mangelt. Denn darin sind sich Experten wie Huppertz einig: "Grundsätzlich wichtig ist, dass Kindergärten mehr sein müssen als Aufbewahrungsstätten."

Und sie dürfen nichts kosten, fordert Fthenakis. Er plädiert dafür, die Elternbeiträge abzuschaffen, zumindest für täglich vier Stunden für Kinder ab drei Jahre.

Selbst eine verbesserungswürdige Tagesstätte sei besser als gar kein Kindergartenbesuch. Vier Stunden täglich, meint Fthenakis, sei das Minimum für einen bescheidenen Bildungsauftrag.

Mittlerweile gibt es schon die ersten Mahner vor zu viel Überschwang. Johannes Rau, der Bundespräsident, gehört dazu: "Wir sollten uns freilich davor hüten, jetzt mit Hinweis auf die drohenden Gefahren für den Standort Deutschland den Kindergarten und die Grundschule zur Berufsschule oder zum Gymnasium für Kleinkinder umzukrempeln." ANSBERT KNEIP,

CORDULA MEYER, HANS-ULRICH STOLDT

* In Frankfurt am Main.

DER SPIEGEL 21/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 21/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Ich kann was!