27.05.2002

DebatteEin moderner Antisemit

Es kann sein, dass Möllemann ein taktischer Antisemit ist. Oder ein emotionaler. Einer, der mit dem Bauch denkt und mit dem Kopf fühlt. Oder nur ein Opportunist. Ein Antisemit ist er auf jeden Fall.
Ein Antisemit hat nichts gegen die Juden, sie haben etwas gegen ihn, und deswegen muss er sich gegen sie zur Wehr setzen. Er ist das Opfer, der Jude ist der Täter. Der Antisemitismus war, von seinem Selbstverständnis her, immer eine Notwehrbewegung gegen die Anmaßung und die Herrschaftsgelüste der Juden. Hätten sich die Juden nicht vorgenommen, die Welt zu erobern, hätten die Nazis den Kampf gegen sie nicht aufnehmen müssen, zum Wohle der ganzen Welt, wenn auch vergeblich. Deswegen hat der Antisemit auch immer ein gutes Gewissen. Mit den Folgen seiner Untaten konfrontiert, schämt er sich nicht, er fühlt sich durch das Ergebnis nachträglich bestätigt, denn die Juden, wie minderwertig sie sein mögen, haben sich mal wieder als unbesiegbar erwiesen.
Die Juden ihrerseits, die nicht so klug sind, wie ihnen immer nachgesagt wird, verstehen den Antisemitismus nicht. Sie glauben, nach Auschwitz hätte dem Hass die Luft ausgehen müssen. Das Gegenteil ist der Fall. Ein idealistisches Verbrechen, das nicht zu Ende gebracht wurde, schreit nach Fortsetzung, denn jeder Überlebende erinnert die Täter daran, dass sie nicht nur Verbrecher, sondern auch Versager sind.
Wie jede Mode, jede private und öffentliche Regung der Moral, jedes Ressentiment geht auch der Antisemitismus mit der Zeit. Es gibt reaktionäre Antisemiten ("Den Holocaust hat es nicht gegeben!") und moderne Antisemiten ("Die Juden ziehen aus dem Holocaust ihren Nutzen!"), und wer ganz cool und up to date sein möchte, der verurteilt zuerst "die Verbrechen der Nazis", distanziert sich vom "Rassismus jeder Art", um anschließend zu fragen, warum denn die Juden beziehungsweise die Israelis aus der Geschichte nichts gelernt hätten. Der aufgeklärte Antisemit hat ein großes Anliegen an die Juden: dass sie endlich aufhören, sich danebenzubenehmen. Sonst muss er nämlich böse werden.
Möllemann ist der Prototyp des modernen Antisemiten. Man muss ihn nur beim eigenen Wort nehmen. In einem Interview mit der "taz" sagte er unter anderem: "Was würde man denn selbst tun, wenn Deutschland besetzt würde? Ich würde mich auch wehren, und zwar mit Gewalt. Ich bin Fallschirmjägeroffizier der Reserve. Es wäre dann meine Aufgabe, mich zu wehren. Und ich würde das nicht nur im eigenen Land tun, sondern auch im Land des Aggressors."
Möllemanns Selbstverteidigungsphantasien hatten nichts mit einer Besetzung Deutschlands zu tun, nicht einmal mit einer Reserveübung der Bundeswehr im südlichen Westfalen. Auf eine für ihn charakteristische, agile bis debile Weise, drückte er sein Verständnis für die Aktionen palästinensischer Selbstmordattentäter in Israel aus. Denn ebenso wie deutsche Antisemiten handeln auch palästinensische Terroristen immer in Notwehr, egal wie viele Unbeteiligte sie in den Tod mitnehmen. Es trifft keine Unschuldigen, denn unschuldige Juden beziehungsweise Israelis kann es nicht geben.
In einem Interview mit dem ZDF sagte Möllemann bald darauf: "Ich fürchte, dass kaum jemand den Antisemiten, die es in Deutschland leider gibt und die wir bekämpfen müssen, mehr Zulauf verschafft hat als Herr Scharon und in Deutschland ein Herr Friedman mit seiner intoleranten und gehässigen Art." Das klassische Klischee: der Jude als Verursacher des Antisemitismus. Nehmen wir an, Möllemann hätte Recht und Friedman wäre intolerant und gehässig und noch einiges dazu. Und? Reicht das, um die Wahnidee des Antisemitismus faktisch abzusichern? Darf ein Jude nicht intolerant und gehässig sein, ohne dass alle Übrigen dafür abgemahnt werden? Die Haltung hat Tradition. Wo immer zu Ostern ein Ritualmord nicht begangen wurde, mussten alle Juden dafür büßen.
Würde umgekehrt Möllemanns aufgeblähtes, dumpfes, schmierantenhaftes Auftreten als Begründung für aufkommenden Antigermanismus reichen? Nicht einmal ansatzweise. Aber wenn es um Juden geht, bestehen die Antisemiten auf einer Kollektivhaftung.
Möllemanns schönster Satz freilich, mit dem er sich einen ewigen Platz in der Hall of Fame des Antisemitismus gesichert hat, ist kaum bemerkt worden. In einem Interview mit Ulrich Wickert in den "Tagesthemen" sagte er, der Ex-Grünen-Politiker Jamal Karsli könne kein Antisemit sein, er sei doch "selbst ein Semit". Dabei machte Möllemann ein Gesicht, als wären die Nürnberger Gesetze in seinem Wahlkreis noch immer nicht aufgehoben worden.
Abgesehen davon, dass Möllemann unbelesen und ungebildet ist und sowohl vom "jüdischen Selbsthass" (Theodor Lessing) wie vom Judenhass mancher Araber (Osama Bin Laden) keine Ahnung hat, es ist schon lange nicht mehr der Begriff des "Semiten" in die politische Debatte eingeführt worden. Wer so viel rassistische Unbefangenheit an den Tag legt, der schleppt ein Problem mit sich herum: seine eigene ungelöste Arier-Frage.
Die Juden, die mal wieder nicht verstehen, wie ihnen geschieht und wieso ein jüdischer Dandy, dem man allenfalls seinen Friseur und seinen Maßschneider vorwerfen könnte, zum antisemitischen Fixpunkt eines Großmauls aus der rheinisch-westfälischen Etappe werden konnte, werden sich den Namen Möllemann eine Weile merken. Dann werden sie wieder zur Tagesordnung übergehen, die bewaffneten Posten vor den jüdischen Schulen und Gemeindezentren für etwas Selbstverständliches halten und sich mit einem alten Witz trösten, dessen Aktualität wieder einmal bewiesen wurde: "Antisemitismus ist, wenn man die Juden noch weniger leiden kann, als es an sich natürlich ist."
Der Streit um den Ex-Grünen Jamal Karsli, der sich zu einem Schlagabtausch zwischen FDP-Vize Jürgen Möllemann und dem jüdischen Zentralratsmitglied Michel Friedman auswuchs, führte auch unter SPIEGEL-Autoren zu Kontroversen. Henryk M. Broder in Berlin seziert die antisemitischen Tendenzen, wie er sie in den Äußerungen des Liberalen findet. Von Rio de Janeiro aus richtet Matthias Matussek seinen Blick auf eine sehr deutsche Debatte.
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 22/2002
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