27.05.2002

Debatte

Recht auf Zorn

Von Matthias Matussek

Von Matussek, Matthias

Wir waren im südlichen Patagonien im Boot unterwegs, mit israelischen Kollegen, und worüber unterhält man sich zwischen treibenden Eisbergen? Natürlich über den Nahostkonflikt.

Wir waren unter Gleichaltrigen, die Nachkriegsgeneration. Jonam aus Tel Aviv sagte, dass man die Palästinenser jetzt platt machen müsse, weil der arabischen Mentalität eh nicht zu trauen sei, und ich nannte Scharon einen Kriegsverbrecher. Wir waren einig in unserer Uneinigkeit, und nur die Eisberge waren Zeuge.

Wir hatten kein TV-Studio. Wir hatten keinen Wahlkampf. Wir formulierten mit hübsch gedrechselten Invektiven. Wir stritten. Und mochten uns. Man nennt das: Meinungsfreiheit.

In Deutschland ist Wahlkampf. Deutschland hat viele Quasselshows, einen ständigen Geräuschteppich an Meinungen. Paradoxerweise ist der Respekt vor der Meinungsfreiheit des anderen immer das erste Opfer öffentlicher Erregungen.

Bei uns bleibt es nicht beim Argument. Bei uns werden Entschuldigungen eingefordert, die Gerichte bemüht, Karriereweichen gestellt, Unterlassungsklagen formuliert.

Was ist da eigentlich passiert, dass die grüne Abgeordnete Claudia Roth sich nun gezwungen sah, gegen einen Politikerkollegen Anzeige wegen "Volksverhetzung" zu stellen?

Jürgen Möllemann mag Michel Friedman nicht. Kein Kapitalverbrechen, obwohl Friedman von Bärbel Schäfer gemocht wird, und die mögen die meisten.

Ich wiederum mache mir nichts aus Bärbel Schäfer oder Friedman oder Möllemann. Ich halte Arafats Regierung für korrupt, und Möllemanns Karrierismus ist mir suspekt. Und ich halte Israels Siedlungspolitik und deren gepanzerte Besatzungsarroganz für äußerst gefährlich. Macht mich das zum Antisemiten? Wohl kaum.

Ich habe keine Ahnung, ob Möllemann Antisemit ist. Ich bin weder sein Beichtvater noch sein Analytiker. Aber ich kann lesen. Möllemanns Äußerungen sind pro-palästinensisch und damit automatisch anti-israelisch. Aber antisemitisch?

Was soll daran antisemitisch sein, Michel Friedman nicht zu mögen? Was soll daran antisemitisch sein, ihm vorzuwerfen, er sei gehässig und provoziere? Selbst "Zeit"-Herausgeber Josef Joffe spricht von Friedmans "gnadenlosem Tonfall". Friedman ist doch mit seinem ganzen TV-Format, Stirn gegen Stirn, auf Poltereien aus. Statt Möllemann nun in seine Show einzuladen und dann mal richtig durchzustarten, rekurriert Friedman auf die billigste Volte überhaupt. Er ruft Antisemit - und er kann sicher sein, in fünf Minuten ruft das gesamte gute Deutschland mit.

Das ist der eigentlich skandalöse, weil für einen Intellektuellen und Journalisten so unsportliche Vorgang: austeilen und dann nicht etwa einstecken, sondern hinter den nächsten Baum springen und brüllen "Antisemit". Unfair! Ganz einfach unfair!

Der Antisemitismus-Verdacht, der das Gewicht von sechs Millionen Gemordeten mit sich weiß, ist der Overkill im öffentlichen Raum. In schon rituellen Abständen wird diese Keule durch die Arena geschwungen. In Wahlkampfzeiten ist sie besonders wirksam. Und besonders unappetitlich - da wird die Erinnerung an den Holocaust zum taktischen Manöver herabgewürdigt.

Antisemitisch waren Möllemanns Äußerungen nicht. Antisemitisch werden sie erst durch die Interpretationen, den Verdacht, dass hinter dem Gesagten noch etwas anderes, Ungesagtes lauere. Hier pflegen politische Tiefenpsychologen den Dreck, den sie aufspüren möchten, selbst vorher zu hinterlegen.

In solchen Momenten lehnt sich in Deutschland die ganze Öffentlichkeit über den Brustkorb des Delinquenten, um in den Atemzügen nach verdächtigen antisemitischen Nebengeräuschen zu horchen.

Das produziert Sprachregelungen, aus denen man sich nur durch Flüche befreien kann. Überall auf der Welt.

In den USA, wo auf Demonstrationen Scharon schon mal mit Hitler verglichen wird, zeichnet Daniel Henninger im "Wall Street Journal" die verheerende Dialektik der politisch-korrekt genebelten Sprache. Die "gagged language" schaffe Dissidenten wie den Rapper Eminem, der Millionen damit macht, Frauen und Schwule zu beschimpfen.

Was Henninger meint, ist, dass die Gedankenpolizei genau das, was sie zu verhindern sucht, produziert. Und das hat Möllemann gesagt. In Bezug auf Friedman. Nur dümmer.

Jeder weiß, wie leicht die "Moral-Keule" in deutschen Breiten zu missbrauchen ist, Jenninger hat es erfahren, Walser auch. Nun wiederholt sich der Vorgang, nur eine Spur schussliger, verquatschter, aufgeregter - kein Wunder, die Hauptakteure sind Talkmaster und Politiker im Wahlkampf, und das macht sie nicht unbedingt seriöser.

Es wimmelt von taktisch Empörten. Claudia Roth ist sicher nicht die Einzige, aber doch wohl die schamloseste Trittbrettfahrerin. Sie will ihrer Partei wieder linkes Profil geben. Was ist da geläufiger als das Antifa-Tremolo?

Obrigkeitshörig und opportunistisch, also erstaunlich wilhelminisch, wandte sich Claudia Roth an die Ermittlungsbehörden, um mit ihrer Anzeige gegen Möllemann wegen "Volksverhetzung" in die "Tagesschau" zu kommen.

Wie viel besser und selbstverständlicher und demokratischer gehen da andere mit dem heiligen Gut der Meinungsfreiheit um.

Als der portugiesische Nobelpreisträger Saramago kürzlich die israelische Besatzung in den palästinensischen Autonomiegebieten mit Nazi-"Schandtaten" verglich, produzierte er jede Menge Kritiken.

Wer sich vor ihn stellte, war Ex-Staatschef Mário Soares persönlich, mit dem Hinweis darauf, dass auch ein Nobelpreisträger ein Recht darauf habe, Zorn zu äußern.

Wie wäre es, beim nächsten Mal, mit dieser Haltung auch bei uns?


DER SPIEGEL 22/2002
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