SPIEGEL: In Ihrem Buch "Elternparanoia" behaupten Sie, dass die meisten Eltern Angsthasen sind. Warum?
Furedi: Eigentlich ist es keine Wissenschaft, ein Kind aufzuziehen. Aber Experten reden heute den Eltern ein, sie müssten Fachleute in Psychologie und Ernährungslehre sein und schon Babys mit Sprachkursen stimulieren. Die Eltern sind verunsichert, wollen nur das Beste machen und werden so überängstlich.
SPIEGEL: Und diese Sicherheitsparanoia schadet den Kindern?
Furedi: In den meisten westlichen Ländern werden die Kinder stets begleitet: zur Schule, zum Spielplatz und zu organisierten Freizeitaktivitäten. Aber sie lernen mehr über ihre Stärken und Schwächen, wenn sie sich selbst behaupten müssen, indem sie mit anderen Kindern streiten, teilen, Freundschaften schließen.
SPIEGEL: Was sind die Folgen dieser Erziehung?
Furedi: Kinder, die wie Batteriehühner in der Wohnung gehalten werden, sind nachweislich dicker als Kinder, die draußen herumtoben. Sie nutzen oft auch die Verunsicherung der Erwachsenen, um diese gegeneinander auszuspielen. Und die von der Erziehungsratgeber-Branche geschürte Verunsicherung schadet der gesellschaftlichen Entwicklung. Eine Gesellschaft, in der Abenteuerlust und Ehrgeiz auf der Strecke bleiben, bringt sich selbst in Gefahr.
SPIEGEL: Fürchten nicht die meisten Eltern, zu wenig Zeit mit ihren Kindern zu verbringen?
Furedi: Doch, das ist das Verblüffende: Immer mehr Frauen arbeiten, aber die Zeit, die sie für die Kinderaufziehung aufbringen, hat sich in den vergangenen 30 Jahren verdoppelt, bei Männern vervierfacht. Unsere Großmütter haben ihre Kinder einfach rausgeschickt. Hauptsache, sie kamen pünktlich zum Abendessen.
DER SPIEGEL 22/2002
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