27.05.2002

Wie ein letztes welkes Blatt

Von Hoyng, Hans und Sontheimer, Michael

Mit Pomp und Circumstances, Jubelparaden und Feiern im ganzen Land begeht Elizabeth II. ihr goldenes Thronjubiläum. Doch der Beifall wirkt hohl, die Fundamente der Monarchie bröckeln. Für ihr auf europäisches Mittelmaß geschrumpftes Reich ist die Krone zu groß.

Mit einem über drei Meter großen eisernen Elefanten auf Rädern erwarteten Einwanderer aus Indien und Bangladesch Ihre Majestät im Londoner East End, dem Armeleuteviertel der Hauptstadt. Eine anglo-asiatische Blechkapelle blies schmissige Märsche, und wie überall, wo Elizabeth II. in diesen Tagen erscheint, um das "Golden Jubilee", das 50-jährige Jubiläum ihrer Thronbesteigung am 6. Februar 1952 nunmehr offiziell zu feiern, standen ganze Schulklassen am Straßenrand und winkten mit ihren Union Jacks. Königlicher Besuch im Ghetto - nur noch ein schwacher Abglanz jener Zeiten imperialer Größe, in denen die Monarchen des britischen Weltreichs den Titel Kaiser von Indien führten.

Wenig ist in diesen Tagen davon geblieben. Die Königin, ein eher unscheinbares Muttchen von 76 Jahren und 162 Zentimeter lichter Höhe, das sich gern in Mäntel und Kostüme von bauschiger Gemütlichkeit kleidet, braucht keine Concorde und keine Staatsyacht mehr, um auch die entlegensten Ecken ihres Herrschaftsbereichs aufzusuchen. Das Land, das sie repräsentiert, ist längst auf europäisches Mittelmaß geschrumpft, und an diesem Maß ist ihre Jubeltour bemessen.

In der Hafenstadt Falmouth, im äußersten Südwesten Englands, begann der Feiermarathon der Jubilarin mit einem Salut von 21 Schüssen aus den Rohren der königlichen Fregatte "Cornwall" und - Britannia, rule the waves - der feierlichen Taufe eines Rettungsboots. In der notdürftig befriedeten Unruheprovinz Nordirland musste die Armee massive Präsenz demonstrieren, um Leib und Leben ihrer Oberbefehlshaberin zu schützen, im nordenglischen Newcastle gelang es den Ordnungshütern, die "vital parts" eines Protestierers notdürftig zu verhüllen, der splitternackt neben dem Rolls-Royce der Queen entlangsprintete.

So, zwischen gediegenem Wohlwollen und liebenswürdiger Absurdität absolviert sie gemeinsam mit ihrem Gemahl, dem der Missmut über die anhaltende Volksnähe ins Gesicht geschrieben ist, einen 14-wöchigen Reigen aus Garten-Partys, Gottesdiensten, Ausstellungseröffnungen, Freudenfeuern, Blumenschauen und Dinners.

Den geplanten Höhepunkt erreichen die Feierlichkeiten mit dem Golden Jubilee Weekend Anfang Juni in London. Erstmals sollen sich dafür die Gärten des Buckingham Palace für 24 000 Besucher zweier Konzerte öffnen - eines, am kommenden Samstag, mit leichter Wohlfühl-Klassik, das die wenig Musik liebende Queen wohl oder übel durchstehen muss, eines mit Rentner-Rock, bei dem sich Ma''am am Montag trotz der Darbietungen ihrer Ritter Sir Paul McCartney und Sir Cliff Richard wohl frühzeitig verabschieden wird, um auf der anderen Seite ihres zugigen und ungeliebten Londoner Wohnsitzes das "Nationale Freudenfeuer" zu entzünden.

Ein Höchstmaß an Würde soll dann am Dienstag die Fahrt vom Buckingham-Palast zur St.-Paul''s-Kathedrale demonstrieren, wo in einem Dankgottesdienst der eher mageren Segnungen ihrer Regentschaft gedacht werden soll. Dafür wird dann auch wieder jene goldene Kutsche entmottet, in welcher Elizabeth 50 Jahre zuvor zu ihrer Krönung rollte.

Der Rest des Tages geht mit Paraden dankbarer Untertanen vorüber, mit einem Flug der Concorde über den Buckingham-Palast und einem riesigen Feuerwerk. Sogar eine Hell''s-Angels-Formation, unter Anführung eines royalistischen Motorradfreaks mit dem Szene-Namen "Snob", will der Queen knatternde Reverenz erweisen. "Ich tu''s für England", gelobt der reformierte Rocker.

Private Sponsoren - darunter auch die Deutsche Bank und die Hamburgische Landesbank - haben rund neun Millionen Euro spendiert. Da die Briten einen Feiertag geschenkt bekommen, hofft der Organisator der Festlichkeiten, Lord Sterling, dass sich bis zu einer Million Schaulustige rund um den Buckingham Palace drängen werden. Selbstverständlich wird das Spektakel via TV in alle Welt übertragen.

Die Volksbelustigung des Golden Jubilee, das ihre Ur-Urgroßmutter Victoria in dieser Form erfunden hatt e, ist aber weit mehr als eine Kette fröhlicher Staatsfeiertage. Die Superfete soll vor allem dem königlichen Personal helfen. Das monatelange Fest muss dem durch eine Dekade höhnischer Berichterstattung in den Medien schwer angeschlagenen Haus Windsor wieder aufhelfen. Und solche Stabilisierung hat das britische Herrscherhaus bitter nötig.

Denn in Zeiten, in denen Britanniens Monarchen ihre Gotteserwähltheit längst - eigentlich seit jenem 30. Januar 1649, an dem Charles I. von einem Fenster seines Palasts aus das Schafott bestieg und seinen Kopf einbüßte - verloren haben, in Zeiten, in denen die Royals auch jedes politischen Einflusses beraubt sind, dessen letzte Überbleibsel mächtige Premiers wie Benjamin Disraeli und William Gladstone schon ihrer Vorfahrin Victoria entwunden hatten, bleibt der Monarchin nur noch eines: Sie muss Tag für Tag ihre Selbstdarstellung perfektionieren, um ihre königliche Aura - und damit ihren Thron - zu wahren.

Und das kann sie, das hat sie gelernt. Elizabeth II. ist die letzte Queen, die stilvollendet jene "decency" verkörpert, welche die Briten von ihren Royals erwarten. Doch ebenso wollen ihre "subjects" die Herrscherin auch lieben. Und diese Liebe zu erringen war eine Aufgabe, an der selbst ihr eiserner Wille zur Pflichterfüllung scheiterte. Ihren unmittelbaren Nachkommen dagegen fehlt inzwischen beides - die Magie und die Zuneigung. Deshalb steht zu bezweifeln, dass die Monarchie überlebt, wenn Elizabeth II., von Gottes Gnaden Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland, Oberhaupt des Commonwealth und Verteidigerin des Glaubens, dereinst abtritt.

Der Marquess von Salisbury, letzter Premier des Viktorianischen Zeitalters, erkannte frühzeitig, dass "ein Rückzug aus der Öffentlichkeit eine der wenigen Extravaganzen ist, die sich das königliche Personal nicht leisten kann". Ihr Einfluss, empfahl der Politiker der Königsfamilie, "leitet sich von der Zuneigung und der Loyalität Ihrer Untertanen ab und braucht ununterbrochene Publizität, um sich zu erhalten".

Mit solcher Erhaltung tun sich die Windsors zunehmend schwerer. Denn das zweite Elizabethanische Zeitalter litt von Anfang an unter einem nicht mehr aufzulösenden Konflikt. Elizabeth ging es stets mehr darum, die geheimnisvolle, würdige Ausstrahlung der Monarchie zu erhalten. Zeitlebens wehrte sie sich mit Zähnen und Klauen gegen Konzessionen an größere Volkstümlichkeit, zu der sie ihre Vertrauten drängten und die ihre Schwiegertochter Diana mit leichtem, seichtem Auftritt so perfekt verkörperte.

"Mit ihrer angeborenen steifen Oberlippe", so ihre Cousine Patricia Mountbatten, ist Elizabeth II. keine Monarchin zum Anfassen; niemals wurde die Queen von ihren Untertanen in gleicher Weise verehrt wie ihre Schwiegertochter, die nach ihrem Tod zur "Fürstin des Volkes" und "Königin der Herzen" aufstieg. Verlässlich dröge blieben ihre Weihnachtsansprachen, die ebenso wenig aus dem britischen Way of Life wegzudenken sind wie der schwer verdauliche Christmas Pudding.

Stets zeigt sich Majestät kontrolliert, emotionslos und irgendwie hölzern; ihre fanatische Liebe zu Pferden und Hunden ist selbst vielen der traditionell tierlieben Briten suspekt. Aber wenn sie auch - besonders auf junge Briten und Einwanderer - wie ein kurioses Relikt aus einer anderen Zeit wirkt, Respekt hat sie sich doch erworben. Pflichtbewusst wie eine Preußin hat sie ein halbes Jahrhundert lang die Krone repräsentiert.

Ganz anders dagegen ihre Kinder. Sie bewiesen Volksnähe, dass es nur so krachte. Ihre Söhne, die Prinzen, verwandelten sich in einer Kette von Skandalen und Affären in hässliche Frösche; deren Frauen wurden zu einer echten Gefahr für das Königshaus.

Was sollen die Briten etwa von einem Thronfolger halten, der sich wünschte, als Tampon seiner Mätresse wiedergeboren zu werden? Oder was von seinem Sohn William, der auf der Jagd einen Fotografen mit einem herzhaften "Fucking piss off" aus dem Schussfeld komplimentierte? Was von dessen Bruder Henry, der inzwischen dank seines Cannabis-Konsums als "Harry Pothead" bekannt ist? Oder von der ganzen Sippschaft des Hauses Windsor, das Diana zufolge nur noch "eine Kolonie von Aussätzigen" ist.

Elizabeth und ihre Kinder sind die einzige königliche Familie Europas, die sich noch in jenem feudalen Stil inszeniert, der ihre Kollegen in anderen Ländern reihenweise den Thron gekostet hat. Stets umgeben von Lakaien und Höflingen, wird hoch zu Ross gejagt, im königlichen Zug gereist, in sechs offiziellen und acht privaten Domizilen residiert.

Doch obwohl die britischen Untertanen sich durch Duldsamkeit und Sentimentalität auszeichnen, muss die Monarchie mehr und mehr um ihre Existenz kämpfen. Ihre bevorzugte Waffe sind rauschende Feste, verschwenderische Märchenhochzeiten, staatstragender Pomp. Sogar das zehntägige Trauerritual für Queen Mum hat gezeigt, dass die königliche Familie inzwischen integraler Bestandteil der Unterhaltungsindustrie ist.

Und selbst Briten, die der Monarchie nichts abgewinnen können, halten den Royals zugute, dass sie dem Land wenigstens Touristen zuführen. Die Verantwortung für das Golden Jubilee auf Seiten der Regierung ging denn auch vom Innenministerium auf das für den Fremdenverkehr zuständige Kulturministerium über.

In einem Staat, dessen öffentliche Verkehrseinrichtungen stets Chaos hervorrufen, dessen Gesundheitswesen sterbenskrank ist, dessen einst weltbeherrschende Unternehmen kaum noch Industriegüter produzieren, funktioniert immerhin eines: In der Choreografie königlicher Spektakel sind die Briten Weltmeister.

Die hochpolierten, silbern glänzenden Brustpanzer der Kürassiere blenden noch immer die Menschentrauben, die sich bei Aufmärschen bis zu einem Dutzend Reihen tief auf beiden Seiten der Mall zwischen Buckingham-Palast und Trafalgar Square drängen. Die Bärenfellhelme der Life Guards bewegen sich so gleichmäßig im Takt des Marschschritts ihrer Träger, dass es aussieht, als zöge ein vielhundertbeiniges Fabeltier die Pracht- und Paradestraße hinauf.

Beim jährlichen Trooping the Colour, der offiziellen Geburtstagsparade der Queen, beginnen auch eingefleischte Pazifisten zu lächeln, wenn der Aufmarsch der Traditionsregimenter mit derart unglaublicher Präzison abschnurrt, dass nicht ein einziger Soldat aus Takt und Schritt gerät. Dabei erfordert das Spektakel einen Personalaufwand, der dem des jüngsten Expeditionscorps an den Hindukusch nicht nachsteht.

Jedes Mal, wenn sich das Haus Windsor mit höchster Prachtentfaltung präsentiert, muss das kleine Häuflein der Monarchiegegner vorübergehend noch kleiner beigeben. Nur die auf Majestätsbeleidigung spezialisierte "Bewegung gegen die Monarchie" macht dann wieder von sich reden. Die Anarchisten bereiten derzeit im ganzen Land Happenings vor und wollen ebenfalls durch London ziehen, allerdings mit einem Fallbeil. Ihr Slogan: "Was wollen wir? Keine Queen! Wie schaffen wir das? Mit der Guillotine!"

"Die königliche Familie ist gleichsam der Wächter unserer gemeinsamen Erinnerungen", zitiert dagegen Jonathan Freedland einen Kollegen. Freedland ist Chefkommentator beim liberalen Londoner "Guardian", der gemeinsam mit dem konservativen "Economist" die republikanische Speerspitze der britischen Presse bildet. "Sie verbindet uns mit unserer Geschichte." Doch diese Verbindung ist konsequent in die Vergangenheit gerichtet, denn früher, nicht wahr, als das Britische Empire noch fast ein Viertel der Erde umfasste, war alles besser.

Und dieses immer wieder neu vorgespiegelte Kaleidoskop verflossener Größe, das keineswegs uralt ist, sondern zumeist die künstlichen Traditionen des Viktorianischen Zeitalters aufscheinen lässt, hat Elizabeth von Anfang ihrer Regentschaft begleitet: Der Thron, den die 25-Jährige 1952 bestieg, war bereits ein Märchenthron,

ihr Reich ein Märchenreich, ihre Soldaten, zumindest die ihrer Household Cavalry, Operettensoldaten.

Für die Krönungsfeierlichkeiten im Juni 1953 verwandelte sich die Innenstadt von London in eine Art Disneyland. Triumphbögen säumten die sieben Meilen lange Strecke, die die Königin nach der Krönung in der goldenen Staatskarosse abfahren würde. Weil nicht einmal die Windsors über genügend Prunkkutschen verfügten, um Familienmitglieder und wenigstens die wichtigsten gekrönten Gäste zum Ort der Feierlichkeiten zu bringen, half der britische Film-Magnat Alexander Korda aus: Aus seinem Requisitenfundus stellte er sieben weitere Kutschen zur Verfügung.

Der 2. Juni war als Krönungstag ausersehen worden, weil alle meteorologischen Daten für diesen Tag die höchste Sonnenwahrscheinlichkeit auswiesen (natürlich regnete es dann in Strömen, und nur eine Tropen-Königin aus Mikronesien, heftige Monsun-Güsse gewohnt, fuhr platschnass im offenen Landauer). Auch die Krönungszeremonie in der Westminster Abbey sollte besonders prunkvoll aussehen, weil das Fernsehen eine solche Feier erstmalig übertrug.

Nicht, wenn es nach Elizabeth gegangen wäre. Das neue Medium erachteten sie und ihre Familienmitglieder als vulgär, als visuelle Variante der verachteten "Gossenpresse". Überdies hatte der Erzbischof von Canterbury im Rahmen des Krönungsrituals symbolisch auch die königliche Brust zu salben - undenkbar, das den Augen der Welt auszusetzen. Doch gegen das strikte Nein liefen schon damals die Medien Sturm, und Elizabeth machte das, was sie in ähnlichen Situationen immer wieder machen musste: Sie knickte nach heftiger Gegenwehr ein, musste sich schlussendlich Volkes Willen fügen.

Ein neues Elizabethanisches Zeitalter sollte damals anbrechen, und dessen Herolde bastelten sich fleißig einschlägige Parallelen zum ersten zurecht. War nicht unter der Regentschaft ihrer Namensvorgängerin im 16. Jahrhundert eine Invasion des spanischen Königs Philipp II. gescheitert - wie gerade erst der Versuch Hitlers, das Inselreich niederzuringen? Warum sollte jetzt nach dem Sieg nicht ebenfalls wieder eine triumphale Zeit anbrechen?

Es hat nicht sollen sein. Anders als ihre ähnlich lang regierenden Vorgängerinnen Elizabeth I. (44 Jahre) und Victoria (63 Jahre) war die Regierungszeit Elizabeths II. nicht durch eine Expansion nationaler Macht gekennzeichnet. Im Gegenteil, sie war die erste Monarchin, die sich nicht mehr mit dem Titel Kaiserin von Indien schmücken durfte.

Während der fünf langen Dekaden ihrer Regierungszeit, zwischen Suez-Krise und der Übernahme der letzten britischen Nobelkarossen Bentley und Rolls-Royce durch Volkswagen und BMW, schrumpfte das Empire bis zu jenem 30. Juni 1997, als ihr Sohn die Kronkolonie Hongkong an China zurückgab und an Bord der königlichen Yacht "Britannia" aus dem "Duftenden Hafen" verschwand - was zugleich auch die letzte Fahrt des altersschwachen Dampfers unter der Windsor-Flagge war. Ein neues Schiff konnte sich die Monarchin, deren Vorgänger sich als Beherrscher der Weltmeere fühlten, nicht mehr leisten.

Statt Kaiserin eines Imperiums durfte sie allenfalls noch die Mutter des Commonwealth geben und Dritt-Welt-Potentaten festliche Dinners unter dem Sternenhimmel des Südens ausrichten.

"Die Fundamente der Monarchie bröckeln", glaubt der Historiker Norman Davies. Er verweist auf den Niedergang der anglikanischen Kirche, deren Oberhaupt die Königin ist, und auf die Autonomiebestrebungen in Schottland und Wales.

Auch Tony Blairs Abschaffung der Erbnachfolge im House of Lords, der oberen Kammer des britischen Parlaments, erwies sich als Schlag gegen die Monarchie. Die geschassten Lords, Grafen und Barone räumten ihre Traditionssitze unter finsteren Verwünschungen, die fast alle darauf hinausliefen, dass bald wohl nun auch die Monarchie, die Inkarnation des Erbfolgeprinzips, dran sei. Sicher ist: Blair hat sich so sehr in den Vordergrund gespielt, dass Kritiker wie Parteifreunde bereits von "Präsident Blair" sprechen - so als wäre er das wahre Staatsoberhaupt.

Britanniens Königtum, glaubt Davies, werde absterben wie die Blätter eines Baumes im Herbst - unmerklich zunächst, ohne große Umwälzungen, und einige Stürme könne das Haus Windsor wohl auch noch überstehen. Doch am Ende werde dann ein Windhauch "das letzte welke Blatt vom Ast" holen (siehe Interview Seite 150).

Gegen diesen Trend hat sich Elizabeth als machtlos erwiesen. Zäh hat sie immer nur den Status quo verteidigt - und häufig mit einer Miene, als röche sie Anrüchiges. Doch hinhaltender Widerstand erwies sich meist als vergeblich. Was das Volk verlangte, sei''s größeren Zutritt zu ihren Palästen, sei''s, dass die Monarchin Steuern zahlen müsste, sei''s, dass das Volk seine Queen nach Dianas Tod zum Trauern nach London beorderte - die Subjekte bekamen stets das, was sie wollten.

Mit eiserner Disziplin, deren Mühen sich in ihrem Gesicht widerspiegeln, hat sie ihr Amt verwaltet, so wie "Prinzessin Lilibet" die bei ihrem Vater gelernt hat, jenem gutmütigen, stotternden, eher unbedarften Monarchen, der nie hatte König werden wollen.

George VI., der den Thron bestieg, als sein Bruder Edward VIII. zu Gunsten einer Ehe mit der geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson im Dezember 1936 abdankte, war das große Vorbild der jungen Prinzessin gewesen. Ihre Eltern hatten sie erzogen, wie Generationen der britischen Aristokratie ihre Töchter zuvor erzogen hatten: gar nicht. Lilibet, wie sie von ihrer ganzen großen Verwandtschaft gerufen wurde, sollte allenfalls wissen, wie sie sich als feine Dame zu benehmen hatte, und dafür waren Mathematik und Physik überflüssig. Sie wurde von ihrer Gouvernante erzogen und hat nie eine Schule von innen gesehen.

Noch heute liest die Queen keine Bücher, jedenfalls keine, die sich einem anderen Thema widmen als der Aufzucht von Pferden. Ihr Onk el, der einstige König, hatte die Bitte eines Verlegers, seine Memoiren zu schreiben, mit der Begründung abgelehnt: "Ich könnte es nicht ertragen, wenn die Welt erführe, was für ein ungebildeter Haufen wir alle sind."

Der Zweite Weltkrieg wird entscheidend für Elizabeth, denn ihre Eltern leben ihr zwei verschiedene Modelle königlichen Umgangs mit widrigen Zeitläuften vor. Ihre Mutter, ein PR-Genie lange vor der Zeit professioneller Imagepfleger und Style-Experten, hastete nach Bombenangriffen auf London in die zerstörten Stadtviertel, balancierte auf Stöckelschuhen und in Pelzmäntel gehüllt durch die Ruinen und verbreitete Durchhalteparolen. Ihre Töchter mussten den Briten per Radio Mut zusprechen.

Elizabeths Vater litt schon wegen seines Stotterns unter öffentlichen Auftritten. Er absolvierte sie zwar pflichtbewusst, vergrub sich aber ansonsten ins Studium jener Regierungspapiere, welche die Regierung jeden Tag in den berühmten roten Holzboxen anlieferte.

Stundenlang studierte er Lageberichte und Aufmarschpläne. Niederlagen an der Front nahm er persönlich, obwohl er weder seinen Militärs noch seiner Regierung irgendetwas raten, geschweige denn befehlen konnte. Seine Disziplin beim klaglosen, aber eigentlich überflüssigen Aktenstudium verlieh seiner Regentschaft eine leicht absurde Dimension, trotzdem war "Papa" das über alles geliebte Vorbild.

Nur in einem setzte sie sich über die Wünsche ihres Vaters hinweg. Sie heirate-

te ein mittelloses, leicht erregbares Blaublut, dessen Onkel einmal König von Griechenland gewesen war, der mit dem gesamten europäischen Hochadel verwandt war (inklusive ihr selbst: ein Vetter achten Grades), den die englische Aristokratie wegen seiner allzu teutonischen Abstammung (Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg) mied und den ihre Mutter einen "deutschen Junker" schimpfte: Prinz Philip von Griechenland.

Der junge Kapitänleutnant hatte es nicht leicht. Obwohl er Brite geworden war und den Namen seiner Mutter angenommen hatte (hinter dem englischen Mountbatten war das deutsche Battenberg allerdings immer noch leicht erkennbar), hatte er wenig zu bestellen. Als ein adelsstolzer Onkel nach der Hochzeit mit Elizabeth feststellte, dass jetzt das Haus Battenberg herrsche, schlugen die empörten Windsor-Witwen zurück: Queen Mary, ihre Großmutter, und Queen Elizabeth the Queen Mother (die hatte sich den einmaligen Titel ausbedungen, weil sie das Wort "königliche Witwe" nicht ausstehen konnte) bestürmten erfolgreich die Regierung, ein Gesetz beschließen zu lassen, das alle Kinder der jungen Königin als Windsors auswies. Dieses Geschlecht, nach dem Stammschloss der englischen Könige benannt, war allerdings ebenfalls erst im Ersten Weltkrieg anglisiert worden. Bis 1917 hatten die Windsors den Familiennamen Sachsen-Coburg und Gotha getragen.

Über die Namensstreitigkeiten kam es zum Hauskrach bei dem jungen Paar. Diener berichteten von lautstarken Auseinandersetzungen hinter verschlossenen Türen, und Philip kam sich vor "wie eine verdammte Amöbe". Er sei der einzige Mann in Großbritannien, "der seinen Kindern nicht den eigenen Namen vermachen kann".

Doch schon bald akzeptierte der hitzköpfige Marineoffizier seine Stellung als wirbelloser Prinzgemahl, fand sein - durchaus belastbares - freundschaftliches Auskommen mit der Monarchin und ein freudvolles mit wohl einer ganzen Reihe von Freundinnen dazu. Gemeinsam mit seiner Frau musste er auf ausgedehnten Reisen durch die einstigen Kolonien mehr Folkloredarbietungen ertragen, als einem einzelnen Menschen zugemutet werden dürfen. Weshalb verständlich und verzeihlich ist, dass er Eingeborene zuweilen fragt, ob sie sich "noch immer mit Speeren bewerfen". Seine wichtigste Aufgabe hatte er ohnehin längst erledigt: Er zeugte "an heir and one to spare", einen Thronfolger und einen Ersatz.

Elizabeth hatte etwas Glanz in den tristen Nachkriegsalltag gebracht, falschen Glanz, wie damals schon der Dramatiker John Osborne fürchtete. Die Monarchie sei "eine Goldfüllung in einem faulenden Mund", schimpfte er, "der letzte Zirkus einer Zivilisation, die den Glauben an sich verloren und sich an eine schimmernde Trivialität verkauft hat".

Und der Zirkus, der ein halbes Jahrhundert lang nicht enden wollte, dessen burleske Auftritte 40 Jahre später in jenem "annus horribilis" gipfelten und den Bestand der Monarchie gefährdeten, all das begann schon am Krönungstag: Ein aufmerksamer Journalist hatte die Schwester der Königin dabei erwischt, wie sie einem Captain der Royal Air Force liebevoll einen Fussel von der Prunkuniform strich. Dessen Name: Peter Townsend.

Einer der beliebtesten Höflinge des alten Königs wäre sicher auch eine hervorragende Wahl für Prinzessin Margaret gewesen, wenn der forsche Flieger nicht bereits geschieden gewesen wäre. Und so bahnte sich abermals, über 16 Jahre nach der traumatischen Abdankung Edwards VIII., eines jener Familiendramen an, an denen unterdessen, dank immer dichterer medialer Vernetzung, die ganze Welt gierigen Anteil nahm, von denen die Windsors dagegen - nicht zu Unrecht - glaubten, sie beförderten das Ende ihrer Welt.

Britanniens Monarchen brauchten zwar längst nicht mehr gefürchtet zu werden, aber sie waren zu Vätern und Müttern der Nation geworden, mussten so sein, wie Britanniens Väter und Mütter gern wären.

Eine unlösbare Aufgabe bei dieser Verwandtschaft. Nach zwei Jahren, in denen Margarets Konflikt endlosen Stoff für tränenselige Berichte gab, entschied sich die Prinzessin für den Verzicht auf Townsend, was ihr den dritten Rang in der Thronfolge sowie die jährliche Apanage von seinerzeit 6000 Pfund sicherte. "Wie wundervoll doch der Heilige Geist wirkt", jubilierte der Erzbischof von Canterbury, der schon befürchtet hatte, das Königshaus könnte sich mit der Tatsache abfinden, dass Ehen eben nicht unauflösbar sind.

Das sollte noch dauern. Und so kämpfte Britanniens junge, bei öffentlichen Auftritten zuweilen sogar strahlende Königin gegen alles Moderne oder gegen zu viel Volksnähe. Ihr erster Pressesprecher sah seine vornehmste Aufgabe darin, nicht mit der Presse zu sprechen. Sein Spitzname: The abominable No-man. Eine Fernsehübertragung ihrer Weihnachtsansprachen ließ sie nach jahrelangem Drängen erstmals 1957 zu. Glücklich gelächelt hat sie bei solchen Ansprachen nie. Selbst als die Swinging Sixties über ihre Hauptstadt hereinbrachen, endete die Spaßgesellschaft am schwarzgoldenen Gitterzaun des Buckingham-Palasts.

Von ihrem Volk hielt Elizabeth sich eher fern. Als 1966 bei einem Bergrutsch in der südwalisischen Bergwerksstadt Aberfan 116 Kinder und 28 Erwachsene begraben wurden, weigerte sich die Königin, den Katastrophenort aufzusuchen. Gefühle, so very British, waren ihr peinlich, wenn nicht gar das ausschließliche Vorrecht der niederen Stände. Gefordert war die betonharte stiff upper lip.

Erst 1967 ließ Elizabeth die erste BBC-Dokumentation über ihr Familienleben zu. Zwölf Jahre hatten die Produzenten betteln müssen. Die Königin selbst behielt sich die letzte Entscheidung darüber vor, was gefilmt werden durfte und was nicht.

Der Film zeigte, wie die Königin die Ponys ihrer jüngeren Kinder am Zügel durch den idyllischen Park ihres schottischen Schlosses Balmoral führte, zeigte auch Charles beim Cellospielen und Philip beim Grillen, zeigte aber keineswegs die Royals bei ihrem Hauptvergnügen in Schottland. Ganze Tage kann die königliche Familie damit verbringen, Moorhühner und anderes Gefieder vom Himmel zu schießen - Elizabeth, deren Hunde offenbar wahre Meister im Apportieren der Beute sind, immer vorschriftsmäßig im Sicherheitsabstand hinter den Schützen.

Bringen ihre Hunde noch lebende Beute, zieht Elizabeth ihren "Priester", einen metallbeschlagenen kleinen Stock, mit dem sie die Tiere durch einen Schlag auf den Kopf endgültig umbringt. Ist der Priester einmal nicht dabei, kann Her Majesty, wie eine vorwitzige Kamera heimlich festhielt, die Vögel weidgerecht ins Jenseits befördern: Sie dreht ihnen den Hals um, bis es knackt.

Und dabei pflegt Elizabeth mit Tieren, darin sind sich alle Höflinge einig, viel bes-

ser auszukommen als mit Menschen. Als ihr eine Freundin zum Tod eines ihrer Corgis kondolierte - das Tier war von den Hunden ihrer Mutter zu Tode gehetzt worden -, erhielt die mitfühlende Seele einen mehrseitigen Dankesbrief. Als aber irische Terroristen der IRA Lord Mountbatten auf seinem Schiff in die Luft jagten, wobei auch das Kind dieser Freundin starb, schrieb sie nicht einmal eine Mitleidszeile. Lord Hurd, Außenminister unter Margaret Thatcher, ist überzeugt, dass sich Elizabeth "Gefühle annähernd abtrainiert" hat.

Niemand darf ihren Lieblingen, den Corgis Pharos, Emma, Swift und Linnet, etwas antun. Die übellaunigen Biester sind vor allem bei Besuchern verhasst, weil sie ungeniert zubeißen, woran nach Meinung der Queen die Gäste selbst schuld sind. Die wenigen Momente, in denen sich Elizabeth Aufregung anmerken lässt, werden durch Pferderennen provoziert, bei denen ihre eigenen Tiere antreten. Dann kann sie buchstäblich ihre Röcke raffen und aus den hinteren Räumen der Royal Enclosure in Ascot, wo sie den Beginn eines Rennens am Fernsehen gesehen hat, nach vorne auf den Balkon rennen, um den Zieleinlauf live mitzuerleben. Und wenn sie kein Preisgeld gewinnt - ihr Gestüt ist renommiert, aber nicht siegverwöhnt -, gibt sie sich auch mit den Wetteinnahmen zufrieden.

"Wenn die Königin", sagt einer ihrer ehemaligen Privatsekretäre, "nur halb so viel Sorgfalt auf die Erziehung ihrer Kinder verwandt hätte, wie sie der Aufzucht ihrer Pferde angedeihen lässt, dann hätten wir heute nicht dieses Chaos." Ihre Distanz zu ihren Kindern, vom Biografen Graham Turner einmal als "Schlüsselkinder, die in Palästen wohnen" bemitleidet, wurde im Laufe der Jahre eher grö-

ßer. In den 14 Jahren, in denen Charles auf seinem Landgut Highgrove wohnt, hat sie ihren Ältesten ganze dreimal besucht. Jahrelang trugen ihre jeweiligen Höflinge bittere Streitereien aus. Der Krieg der Paläste - ihr Buckingham, sein St. James''s - gab immer saftigen Stoff für die Medien.

Als Prinzessin Anne 1992 zum zweiten Mal heiraten wollte, fragte der Schlossgeistliche sie, ob sie schon mit ihrer Mutter gesprochen habe. Er erhielt zur Antwort, ob er denn nicht wisse, "wie schwierig es ist, mit Mummy über solche Dinge zu sprechen. Tante Margaret sagt immer, die einzige Zeit, sie anzusprechen, sei, wenn ihre Hunde nicht da sind. Aber dann ist sie meist zu müde".

Niemand kann bezweifeln, dass die Queen einen anstrengenden Job hat. Jeden Tag treffen aus dem Regierungsviertel Whitehall zehn "Red Boxes" ein, deren Inhalt sie Seite für Seite liest, mit Anmerkungen versieht und mit "Elizabeth R." (Regina) gegenzeichnet. 50 Botschafter präsentieren jedes Jahr ihre Akkreditierungen. Drei Staatsbesuche wollen gemeistert sein. Auf 22 Investituren zeichnet sie bis zu 2500 verdiente Bürger aus. Auf vier Garden-Partys - zwei im Londoner Buckingham-Palast, zwei in Holyroodhouse von Edinburgh - begrüßt sie 8000 Gäste.

Mehrmals im Jahr lädt sie acht bis zehn Bürger, die sie besonders würdigen will, samt deren Familien zum Dinner mit anschließender Übernachtung nach Schloss Windsor ein. Allerdings sind diese halb privaten Feste nicht mehr annähernd so lustig wie zu Zeiten ihrer Eltern. An dem Abend, als George VI. und seine Frau das neu er-

nannte Labour-Kabinett von Clement Attlee nach Windsor gebeten hatte, übten sich die Minister, der König und seine ganze Familie nach dem Essen im Stechschritt. Elizabeths Vater hatte diesen Parademarsch, den immerhin auch die Nazis als preußisches Erbe pflegten, bei polnischen Exiltruppen gesehen und war seither ganz begeistert.

Keine Aufgabe hat Elizabet h ernster genommen als jene, die aus ihrem Titel Oberhaupt des Commonwealth entspringen. Nie hat es sie gestört, dass sie sich zum Narren machen musste, wenn sie mit todernstem Gesicht die Rede seiner Exzellenz, des Außenministers von Papua-Neuguinea, anhören musste, der zu diesem Zweck heimische Tracht angelegt hatte - einen Penisschutz und sonst nichts.

Ihre Aufgabe, die gleichfalls nur aus repräsentativen Pflichten besteht, ließ sie sich nicht kaputtmachen: nicht durch Premierminister wie Margaret Thatcher, die das Commonwealth für ein nostalgisches Abziehbildchen des einstigen Empires hielt, noch durch ihre Mutter, die diesem Empire nachtrauerte und nicht oft genug anbringen konnte, dass Afrika "ja ziemlich auf den Hund gekommen" sei, "seitdem wir es verlassen haben".

Elizabeth dagegen kennt die Generation der Staatsgründer ihrer in die Freiheit entlassenen Kolonien. Sie hielt zu den meisten ein freundschaftliches Verhältnis und bemitleidete sie, wenn etwa Sparauflagen des Internationalen Währungsfonds ihren politischen Bewegungsraum einengten. Sie war "wie eine Nanny zu ihnen", erinnert sich Martin Charteris, einer ihrer Privatsekretäre.

Dass sie von ihren bislang zehn Premierministern mit denen der Konservativen Partei besser zurechtkam als mit den Labour-Regierungschefs, ist ihrer Herkunft entsprechend wenig verwunderlich. Eingestandenermaßen blieb Winston Churchill ihr Lieblingspremier. Margaret Thatcher dagegen konnte sich zuweilen königlicher aufführen als die Königin selbst.

Was strikte Diensterfüllung betraf, hielt sich die Queen für die eisernere der beiden Ladys. "Nun schwimmt sie wieder kieloben", lästerte Elizabeth mit ihrem Erzbischof Robert Runcie, als sie das zweite Mal bemerkte, dass Thatcher sich bei einem diplomatischen Empfang aus Erschöpfung hinsetzen musste.

So routiniert hätte diese Regentschaft immer weitergehen können: eine Königin, die höchst sichtbar, aber auf Distanz bedacht, ih ren Dienst versieht, mit imperialem Pomp das Parlament eröffnet, immer wieder um die Welt reist, die "the great and the good", die wirklich Wichtigen, mit dem Schwert zu Rittern schlägt, die sich einmal im Jahr als Mutter der Nation an ihr Volk wendet und bei alldem langsam, aber sicher immer tiefer in der Traditionskiste versunken wäre.

Doch dann kam jenes Schreckensjahr, 1992, und Auslöser allen Schreckens waren, wie nicht anders zu erwarten, die schrecklichen Kinder. "Bleich und aschfahl" sei die Queen gewesen, berichteten Höflinge, als am 20. August 1992 ein Bildbericht des "Daily Mirror" erschien, in dem sich ihre barbusige Schwiegertochter, die noch mit ihrem Sohn Andrew verheiratete Herzogin von York, die Zehen von ihrem so genannten Finanzberater abschlecken ließ. "Vulgär, vulgär, vulgär", rang ein königlicher Privatsekretär nach Worten.

Doch Elizabeth und Philip hatten zu lange Distanz zu ihren Kindern gehalten, als dass diese sich noch etwas sagen ließen. Die Eltern hatten sich nicht eingemischt, als die Nachkommen des Hauses Windsor ihre eigene Spaßgesellschaft entwarfen: "It was all sex and horses", stöhnten pingeligere Hofbeamte.

Doch die Königin, der ein affärenreiches Leben erspart blieb, weil sie vom 13. Lebensjahr an zu ihrem Philip stand, sah dem Treiben mit unnahbarer Gelassenheit zu. "Ich bin offenbar nicht altmodisch genug, um Königin zu sein", lautete ihr stets wiederholter Spruch, wenn sich Hofbeamte oder die Presse über das Treiben ihrer Nachkommenschaft mokierten. In den siebziger und achtziger Jahren hatten die drei Ältesten in einer Serie von Traumhochzeiten geheiratet. Doch schon in den neunziger Jahren fielen die Ehen der Reihe nach auseinander. Prinz Andrew erklärte 1992 nach fünfeinhalb Jahren Ehe die Trennung von Sarah Ferguson. Prinzessin Anne ließ sich im selben Jahr von dem Wurstfabrik-Erben Mark Phillips

scheiden; Charles ließ seine Trennung von Diana verkünden.

Die geringe Halbwertzeit der Schwüre ewiger Treue wäre nicht so gefährlich gewesen, hätten die Boulevardblätter in der zynischen Thatcher-Ära nicht jeglichen Respekt vor der Privatsphäre der Windsors abgelegt. Die Spezialkommandos von Paparazzi und Hofberichterstattern enthüllten auch die peinlichsten Episoden von "Palace Dallas".

Die große Entzauberung begann. Kaum ein Bulimieanfall der Fürstin von Wales blieb unerwähnt, jede Gewichtsschwankung der Herzogin von York, die One-Night-Stands ihres entfremdeten Gemahls verzeichneten die Gazetten. Das königliche Personal ließ königlichen Anstand vermissen, und je mehr es sich als stinknormale Ehebrecher oder raffgierige Egomanen entpuppte, volkstümlicher, als dem Volk lieb war, desto drängender provozierten sie die Frage, womit sie sich ihre Privilegien und die Alimentierung aus Steuergeldern eigentlich verdient haben.

Republikaner wie der Labour-Linke Tony Benn betonen stets, dass es ihnen nicht um die Personen gehe, sondern um das undemokratische Prinzip. Für sie ist die Monarchie die Speerspitze einer verrotteten Klassengesellschaft, die auf der Insel bis heute wesentlich ausgeprägter ist als auf dem europäischen Festland. Noch immer bestimmen häufig Familie und Herkunft die gesellschaftliche Stellung und

weniger die individuellen Fähigkeiten und Leistungen.

Und die Spitze dieser Pyramide, die Royals, werden auch noch von den Steuerzahlern bezuschusst. Die Queen und Prinz Philip erhalten - ungeachtet ihres derzeit auf über 440 Millionen Euro geschätzten Privatvermögens und der daraus resultierenden Einkünfte - umgerechnet 12,6 Millionen Euro im Jahr.

Auf großem Fuße zu leben ist den Windsors in Fleisch und Blut übergegangen. Als der Verband der Autohersteller ihr zum Jubiläum einen neuen Wagen schenken wollte, bestand Ma''am darauf, er habe "so einfach wie möglich" zu sein. Doch dann wurde es ein Bentley, der mit einigem zusätzlichem Schnickschnack doch auf 475 000 E uro kam. Auf die wesentlich bescheideneren Königshäuser in Skandinavien oder in den Niederlanden blicken die Windsors - seit sich die niederländische Kollegin Juliana 1961 auf einem Drahtesel fotografieren ließ - als "Fahrrad-Monarchien" herab.

"Solange das menschliche Herz stark ist und die menschliche Vernunft schwach", hatte der Staatstheoretiker Walter Bagehot 1867 vorausgesehen, "wird die Monarchie stark sein." Doch niemand weiß so gut wie die Queen selbst, dass die überkommene Institution nur so lange sicher ist, solange sie an ihrer Spitze steht. Als sie am 30. April in der Westminster Hall vor versammeltem Ober- und Unterhaus eine Rede zum Golden Jubilee hielt, bekundete sie denn auch ihre "Entschlossenheit, mit der Unterstützung meiner Familie, dem Volk unserer großen Nation weiterhin zu dienen".

Obwohl daraufhin bei einer Umfrage mehr als die Hälfte der befragten Briten dafür votierten, dass sie vor ihrem Tode abdanken solle, ist der Thronverzicht für sie keine Option. Seit dem unseligen Davonschleichen Edwards VIII. ist Abdankung bei den Windsors ein Schimpfwort.

Der ewige Thronfolger Charles, 53, der wesentlich besser ins 19. als ins 21. Jahrhundert passt, mutiert im Schatten seiner Mutter langsam zu einem Ritter von tragischer Gestalt. Noch immer ist er damit beschäftigt, den Schaden wiedergutzumachen, den er vor zehn Jahren anrichtete, als er die Monarchie durch die bittere Trennung von seiner Frau auf einen historischen Tiefpunkt führte. Erst Dianas Tod leitete für Charles eine Art Wende ein.

Das Mitgefühl der Nation für die Halbwaisen William und Harry schwappte auf den nun allein erziehenden Vater über. Votierte etwa nach der Veröffentlichung seines abgehörten Gesprächs mit seiner Geliebten Camilla Parker Bowles, in dem der Thronfolger drastisch ausmalte, wie er am liebsten in ihren Slip gelangen würde, die Mehrheit der Briten dafür, dass Charles übersprungen und gleich sein Sohn William gekrönt werden solle, hat die Vorstellung von einem König Charles III. inzwischen den größten Schrecken verloren.

Dabei sind seine künftigen Untertanen großzügiger als seine eigenen Eltern, die dem Fürsten von Wales offenbar noch immer nicht zutrauen, die "Firma" vernünftig zu führen. In einer vergangenes Jahr erschienenen Biografie Prinz Philips hieß es, dass er Charles für "affektiert und extravagant hält und es ihm an Hingabe und Disziplin mangelt, die er braucht, wenn er ein guter König sein will". Philip musste sich schriftlich bei seinem Sohn entschuldigen.

Charles steht vor der delikaten Aufgabe, Camilla, mit der er faktisch auf seinem Landsitz Highgrove in der Grafschaft Gloucestershire zusammenlebt, als die Frau an seiner Seite zu etablieren. Da er weiß, dass ihm dies nur schrittweise gelingen wird, zeigte er sich erst 17 Monate nach dem Tod Dianas erstmals mit ihr in der Öffentlichkeit.

Elizabeth musste wohl oder übel akzeptieren, dass für Charles die Verbindung "nicht verhandelbar" ist. Nachvollziehen kann sie das nicht, wirkt Camilla in ihren Augen doch "ziemlich abgenutzt". Letztlich aber ist es an ihr zu entscheiden, ob ihr Sohn seine herbe Konsortin heiraten kann. Nach den Vorschriften der Church of England, der die Monarchen stets vorstehen, ist eine kirchliche Wiederheirat Geschiedener bisher eigentlich nicht statthaft.

Für konservative Monarchisten wäre es bereits eine Zumutung, wenn der künftige König Camilla überhaupt heiraten würde. Aber falls er es doch nicht lassen kann, welchen Titel sollte sie dann von ihrem Gatten übernehmen? Duchess of Cornwall wäre eine vergleichbar unstrittige Möglichkeit. Aber Queen Camilla? Das wäre nach wie vor undenkbar.

In einem nämlich herrscht zwischen Republikanern und Monarchisten unausgesprochenes Einvernehmen: Her Majesty Elizabeth II., von Gottes Gnaden Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland, Oberhaupt des Commonwealth, Verteidigerin des Glaubens, ist die Letzte, die diesen Titel wirklich verdient. HANS HOYNG,

MICHAEL SONTHEIMER

* Bei einer Rundfunkrede im Oktober 1940. * Im November 1999 in Maputo. * Mit Tochter Anne, Ehemann Philip und den Söhnen Andrew und Charles im September 1960. * Mit ihrem damaligen Pressesprecher William Heseltine beim Derby in Epsom am 7. Juni 1989. * Links: Bilder der Herzogin von York mit ihrem Finanzberater John Bryan im "Daily Mirror" vom 20. August 1992; rechts: Prinzessin Elizabeth, Schwester Margaret mit ihrem späteren Liebhaber Peter Townsend (r.) in Südafrika 1947. * Während der Royal Windsor Horse Show am 18. Mai.

DER SPIEGEL 22/2002
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