SPIEGEL: Herr de Winter, gibt es auch in den Niederlanden ein Bedürfnis nach einem Literaturkanon?
de Winter: Nein, etwas Vergleichbares kenne ich nicht. Mich erinnert das etwas an Philatelie, Briefmarkensammler haben auch immer Listen.
SPIEGEL: Die erste Buchkassette wird 20 deutschsprachige Romane umfassen: von Goethes "Werther" über Kafkas "Proceß" bis hin zu Thomas Bernhards "Holzfällen", später sollen Sammlungen mit Gedichten, Erzählungen, Dramen und Essays folgen.
de Winter: Gegen die 20 Romantitel ist nichts zu sagen: Die hätte mir mein Deutschlehrer genauso genannt. Das ist für einen Gymnasiasten bei uns Standard.
SPIEGEL: Bei den deutschen Schülern kann man da nicht mehr so sicher sein ...
de Winter: Tatsächlich? Ein Skandal. Man muss doch ein Fundament, ein Gefühl für die eigene Kultur haben. Gerade Deutschland hat eine so reiche Literatur - das verpflichtet, die Klassiker zu lesen. Aber es stimmt schon: Auch bei uns klagen die Lehrer, dass man Schülern heute nicht mehr viel zumuten könne.
SPIEGEL: Reich-Ranicki will mit seiner Auswahl ein Angebot machen. Aber ist es nicht eine Anmaßung, wenn einer allein einen Kanon diktiert?
de Winter: Ein Gremium kann das noch weniger. Ein Kanon muss gewissermaßen das königliche Siegel tragen: Da benötigt man einen Prominenten wie Reich-Ranicki, der seinen Kopf hinhält.
DER SPIEGEL 22/2002
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