27.05.2002

LEGENDENWitwe im Wahn

Alma Mahler-Werfel, Wiens berühmte Femme fatale, hat im autoritären Österreich der dreißiger Jahre regelrecht mitregiert - das belegen bisher unbekannte Dokumente.
Ihr Leben waren Männer, geniale Männer - mit oder ohne Trauschein. Schon die drei weltberühmten Gatten, der Komponist Gustav Mahler, der Architekt Walter Gropius und der Bestsellerautor Franz Werfel, hätten aus Alma Schindler (1879 bis 1964) ein Unikum der Kulturgeschichte gemacht. Aber die Circe von Wien ließ gern durchblicken, dass ihre private Eroberungsliste weitaus länger war.
Pioniere der Malerei wie Gustav Klimt oder Oskar Kokoschka waren ihr verfallen; schon um 1900 betörte sie Wiens Theatergrößen und Musiker reihenweise. Doch von fast allen diesen Eskapaden sollten in ihrem Memoirenbuch "Mein Leben" (1960) nur spärliche Andeutungen übrig bleiben. Gleich drei Bearbeiter gaben die Arbeit am Manuskript entnervt auf, bis endlich der vierte eine rigoros gekürzte und bereinigte Fassung ablieferte.
"Ich will keine Ehrenbeleidigungsprozesse haben!", so lautete Almas Begründung dafür, dass die Gefühlsausbrüche, die sie ein Leben lang in kaum lesbarer Krakelschrift protokolliert hatte, nur strengstens gefiltert zum Druck gelangen durften. Dabei blieb es nicht. Dem Idealbild einer makellosen Muse fielen auch eine Menge anderer Verfänglichkeiten zum Opfer: krasse Verleumdungen, antisemitische Tiraden und Passagen, in denen Adolf Hitler mehr als klammheimlich bewundert wurde.
Dass es dergleichen Stellen gegeben haben musste, ahnten Fachleute bereits. Doch erst jetzt hat der Berliner Historiker Oliver Hilmes, 30, das ganze Ausmaß der Retuschen aufgedeckt. In seiner noch unveröffentlichten Doktorarbeit kommt er zu dem Ergebnis: Alma Mahlers Weltbild kreiste regelrecht um den Rassenwahn, um lichte Arier und ihren ewigen Widerstand gegen das "wilde Ostvolk".
Ursprünglich wollte der musikbegeisterte Hilmes nur den künstlerisch-politischen Zank um das Werk von Gustav Mahler (1860 bis 1911) nachzeichnen. Doch je mehr Archive er durchkämmte, desto häufiger führten die Spuren zur Witwe. Und dann stieß er in Philadelphia unverhofft auf ein Konvolut mit Tagebuchnotizen, die bislang als verschollen galten. Auf fast jeder Seite zeigen die von Alma selbst korrigierten Seiten ihren verqueren Judenhass:
Heute Nacht träumte mir: Die Juden sind das Salz auf der Erde und ihre Kunst ist überall heimisch. Ein Liebermann, ein Schnitzler vollkommen UNDEUTSCHE Kunsttypen sind deshalb überall verständlich - man kann mit ihnen Verhältnisse haben, nie aber soll man den Instinktfehler machen, sie zu heiraten. Denn dann müssen Generationen wieder daran tragen und sich abquälen, bis sie sich wieder gereinigt haben.
Diese Eintragung von 1915 war kein Ausrutscher. Schon um 1900 hatte das Partygirl Alma in sich die "Antisemitin" entdeckt, und obwohl sie weiterhin unentwegt alle wichtigen jüdischen Künstler und Geistesgrößen zu ihren feuchtfröhlichen Festen einlud, zwang sie 1929 ihren dritten Ehemann Franz Werfel vor der Heirat, dem Judentum abzuschwören. 1932 verschmolz die zähe Antipathie mit einer neuen Neigung: Alma beschloss, wieder in die katholische Kirche einzutreten, der sie jahrzehntelang den Rücken gekehrt hatte.
Nur Monate später begann Kanzler Engelbert Dollfuß den so genannten "Ständestaat" in Österreich durchzusetzen, ein autoritäres Regime katholischer Prägung. Ausgerechnet dieser Regierung, deren Spitzen in ihrem Salon bald regelmäßig verkehrten, versuchte Alma nun die Werke Gustav Mahlers schmackhaft zu machen.
Es schien verrückt: Schon seit Jahren hetzten Antisemiten überall gegen die Werke des Komponisten jüdischer Herkunft. Im Deutschen Reich hielten Musikkritiker die riesigen, anspruchsvoll-spröden Symphonien des Österreichers für den "letzten Großangriff des Judentums auf die deutsche Musik"; seit Hitlers Machtübernahme gab es Mahler-Aufführungen fast nur noch im geistigen Ghetto des zwangsweise gegründeten "Jüdischen Kulturbundes".
Doch Alma ließ sich nicht beirren; schließlich standen auch Tantiemen auf dem Spiel. Rasch fand sie einen Anwalt für ihre Kampagne: den Ordensgeistlichen und Kirchenrechts-Professor Johannes Hollnsteiner. Hollnsteiner, Studienkamerad und enger Vertrauter des Dollfuß-Nachfolgers Kurt Schuschnigg, war einer der einflussreichsten Ideologen des Regimes. Kaum hatte sie ihn kennen gelernt, bearbeitete Alma den Prediger mit dem ganzen Arsenal ihrer Verführungskünste - und gewann. Im Tagebuch klingt das, mit typischer Rollenverdrehung, so:
J. H. ist 38 Jahre alt und ist der FRAU bis jetzt nicht begegnet. Er will und IST nur Priester. Mich sieht er anders und ich segne mich dafür. Er sagte: Niemals war ich einer Frau nah. Du bist die Erste und wirst die Letzte sein. Ich VEREHRE diesen Menschen bis zum Niederknien. In mir sehnt sich alles nach Unterwerfung, aber immer musste ich gegen meinen Willen dominieren. Hier ist der erste Mann, der mich überwunden hat.
Intellektuell war Hollnsteiner tatsächlich der Überwinder. Hitler sei eine "echt germanische Fanatikererscheinung", soufflierte er seiner erotischen Erweckerin, ja "eine Art Luther". Das kam gut an, war doch Alma selbst schon Ende 1932 beim Anblick des späteren Führers fasziniert gewesen. Sprüche wie "Gottes Atem ist nicht mehr bei den Juden" übernahm Alma bereitwillig.
Ehemann Franz Werfel nannte die Affäre mit dem Polit-Kleriker nur kopfschüttelnd "Almas letzte Verrücktheit". Doch vermutlich war nicht einmal ihm klar, dass seine Gattin mit ihrer Liebesleidenschaft ein Netz knüpfte: Während sie selbst Hollnsteiner becircte, versuchte sie, ihre Gropius-Tochter Manon mit dem ehrgeizigen Spitzenpolitiker Anton Rintelen zu verkuppeln. Und Mahler-Tochter Anna war, wenn die Indizien nicht trügen, sogar auf Kanzler Schuschnigg selbst angesetzt.
Als Manon dann 1934 in Venedig unheilbar an Kinderlähmung erkrankte, inszenierte die Mutter deren Leiden als katholische Entrückung vor Augen der Öffentlichkeit. Für den Transport nach Wien stellte die Regierung eigens den Krankenwagen von Kaiser Franz Joseph selig zur Verfügung; fortan musste "Mutzi" als Heilige im Rollstuhl vor Almas Abendgästen paradieren. Angeblich verliebte sich der Dramatiker Carl Zuckmayer derart in die Sterbende, dass er (laut Alma) beteuerte, "er verlasse Frau und Kind und wolle nur mit Manon leben, ob sie nun gelähmt sei, oder nicht".
Doch es stand schon ein besserer, politisch genehmerer Kandidat bereit. Kurz vor ihrem Tod wurde "Mutzi" mit dem Hollnsteiner-Freund Erich Cyhlar, dem Sekretär der "Vaterländischen Front", verlobt. Als "wundersame Blume" sei sie dahingegangen, flötete Hollnsteiner am Grab in Grinzing, Feuilletons beseufzten die "hoheitsvolle" Erscheinung der Verstorbenen, und der Komponist und Alma-Verehrer Alban Berg widmete sein noch heute oft gespieltes Violinkonzert "Dem Andenken eines Engels".
Für Alma war die seltsame Apotheose ein großer Schritt auf dem Weg zur kulturpolitischen Herrschaft. Gerade das Erbe Gustav Mahlers, so suggerierte sie den Austrofaschisten nun unablässig, eigne sich ideal als offizielles Feigenblatt zur Abgrenzung gegen die immer lauter werdenden Antisemiten deutscher Prägung: Mahlers Werke, fast ausnahmslos dirigiert vom Mahler-Schüler Bruno Walter (der gleichfalls jüdischer Abstammung war), sollten nach ihrem Willen zur quasiamtlichen Musik des "Ständestaates" werden.
Eine Weile sah es aus, als hätte die riskante Strategie Erfolg. Den 25. Todestag Mahlers feierte Wien mit gleich vier Großveranstaltungen unter Bruno Walters Ägide. Ein enormes Aufgebot an Prominenz ließ die Großkonzerte zu Staatsakten
ausufern; anschließend trafen sich Politiker und Diplomaten zum Champagner
in Almas herrschaftlicher Villa "Hohe Warte".
Das parallel organisierte Gedenkkonzert der Hofoper, deren Direktor Mahler gewesen war, boykottierte Alma dagegen. Dort residierte der selbstbewusste Dirigent Felix Weingartner, der nicht vor ihr buckeln mochte. In wenigen Monaten gelang es ihr mit Hilfe von Hollnsteiner und Schuschnigg, den unliebsamen Opernchef um seinen Posten zu bringen - niemand schien den kulturpolitischen Einfluss der Mahler-Witwe stoppen zu können.
Doch die Wende kam nur zu bald: im Ränkespiel um ein pompöses Mahler-Denkmal. Jahrelanges Hickhack über Entwürfe hatte bereits einen erfahrenen Künstler ins Grab gebracht; nun lag ein neues Konzept des jungen Fritz Wotruba vor. Alma, erotoman wie eh und je, beging einen entscheidenden Fehler: Sie versuchte auch den Bildhauer ins Bett zu locken. Wotruba, verheiratet, reagierte kühl. Alma rächte sich, indem sie - wieder über Hollnsteiners Regierungsdrähte - Wotrubas Projekt hintertrieb, bis es ohnehin zu spät war: Hitlers Schergen machten nach dem Einmarsch 1938 in kürzester Zeit Schluss mit allen Denkmal-Plänen.
Aber auch dieser Schock konnte die Entmachtete nicht mehr zur politischen Vernunft bringen. Im Oktober 1938, als sie wie viele andere Flüchtlinge im südfranzösischen Sanary-sur-Mer auf die Gelegenheit zur Überfahrt nach Amerika wartete, notierte Alma Mahler: "Ich werde jetzt mit einem mir artfremden Volk bis ans Ende der Welt wandern müssen."
Was ihr als Leidensweg bevorstand, verlief glimpflicher als bei den meisten anderen Exilanten. Und doch ist Alma Mahler-Werfel nach allem, was überliefert ist, bis zu ihrem Tod in New York 1964 geblieben, was sie war: unbelehrt und unbelehrbar. JOHANNES SALTZWEDEL
* Selbstbildnis mit Alma (1912/13).
Von Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 22/2002
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