27.05.2002

JAPAN„Unser Volk bewundert Sieger“

Sprachprofessor Mario Kumekawa über Heldenverehrung, Fußball als Nische für Außenseiter und die Angst vor Hooligans
Kumekawa, 39, lehrt Philosophie der Sprache an der Sophia-Universität in Tokio. Nebenher schreibt der Gelehrte, der von 1987 bis 1991 als Reporter für ein Sportmagazin arbeitete, Berichte über Boxkämpfe und Fußball. Auf Japanisch gab Kumekawa eine "Ethnografie des Fußballs" heraus. In Kürze erscheint seine japanische Übersetzung von Thomas Brussigs "Leben bis Männer" - dem Monolog eines Fußballtrainers. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Professor Kumekawa, Ihr akademisches Fachgebiet ist die Philosophie der Sprache. Zugleich sind Sie - für einen Japaner eher ungewöhnlich - begeisterter Fußballfan und schreiben auch darüber. Wie passt das zusammen?
Kumekawa: Als Fußballfan bin ich in Japan in der Tat ein Exot. Fußball und Sprachphilosophie haben eine Menge gemeinsam: Beim Fußball gibt es Regeln, aber jedes Spiel wird von den Akteuren immer wieder neu und auf andere Weise erschaffen. Bei der Sprache ist es ähnlich.
SPIEGEL: In der japanischen Sprache finden sich jede Menge Metaphern aus dem Baseball - einer Sportart, die um 1870 aus den USA importiert wurde. Bilder aus dem Fußball werden jedoch nicht gebraucht. Wie erklären Sie das?
Kumekawa: Kaum eine Sportart spiegelt das japanische Naturell so wider wie Baseball. Anders als beim Fußball, wo sich einzelne Spieler gegenseitig den Ball abjagen, stehen sich beim Baseball zwei Teams in starrer Position gegenüber. Auch in der japanischen Gesellschaft ist ja jedem eine feste Rolle zugeteilt. Japaner mögen keine Überraschungen, die ihnen plötzliche Entscheidungen abverlangen.
SPIEGEL: Fußball wird den Japanern folglich eher fremd bleiben - trotz der WM?
Kumekawa: Die Japaner können auch ohne Fußball gut leben. Nach den Olympischen Spielen in Tokio 1964 keimte bei uns kurzfristig eine Art Fußball-Boom. 1968 holte unsere Olympia-Elf in Mexiko Bronze - auch dank Dettmar Cramer, der als Trainer in Japan tätig war. Dann nahm das Interesse rapide ab. Erst 1993, mit der Gründung der Profiliga, ging dieser Zyklus wieder nach oben.
SPIEGEL: Diesmal waren es Wirtschaftsunternehmen, die den Fußball in Japan etablieren wollten.
Kumekawa: Die J-League ist ein Produkt des Wirtschafts-Booms der späten achtziger Jahre. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Japan stets den USA nachgeeifert, nun wollten wir mit dem Fußball mal etwas versuchen, bei dem die Amerikaner uns nicht überlegen waren. Zu Beginn war der organisierte Jubel groß. Doch dann platzte Japans so genannte Seifenblase: Viele Firmen konnten keine Sponsoren-Gelder mehr zahlen. Einige Clubs gingen Pleite, andere mussten fusionieren.
SPIEGEL: Anfangs spielten in der J-League Ausländer wie der Deutsche Pierre Littbarski eine große Rolle, inzwischen sind japanische Profis in Europa tätig, wie Shinji Ono bei Feyenoord Rotterdam oder Hidetoshi Nakata beim AC Parma. Ist Nakata ein Nationalheld?
Kumekawa: Nakata ist ein begnadeter Techniker. Mit seinem spröden Auftreten ist er nicht der Typ des traditionellen Helden. Dass die Japaner Individualisten wie ihn dennoch feiern, lässt nicht nur für den Fußball, sondern auch auf einen Wandel unserer häufig starren Gesellschaft hoffen.
SPIEGEL: Einstweilen verehren japanische Fußballfans vor allem ausländische Idole wie David Beckham oder Zinedine Zidane, als handele es sich um Popstars. Geht es den Japanern dabei tatsächlich um Sport? Oder werden hier westliche Erfolgssymbole auf japanische Weise verkitscht?
Kumekawa: Gewiss ist Fußball für Nippons Jugend weit mehr als bloß Sport. Fußball lieferte Außenseitern in unserer Gruppengesellschaft schon immer eine Art Nische. Auch darin unterscheidet er sich vom Baseball: Wenn Jungen in der Schule Baseball spielen, müssen sie ein brutal hartes Training auf sich nehmen und sich die Köpfe kahl scheren. Wer strebsam ist, fügt sich diesem Ritual. Aber wer sich für cool hält oder sich gegen Lehrer und Eltern auflehnen möchte, spielt Fußball, färbt sich die Haare blond und trägt Ohrringe.
SPIEGEL: Im Gegensatz zu den schrillen Spieler-Stars wirken die japanischen Fans auffallend introvertiert. In den Stadien singen sie brav einstudierte Liedchen ab. Und die Fan-Magazine schreiben über Fußball wie über Computerspiele für Technikfreaks.
Kumekawa: Fußball ist bei uns ein häuslicher Sport. Während der WM werden die Stadien zwar voll sein, aber viele japanische Fans sind Eigenbrötler. Das liegt auch daran, dass man Fußball häufig nur über Pay-TV empfangen kann. Zudem zeigt sich auch hier der Einfluss des Baseball - einer Sportart, bei der das Theoretisieren eine wichtige Rolle spielt: Japanern fällt es schwer, Gefühle zu zeigen und sich über Fußball einfach die Köpfe heiß zu reden.
SPIEGEL: Wie werden die Japaner reagieren, wenn ausländische Fans ihren Jubel oder ihre Enttäuschung lautstark in und außerhalb der Stadien kundtun?
Kumekawa: Viele Japaner dürften zunächst tief geschockt sein, aber dann werden sie sich hoffentlich von der Begeisterung anstecken lassen. Leider berichten unsere Medien - auch weil es kaum fachkundige Fußballreporter gibt - vorrangig über die drohende Gefahr durch gewalttätige europäische Fußball-Rowdys und wie sich die Polizei dagegen rüstet. Deshalb ängstigen sich viele Japaner vor den Gästen.
SPIEGEL: Wie werden Ihre Landsleute damit umgehen, falls es - wie zu befürchten - für die eigene Mannschaft mehr Niederlagen als Siege gibt?
Kumekawa: Wenn Japan bei Sumo oder Judo gegen Ausländer verlöre, empfänden wir das als nationale Schande. Aber Fußball? Dieser Sport hat mit der japanischen Identität nichts zu tun. Dass uns ausländische Teams überlegen sind, akzeptieren wir als Naturgesetz. Gewiss werden wir enttäuscht sein, wenn unsere Mannschaft ausscheidet. Aber wenn England, Argentinien oder Frankreich Spitzenleistungen vorführen, werden wir begeistert zuschauen. Unser Volk bewundert Sieger.
SPIEGEL: Für Korea, den Mitgastgeber dieser WM, ist Fußball dagegen vor allem eine Frage der Nationalehre.
Kumekawa: Richtig. Überdies ist Fußball für Koreaner ein Symbol des Widerstands gegen Japan. Zwar hat unser Land Korea 35 Jahre lang als Kolonie unterdrückt, aber beim Fußball steckte Korea damals nie eine Niederlage gegen Japan ein.
SPIEGEL: Was passiert, wenn Korea bei der WM schon vor Japan ausscheidet?
Kumekawa: Darum mache ich mir in der Tat Sorgen. Japans Nationalelf wird von Mal zu Mal besser. Sollte Japan vor Korea in einem Match siegen, könnte das bei unseren Nachbarn Unmut schüren. Es war schon bar jeder Vernunft, dass die Koreaner zehn WM-Stadien gebaut haben - nur weil wir Japaner uns den Luxus von zehn Stadien leisten.
SPIEGEL: Allein Japan gibt für die WM dreimal so viel Geld aus wie Frankreich 1998. Ökonomen schätzen die Impulse, die die heimische Wirtschaft durch die WM erhält, auf fast 30 Milliarden Euro. Betrachten die Japaner das Turnier vor allem als gigantische Konjunktur-Maßnahme?
Kumekawa: Zum Teil trifft das sicher zu. Bei der Olympiade 1964 hatte Japan noch eine ideelle Botschaft an die Welt: Alle sollten nach Tokio kommen und unser Wirtschaftswunder bestaunen. Doch seit gut zehn Jahren steckt unser Land in der Krise, das Selbstvertrauen ist dahin.
SPIEGEL: Wie werden Sie persönlich die WM verbringen?
Kumekawa: Ich werde vor dem Fernseher sitzen, bis mir die Augen rot anlaufen.
INTERVIEW: WIELAND WAGNER
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 22/2002
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