DER SPIEGEL



KRIMINALITÄT

Garantiert mal draufgetreten

Von Cziesche, Dominik

Polizisten misshandelten in Köln einen Mann, der später im Krankenhaus verstarb. Den Vorgesetzten war die Gewaltbereitschaft mehrerer Beamter schon länger bekannt.

Der offizielle Lars S. gilt als ein freundlicher Polizist, stets bemüht, auf alte Menschen einzugehen, obendrein "beliebt" bei Kollegen und fleißig. So wohlwollend klang es, als seine Vorgesetzten ihn im Februar beurteilten.

Den anderen Lars S., von dem seine Chefs in sechseinhalb Dienstjahren bei der Kölner Polizeiinspektion 1 ( PI 1) nichts geahnt haben wollen, lernte Stephan N. nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft in seinen letzten wachen Stunden qualvoll kennen. Der "beliebte" 28-jährige Beamte und fünf Kollegen sollen den gefesselten N. am 11. Mai krankenhausreif geprügelt haben. Im St.-Marien-Hospital erlitt N. am selben Abend einen Herzstillstand, wurde reanimiert und lag anschließend zwei Wochen im Koma. Vorvergangene Woche verstarb der 31-Jährige an einem Hirnödem.

Auch wenn die Gerichtsmediziner noch nicht klären konnten, ob die mutmaßlichen Misshandlungen schuld am Tod des Mannes sind, gehört der Vorfall zu einem der größten Polizeiskandale der Republik: Gegen sechs Beamte wird mittlerweile wegen des Verdachts der Körperverletzung im Amt ermittelt, fünf von ihnen wurden schon einmal dieses Delikts beschuldigt.

Eine "gründliche Aufarbeitung der innerdienstlichen Abläufe" hat der Kölner Polizeipräsident Klaus Steffenhagen inzwischen angekündigt. Die ist auch nötig. Denn Steffenhagen selbst hätte als Dienstherr schon vor langer Zeit von den gehäuften Verfahren gegen Beamte der PI 1 und deren offenkundiger Gewaltbereitschaft erfahren müssen.

Allein am Tatort, der Wache Eigelstein, wurden in den vergangenen drei Jahren 37 "Ermittlungsvorgänge" registriert. Zudem kassierte Lars S. zwölf Anzeigen, meist wegen Körperverletzung. Wegen Beleidigung wurde er bereits verurteilt. In einem Disziplinarverfahren sprach Steffenhagen gegen S. eine Missbilligung aus - stellte das Verfahren am 25. Februar dieses Jahres aber ohne weitere Folgen ein.

Alarmierend ist, dass laut einer von der Polizei selbst in Auftrag gegebenen, aber noch unveröffentlichten Studie bei der PI 1 fast die Hälfte der Beamten ihre Wut gegenüber Bürgern schon mal "nicht mehr im Griff" hatten. 90 Prozent bekamen bereits mit, dass ein Kollege "zu weit ging". "Die Belastung dort ist enorm", klagt der Sprecher der Gewerkschaft der Polizei in Köln, Gerd Diefenthaler: Im Revier der PI 1 mit ihren vier Wachen tummeln sich Junkies, Huren und Alkoholiker.

Was sich aber am 11. Mai zutrug, ist auch mit Überlastung nicht zu entschuldigen und hat bei erschreckten Bürgern zu wütenden Protestdemonstrationen geführt.

Weil eine Nachbarin lauten Streit zwischen N. und seiner Mutter gehört hatte, rief sie die Polizei. Doch N. wollte nicht öffnen - die Beamten befürchteten, er habe der Mutter etwas angetan, und stießen die Tür auf. Die Dame war wohlauf, doch N. schlug mit einem Hockeyschläger Scheiben ein und warf mit einem Hammer. Nur durch gezielte Schläge ins Gesicht, später auch in die Rippen, behaupteten die Beamten, habe man den Widerstand zeitweise brechen können.

Die Polizisten fesselten den Zwei-Zentner-Mann, um ihn vom fünften Stock nach unten zu tragen. "Fünf- bis siebenmal" wehrte er sich angeblich so stark, dass er runterfiel und teils über "mehrere Stufen" rutschte. Er sei "garantiert auch mal auf ihn draufgetreten", gab später einer der beteiligten Beamten zu Protokoll - womöglich eine Schutzbehauptung, um Spuren von Misshandlungen zu erklären.

Spätestens im Hausflur hätte es den neun Polizisten nach dem Urteil von Vorgesetzten dämmern müssen, dass der Mann akut unter einer psychischen Störung litt. Stephan N. hatte "offenbar kein Schmerzempfinden", so ein Polizist, und brüllte wirres Zeug. Doch statt ihn in die Psychiatrie einweisen zu lassen, fuhren sie N. zur Wache. Erst dorthin bestellten sie später einen Krankenwagen.

Was in der Zeit dazwischen geschehen sein soll, berichteten später eine aufgewühlte Polizistin und ihr 32-jähriger Kollege einem anderen Beamten. Teils unter Tränen erzählten sie, fünf bis sechs Polizisten hätten im Eingangsbereich der Wache den am Boden liegenden N. geschlagen und getreten, auch gegen den Kopf, an dem ein Rechtsmediziner "ein frisches Hämatom nach Art eines Schuhsohlenabdruckes" festgestellt hat. Dann sei N. in eine Zelle geschleift und weiter malträtiert worden.

Vor Gericht freilich dürfte es schwierig werden auseinander zu tüfteln, wo die erlaubte Notwehr der Beamten endete und die rechtswidrige Misshandlung N.s begann. Der Strafverteidiger von S., Eckhard Wölke, reichte vergangenen Mittwoch gar Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Polizeipräsidenten ein: Lars S. werde durch Indiskretionen vorverurteilt. Auch der Bonner Anwalt Christoph Arnold zweifelt an der bisherigen Version. Weil sein Mandant nicht beim Einsatz dabei war, sondern Innendienst schob, "halte ich es für ausgeschlossen, dass er nach Ankunft von N. auf Knopfdruck losgeprügelt hat".

Die Staatsanwaltschaft wollte zwei der Polizisten, Lars S. und Matthias L., Ende vergangener Woche wieder verhaften lassen, nachdem ein Richter die Haftbefehle außer Vollzug gesetzt hatte. Die Ankläger sehen "weiterhin Verdunklungsgefahr". L. etwa soll einem Kollegen erzählt haben, er verstecke seine Uniform vom Prügeltag in einem Kühlschrank der Wache. Erst tags drauf hielt es der irritierte Kollege für nötig, der Mordkommission das Gespräch zu melden. Pflichtbewusst sah er dann im Kühlschrank nach - zu spät: Die Kleidung war verschwunden. DOMINIK CZIESCHE


DER SPIEGEL 23/2002
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