10.06.2002

ERNÄHRUNGGefundenes Fressen

30 Jahre lang hat John Banzhaf die Tabakkonzerne bekriegt, um ihnen Milliardenentschädigungen abzutrotzen. Nun hat der US-Rechtsprofessor die Fast-Food-Industrie im Visier.
Wer eine Schnellimbiss-Kette betreibt, muss hart im Nehmen sein. Umweltschützer und Ernährungsberater, Gewerkschafter und Globalisierungsgegner - alle machen die Burger-Könige für die Missbildungen moderner Zivilisation verantwortlich.
Die Gescholtenen scherte das bislang wenig. Marktführer McDonald's kontert jede Kritik mit Verweis auf den täglichen Erfolg: 45 Millionen Kunden können nicht irren.
Doch nun ist es erst mal vorbei mit der satten Gelassenheit der Big-Mac-Manager. Seit der Name John Banzhaf gefallen ist, brodelt die Branche wie eine Fritteuse. Banzhaf ist anerkannter Industrieschreck - einer, der schon ganz andere Schwergewichte besiegt hat.
Der Rechtsprofessor der George-Washington-Universität war einst Vordenker der Klagen gegen die Tabakindustrie. Über 30 Jahre lang bekämpfte er die Zigaretten-Multis. Erst wurden sie zu Warnhinweisen gezwungen. Dann wurde TV-Werbung verboten, das Rauchen in Flugzeugen, der Zigarettenverkauf an Minderjährige. Schließlich geschah das Undenkbare: Die mächtigen Konzerne gaben die Schädlichkeit ihrer Produkte zu und wurden zu Milliardenentschädigungen verdonnert.
Nun hat Banzhaf die Fast-Food-Industrie im Visier, wo er deutliche Parallelen feststellt: Wie beim Tabak, so meint er, verursache auch die Schnellimbiss-Industrie durch ihre fett- und zuckerreichen Produkte gewaltige gesellschaftliche Folgekosten.
"Warum sollen die nicht von denjenigen getragen werden, die diese Lebensmittel nutzen oder produzieren?", fragt er. Warum also solche Waren nicht besteuern? Warum nicht die Hersteller an den Behandlungskosten von Fettsucht beteiligen?
Hintergrund seines Feldzugs ist die alarmierend hohe Zahl von Dickleibigen im Land der unbegrenzten Hinterteile. Amerika brodelt im eigenen Fett. Rund 60 Prozent der Erwachsenen und 13 Prozent der Kinder und Jugendlichen gelten als übergewichtig. Längst machen die Kleidergrößen bei XXL nicht mehr halt - in jedem besseren Kaufhaus gibt es bis zu 3 X.
Jährlich sterben 300 000 US-Bürger an den Folgen von Übergewicht. Schätzungsweise 117 Milliarden Dollar wurden im Jahr 2000 für die Behandlung typischer Folgen der Fettsucht ausgegeben - zehnmal mehr, als die USA als Entwicklungshilfe in hungernde Länder schicken.
Im Dezember schlug Amerikas oberster staatlicher Gesundheitshüter David Satcher Alarm und erklärte Fettleibigkeit zur nationalen Epidemie. Seither formiert sich eine wachsende Front gegen die Fast-Food- und Limonadenhersteller, die als einer der Hauptschuldigen ausgemacht wurden. Eine Mahlzeit bei McDonald's - Big Mac, große Fritten, kleine Cola - hat immerhin 1280 Kalorien. Nun überlegt Banzhaf, wie die Industrie zur Verantwortung gezogen werden kann.
Am liebsten wäre ihm der Weg über die Gesetzgebung. Etwa, wenn bei jedem Stück Pizza die Kalorienzahl und der jeweilige Anteil am täglichen Fettbedarf mitgeteilt werden müsste. Doch die Millionen an Lobby-Geldern, die die Branche an Politiker spendet, machen diesen Weg beschwerlich.
Also rät er zum selbst Erprobten: Klagen gegen falsche Produktangaben oder Inhaltsstoffe.
McDonald's hat diese Waffe gerade zu spüren bekommen. Der Multi warb damit, seine Fritten würden in 100 Prozent pflanzlichem Öl zubereitet - und suggerierte damit ein vegetarisches Produkt. Ein Schüler Banzhafs fand heraus, dass die Kartoffelschnitten vorm Einfrieren in rinderhaltigem Öl vorgebacken werden. Erbost reichte Harish Bharti, indischer Anwalt aus Seattle, Sammelklage im Namen aller hintergangenen Hindus und Vegetarier ein.
Ergebnis: McDonald's spendete zehn Millionen Dollar, entschuldigte sich öffentlich und führte einen speziellen "Vegetarierrat" ein.
Bharti ist hellauf entzückt von seinem Erfolg. "Jetzt will ich aufräumen in der Industrie", kündigt er an und reichte gleich die nächste Sammelklage ein.
Pizza Hut, das wie Kentucky Fried Chicken und Taco Bell zum Konzern-Multi Yum B rands gehört, habe Rindfleischanteile im Käse ihrer vegetarischen Pizzen. Firmensprecherin Julie Hildebrand betont, dass die Teigscheiben nirgendwo als vegetarisch beschrieben würden und bestreitet auch die Vorwürfe: "Wir haben kein Rinderprodukt in unserer 'Veggie Lover's Pizza'." Bharti ist skeptisch: "McDonald's hat am Anfang auch geleugnet."
Eine Sammelklage über 50 Millionen Dollar wurde zudem in New York eingereicht. Bei einem Snack namens "Pirate's Booty" sollen die Fettangaben falsch sein. Und in Florida wird der Hersteller des Diät-Eises "Big Daddy" ebenfalls der Fettlüge bezichtigt.
Banzhaf ist zufrieden mit der anrollenden Welle, doch eigentlich will er weitergehende Klagen. Am angemessensten, aber auch am schwierigsten sei es, wenn man der Fast-Food-Industrie die Kosten des nationalen Fettproblems aufbürde. Nur so, glaubt er, würde es wirklich zu einem Umdenken kommen. Anders als die Tabakkonzerne könnten die Fast-Food- und Limonadenfirmen auf andere Produkte ausweichen. "Eine Veränderung ihrer Produktpalette wäre nicht automatisch existenzbedrohend", sagt er. Essen könne fettärmer produziert, Soda mit Kunstsüße versehen werden.
Ausschlaggebend für den Kampf gegen Fettsucht wird jedoch sein, ob es gelingt, der Industrie das aggressive Werben um Kinder abzugewöhnen. Mit Sonderangeboten und Spielzeug, Spielplätzen und Musik werden die Kleinen in die Filialen gelockt, in der Hoffnung, dass sie ihr Leben lang dem "fingerfood" treu bleiben. "Eine Fettzelle, die sich einmal gebildet hat, bleibt für immer", sagt Banzhaf. "Sie macht nicht direkt süchtig, aber sie trachtet danach, gefüllt zu sein."
Immer öfter dringen Fast-Food-Ketten in Krankenhäuser und Schulen ein. Über 30 Prozent aller öffentlichen High Schools werden in den USA bereits von Imbiss-Ketten versorgt. Oft ist es den Kindern verboten, das Schulgelände über Mittag zu verlassen - ein gefundenes Fressen für die Industrie.
Der Frittenclown Ronal d McDonald hat inzwischen einen größeren Bekanntheitsgrad als Mickey Mouse erreicht, schreibt Eric Schlosser, Autor des appetitzügelnden Buches "Fast Food Nation", das sich wochenlang auf der US-Bestsellerliste hielt.
Die Branche geht mittlerweile in Abwehrhaltung. Ihre Verteidigungslinie: Ein Amerikaner lässt sich doch nicht vorschreiben, was er essen darf.
Das Center for Consumer Freedom, die Interessenvertretung der Restaurantbetreiber, schaltete vergangene Woche eine ganzseitige Zeitungsanzeige unter dem Motto "Sie sind zu blöd", ein Pamphlet gegen diejenigen, die den Amerikanern ihr Lieblingsessen wegnehmen wollen. Die National Softdrink Association findet Extra-Besteuerung und die Verbannung der Getränkeautomaten aus Schulen "unwirksam". Bei Limonade sei es wie mit allem: Die Dosierung zählt: "Wenn Sie zu viel Karotten essen, tut das auch nicht gut."
Marktführer McDonald's muss derweil die eigenen Reihen sortieren und korrigiert eine Meldung, wonach Firmenvertreter in Frankreich vor dem Verzehr zu vieler Hamburger gewarnt hätten. "Das ist die Meinung eines einzelnen Beraters", rudert Unternehmenssprecherin Ann Rusniak Gallagher zurück. "Wir teilen diese Meinung ganz und gar nicht." MICHAELA SCHIESSL
Von Michaela Schiessl

DER SPIEGEL 24/2002
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