DER SPIEGEL



USA

Untreue Leser

Von Spörl, Gerhard

Konservative Organisationen fordern den Boykott von US-Zeitungen: Die Blätter sollen freundlicher über Israel berichten.

Wenn Redakteure der "Washington Post" wissen wollen, ob die Auflage gelitten hat, müssen sie nur eine Website im Internet anklicken. Unter "www.BoycottThePost.org" wirbt dort eine Gruppe dafür, das Hauptstadt-Blatt vom 10. bis zum 17. Juni zu sabotieren. Die "Post" - Auflage wochentags 813 000 Exemplare - soll abgestraft werden, weil sie "voller anti-israelischer Vorurteile" über den Dauerkonflikt im Nahen Osten berichte.

Er habe, von Zorn erfüllt, immer wieder Artikel lesen müssen, die Israel und nicht etwa die Palästinenser als Aggressor hinstellten, sagt Peter Hébert, 43, der den Feldzug mit organisiert. Er ist von Beruf Medienexperte und bildet mit zehn Freunden - Anwälten, Ärzten, Beratern, einem Rabbiner - aus dem Washingtoner Umland den Kern der "Post"-Verächter, die nun Gegenmaßnahmen einleiten wollen.

Die "New York Times" hat solch einen Boykott gerade erlebt. Im Mai wurde die Tageszeitung, die 7 von 14 Pulitzer-Preisen in der Sparte Journalismus für ihre exzellente

Berichterstattung gewonnen hatte, mit einer ähnlichen Kampagne überzogen, weil sie angeblich eine "falsche Äquidistanz" zum Krieg zwischen Palästinensern und Israelis in ihren Reportagen an den Tag gelegt habe.

In New York City, der Metropole mit 1,3 Millionen Juden, waren es deren Vereinigungen, die zu solchen Maßnahmen griffen - Rabbi Haskel Lookstein von der Gemeinde Kehilath Jeshurun organisierte den Protest. Die Leser sollten die "Times" - Auflage wochentags 1,2 Millionen - abbestellen oder das Abonnement für einen Monat ruhen lassen. Lookstein forderte überdies dazu auf, keine Todesanzeigen in dem Blatt zu schalten, "das den Kampf zwischen Israel und seinen terroristischen Feinden falsch darstellt".

Doch es trifft nicht allein die großen Zeitungen an der Ostküste, sondern genauso die "Los Angeles Times", das wichtigste Blatt drüben im Westen. Den Ärger mit in Sachen Israel anders denkenden Lesern zogen sich außerdem weniger bekannte Regionalzeitungen wie die "Minneapolis Star Tribune" oder das "National Public Radio" zu, eine Insel der Hochkultur im trostlosen Wellenklimbim. Unter den Anstiftern zum Boykott finden sich auch christlich-fundamentalistische Gruppen, die das ideologische Wurzelwerk der republikanischen Partei bilden.

Nicht zufällig brach der Kulturkampf aus, als pro-israelische Gruppen Ende April zu Solidaritätsdemonstrationen für Ariel Scharon in den Metropolen aufriefen. Von der diesjährigen "Salute to Israel Parade" zeigte die "New York Times" ein Foto, auf dem die vielen zehntausend Marschierer im Hintergrund zu sehen waren, während die kleine Schar palästinensischer Gegendemonstranten im Vordergrund abgebildet war. Erst gingen Hunderte wütende E-Mails bei der "Times" ein, dann reiften die Boykottpläne.

Auch in Washington gab es eine pro-israelische Demonstration. Die "Post" kam ihrer Chronistenpflicht nach und berichtete über die Kundgebung mit ihren vielen Solidaritätsadressen. Im Mittelpunkt ihrer Berichterstattung aber stand die erstaunliche Tatsache, dass der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz mit seiner differenzierten Stellungnahme von vielen der Israel-Freunde ausgepfiffen worden war.

Wolfowitz ist eigentlich für amerikanische Konservative eine Lichtgestalt: Er plädiert heftig für einen Krieg gegen den Irak; er ist entschieden pro-israelisch, und er ist selbst jüdischen Glaubens. Sein Fauxpas bestand darin, dass er die gewandelte Nahost-Politik der Regierung - einschließlich Bushs Bekenntnis zu einem eigenen Palästinenser-Staat - ausgerechnet auf der Jubelfeier vertreten musste.

Es sind keineswegs Zeitungen, Fernsehsender oder Rundfunkanstalten, die aus reiner Willkür plötzlich den Nahost-Konflikt anders betrachten und bewerten. Es war im Gegenteil George W. Bush, der sich nach langem Zögern zum Schwenk in der Nahost-Politik veranlasst sah. Zeitungen und TV-Sender sind dem Präsidenten im Kurs eher gefolgt, jedenfalls haben sie den Wandel nicht herbeigeschrieben.

Aufs Ganze gesehen stellt die US-Presse die Gewalt im Nahen Osten durchaus nicht einseitig dar. Dazu trägt die traditionelle Trennung von Bericht und Meinung bei - wobei landesweit gedruckte konservative Kommentatoren wie Charles Krauthammer oder George Will kompromisslose Verteidiger israelischer Härte sind.

Aus gutem Grund erregten die Boykottaktionen zwar Aufsehen, blieben aber bislang von geringem Erfolg gekrönt. In Los Angeles und New York wurden nur rund 1000 Leser ihrem Blatt untreu. Die "Washington Post" hofft für diese Woche auf ein ähnliches Ergebnis. GERHARD SPÖRL

* Mit dem demokratischen Gouverneurskandidaten Andrew Cuomo.

DER SPIEGEL 24/2002
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