10.06.2002

RUSSLANDArmee der weißen Rasse

Neonazis begehen Gewalttaten, die Polizei kollaboriert mit ihnen. Nun kündigt Präsident Putin ein Gesetz gegen Rechtsradikale an.
Ihre Lieblingslektüre "Mein Kampf" ist auf Moskaus Straßen frei zu kaufen. Sie prügeln und schlagen tot. Ihre Opfer sind meist dunkelhäutig.
Ob sie Landsleute aus dem Kaukasus, Ausländer aus Afrika, Asien oder Lateinamerika töten, ist den kahl geschorenen Kameraden dabei ziemlich egal. 3800 rechtsradikale Schläger vermutet Jugendforscher Alexander Tarassow, Kenner der Szene, allein in der russischen Hauptstadt.
Der harte Kern sammelt sich in konspirativen Gruppen wie der "Skin Legion", "Blood & Honour" ("Blut und Ehre", nach einer gleichnamigen Briten-Kolonne) und in der "Vereinigten Brigade 88", der Chiffre für "Heil Hitler", wegen des achten Buchstabens im lateinischen Alphabet.
Nazi-Skins, so Tarassow, seien in Russland "zum Modetrend geworden, der aus den großen Städten in die Provinz überschwappt und immer mehr 13- bis 18-Jährige mitzieht". Stimuliert habe die jungen Glatzen "das Gefühl, in einem weltweiten Trend zu liegen". Und die Erfahrung, "weder auf Widerstand zu stoßen noch bestraft zu werden".
Gewalttätige Serien im Staats-TV, in denen Kaukasier nur als Verbrecher und Terroristen vorkommen, tragen dazu bei, die Hemmschwelle zum Mord zu senken: Nach Tarassows Beobachtungen wollen "die jungen Extremisten erfahren, dass sie töten können". Sie begreifen sich als "Avantgarde der Enthumanisierung".
Seit Mai 2000, nach Putins Wahl ins Präsidentenamt, lautet die Bilanz des rassistischen Terrors: 12 Tote und 100 schwer Verletzte. Allein 3 Tote und mehrere Dutzend Verletzte forderte ein blutiger Überfall von 300 Skinheads im Oktober auf einen Markt im Moskauer Stadtrandbezirk Zarizyno.
Nach der Gewaltorgie ließ die Polizei, in Marktnähe stets präsent, die Masse der Schläger ungeschoren abziehen. Beim Rechtsextremisten Michail Wolkow, 19, nach dem Überfall verhaftet, fand die Polizei zahlreiche Telefonnummern der Kreml-frommen Jugendorganisation "Iduschtschije mestje" (Gemeinsam gehen).
Über die vom russischen Innenministerium kurz vor Hitlers Geburtstag am 20. April veranstaltete Fahndungsaktion "Wirbelwind-Antiextremist" kann Alexander Iwanow, "Führer" der mit der Skinhead-Szene verzahnten rechtsextremen "Nationalen Volkspartei"(NVP), nur lachen. Der gelernte Kino-Regisseur, der acht Kindheitsjahre als Sohn eines Geheimdienstoffiziers in der DDR verbrachte, rekrutiert in seinem Stabsquartier unweit des Weißrussischen Bahnhofs ungestört Nachwuchs mit Parolen wie "Russland den Russen".
Zur ideologischen Stählung offeriert Iwanow Broschüren, in denen er den "Übermenschen" rühmt und seine Truppe als "Armee der weißen Rasse" präsentiert. Dienstags und donnerstags trainieren Offiziere der Sonderpolizei Omon kostenlos NVP-Mitglieder im Nahkampf.
Mit ihnen sympathisieren viele Polizisten bis zu Obersten und Generalen, behauptet der NVP-Boss, "weil sie die islamische Bedrohung und die kaukasische Mafia kennen". Antisemitismus kommt auf: Nachdem Hitlers Anlauf, Russland "vom jüdischen Joch zu befreien", gescheitert sei, "müssen wir die Sache fortführen", so Iwanow.
Die Ausländerhatz führte jetzt zu einer beispiellosen Demarche. Die Botschafter Afrikas, Lateinamerikas, der arabischen Länder, asiatischer Staaten und der EU protestierten gegen "sich häufende Angriffe auf Ausländer in Russland", die "klar rassistischen Charakter" trügen.
Allein die afrikanischen Vertretungen in Moskau registrierten vergangenes Jahr mehr als 40 Attacken auf ihre Bürger in Russland. 5 Afrikaner wurden ermordet.
Im Dezember schlugen Rabauken den Botschafter von Simbabwe vor einem Supermarkt zusammen - direkt gegenüber dem russischen Außenministerium am Smolensker Platz, Wachleute schauten zu. Im März misshandelten junge Rassisten die Frau des südafrikanischen Botschafters. Im April fiel der Sohn des Botschafters von Gabun Rowdys zum Opfer.
Die russische Staatsmacht, rügen die Diplomaten in ihrem Memorandum, lasse es an "effektiven Maßnahmen" gegen Gewalttäter fehlen. Mehr noch, sie versage auch dabei, die Bevölkerung für fremdenfeindliche Gewalt zu sensibilisieren.
Putin hatte kurz zuvor selbst vor einem "Anwachsen des Extremismus" gewarnt: Es gebe "Banden, die unter faschistischen, nationalistischen Losungen und Symbolen Pogrome veranstalten und Menschen schlagen". Dagegen solle nun ein "Gesetz zum Kampf gegen den Extremismus" helfen.
Der Kreml-Entwurf ging vergangene Woche in die erste Lesung und sieht für Verstöße bis zu sechs Jahren Haft vor. Bürgerrechtler befürchten bereits einen Missbrauch des Gesetzes. Sicherheitsbehörden schätzen Neonazis und Skinhead-Gruppen in Russland auf etwa 10 000 Anhänger - unabhängige Experten zählen viermal mehr.
Manche tragen schwarze Kluft, marschieren öffentlich und heben dabei den rechten Arm: russische Nazis in Moskau, wohin Hitler nie gelangte. UWE KLUßMANN
Von Uwe Klußmann

DER SPIEGEL 24/2002
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