10.06.2002

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE„Eine Spur verliebt“

Caroline verklagt „Bild“, im Zeugenstand: Udo Jürgens.
Udo Jürgens hat in seiner Karriere viele Interviews gegeben. Er ist ein beliebter Gesprächspartner, weil er gern über Frauen, Liebe und Sex plaudert, vor allem über Sex. Darüber, dass er kein Viagra nimmt, dass Treue für ihn persönlich nicht in Frage kommt und dass er mal eine Affäre mit Jenny Elvers hatte.
Es sind keine langweiligen Interviews, die Udo Jürgens gibt.
Das wahrscheinlich ehrlichste gab Udo Jürgen Bockelmann, geboren am 30. September 1934, österreichischer Staatsangehöriger, Komponist und Sänger, wohnhaft in der Schweiz, vor ein paar Wochen vor dem Bezirksgericht Zürich. Er war geladen als Zeuge.
Das Landgericht Hamburg, Kammer 24, zuständig für Presserecht, hatte die Schweizer Kollegen um Einvernahme des Zeugen gebeten. Eine Zivilsache gegen den Axel Springer Verlag, angestrengt von Prinzessin Caroline von Monaco, vertreten durch den Hamburger Anwalt Matthias Prinz. Die "Bild"-Zeitung hatte im September 2000 getitelt: "Udo Jürgens - Im Bett mit Caroline?" Der Artikel dazu referierte ein "Playboy"-Interview mit Jürgens, in dem er sich etwas vage über eine vermeintliche Affäre mit der Prinzessin in den siebziger Jahren geäußert hatte. Genug für ein paar Interpretationen, genug für eine Schlagzeile, wenn auch mit Fragezeichen.
Fast zwei Jahre ist das jetzt her. Caroline fordert immer noch Berichtigung und Schmerzensgeld in Höhe von rund 25 000 Euro.
"Sind Sie mit der Klägerin verwandt, verschwägert, befreundet oder verfeindet?", fragt der Richter, nachdem er den Zeugen über die Folgen eines falschen Zeugnisses - bis zu fünf Jahren Zuchthaus - aufgeklärt hat.
"Es war eine Freundschaft", antwortet Bockelmann. "Ich habe sie sehr selten in meinem Leben gesehen. Ich habe sie gekannt."
"Haben Sie eine besondere Beziehung zum Axel Springer Verlag?"
"Ja. Ich bin kraft meines Berufes sehr bekannt, weit über 90 Prozent, und ständiger Gast in wahren und unwahren Geschichten des Springer Verlags. Das Verhältnis ist aber ausgezeichnet."
"Ist Ihnen das Interview, welches Sie im 'Playboy' gegeben haben, bekannt?"
"Ich habe im Verlaufe der Jahre mehrmals Interviews im 'Playboy' gegeben."
"Im Interview wurden Sie gefragt, ob Sie ein Verhältnis mit der Klägerin hatten", sagt der Richter und weist den Zeugen auf sein Recht hin, die Aussage zu verweigern. Udo Jürgen Bockelmann erklärt, er sei bereit auszusagen. "Hatten Sie ein intimes, sexuelles Verhältnis zur Klägerin?"
"Nein. Diese Frage finde ich 27 Jahre später höchst befremdlich. Sie ging immer wieder durch die Presse. Wir haben seinerzeit bis sechs Uhr mit der fürstlichen Familie nach einem Konzert in Monte Carlo gefeiert. Der Fürst und seine Frau luden mich zu dieser Feier ein. Ich saß am gleichen Tisch wie Caroline. Wir haben zusammen getanzt. Obwohl alles versucht wurde, die Presse aus dem Saal zu entfernen, wurden wir trotzdem fotografiert."
"Im Interview haben Sie auf die Frage, wie gut Sie mit Caroline befreundet seien, geantwortet: 'Immerhin so gut, dass wir nach Saint-Tropez in Urlaub fahren wollten.'"
"Ja, aber es kam nicht dazu. Diese Urlaubspläne entstanden an jenem Abend in aufgeräumter Stimmung. Ich war damals ganz mutig und wollte Caroline nach Saint-Tropez einladen. Am anderen Tag sagte sie mir, ihr Vater habe davon abgeraten. Es war aber kein Machtwort. Ich gebe zu, dass ich sehr beeindruckt war von der Klägerin. Welcher Mann ist von dieser Frau nicht angetan?"
Eine Kopie der "Bild"-Titelseite vom 22. September 2000 wird hochgehalten. "Waren Sie je im Bett mit der Klägerin?"
"Nein. Ich wurde das in der Folge hundertmal augenzwinkernd gefragt."
"Warum haben Sie die vom 'Playboy' gestellte Frage nach einem Verhältnis zur Klägerin nicht beantwortet?"
"Ich war damals der Meinung, dass es eine Unverschämtheit war, eine solche Frage zu stellen. Das finde ich übrigens auch heute noch."
"Wie würden Sie heute rückblickend Ihre damalige Beziehung zur Klägerin, ich meine 'Beziehung' absolut wertfrei, umschreiben?"
"Von meiner Seite aus freundschaftlich, schwärmerisch, vielleicht eine Spur verliebt."
"Ist es im Rahmen der Beziehung zwischen Ihnen und der Klägerin je zu sexuellen Handlungen gekommen?"
"Nein."
"Wieso haben Sie damals gesagt: 'Ich werde diese Frage sowieso immer verneinen'? Wieso haben Sie das so formuliert?"
"Weil ich so erzogen worden bin, dass man eine Dame in keinem Fall kompromittiert."
"Haben Sie in der Zwischenzeit mit der Klägerin oder mit ihren Anwälten betreffs dieses Verfahrens Kontakt gehabt?"
"Ernst August rief bei mir an. Er erzählte mir von der 'Bild'-Schlagzeile. Er war sehr freundlich zu mir. Wir haben uns geduzt. Er meinte, es sei eine Unverschämtheit, dass man so etwas schreibe. Er werde klagen, und er fragte mich, ob ich mich an der Klage beteiligen würde. Ich sagte ihm, dass ich ein solches Vorgehen für falsch halte. Nichts sei so alt wie die Zeitung von gestern. Man würde nur die Sache groß machen, die sonst in Vergessenheit gerate, ich riet ihm, von einer Klage abzusehen. Das war der einzige Kontakt, den ich mit Ernst August von Hannover hatte."
"Waren Sie sich mit Ernst August einig in der Frage, dass zwischen der Klägerin und Ihnen nie ein intimes Verhältnis bestand?"
"Es wurde nie darüber gesprochen, ob etwas gewesen war oder nicht. Es ging nur darum, wie Ernst August gegen den Artikel vorzugehen gedenkt."
Keine weiteren Fragen an den Zeugen.
Zeuge Bockelmann verzichtet auf eine Zeugenentschädigung.
Das Urteil im Prozess Prinzessin Caroline gegen "Bild" wird am 5. Juli gesprochen. LOTHAR GORRIS
Von Lothar Gorris

DER SPIEGEL 24/2002
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