DER SPIEGEL



BANKNOTEN

Die Spur der Scheine

Von Winter, Steffen

Schatzjäger zwingen die Kreditanstalt für Wiederaufbau, rund hundert Milliarden Ost-Mark zu exhumieren.

Die unbekannte "Sternenfee 418" aus Magdeburg hat wahrlich Märchenhaftes im Angebot: Bankfrische DDR-Geldscheine ("Bestzustand") stellt die anonyme Verkäuferin aus Sachsen-Anhalt Interessenten beim Online-Händler ebay in Aussicht - darunter 200- und 500-Mark-Noten. Auch Menschen mit den Internet-Namen "turbo185" und "haendler44" dealen im Netz mit den grünen und rostbraunen Ost-Scheinen, die höchst rar und für Sammler deshalb wertvoll sind - wurden die 1985 von der DDR-Staatsbank gedruckten Banknoten doch nie emittiert. Nach dem Ende des Honecker-Staats verschwanden sie in einer bombensicheren unterirdischen Stollenanlage am Rande des Harzes.

Seit dem Auftauchen der Scheine sind Experten der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) elektrisiert: "Um ein für alle Mal Ruhe zu bekommen, müssen wir den Mythos des vergrabenen Schatzes zerstören", glaubt Christine Volk von der Frankfurter Bank. Und deshalb steuern ihre Kollegen derzeit eine gewaltige Grabungsaktion.

1990 hatten Militärlastzüge der DDR-Armee aus dem alten Berliner Reichsbanktresor 28 900 Säcke mit 620 Millionen Geldscheinen - teils noch aus den Anfangsjahren der Republik - geholt und sie bei Nacht und Nebel ins sachsen-anhaltische Halberstadt gekarrt. Dort, wo Hitler einst Häftlinge des KZ Buchenwald tiefe Stollen in den Sandstein schlagen ließ, da sollte die Ost-Mark ihr Grab finden, denn eine geeignete Verbrennungsanlage gab es in der ganzen DDR nicht.

Bewegungsmelder, Videoüberwachung, Sensoren im Boden und dahinter eine drei Meter dicke Betonwand, armiert mit Eisenbahnschienen, sollten in den beiden Kammern Sicherheit garantieren. Als Teile der Staatsbank 1994 an die KfW übergingen, machten die Frankfurter Banker das Lager scheinbar endgültig dicht. Löcher wurden in die Decken der Stollen gebohrt, 100 000 Tonnen Kies donnerten in die Hohlräume.

Im Juli 2001 aber entdeckten Wachleute ein Loch in der Stollenwand; kurz darauf lief den Hütern des Schatzes ein 23jähriger Halberstädter in die Arme - mit Tausenden DDR-Banknoten im Rucksack. Er hatte sich mit einem Komplizen durch den Lüftungsschacht zum Endlager vorgearbeitet und einen Coup gelandet. Bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt hatte sich das unter Münzhändlern hoch gehandelte Ost-Geld gut gehalten.

Die Alarmanlage brauchten die Diebe längst nicht mehr zu fürchten: Ohne Strom funktioniert kein Sensor. 1994 hatte das Bundesvermögensamt die Anlage privatisiert, bald darauf geriet einer der wechselnden Besitzer in Zahlungsschwierigkeiten bei seiner Stromrechnung. Der Energieversorger knipste irgendwann Anfang 2000 das Licht aus.

Den Bankern wurde klar: Der Schatz lässt sich nicht für immer wegschließen. Deshalb durchbrachen sie eilends mit einem Spezialbagger die dicke Betonwand und schweißten sich durch die Eisenbahnträger. Radlader fressen sich seither immer tiefer in den Stollen, tuckern mit ihren Schaufeln voll Kies, Banknoten, Sparbüchern, Forumschecks und Säcken zu einer Siebmaschine, die Wertvolles vom Abfall trennt. Nahe dem niedersächsischen Helmstedt, in der Verbrennungsanlage Buschhaus, wird die Ladung vernichtet. Ende Juni wird das Ende der Ost-Mark zum zweiten Mal besiegelt sein.

Und was mit den jungen Geldräubern passiert, soll ein Rechtsgutachten klären. Für ihren Anwalt war die sensible DDR-Hinterlassenschaft schlicht "herrenlos", seine Mandanten seien mithin unschuldig. STEFFEN WINTER


DER SPIEGEL 25/2002
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