Von Beier, Lars-Olav
Draußen geht der Schnee nieder, auf der Fensterscheibe blühen die Eisblumen, und drinnen kuschelt sich der 28-jährige Hlynur (Hilmir Snær Gudnason) tiefer unter die Decke - während er sich zu einem öden Fitnessvideo in aller Seelenruhe einen runterholt: Spaß macht's nicht, aber es vertreibt die Zeit. Ein ganz normaler isländischer Wintertag erreicht seinen Höhepunkt.
Dann kommt sie: Lola (Victoria Abril), Flamenco-Tänzerin aus Spanien. Irgendein internationales Kulturaustauschprogramm scheint sie an Reykjavíks Küste gespült zu haben, um dem Nord-Süd-Gefälle des Temperaments gegenzusteuern. Über die Vierzig ist sie locker hinweggesteppt und auch sonst für jede Grenzüberschreitung zu haben. Kein Wunder, dass Hlynur beim Anblick von Lola das Herz in die Hose rutscht.
"101 Reykjavík", die Komödie des 36jährigen Isländers Baltasar Kormákur, wirkt so, als wäre der spanische Regiestar Pedro Almodóvar in Reykjavík zwischengelandet und stifte nun heillose sexuelle Verwirrung: Hlynur verbringt mit Lola eine wilde Liebesnacht, bekommt dann heraus, dass sie die Geliebte seiner Mutter ist, und muss Wochen später erfahren, dass er im Begriff ist, Vater zu werden.
Das klingt so schrill wie die früheren Komödien des Spaniers, in denen Victoria Abril selbst schwulen Männern den Kopf verdrehte, wird aber in einem eher bedächtigen Tempo erzählt. So langsam, wie die Kamera sich durch die Räume bewegt, erkundet der Film meist das Innenleben seiner Figuren. Der Frost scheint auch dem Film nie ganz aus den Gliedern zu weichen, und so kommt der Flamenco der Gefühle nur ab und zu richtig in Schwung.
Unter dem Eis brodeln Leidenschaften, behauptet dieser Film, und tatsächlich fliegen in einigen Szenen weit unter null die Funken. Dazwischen stürzt sich Kormákur ins Nachtleben von Reykjavík, mitten unter ekstatisch zuckende Körper - und zeigt, dass bei eisigen Außentemperaturen die Devise gilt, innen entschlossen nachzuheizen. Auch sonst sind die Weisheiten dieses Kinowerks landestypisch geprägt, als zentrale Botschaft kann gelten: Der Mensch ist wie ein Geysir - jederzeit kann es zu einem gewaltigen Coming-out kommen.
Leider döst der Held, nachdem er aus seinem Winterschlaf so heftig wachgeküsst wurde, wieder ein: Am Ende legt sich Hlynur in den Schnee, und die Flocken gehen auf ihn nieder. Das Einzige, was hier noch glimmt, ist Hlynurs Zigarette. Dann erlischt auch sie, denn es fängt an zu regnen. Der Schnee schmilzt - und lässt auch den Helden wieder auftauen.
Wie viel Leben noch in einem Mann steckt, zeigt sich in Island eben nicht unter der Bettdecke, sondern unter der Schneedecke. LARS-OLAV BEIER
DER SPIEGEL 25/2002
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