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LEBENSMITTEL

Saubere Fassade

Von Voigt, Wilfried

Der Bio-Boom lockt auch zwielichtige Gestalten ins Geschäft. Ein Agraringenieur soll riesige Mengen konventionelles Getreide als Öko-Ware verkauft haben.

Der Angeklagte Hans-Ernst Bastian, 52, kann sich im Bad Kreuznacher Landgericht nur mühsam voranbewegen: Richter Bruno Kremer, Vorsitzender der Wirtschaftsstrafkammer, hat besondere Sicherheitsvorkehrungen angeordnet. Bastian muss Fußfesseln aus Metall tragen, wie ein Gewalttäter.

Dabei ist der Mann nicht wegen Mordes oder Totschlags angeklagt. Bastian steht als Großbetrüger vor Gericht: Er soll, gemeinsam mit seiner Frau, seinem Sohn, einem Neffen und seinem Schwager, fast 29 000 Tonnen konventionelles Getreide als Erzeugnis aus "kontrolliert ökologischem Anbau" europaweit an Kunden verhökert haben.

Der Fall zeigt, wie leicht Betrüger, so die Ermittler, "Lücken im Kontrollsystem" des Bio-Handels ausnutzen können. Und er zeigt vor allem, wovon Experten schon länger warnen: dass der Run auf Bio-Produkte ehrliche Erzeuger überfordert und Abzocker in die Bresche springen.

Bastian und seine Familie konnten laut Anklage Kunden und Behörden 15 Monate lang mit gefälschten Zertifikaten täuschen, bevor das lukrative Geschäft aufflog. Der Schwager vermarktete demnach die Produkte, der Sohn transportierte sie, die Ehefrau schrieb die Rechnungen, und der Neffe übernahm den Vertrieb. Profitiert haben sollen alle prächtig, kostet Bio-Getreide doch oft doppelt so viel wie normales. Auf mehr als fünf Millionen Mark schätzen die Ermittler den Gewinn bei dem Schmu.

Abgewickelt wurden die Lieferungen laut Staatsanwaltschaft über die Berliner Firma Euro Bio Korn, ein nach EU-Normen zertifiziertes Unternehmen. Eigentümer: Yggfried S., 40, der Schwager von Bastian. Der Betrieb galt bei Kunden jahrelang als "sauber", weil sich das Unternehmen dem EU-Kontrollverfahren für den ökologischen Anbau unterworfen hatte.

Dennoch liefen die Geschäfte schlecht. S. konnte die seinen Abnehmern zugesagten Getreidemengen nicht liefern. Zudem war er nicht liquide, das finanzielle Ende schien nah.

Just zu dieser Zeit frischte die Schwester von Yggfried S., Bastians Ehefrau, die Kontakte nach Berlin auf. Ihr Mann, der gerade aus einer sechseinhalbjährigen Haft wegen illegaler Getreidegeschäfte entlassen worden war, könne eventuell helfen.

Bastian bot dem Kornhändler an, er könne die benötigten Getreidemengen beschaffen. S. willigte ein, obwohl er von den Vorstrafen des Schwagers wusste.

Agraringenieur Bastian kennt den Getreidemarkt seit Jahrzehnten bestens - vor allem von dessen illegaler Seite. Allein für die Strafverfahren, die Bastian schon hinter sich hat, benötigte der Bad Kreuznacher Staatsanwalt Bernhard Mann in seiner Anklageschrift acht Seiten.

Seit Anfang der siebziger Jahre wurde gegen Bastian immer wieder wegen Betrügereien und Urkundenfälschungen bei der Vermarktung von Lebensmitteln ermittelt. So wurde Bastian verurteilt, weil er durch den Verkauf von verdorbenen Fleisch- und Wurstwaren, so die Richter, "eine erhebliche Gefährdung der Gesundheit für weite Teile der Bevölkerung" in Kauf genommen hatte. Außerdem wurde ein vierjähriges Berufsverbot verhängt.

Bastian ließ sich durch kein Urteil und keinen Knast abschrecken. Die wirtschaftliche Notlage seines Schwagers kam ihm offenbar gerade recht. Mit der Firma Euro Bio Korn hatte er eine nach außen saubere Fassade für seine trüben Geschäfte.

Kein Korn der rund 29 000 Tonnen Speise- und Futtergetreide, die Bastian zwischen Juni 1999 und August 2000 für über elf Millionen Mark verhökert haben soll, wurde laut Ermittlungen nach den Richtlinien des biologischen Landbaus erzeugt.

Einen Teil der Lieferungen kaufte Bastian in Polen, aber auch bei etlichen Niederlassungen von Raiffeisen-Genossenschaften zwischen Kiel und Stuttgart besorgte er Ware. Dabei bediente er sich Tarnfirmen, die eigens zu diesem Zweck in Luxemburg gegründet worden waren. Anschließend fälschte er laut Anklage Zertifikate und verkaufte das Getreide unter dem Namen der Firma seines Schwagers.

Im April 2000 entdeckten belgische Kontrolleure gefälschte so genannte Ecocert-Bescheinigungen. Darin wurde einer im rheinland-pfälzischen Altenglan ansässigen Bastian-Firma bescheinigt, sie sei am EU-weiten Kontrollverfahren für Bio-Produkte beteiligt - was nicht stimmte. Verdacht geschöpft hatten die Belgier unter anderem wegen sprachlicher Mängel in den auf Französisch abgefassten Dokumenten.

Umgehend alarmierte daraufhin die Agraraufsicht in Trier die Staatsanwaltschaft. Im Januar vergangenen Jahres wurde Bastian in Polen festgenommen und im Juni nach Deutschland ausgeliefert. S. sitzt seit vorigem November in Untersuchungshaft. Er stellt sich als Opfer seines Schwagers dar. Bastian, der sich zur Sache vor Gericht bisher nicht geäußert hat, bezichtigt Yggfried S. dagegen in Briefen, alles gewusst zu haben.

Die Staatsanwaltschaft hält Bastian, der einst im Schattenkabinett des Republikaner-Gründers Franz Schönhuber als Landwirtschaftsminister vorgesehen war, für einen extrem gefährlichen Mann. Sie fordert deshalb - höchst ungewöhnlich bei Betrügern - Sicherungsverwahrung für ihn. Bastian käme dann auch nach Verbüßen einer Haftstrafe zunächst nicht auf freien Fuß.

Selbst vor Drohungen gegen seine Ehefrau schreckte Bastian offenbar nicht zurück. Ihr Mann habe angekündigt, "ich werde dich umbringen", falls sie gegen ihn aussage, so die Zeugin vor Gericht.

WILFRIED VOIGT


DER SPIEGEL 26/2002
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