Von Knauer, Sebastian und Röbel, Sven
Der "Hotspot" liegt mitten im weißblauen Idyll. Eine schmutzig-braune Stelle aus verkrusteten Erdklumpen, voller abgestorbener Insekten und deformierter Pilzgewächse. In der schwülen Sommerhitze klebt der säuerlichbeißende Gestank nach ranzigem Fett.
Das Flurstück Nummer 658 vor dem Ortsteil Reuth der Gemeinde Neuendettelsau ist ein totes Stück Boden, dessen Erdreich eher chemischem Kampfstoff gleicht: Spuren von Anilin, einem Kontaktgift, das über die Haut eindringen und das Blut zerstören kann, sind ebenso vorhanden wie das leberzersetzende Lösungsmittel Pyridin, dazu giftiger Polymerlack und Ameisensäure in 32-prozentiger Konzentration.
Der verdorrte Acker in der fränkischen Provinz ist das Epizentrum eines Umweltskandals, der seit Wochen den bayerischen Freistaat erschüttert. Offenbar über Jahre hinweg hatte ein örtlicher Landwirt nahezu ungestört mehr als 3995 Tonnen Giftmüll akquiriert, einen Großteil davon auf seinen Feldern verklappt und damit einen ganzen Landstrich verseucht; die toxische Brühe lieferten Firmen aus ganz Deutschland an, meist diskret nach Einbruch der Dämmerung.
Als die kriminelle Entsorgungspraxis aufflog, brach ein Sturm der Entrüstung los. Besonders Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) sparte nicht mit Empörung über die "Riesensauerei", die seine "Vorstellungskraft" übertreffe. "Auf übelste Art", polterte er Anfang Juni, sei hier "Recht grob missachtet" worden.
Dieses Urteil könnte jetzt auf den Minister selbst zurückfallen. Denn ausgerechnet Schnappaufs bayerische Umweltbürokratie machte den Giftmüll-GAU offenbar erst möglich. Dank einer unglaublichen Pannenserie in der Kommunikation zwischen der Abfallbehörde des zuständigen Ansbacher Landratsamts und dem Landesamt für Umweltschutz (LfU) in Augsburg konnte aus dem inzwischen verhafteten Bauern - quasi über Nacht und mit behördlichem Segen - ein Großunternehmer in Sachen Gift werden. Jahrelang sahen Beamte weg und ermöglichten damit erst, dass eine der möglicherweise größten Umweltkatastrophen der Republik entstehen konnte.
Wären die Auswirkungen nicht so verheerend, würde das Wort Posse den Fall wohl am ehesten beschreiben. So aber ist es ein handfester Skandal.
Peter K., 35, ist Landwirt und Geschäftsmann. Ein Franke mit mäßigem Berufsschulabschluss, gern gesehen bei der freiwilligen Feuerwehr und beim Bauernstammtisch, trotz seines etwas zu großen Hangs zum Glücksspiel und zur Geselligkeit, über den im Ort getuschelt wird. Der Hof seiner Eltern in Neuendettelsau-Reuth läuft nicht so recht, Schulden drücken auf die morsche Scheune und das rustikale Bauernhaus mit den Spitzengardinen.
1996 kommt K. die Idee, ins Biogasgeschäft einzusteigen. Die junge Technologie verspricht Fördermittel und Gewinne - eine saubere Art, Geld zu verdienen. Das Prinzip ist so umweltfreundlich wie effizient: In einem so genannten Fermenter werden Gülle, Kompost und natürliche Fette zur Gärung gebracht, das so entstehende Gas erzeugt Strom fürs öffentliche Netz.
Ohne größere Probleme erhält K. im November 1996 vom Landratsamt Ansbach die Genehmigung, eine solche Biogasanlage zu bauen. Um den Reaktor herum muss er ein kleines, gelb verputztes Häuschen errichten, damit der malerische Dorfkern nicht verschandelt wird.
K. füttert sein Minikraftwerk zunächst ordnungsgemäß mit Gülle und Grünzeug. Dann kommen dem jungen Landmann merkwürdige Gedanken: Dem Biobrennstoff will K. plötzlich Klärschlamm beimischen - eine zusätzliche Einnahmequelle, die satte Entsorgungsgebühren verspricht.
Dafür allerdings benötigt K. eine "immissionsschutzrechtliche Genehmigung" des Landratsamts - und weil er die erforderlichen Unterlagen nicht vorweisen kann, versickert der Antrag bald im Dickicht des Behördenverkehrs.
Stattdessen kommt dem geschäftstüchtigen Bauern eine andere Idee. Seit 1993 führt das Bayerische Landesamt für Umweltschutz eine "Verwerterdatenbank", in der Entsorgungsunternehmer kostenlos ihre Dienste anpreisen dürfen. Die Internet-Kartei dient der deutschen Sondermüll-Branche als Kontaktbörse. Um das Anmeldeformular herunterzuladen, reicht ein Mausklick.
Anfang 1998 dann, so K., habe er einen Müllmakler aus dem Hessischen getroffen, der ihm das nötige Verwaltungs-Know-how vermittelte. Danach geht alles sehr schnell.
Beim Ausfüllen des Formblatts trägt K. zunächst die Giftstoffe ein, die er zu entsorgen gedenkt, und kreuzt bei der Frage "Ist die Anlage genehmigt?" dreist einfach das Kästchen "Ja" an. Das scheint den Prüfern im Ansbacher Landratsamt als Nachweis zu genügen. Eilig schicken sie das Formular weiter ins LfU. Auf die Idee, den Antrag vorher zu prüfen, kommen sie nicht - eine entsprechende Anweisung aus dem Ministerium sei damals nicht bekannt gewesen, heißt es heute im Amt.
So trägt der Antrag, der wenig später das LfU erreicht, weder Stempel noch Unterschrift, was die Augsburger jedoch nicht weiter zu stören scheint. Für sie gilt der Vorgang als geprüft - schließlich kommt er ja aus der zuständigen Genehmigungsbehörde. So schicken die Landesbeamten den Akt zurück nach Ansbach, mit dem Vermerk, dass K. nunmehr in die "Positivliste" der bayerischen Abfallentsorger aufgenommen sei - für ihn die Eintrittskarte ins lukrative Sondermüllgeschäft.
"Das war kein großes Ding", sagt K.s Verteidiger Manfred Neder heute. "Schublade auf, Formular raus - und ein paar Tage später war die Bestätigung im Briefkasten. Nicht mal Schmiergeld war nötig."
"Das war ein riesengroßes Missverständnis", entschuldigt sich Landrat Rudolf Schwemmbauer (CSU) heute. Sein Vorgänger, der den unglaublichen Vorgang letztlich zu verantworten hat, ist mittlerweile im Ruhestand und nicht zu sprechen. Vor Schwemmbauers Amtsantritt im Mai hatte ihm der Parteifreund schon düster prophezeit: "Da wird noch einiges auf dich zukommen." Und es kam.
Denn mit der unfreiwilligen Hilfe der Behörden, die auch weiterhin immer nur wegsahen, vergrößerte Landwirt K. nach und nach sein Entsorgungsrepertoire, offenbar nach Bedarf seiner jeweils neuen Geschäftspartner.
Seit K.s Name in der offiziellen Verwerterkartei stand, bestürmten ihn Müllmakler wie die Firmengruppe Jakobi mit Angeboten, die furchterregendsten Stoffe in seiner Biogasanlage zu verwerten. K. will für seinen Job im Schnitt nur 15 Euro pro Tonne erhalten haben - ein knappes Zwanzigstel des Normalpreises.
Im September 2000 registriert die ministeriale Mülldatenbank in Augsburg 85 teils hochgefährliche Stoffe, die K. entsorgen darf - unter anderem "Mutterlaugen aus der Herstellung von Pharmazeutika" und Chemieschlämme. Die Beamten denken sich offenkundig nichts dabei. Immer häufiger beobachten dagegen K.s Nachbarn Tanklastzüge, die vor dem beschaulichen Hof in Neuendettelsau stoppen. Wahllos wird in die Lagertanks gepumpt, was gerade kommt.
Zu K.s Kundschaft gehörten Unternehmen ersten Ranges. Die Lufthansa-Technik etwa entsorgte "öl-und fetthaltige Reinigungsschlämme", der Auto-Riese Ford lud rund 100 Tonnen wässriger Suspensionen mit Farben und Lacken ab und Agfa 140 Tonnen "Lösungsmittel-Wasser-Gemisch" (SPIEGEL 25/2002). Agfa-Beauftragte hatten den Gifthof sogar persönlich besichtigt: Dass K.s "Zwischenlager" nur aus einer Einfüllklappe direkt neben dem Misthaufen bestand, schien die Herren nicht zu stören.
Ans Aufbereiten der gefährlichen Stoffe in seiner Biogasanlage dachte der Landwirt schon lange nicht mehr - die toxischen Substanzen hätten seinen Reaktor gesprengt. Und so wählte K. einen anderen Entsorgungsweg: War die Betongrube voll, ging es aufs Feld. Aus seinem grün-weißen Mercedes-Traktor mit angekoppeltem Güllefass, so der Vorwurf, verspritzte der Bauer die Brühe auf seine Äcker - die daraufhin mal schwarz, mal rot, mal brombeerfarben zu schimmern begannen. "Das Gras", erinnert sich ein Anwohner, "das abends noch grün war, war am Morgen nur noch hellgraues, krankes Gestrüpp."
Als Spezialisten im April auf K.s Hof den Deckel des "Fermenter II" öffneten, bot sich ihnen ein Bild, das ein Ermittler beschreibt als "Cocktail aus allem, was die organische Chemie hergibt".
Die naive Sorglosigkeit des Landratsamts zeigte sich auch stets, wenn ein Lieferant seine Ladung in K.s Grube gekippt hatte. Dann meldete er dies der Behörde in Ansbach. Der Bauer, der den Erhalt des Sondermülls quittieren musste, tat das Gleiche. Der Job der Umweltbeamten bestand jetzt nur noch darin, die angegebenen Mengen zu vergleichen und nachzuschlagen, ob der Abfallcode passte - schon ging der "Entsorgungsnachweis" in die Post.
Niemandem will dabei aufgefallen sein, wie sich das bayerische Kontrollsystem so jahrelang selbst ad absurdum führte. Auch dann nicht, als Ende Juli 2001 eine Nachbarin Anzeige erstattete; ihre Beschwerde über K.s stinkende Giftküche wiegelte ein Inspektor ab. Er stellte nur "dorftypischen Güllegeruch" fest.
Lediglich einmal drohte der Gift-Tango des Bauern mit den Behörden aus dem Takt zu geraten. Im Juni 2001 hatte ein Ansbacher Sachbearbeiter das Umweltministerium angerufen und sich nach dem Sinn einer neuen BSE-Verordnung erkundigt. "Ganz einfach", antwortete der Ministeriumsmann: Es solle nur sichergestellt werden, dass nichts Verseuchtes auf die Felder komme.
Da fiel dem Ansbacher Beamten sein Stammkunde K. ein. Der hatte ja schließlich auch mit Verseuchtem zu tun. Jetzt plötzlich sollte K. schriftlich versichern, dass er keinen Unfug damit treibe. "Hiermit erkläre ich", schrieb K. daraufhin wunschgemäß zurück, dass "das Lösemittel der Firma Agfa" nicht "auf landwirtschaftliche Flächen ausgebracht wird" - und der Beamte war zufrieden.
Nun müssen die Böden um Neuendettelsau entgiftet werden, was wohl einen zweistelligen Millionenbetrag kosten wird. Minister Schnappauf will die Kontrollen seiner Behörden verbessern - höchste Zeit.
Bei dem Vorhaben könnte Landwirt K., der vor der Staatsanwaltschaft bislang zu den Vorwürfen schweigt, dem Minister nützliche Tipps geben - in der Untersuchungshaft schreibt er gerade an einer "Chronologie" seiner Giftmüllkarriere. SEBASTIAN KNAUER, SVEN RÖBEL
DER SPIEGEL 26/2002
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