DER SPIEGEL



Das Leben ist wie Godzilla

JONATHAN FRANZEN landete im Sommer 2001 in den USA einen Sensationserfolg: "The Corrections", jetzt auf Deutsch erschienen*, wurde als "Meisterwerk" ("Publisher's Weekly") gefeiert und stand 29 Wochen lang in der US-Bestsellerliste. Franzen, 43, provozierte einen Skandal, als er sich abfällig über den Buchclub von Oprah Winfrey äußerte, in den die populäre TV-Moderatorin seinen Roman aufgenommen hatte - Winfrey lud den Schriftsteller daraufhin aus ihrer Talkshow aus. Franzen hat zwei ältere Geschwister und wuchs in einem Vorort von St. Louis auf, sein Vater war Bauingenieur, s eine Mutter Hausfrau. Er studierte Germanistik am Swarthmore College in Pennsylvania und in Berlin. Sein erster Roman "The Twenty-Seventh City" erschien 1988. Die Politsatire gefiel zwar den Rezensenten, war aber, ebenso wie sein zweites Buch "Strong Motion" (1992), kein Verkaufserfolg. Franzen war mit der Autorin Valerie Cornell verheiratet und lebt in New York.

Von Hüetlin, Thomas

Der Schriftsteller Jonathan Franzen über die Herausforderung, einen Gesellschaftsroman zu schreiben

SPIEGEL: Mr. Franzen, Ihr brillant erzählter, mit skurrilen, quicklebendigen Szenen gefüllter Familienroman "Die Korrekturen" wird in den USA gefeiert wie kein anderes Buch seit Jahren. "Großartig, alles, was wir von einem Roman verlangen", preist ihn die "New York Times". Seit mehr als 20 Jahren mühen Sie sich als Autor ab - nun das. Hat Sie das Ausmaß des Erfolgs überrascht?

Franzen: Ich habe mir nie die Mühe gemacht, mir vorzustellen, wie erfolgreich mein Buch sein könnte. Ich wusste aber, dass ich mir etwas Schwieriges vorgenommen und mein Projekt vollendet hatte.

SPIEGEL: Was war Ihr Plan?

Franzen: Ich wollte ein ernsthaftes Buch schreiben, das nicht bloß einem Publikum für ernsthafte Bücher gefallen würde. Mit so etwas kann man leicht auf die Nase fallen. Ich wusste aber, dass Autoren wie David Foster Wallace oder Don DeLillo, Schreiber, die ich respektiere und bewundere, mein Vorhaben verstehen würden. Jede Rezeption, die darüber hinausgehen würde, war für mich nicht greifbar. Eines allerdings war für mich wichtig: Ich wollte gute Besprechungen in den Zeitungen. Alles andere hätte mich schockiert.

SPIEGEL: Wann wussten Sie, dass Ihnen ein Bestseller gelungen war?

Franzen: Als mein Verleger Jonathan Gallassi von Farrar, Straus und Giroux das Manuskript innerhalb von zwei Tagen gelesen hatte, und auch die Europäer sich vor Enthusiasmus kaum mehr halten konnten. Auf einmal verkauften wir jeden Tag die Rechte für ein anderes Land.

SPIEGEL: Allein in den USA haben etwa eine Million Menschen "The Corrections" gekauft. Was bedeutet eine solche Zahl für Sie, außer dass Sie reich geworden sind?

Franzen: Nicht viel, ich bekomme eher ein Gespür für den Erfolg, wenn ich in einer Buchhandlung 200 Bücher signiere und die Leute während meiner Lesungen lachen.

SPIEGEL: Wie viele von der Million Käufer, glauben Sie, lesen Ihr Buch wirklich, wie viele legen es als Statussymbol auf den Couchtisch?

Franzen: Als jemand, der sich unglücklicherweise intensiv mit den Lesegewohnheiten der Leute befasst hat, weiß ich darüber ziemlich genau Bescheid. Es ist halbe, halbe. Etwa eine halbe Million liest mein Buch, die Übrigen sind damit zufrieden, es nur zu besitzen.

SPIEGEL: Einen Teil Ihres Erfolgs verdanken Sie der Tatsache, dass Ihr Buch von der Talkmasterin Oprah Winfrey in deren Buchclub aufgenommen wurde. Als Sie selbst mit dieser Auszeichnung öffentlich haderten, wurde Ihnen vorgeworfen, ein "undankbarer Dreckslappen" zu sein. Haben Ihnen diese Beschimpfungen etwas anhaben können?

Franzen: Es war schmerzhaft, weil das Image, welches von mir präsentiert wurde, so ziemlich das Gegenteil von dem ist, was ich eigentlich bin. Ich wurde porträtiert als ein leidender elitärer Hochkultur-Schreiber, der die Massen verachtet. Dabei habe ich gerade deshalb so viele Jahre für dieses Buch gebraucht, weil ich beides wollte: eine unbestreitbare literarische Leistung und eine Reihe von Charakteren, welche die Gefühle des Publikums ansprechen. Mit anderen Worten - ich tat etwas Ähnliches wie Oprah Winfrey: ernst sein und gleichzeitig zugänglich und aufregend. Psychologisch gesehen war mein Problem, dass ich eine unausgesprochene Rivalität mit Winfrey spürte. Nach dem Motto: Die populäre Herangehensweise ist ein Kennzeichen meiner Arbeit - wozu brauche ich da Oprah? Oprah und ich - wir waren zu nah beieinander. Zwei große Egos in einer Küche, wo nur Platz für eins ist.

SPIEGEL: Auf der anderen Seite wurde Ihr Buch als eine moderne Version der "Buddenbrooks" gelobt, Sie selbst wurden mit Thomas Mann verglichen. Denkt man in solchen Augenblicken nicht: Die Welt ist verrückt geworden?

Franzen: Ich nahm den Vergleich mit Mann als Kompliment, und die "Buddenbrooks" habe ich daraufhin diesen Januar gelesen. Es war so eine Art Buch, welches eigentlich in jeder Schule automatisch einmal drankommen müsste, nur in meiner wurde es anscheinend vergessen. Egal. Ich musste es also nachholen. Ein meisterhaftes Werk, auch wenn der Schluss, diese Häufung von Verfallsmotiven, etwas angestrengt wirkt. Diese Geschichte vom Ende der Familie zeigt vor allem, dass der Schreiber ein sehr junger Mann, etwas über 20 Jahre, war.

SPIEGEL: Mann wurde als Deuter und Gewissen seiner Zeit verstanden, Sie dagegen haben in einem Essay 1996 darüber geklagt, dass der moderne Schriftsteller immer mehr an Bedeutung verliert und seine Arbeit von Jahr zu Jahr weniger gebraucht wird. War dieser Essay damals der Aufschrei eines frustrierten Autors, der Aufmerksamkeit erregen wollte, oder bleiben Sie noch heute bei Ihrer Diagnose?

Franzen: Es gab eine Zeit, da kannte der Roman keine Konkurrenz. Er sorgte dafür, dass die Bourgeoisie unterhalten wurde und klärte dazu auf über die sozialen Gegebenheiten in der Gesellschaft - entweder in der Form, wie zum Beispiel Dickens über Gefängnisse und Armenhäuser schrieb, oder in der Art, wie Autoren die Normen, Werte und Lebensweisen des Bürgertums reflektierten. Dann bekam der Roman Konkurrenz durch das Kino. Das Fernsehen schließlich entband den Roman fast völlig von den oben genannten Aufgaben. Ich spreche hier nicht nur von Nachrichtensendungen und Dokumentationen; auch in einer Sitcom erfahren Sie viel über unsere Gesellschaft. Der Roman hat seine soziale Rolle verloren, der Romanautor kann sich also in unserer Kultur nicht mehr als bedeutende Figur fühlen. Dies ist entmutigend. Vor allem, weil es ziemlich anstrengend ist, Bücher zu schreiben.

SPIEGEL: Autoren wie DeLillo und Thomas Pynchon würden diese Diagnose wahrscheinlich ungern hören. Ihre Obskurität stellen diese Schriftsteller wie eine Art modernes Dandytum zur Schau, aber es gibt doch keinen Zweifel darüber, dass beide versuchen, die Welt analytisch-erzählerisch zu durchdringen?

Franzen: Absolut. Beide Autoren waren lange Zeit Vorbilder für mich. Durch die Art, wie sie, ständig vom Fernsehen und der Atombombe bedroht, versuchten, eine möglichst vollkommene soziale Totalität abzubilden und zugleich einen ironischen Abstand zur Welt zu wahren, in der wir leben. Man muss smart sein, um dies zu leisten, und selbstbewusst, aber mir hat diese postmodern-spielerische Ironie nicht mehr genügt. Ich wollte einen Roman, in dem ich all diese Fragen, zum Beispiel die Verwüstung des öffentlichen Diskurses durch das Fernsehen, ebenso behandeln konnte wie die schlichten Gefühle, die eine Mutter im Mittleren Westen an Weihnachten hat. Man hat Angst, die Liga der großen Schriftsteller nie betreten zu dürfen, wenn man sich mit solch vermeintlich nichtigen, menschlichen Gefühlen befasst.

SPIEGEL: Was hat Sie ermutigt, diese Angst am Ende zu ignorieren?

Franzen: Es war ein Buch mit dem Titel "Was am Ende bleibt" von einer Autorin namens Paula Fox. Es beschreibt das Wochenende eines kinderlosen Paares in Brooklyn. Die Frau wird von einer Katze gebissen. Das ist die ganze Geschichte. Ansonsten handelt das Buch noch von allem, was die amerikanische Gesellschaft im Jahr 1968 bewegt hat. Dieses Werk zeigte mir, dass das unmögliche Projekt, ein Buch über alles in der Welt zu schreiben, möglich wird, sobald man diesen universellen Anspruch fallen lässt, und einen einzigen Charakter in einem Augenblick großer Not begleitet. In solch eine Krise kann die ganze Welt hineingespiegelt werden. Diese Methode von Paula Fox scheint mir derzeit die einzig mögliche. Für alles andere würden Sie 3000 Seiten und 20 Jahre Zeit brauchen. Und wer weiß, wie die Welt in 20 Jahren aussehen wird? Jedenfalls völlig anders als der Kosmos, den wir uns heute vorstellen können.

SPIEGEL: Sie lösten die Aufgabe, indem Sie einen Roman über eine fünfköpfige Familie aus dem Mittleren Westen schrieben. Die Mutter Enid geht mit ihrem unter Parkinson und an beginnendem Alzheimer leidenden Mann Alfred auf Kreuzfahrt. Das eigentliche Anliegen der Mutter besteht jedoch darin, ihre drei über das Land verstreuten Kinder noch einmal zu Hause zu haben - für ein letztes gemeinsames Weihnachtsfest. Ein vermeintlich einfacher Plot mit verwundbaren, abgründigen Charakteren. Wie kamen Sie zu Ihren Personen?

Franzen: Chip, den jüngeren Sohn der Familie, trug ich zehn Jahre in meinem Kopf herum. Er ist ein gescheiterter Akademiker und Drehbuchschreiber, der seine teuren Foucault-Ausgaben im Antiquariat versetzt, um sich Klamotten aus Leder und teure Restaurants leisten zu können. Amerikanische Universitäten sind voll mit solch bedürftigen Charakteren. Chip möchte sehr gern sehr cool sein, und deshalb dachte ich, es reicht nicht, dass ich in der Eröffnungsszene dafür sorge, dass seine Freundin ihn verlässt, ich sorge auch noch dafür, dass seine grotesk uncoo-

len Eltern ihn in New York besuchen kommen. Als ich Mitte der neunziger Jahre fast mein ganzes Manuskript in den Müll warf, war dies die einzige Szene, die ich aufhob. Dann ist da Gary, der ältere Bruder, ein sozialer Aufsteiger ...

SPIEGEL: ... ein Banker, der von seiner Frau und seinen Kindern tyrannisiert wird. Dessen letzte Freude im Leben ist es wohl, im Garten zu grillen, nur um mit ansehen zu müssen, wie seine Kinder das Fleisch wegwerfen und einen Pizzaservice anrufen ...

Franzen: Dann die Schwester, eine hippe Gourmet-Küchenchefin, die dabei ist, ihre Sexualität zu erforschen. Beruflich hoch ambitioniert, hat sie keine Ahnung, wie es in ihrem Herzen aussieht. Ihren Part schrieb ich zuletzt.

SPIEGEL: Alle Familienmitglieder scheitern, können ihre Träume nicht verwirklichen. Chip zum Beispiel wird nicht Star-Professor, sondern landet bei einer betrügerischen Internet-Company in Litauen. Trotzdem lachen Sie sich nicht ins Fäustchen, wie zum Beispiel der Schriftsteller Rick Moody, wenn Ihre Figuren auf die Nase fallen. Fiel Ihnen die Sympathie, die Sie dieser strauchelnden Familie, den Lamberts, entgegenbringen, schwer?

Franzen: Ich kann mir nicht helfen, ich mag Menschen. Vielleicht kommt es daher, dass ich wie eine Reihe amerikanischer Schriftsteller, die ich sehr schätze, im Mittleren Westen geboren und dann weggegangen bin. Mark Twain, Fitzgerald, Hemingway - sie alle haben diesen Weg hinter sich gebracht. Außerdem würde ich es nicht als Scheitern bezeichnen, wenn einer einige Zielvorstellungen der amerikanischen Gesellschaft nicht erreicht. Vielleicht kann das ja auch ein Erfolg sein. Auch aus diesem Grund heißt das Buch "The Corrections". Chip, zum Beispiel, glaubt von sich, er sollte groß rauskommen als Foucaultscher Theoretiker, und trotzdem ist er die ganze Zeit unglücklich. Schließlich wird er gefeuert. Gut gemacht, Chip, denke ich da, weil, wäre er eine weniger interessante, weniger starke Person, würde sein Leben geradliniger verlaufen. Man benötigt schon eine gute Portion Kraft und Optimismus, um scheitern zu können und sich zu öffnen für die Möglichkeiten und Freiheiten, die sich daraus ergeben.

SPIEGEL: Sie betrachten, ganz unzeitgemäß, das Scheitern und das Verlieren im Leben als große Chance?

Franzen: Ich beziehe mich da auf das Motto zu Dostojewskis "Die Brüder Karamasow", das besagt: Die Frucht, die im Baum hängt, vertrocknet; die Frucht, die zu Boden fällt, sorgt dafür, dass neue Früchte gedeihen. Mir scheint, dass Amerikaner eine Riesenangst vor dem Scheitern haben, ebenso wie vor Krankheiten und Tod. Dabei gehört das zum Leben, und nur die Furcht davor ist destruktiv und macht einen zum seelischen Krüppel. Also dachte ich mir, warum nicht ein wenig Spaß haben mit der Angst. Lass uns ein paar Charaktere in eine unangenehme Wirklichkeit packen und auf die Flucht schicken vor einer Realität, die hinter ihnen hertrampelt wie Godzilla.

SPIEGEL: Macht es Ihnen Spaß, als Autor das Monster Godzilla zu spielen?

Franzen: Godzilla, das bin nicht ich - Godzilla ist wie das Leben, Godzilla ist Alzheimer, Godzilla kann eine Ehefrau sein, die einer wegen ihres Geldes geheiratet hat. Aber ich als Autor bin nicht Godzilla. Vieles von dem, was ich beschrieben habe, beruht auf meinen eigenen Erfahrungen.

SPIEGEL: Gemeinhin werden die neunziger Jahre in den USA als eine lang anhaltende Glücksexplosion beschrieben mit dem längsten Boom der amerikanischen Geschichte. Sie beschreiben die Düsternis, die unter dieser vermeintlich strahlenden Oberfläche liegt. Seit wann misstrauen Sie den falschen Blasen des amerikanischen Glücks?

Franzen: Viele Amerikaner glaubten während dieser Epoche, die Geschichte sei an ihrem Ende angekommen, und nun sei es an der Zeit, neue Regeln aufzustellen. Nach dem Motto: Die Regeln des alten Wirtschaftens gelten nicht mehr, jetzt wird gelebt nach der New Economy. Wir werden dem Schicksal einfach davonlaufen. Das Dumme daran ist nur: Es funktioniert nicht - nie. Aus dieser Konstellation entsteht die Tragödie und gleichzeitig die Komödie: Hallo, aufwachen, das neue Spiel läuft nicht. Die Geschichte wird auch dich erwischen. Auch du wirst eines Tages sterben.

SPIEGEL: Es gibt einen Spruch: Nichts macht den Menschen unglücklicher, als wenn alle um ihn herum reich werden und er nicht. Lag nicht ein Teil Ihrer fatalistischen Weltsicht darin begründet, dass Sie als erfolg-loser Autor keinen Anteil hatten am Boom?

Franzen: Sicher. Den Tiefpunkt erreichte ich, als ich ein Jahr lang in einem Viertel wohlhabender Leute in Philadelphia wohnte. Ich war umgeben von diesen weißen reichen Familien, die alle im Bank- oder Justizgeschäft arbeiteten, und ich saß allein zu Hause, in dieser tagsüber tödlich ruhigen Nachbarschaft, und versuchte zu schreiben. Ich war sehr unglücklich. Ich dachte, wenn ich nur diese dämliche Romanschriftstellerei aufgeben würde, diese absolut sinnlose Tätigkeit, die niemand braucht, die sehr schwierig ist und mit der man niemals reich wird. Ich dachte, würde ich bei einem Internet-Start-up anfangen, samt Aktienoptionen und Rieseneinkommen, könnte auch ich glücklich sein. Ich ließ es bleiben und dachte daran, nach Mexiko zu emigrieren, wo ich mein Leben unauffällig verbringen könnte, schließlich schämte ich mich, als Romanschriftsteller einfach aufzugeben. Ich ließ auch dies bleiben. In Mexiko wäre mir auch nichts anderes eingefallen, als zu schreiben.

SPIEGEL: Was hat der 11. September für Amerika bedeutet?

Franzen: Ich weiß es nicht. Kaum hatte uns die schreckliche Katastrophe getroffen, wurden wir mit Fernsehbildern und schlauen Sprüchen konfrontiert. Das Image bekam sofort einen Titel: "America under Attack", mit der dazugehörigen prompten Interpretation. Der 11. September war die Apotheose dieser Zivilisationskrankheit, ein Ereignis nicht mehr erfahren zu können, ohne es sofort interpretieren zu müssen. Alles wurde totgeredet, hübsch verpackt konnten die Leute die Katastrophe ablegen. Vielleicht werden wir erst in fünf Jahren wissen, was der 11. September bedeutet hat.

SPIEGEL: Waren Sie für die kriegerischen Aktionen in Afghanistan?

Franzen: Es nicht zu tun wäre undenkbar gewesen. Amerika ist in eine Menge Dinge verwickelt, welche ich stark kritisiere. Das Land hat Blut an den Händen. Aber die Vertreibung der Taliban gehört sicher nicht in die Top-20-Liste der schlimmen Dinge, die die USA in ihrer Geschichte angestellt haben. Trotzdem hat dieser Feldzug nicht unser grundsätzliches Problem gelöst, welches darin besteht, dass wir eine Supermacht sind, die nicht zuletzt auf das Öl aus den arabischen Staaten angewiesen ist. Aber wenigstens war der Krieg gegen die Taliban nicht so verlogen wie der Golfkrieg, jenem Gipfel der politischen Heuchelei, wo uns eingeredet wurde, es gehe um Prinzipien, dabei war der Regierung nur eines wichtig: Öl.

SPIEGEL: Sie sind jetzt Experte für Familienromane: Halten Sie die Bush-Dynastie, die im Machtgefüge der USA seit Jahrzehnten eine Spitzenposition einnimmt, für literarisch verlockend? Würde der Clan ein gutes Buch abgeben?

Franzen: Nein, ich kann diese Familie nicht leiden. Und ein Stoff, der in einem solchen Maße abstoßend ist, eignet sich eigentlich nie für einen Schriftsteller. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein ernst zu nehmender Schreiber Gefallen an dieser Sippe findet. Der Ursprung der Heuchelei in diesem Clan liegt so lange zurück, dass es dort niemanden mehr gibt, welcher eine Ahnung davon hat, wie es in einem echten Menschen aussieht. Der Vater war vor allem ein Ölmanager, der Sohn ist nicht einmal das. Er wird uns als Präsident unseres Landes verkauft, obwohl er höchstens in der Lage ist, einen Baseball-Club zu führen.

SPIEGEL: Sie haben Teile Ihrer Studienzeit in Deutschland verbracht. Treibt Sie Ihr kritisches Verhältnis zu den USA demnächst wieder in die Fremde?

Franzen: Nein, denn in diesem Land war es mir möglich, bequem zu leben, während ich ein seltsames Buch schrieb. Dies ist ein Land, in dem mir niemand reingeredet hat, was in diesem Buch zu stehen hätte. Und dies ist ein Land, in dem ich über die Familie des Präsidenten sagen kann, was ich möchte, ohne dass ich Angst haben müsste, dass mir jemand Gewalt antut. Wie sollte ich unter diesem Land ernsthaft leiden?

SPIEGEL: Mr. Franzen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

JONATHAN FRANZEN

landete im Sommer 2001 in den USA einen Sensationserfolg: "The Corrections", jetzt auf Deutsch erschienen*, wurde als "Meisterwerk" ("Publisher''s Weekly") gefeiert und stand 29 Wochen lang in der US-Bestsellerliste. Franzen, 43, provozierte einen Skandal, als er sich abfällig über den Buchclub von Oprah Winfrey äußerte, in den die populäre TV-Moderatorin seinen Roman aufgenommen hatte - Winfrey lud den Schriftsteller daraufhin aus ihrer Talkshow aus. Franzen hat zwei ältere Geschwister und wuchs in einem Vorort von St. Louis auf, sein Vater war Bauingenieur, s eine Mutter Hausfrau. Er studierte Germanistik am Swarthmore College in Pennsylvania und in Berlin. Sein erster Roman "The Twenty-Seventh City" erschien 1988. Die Politsatire gefiel zwar den Rezensenten, war aber, ebenso wie sein zweites Buch "Strong Motion" (1992), kein Verkaufserfolg. Franzen war mit der Autorin Valerie Cornell verheiratet und lebt in New York.

* Jonathan Franzen: "Die Korrekturen". Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt Verlag, Reinbek; 784 Seiten; 24,90 Euro. Das Gespräch führte Redakteur Thomas Hüetlin in New York. * Gemälde "Zimmer in New York" von Edward Hopper (1932).

DER SPIEGEL 26/2002
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