Von Neumann, Conny
Das Böse lauert in der Tiefe: Es soll so lang sein wie der Oberkörper eines ausgewachsenen Mannes, das messerscharfe Riesenmaul verschlingt Ratten, große Fische und könnte - so fürchten Beamte - wohl auch problemlos die Gliedmaßen ahnungsloser Schwimmer abbeißen.
Das Ungeheuer, das aus dem Drehbuch eines Horrorschockers stammen könnte, ist direkt hinter dem Münchner Messegelände aufgetaucht, im bisher friedlichen Dornacher Kiesweiher: Seit Tagen jagen Polizeitaucher und Feuerwehrmänner dort eine so genannte Geierschildkröte. Sie hat durchaus Chancen, Medienstar des Sommerlochs zu werden - wie im vergangenen Jahr das "Rheinkrokodil" aus Bingen und Jahre zuvor der Kaiman "Sammy" aus einem Baggersee bei Dormagen.
Das Fleisch fressende Reptil im Dornacher Weiher, das Zoologen als extrem bissig einstufen, kann über 70 Kilogramm auf die Waage bringen - und einige Augenzeugen taxieren das Bayern-Exemplar gar auch auf dieses Gewicht. Die Gemeinde Aschheim verhängte über den See striktes Badeverbot und warnt auf Schildern: "Vorsicht Lebensgefahr".
Dabei fühlt sich der unheimliche Bewohner angeblich schon rund zehn Jahre lang wohl im Dornacher Wasser. Offenbar hatte damals ein Tourist die Geierschildkröte (Macroclemys temminckii), die etwa im Mississippi-Delta zu Hause ist, ins Land gebracht und später ausgesetzt.
Anfangs schien das Tier niemanden zu bedrohen und war auch kaum zu sehen. Aber als es in diesem Sommer nun ausgewachsen aus dem Wasser ragte, traf die Angler am Ufer fast der Schlag. Gemeinsam mit der Polizei und Reptilienexperten der Münchner Universität beschlossen Dornacher Honoratioren, dass nun gehandelt werden müsse.
Doch "Dornie", wie die Angler das Panzer-Reptil mittlerweile nennen, ist schlau. In der Dämmerung, wenn alles still geworden ist, taucht es auf, streckt kurz den Panzer an die Luft, lugt nach einem gemütlichen Plätzchen auf der Kiesbank. Oder es schleicht sich frühmorgens ans Ufer, liegt dort unter einer Schicht aus Moos perfekt getarnt zu Füßen der Angler, die das Tier oft genug mit einem großen Stein verwechselt haben. "Und stinkt erbärmlich", sagen die Männer.
Fangen aber ließ sich Dornie zumindest bis Freitag vergangener Woche nicht. Nicht von den Keschern der Polizei, nicht von den Anglern. Als die Aschheimer dem Reptil einmal einen armdicken Ast hinstreckten, damit es sich festbeißen sollte, bekamen sie einen gehörigen Schreck. Dornie schoss vor, schnappte kurz mit dem Kiefer, und der Ast zerfiel splitternd in zwei Teile.
Dabei war das Raubtier einmal schon in sicherem Gewahrsam. Vor etwa zehn Jahren, erzählte der Angler Bernhard Reisert, begegnete er der damals noch kleinen Schildkröte zum ersten Mal, nahm sie gar mit nach Hause und setzte sie in die Badewanne. "Mir war schon klar, dass die nicht in unseren See reingehört", sagte Reisert. Er rief im Zoo an und bei Universitäten. Doch keiner wollte die Exotin haben. "Was soll ich mit der in meiner Badewanne?", fragte Reisert sich und kam zum Schluss: "Die können mich mal!" Kurzerhand setzte der Angler die Schildkröte wieder am Dornacher Weiher aus, "weil sie's da doch besser hatte".
Wohl wahr. Denn aus der kleinen Schildkröte wurde im fischreichen Teich ein Trumm. Zwar bezweifeln Zoologen, dass eine Geierschildkröte aus den Subtropen einen oberbayerischen Winter überleben kann. Aber da irren sie offenkundig. Der See, sagen die Angler, friere wegen des hohen Grundwasserpegels nämlich nie ganz zu, tief unten könne man auch im Winter noch bis zu zwölf Grad plus messen.
Über 50 Jahre könnte Dornie also bei guter Ernährung im Weiher schon noch überdauern, wenn sie nur die Netze der Polizisten meidet - und wenn von denen nicht aus lauter Vorsicht oder Angst noch einer die Waffe zieht. CONNY NEUMANN
DER SPIEGEL 27/2002
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