01.07.2002

ZEITGESCHICHTEEin wendiger Infotainer

Sebastian Haffner Superstar: Die Verlage überschwemmen mit Büchern von ihm und über ihn den Markt. Seine Anhänger halten ihn für einen seriösen Zeitzeugen und politischen Denker. Dabei hat er über wichtige Dinge häufig die Meinung gewechselt - und erweckte damit das Interesse der Geheimdienste.
Am Ende seines Lebens bedauerte Sebastian Haffner, nicht früher gestorben zu sein. Alt und krank, zum Schreiben nicht mehr in der Lage, beklagte er, dass sein Ruhm verblasse. Kurz vor dem Ende konstatierte der gut 90-jährige Greis ein wenig verzweifelt: "Ich habe mich selbst überlebt."
Nur drei Jahre nach seinem Tod 1999 kann davon keine Rede mehr sein. Denn seit der spektakulären Entdeckung seiner Erinnerungen "Geschichte eines Deutschen" im vorletzten Jahr überzieht ein beispielloser Haffner-Boom die Republik.
Ob ZDF-Historiker Guido Knopp oder SPD-Innenminister Otto Schily, die liberale "Zeit" oder die konservative "Welt" - der langjährige "Stern"-Kolumnist begeistert Leser aller Lager. Über 500 000 Exemplare wurden allein von seinen Erinnerungen verkauft, und ein Ende ist nicht abzusehen.
Die Verlage werfen denn auch auf den Markt, was sie finden können: allerlei Neuauflagen oder Nachdrucke, Sammlungen von Artikeln, die Haffner für den britischen "Observer" niederschrieb, oder Biografisches - knapp zwei Dutzend Veröffentlichungen allein in den letzten 18 Monaten.
Es gibt die Erinnerungen seiner Tochter Sarah, einer Berliner Malerin, Interviews in Buchform oder als CD. Wer will, kann Lesungen aus Haffners berühmten "Anmerkungen zu Hitler", dem wohl bekanntesten Buch über den "Führer", lauschen. Demnächst wird er auch wieder im Fernsehen zu sehen sein. Ein Spielfilm über sein Leben in Berlin während der Weimarer Republik und der Nazi-Zeit soll gedreht werden; ein Dokumentarfilm ist beim Sender Freies Berlin bereits in Arbeit.
Der Ein-Mann-Verlag "Berlin 1900", vor Jahren eigens gegründet, um Haffners Altwerke zu verlegen, hat inzwischen von Haffner-Büchern rund 80 000 Exemplare verkauft. Der Verleger Uwe Soukup, ehemaliger Berliner Sozialarbeiter, hat gleich auch noch eine Haffner-Biografie geschrieben.
Längst steht der Name Haffner für ein Millionengeschäft. Da wird schon einmal ein Haffner-Buch einfach umbenannt und mit einem neuen Vorwort versehen - flugs lässt es sich abermals verkaufen. Haffners Geschichte der Revolution von 1918/19 steht inzwischen unter vier verschiedenen Titeln in den Bibliotheken.
Kürzlich beklagte die gediegene "Neue Zürcher Zeitung" die "mangelnde editorische Sorgfalt" beim Umgang mit Haffner-Texten. Die berühmte "Geschichte eines Deutschen" musste mehrfach nachgebessert werden. Zuerst korrigierte die Deutsche Verlagsanstalt das Datum der Niederschrift. Nicht zu "Beginn des Jahres 1939" hatte Haffner das Manuskript geschrieben, sondern erst nach Beginn des Zweiten Weltkriegs beendete er die Arbeit daran. Dann zeigte sich, dass das Manuskript unvollständig abgedruckt worden war - eine Seite fehlte; und kürzlich fand ein Doktorand im Nachlass Haffners unbekannte Kapitel der "Geschichte eines Deutschen" - niemand hatte sich die Mühe gemacht, vor der Publikation dort nachzusehen.
Der schlampige Umgang mit dem Erbe ist kein Zufall. Der Haffner-Gemeinde ist längst die kritische Distanz abhanden gekommen. Haffners krude Stellungnahmen etwa zur DDR werden ignoriert, überholte historische Darstellungen unkommentiert auf den Markt geworfen, als seien die Worte des Meisters sakrosankt.
Haffner wird gefeiert als ein "Solitär unter Historikern" ("Welt am Sonntag"), "politischer Ästhet" ("taz"), weitsichtiger Prophet und unbestechlicher Analytiker, gar als "Publizist und Mensch ein Vorbild" (Guido Knopp).
Dem Geehrten hätten solche Lobhudeleien kaum gefallen. Er amüsierte sich insgeheim über die Reden, die anlässlich seines 80. Geburtstags 1987 gehalten wurden - und ihn schon damals "zu einem nie fehlenden Meisterdenker" stilisierten, wie die "FAZ" berichtete.
Den Grund für Haffners Amüsement bietet sein Werk: Es gibt nur wenige Publizisten, die im Laufe ihres Lebens so oft ihre Meinung gewechselt haben wie er. Mal war er für und mal gegen ein einheitliches Deutschland, mal glühender Antikommunist, und mal verklärte er die DDR, mal verehrte und mal verdammte er Preußen. Auch wegen dieser Schwankungen wollte er seine alten Schriften zu Lebzeiten lieber nicht noch einmal veröffentlicht sehen.
Haffner durchwanderte gleich mehrfach das politische Spektrum: Ursprünglich ein Konservativer, schlägt er sich in den sechziger Jahren auf die Seite der linken Studentenbewegung und findet später als historischer Bestsellerautor wieder Beifall bei der Stahlhelmfraktion der Union. Mit der moralischen Autorität des Emigranten plädiert Haffner 1978 dafür, Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg, wie Partisanenerschießungen und Massaker an Kriegsgefangenen, nicht zu ahnden, weil dies den Sinn für den "besonderen Charakter der Hitlerschen Verbrechen" abstumpfen würde. Kriege seien, erklärt er lapidar, nun einmal unvermeidlich, "ebenso gut könnte man den Stuhlgang zum Verbrechen erklären".
Seine eigenen Artikel nannte er "Knallfrösche" - laut und Aufsehen erregend mussten sie sein. Sie waren meist elegant formuliert, brillierten immer wieder mit überraschenden Einfällen, waren aber zugleich gespickt mit Faktenfehlern und absurden Urteilen.
Dass er sein Millionenpublikum oftmals in die Irre führte, hat ihn kaum gestört. Er hatte die Chuzpe, historische Bücher, die er im Alter von weit über 50 Jahren veröffentlichte, als "Jugendsünden" abzutun. Für alles, was noch weiter zurücklag, nahm er das "Prinzip der Verjährung" in Anspruch: Ein Achtzigjähriger könne nicht mehr für das verantwortlich gemacht werden, was er als Dreißigjähriger getan habe. "Das sind zwei verschiedene Menschen, obwohl sie denselben Namen tragen."
Seinen häufigen Wechsel zwischen den politischen Polen hat Haffner, als Raimund Pretzel geboren, später einmal auf seine Jugend in Berlin zurückgeführt. Er besuchte zuerst das Königstädtische Gymnasium nahe dem Alexanderplatz, viele seiner Klassenkameraden waren jüdische Deutsche, begabte Söhne von Geschäftsleuten. Unter ihnen, so Haffner, war "ich ziemlich links".
Dann wurde der Vater, ein hoher Beamter und Schulreformer, versetzt. Der Junge wechselte an das Schillergymnasium in Lichterfelde, wo viele Militärs wohnten. Hier, so Haffner, "wurde ich rechts". Für die Nazis hatten die Soldatensöhne nichts übrig, für die Weimarer Republik allerdings auch nichts.
Es war dieser Geist aristokratischer Vornehmheit, der Haffner früh zu den Nazis auf Distanz gehen ließ: "Die Person Hitlers hat mich angeekelt. Sein wüstes niederes Österreichertum war mir absolut zum Kotzen. Ich bin Berliner, ich bin Preuße. Der miese Wiener ist mir das Letzte, das Allerletzte." Der junge Jurist sucht eine Nische und findet sie im Feuilleton von Frauenzeitschriften des Ullstein-Verlags. Dort, im 3. Stock, schreibt er unverfängliche Artikel und hofft insgeheim, dass der Nazi-Spuk bald vorbei ist.
Doch 1938 erwartet seine Freundin, die aus einer zum Protestantismus konvertierten jüdischen Familie stammt, ein Kind. Nach den perfiden Rassegesetzen der Nazis war die Liebesbeziehung strafbar. Das Paar floh nach England.
Eine kleine Erbschaft ist dort rasch aufgebraucht; seine Jurakenntnisse kann Haffner im britischen Rechtssystem nicht anwenden. Zum Glück für die kleine Familie lässt sich in den Läden Cambridges großzügig auf Pump kaufen. Der 31-Jährige beschließt, ein Buch über Nazi-Deutschland zu schreiben - es soll den Briten den kommenden Feind erklären.
Die so entstandene fragmentarische "Geschichte eines Deutschen" sorgte kürzlich in den "Frankfurter Heften" für eine Kontroverse. Susanne Miller, wie Haffner Emigrantin in Großbritannien, wies empört auf die beißende Häme hin, mit der Haffner, Sohn aus gut situiertem Beamtenhaushalt, über die Weimarer Republik hergezogen war. Der Bestsellerautor, so Miller, "scheint nicht begriffen zu haben, dass diese Republik gerade einem Menschen seines geistigen und sozialen Zuschnitts die einzigartige Chance bot, nach seinem eigenen Stil zu leben, und ... gleichzeitig Engagement verlangte".
Der Schüler Haffner hat 1918 Klassenkameraden verprügelt, die den Untergang des Kaiserreichs und die Novemberrevolution bejubelten. Gut 20 Jahre später verspottete er von London aus in der "Geschichte eines Deutschen" die Revolutionäre als "verlegene Biedermänner, längst alt und bequem geworden in den Gewohnheiten loyaler Opposition; überaus bedrückt von der unerwartet in ihre Hände gefallenen Macht und ängstlich darauf bedacht, sie so bald wie möglich wieder auf gute Art loszuwerden".
Haffner warf in dem Manuskript der SPD Verrat vor: am Beginn der Weimarer Republik 1918/1919, weil sich die Mehrheit der Sozialdemokraten um Friedrich Ebert gegen eine blutige Revolution entschied; am Ende der Republik 1933, weil die Parteiführer sich Hitler nicht mutig genug in den Weg gestellt hätten. Später, in den sechziger Jahren, verstieg sich Haffner zu der These, die SPD habe versucht, "in Hitlers Arsch zu kriechen".
Der Verleger Frederic Warburg war dennoch so angetan, dass er Haffner wöchentlich einen kleinen Vorschuss zahlte. Dabei blieb es auch, als der Berliner sich nach dem deutschen Angriff auf Polen 1939 entschloss, ein anderes Buch zu schreiben, das den Briten erklären sollte, wie man den Krieg gewinnen kann: "Germany: Jekyll & Hyde".
Für dieses Buch wählte der geborene Pretzel das berühmte Pseudonym: Haffner nach Mozarts Haffner-Symphonie oder dessen Haffner-Serenade, weil diese in Großbritannien beliebt war; Sebastian sollte an deutsche Kultur erinnern und klang nicht jüdisch, wie Haffner betonte - anscheinend wollte er nicht als einer gelten, der vor dem Rassenwahn der Nazis fliehen musste.
Das Erstlingswerk begeisterte die Kritiker. Der in die USA emigrierte Schriftsteller Thomas Mann, den Haffner als "größten lebenden Deutschen" bezeichnete, revanchierte sich und pries das Buch als "vorzügliche Analyse".
Haffner hatte eigentlich nicht Journalist, sondern Verwaltungsjurist werden wollen, der nebenbei mit Romanen literarischen Ruhm erwarb. Die Mischung aus politischem Ehrgeiz und schriftstellerischer Phantasie sollte sein Markenzeichen werden.
"Jekyll & Hyde" war bereits ein typischer Haffner: glänzende psychologisierende Deutungen über das Verhältnis der Deutschen zu Hitler. Daneben abstruse Vorhersagen, etwa dass eine zweite Nazi-Generation nach Hitlers Niederlage Säuberungen in der eigenen Partei durchführen werde, wie es der sowjetische Diktator Josef Stalin jüngst veranlasst hatte. Diese Nazis würden sich dann, prophezeite Haffner, "Bolschewisten" nennen "und weiter herrschen wie bisher".
Flexibel waren Haffners politische Vorstellungen damals schon. Anfang 1940 wollte er Deutschland in acht Länder aufteilen, ein Jahr später schlug er den Briten vor, sie sollten eine Art europäisches Commonwealth etablieren, mit einer geeinten freien deutschen Republik als Mitglied. Haffner habe sich, beobachtete der Parteivorstand der Exil-SPD in London im Sommer 1941, "sehr widerspruchsvoll und unklar mit dem deutschen Problem beschäftigt".
Dahinter stand ein "bisschen Opportunismus", wie Haffner in einem nun erstmals veröffentlichten Gespräch einräumte, das 1989 eine Studentin für ihre Abschlussarbeit mit ihm führte*.
Er wollte sich mit "Jekyll & Hyde" der britischen Propaganda empfehlen und übertrieb drastisch die Zahl der Deutschen, die von Emigranten - wie ihm - gegen Hitler mobilisiert werden könnten.
Insgeheim träumte Haffner von einem deutschen Komitee als Keimzelle einer Exilregierung - nach dem Vorbild von Charles de Gaulle, der in London die Exil-Franzosen um sich scharte. Später hielt er selbst diese Idee für "größenwahnsinnig".
Immerhin gelang es ihm, Leitartikler des neu gegründeten deutschsprachigen Blatts "Die Zeitung" zu werden, das vom britischen Informationsministerium finanziert und kontrolliert wurde. Gleich in der ersten Ausgabe warf Haffner den anderen Emigranten vor, weder eine "kämpfende" noch eine "geistige Einheit" zu sein; wenig später kritisierte er gar das "Versagen der innerdeutschen Opposition".
Dass ein Feuilletonist, der vor seiner Emigration nicht zum Widerstand zählte, Führungsansprüche stellte und gegen die Widerstandskämpfer daheim polemisierte, stieß vor allem den Exil-Sozialdemokraten bitter auf. "Kein Sozialist", notierte damals Walter Auerbach, später Staatssekretär in Bonn, würde "mit einem Haffner zusammenarbeiten". Sozialdemokraten beschimpften ihn als einen "politischen Hochstapler", was er selbst später nicht ganz ungerechtfertigt fand.
In einer Charakterisierung des Autors, die aus unbekannten Gründen die polnische Botschaft in London 1943 dem Foreign Office zukommen ließ, hieß es, Haffner zeige "eine starke Verworrenheit und ein Schwanken von einem Extrem ins andere". Die Polen erklärten sich das damit, dass er "weltfremd, nicht bösartig" sei.
1942 stellt die einflussreiche britische Sonntagszeitung "Observer" Haffner ein. Von sich selbst sagt er, erst dort sei er ein politischer Kopf geworden. Angeheuert hat ihn David Astor, Sohn des Eigentümers.
Astor junior sucht Journalisten. Die meisten britischen Kollegen leisten Kriegsdienst; Astor bleiben nur, wie Haffner ihn später zitiert, "alte Leute, Frauen und Ausländer.
Er hält sich an die Ausländer". In der Redaktion in der Londoner Tudor Street kann der konservative Haffner mit Linken wie Isaac Deutscher debattieren. Haffner ("Ich war eine Weile eine Art Faktotum") schreibt Porträts und Kommentare. 1948 nimmt er die britische Staatsangehörigkeit an.
Als kürzlich der Transit-Verlag eine Sammlung von Artikeln aus dem "Observer" herausbrachte, staunte die "Zeit", die Texte seien "frei von allen Rachegefühlen" gewesen. Aber Haffner konnte auch anders. Um den Nationalsozialismus auszumerzen, schlug er 1942 vor, man solle nach Kriegsende über eine halbe Million SS-Männer einfach hinrichten. Dem gelernten Juristen Haffner waren solche Äußerungen im hohen Alter peinlich: "Es ist mir lieb, wenn das vergessen wird."
David Astor kehrte 1948 aus der Armee in die Redaktion zurück und übernahm die Leitung des Blattes - Haffner musste sich zurücknehmen, auf Dauer war er dazu nicht bereit. Auch politisch lagen sie über Kreuz: Astor wollte das Apartheid-Regime in Südafrika stürzen; der Emigrant sah das anders: Den weißen Südafrikanern drohe, "wenn sie zur ewigen Minderheit verdammt" würden, das "Los der Juden in Deutschland". In der liberalen "Observer"-Redaktion in London empfand sich Haffner zum Schluss als "Rechtsaußen".
1954 zieht er nach Berlin zurück. Unter Journalisten genießt Haffner rasch Ansehen, in der deutschen Öffentlichkeit wird der Mann mit der hohen Stimme durch Werner Höfers "Internationalen Frühschoppen" bekannt: ein Gentleman mit Weste und Einstecktuch, der das Publikum in seinen Bann zwingt. Er spricht langsam und eindringlich, und egal, was er sagt, es klingt einleuchtend und selbstverständlich.
Der Habitus überlegener Autorität verdeckte dabei, dass Haffner nur selten zweimal dieselbe Meinung vertrat. Er trommelte für die Westintegration der Bundesrepublik und stellte sie später in Frage. Mal plädierte er für einen Frieden in Europa auf Basis der deutschen Teilung, dann war er strikt dagegen. Auf Widersprüche zu früheren Äußerungen angesprochen, reagierte der sonst so charmante Plauderer ausgesprochen kühl: "Das interessiert mich nicht."
Während der Berlin-Krise in den späten fünfziger Jahren erwirbt sich Haffner den Ruf des britischen Berlin-Trommlers. Er kritisiert scharf die Alliierten, weil sie nur lau gegen den sowjetischen Druck auf den Westteil der Stadt reagieren. Aus Empörung über das eigene Blatt, das die britische Regierungspolitik mitträgt, kündigt Haffner im Juli 1961 beim "Observer". Nach dem Mauerbau schimpft er gar auf die Amerikaner, sie seien wie ein "überzahmer Pudel", der sich vom Kreml-Chef Nikita Chruschtschow "den Knochen aus dem Maul nehmen ließ".
Seiner Regierung in London wirft er sogar vor, wie einst in München 1938 gegenüber Hitler in der Sudetenfrage, gekuscht zu haben. Nie war Haffner so ein Kalter Krieger wie nach der Errichtung des "antifaschistischen Schutzwalls".
Haffner will unbedingt die Wiedervereinigung; er fordert sogar einen "entschlossenen Partisanenkrieg" in der DDR, "bis der große Aufstand kommt", und ein eigenes Atomwaffenpotenzial für die Bundesrepublik. Es dauert nicht lange, und Axel Springer stellt den deutschlandpolitischen Hardliner für die "Welt" ein.
Haffner schreibt, was von ihm erwartet wird: über den Schießbefehl, der die Mauerwächter "zu potenziellen Mördern" mache; über Ulbricht, den er mit Hitler vergleicht: "Es ist erschreckend, dass ganz normale und anständige Deutsche die Anerkennung Ulbrichts diskutieren - so wie sie damals gerade im Augenblick der vollen Selbstenthüllung Hitlers oft den Beitritt zur Partei diskutierten."
Damals wohl erwog Haffner, den Berliner Bürgermeister Willy Brandt, der wenig später auf Wandel durch Annäherung setzte, wegen Landesverrats anzuzeigen. Brandt hat das später dem Berliner Historiker Heinrich August Winkler erzählt.
Haffners Linksschwenk begann nach der SPIEGEL-Affäre 1962. Auf Betreiben von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß ließ die Bundesanwaltschaft die Redaktion des SPIEGEL wegen angeblichen Landesverrats besetzen. Der SPIEGEL hatte unter dem Titel "Bedingt abwehrbereit" über das Nato-Herbstmanöver "Fallex 62" berichtet.
Haffner kündigte empört einen Artikel an. Doch Kanzler Konrad Adenauer hatte Verleger Axel Springer am Telefon beschworen, sich auf die Seite der Regierung zu schlagen. Der Text wurde nicht gedruckt.
Wenige Tage später durfte der Deutsch-Brite in der Sendung "Panorama" des NDR-Fernsehens einen Kommentar sprechen. Der Schlusssatz wurde legendär: "Wenn die deutsche Öffentlichkeit sich das gefallen lässt, wenn sie nicht nachhaltig auf Aufklärung dringt, dann adieu Pressefreiheit, adieu Rechtsstaat, adieu Demokratie." Erstmals hatte eine Fernsehsendung so entschieden gegen den Angriff auf die Pressefreiheit Stellung bezogen. Es war Haffners größte Stunde.
Zuvor hatte er sich über den "schrecklich billigen Antinazismus" junger Studenten mokiert, die gegen Ewiggestrige in der Republik angingen; er verglich gar "linke Studenten und junge Literaten, die sich so massenhaft über die Sünden ihrer Väter entrüsten", mit SA-Männern. Nach der SPIEGEL-Affäre behauptete er auf einmal: es gebe einen "Staat im Staate, weitgehend mit alten Nazis besetzt".
Es gehört zur Haffner-Legende, dass der Publizist nach der SPIEGEL-Affäre nicht mehr für Springer arbeiten wollte. Die Wirklichkeit ist banaler. 1963 heuerte er zusätzlich beim "Stern" an; als die "Welt" ihn daraufhin vor die Wahl stellte, entschied sich Haffner für den "Stern". Das Magazin suchte profilierte politische Journalisten; Chefredakteur Henri Nannen wollte den Musikdampfer "Stern" in politisches Fahrwasser steuern.
Nannens Devise: "Man muss dem Publikum jede Woche mit dem Arsch ins Gesicht springen." Haffner soll mit Kolumnen für Aufsehen sorgen. So wird er zum umstrittensten Infotainer Deutschlands.
In rasantem Tempo räumt er alte Positionen. Vom Kalten Krieg will er beim "Stern" nichts mehr wissen. Die Anerkennung Ulbrichts - kurz zuvor als "nicht nur schändlichste, sondern auch gedankenloseste und dümmste" Politik gescholten - erhebt er nun zur Maxime; den Schießbefehl der DDR-Grenztruppen rechtfertigt er 1965 in bester SED-Manier mit dem Hinweis auf einen angeblichen "bundesrepublikanischen ,Schießbefehl''"; das Töten von Flüchtlingen an der Grenze Mord zu nennen, wie er selbst es getan hatte, gilt ihm nun als "übelste Demagogie und Hetzpropaganda".
Auch sein Engagement für die deutsche Einheit bleibt nur ein vorübergehendes. 1963 will er noch eine eigene Wiedervereinigungspartei gründen. Er sei, erklärt er ein wenig pathetisch, ein "Wiedervereiniger". Die Idee von der Parteigründung verflüchtigt sich rasch, und von der Wiedervereinigung will er bald auch nichts mehr wissen. Die deutsche Zweistaatlichkeit sei, schreibt er dann, "ein Segen".
Seine Tochter Sarah ist in den sechziger Jahren eine Berliner Lokalgröße der Studentenrevolte, voller Begeisterung für Ho Tschi-minhs Kampf gegen die USA. Den Vater reißt die junge Frau mit. Als die Berliner Polizei während des Schah-Besuchs am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschießt, fürchtet er eine Rückkehr des Dritten Reichs, obwohl Willy Brandt gerade Außenminister ist. In "Konkret" schreibt er:
"Alles steht schon bereit, nur der Befehl zum Losschlagen steht noch aus. Über dem bereits fertig vorbereiteten neuen Faschismus liegt noch ein ganz dünner formaldemokratischer Schleier ... Es herrscht noch Demokratie in der Bundesrepublik, so wie am 21. Juni 1941 an der deutsch-russischen Demarkationslinie noch Frieden herrschte."
Als die Polizisten 1968 den Sturm der Studenten auf den Springer-Verlag niederknüppeln, vergleicht er das Vorgehen der Polizei mit der Niederschlagung des Warschauer Ghettoaufstands 1943 durch die SS "vor genau 25 Jahren".
Ob der Kolumnist glaubte, was er schrieb, blieb selbst Freunden ein Rätsel. Von Richard Löwenthal ist überliefert, dass er Haffner für eine Künstlernatur hielt, dem Politik ein Spielfeld für Phantasie und Ehrgeiz war. Wollte er also einfach nur den Zeitgeist bedienen? Oder war es der Zwang zur Originalität, der ihn immer neue Positionen einnehmen ließ?
Unter den Apo-Studenten erwarb sich Haffner ewigen Ruhm mit einer Generalabrechnung, die er für den "Stern" über die Rolle der SPD in der Revolution 1918/19 verfasste. Diese, von den Sozialdemokraten initiiert, sei "in Blut erstickt worden von ihren eigenen Führern, die sie vertrauensvoll an die Macht getragen hatte". Haffner übernahm die alte Propagandaversion der Komintern: "Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten" - ein Spruch, der ihm zur Regierungsbeteiligung der SPD in der Großen Koalition 1966 zu passen schien.
Sechs Jahre später urteilt er wieder ganz anders. Um bei den Bundestagswahlen 1972 für Willy Brandt stimmen zu können, nimmt er die deutsche Staatsangehörigkeit an. Heute gilt er als einer der publizistischen Wegbereiter der neuen Ostpolitik.
In dieser linken Phase interessieren sich die Nachrichtendienste für Haffner. Denn plötzlich rühmt er die einst von ihm verachtete DDR, als sei das "Neue Deutschland" seine Lieblingslektüre.
Er lobt die "Möglichkeiten beruflicher und sozialer Selbstverwirklichung" jenseits der Mauer und die Modernisierung des Strafrechts - da könne sich die Bundesrepublik "manches abgucken", schließlich habe die DDR eine fallende Kriminalitätsrate. Den einst von ihm geschmähten Ulbricht hält er für einen "Politiker ersten Ranges".
Von der Stasi wird Haffner durch die Abteilung "Desinformation" der Auslandsspionage unter Markus Wolf erfasst. Freilich sagt das nichts darüber aus, ob er Opfer oder Täter war.
Auch der KGB interessiert sich für Haffner. 1973 hatte Haffner im "Stern" den wohl schändlichsten Artikel seiner Laufbahn veröffentlicht: "Der Friede hat Vorfahrt". Das Nobelpreiskomitee erwog damals, den Friedensnobelpreis dem vom KGB drangsalierten sowjetischen Bürgerrechtler Andrej Sacharow zu verleihen. Ausgerechnet Haffner, der einstige Emigrant, erklärt dies zu "böswilligem Unfug". Fünf Jahre nach der Niederschlagung des Prager Frühlings durch Moskaus Kreml-Chef Leonid Breschnew fordert er stattdessen: "Wenn ein Russe den Friedenspreis für 1973 verdient hat, dann nicht Sacharow, sondern Breschnew", gemeinsam mit US-Präsident Richard Nixon und Henry Kissinger.
Als zwei Jahre später Sacharow dennoch den Preis erhält, will der KGB die Preisverleihung dadurch diskreditieren, dass er behauptet, sie versuche, die Entspannungspolitik zu stören. Haffner soll zu einem erneuten Kommentar in der Sache gewonnen werden.
Der Kontaktmann des KGB zu Haffner war der Offizier Wadim Kutschin alias Oberst Karpow. Kutschins Eltern lebten in den zwanziger Jahren in Deutschland;
er ging dort auch zur Schule und sprach deshalb akzentfrei Deutsch. Karpow war bei der Kapitulation des deutschen Generalfeldmarschalls Wilhelm Keitel in Karlshorst am 8. Mai 1945 dabei; später gehörte er zur sowjetischen Anklagebehörde beim Nürnberger Prozess.
In der Bundesrepublik suchte der Geheimdienstler den Kontakt zu Journalisten und führte sogar für den KGB ein offizielles SPIEGEL-Gespräch (SPIEGEL 3/1966). KGB-General Sergej Kondraschow, bis 1967 Leiter der Deutschland-Abteilung der Auslandsaufklärung, betont denn auch, dass Karpows Kontakt zu Haffner "rein journalistisch" gewesen sei. Natürlich habe Karpow dabei Informationen erhalten; auf die Artikel Haffners habe der Dienst jedoch keinen Einfluss gehabt. Ein zweiter Artikel Haffners gegen Sacharow ist nicht erschienen.
In Erinnerung geblieben ist dem Millionenpublikum ein anderer Haffner als der Kalte Krieger oder der linke "Stern"-Kolumnist. Es ist der historische Publizist: ein liebenswürdiger, hochgebildeter alter Herr, der im Fernsehen und in fesselnden Büchern anregend und mit großem Charme über Bismarck, Fontane oder Churchill plaudert.
Altersmilde räumte Haffner zuweilen ein, dass er manches nicht mehr so schreiben würde wie früher. Weshalb er seine Meinung so oft und so entscheidend geändert hat, bleibt allerdings sein Geheimnis über den Tod hinaus. Vielleicht war sein gelegentlich hingeworfenes "Sie werden lachen, ich bin ein Opportunist" durchaus ernst gemeint - dann wäre das Rätsel wenigstens zum Teil gelöst. KLAUS WIEGREFE
* Sebastian Haffner: "Als Engländer maskiert". Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart/München; 118 Seiten; 16,90 Euro. * Mit Tochter Sarah.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 27/2002
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