08.07.2002

BILDUNGSSERIE TEIL 9 LEHRE + STUDIUM

Entscheidung ohne Reue

Von Stegelmann, Katharina

Hochschulabsolventen, die vor dem Studium eine Lehre gemacht haben, sind bei der Jobsuche im Vorteil.

Anfangs waren Eltern, Kollegen und Freunde entsetzt. Aber Martina Niemann, 26, ließ sich nicht beirren: Sie kündigte ihren sicheren Job als Bankkauffrau bei der Sparkasse und schrieb sich an der Hamburger Universität für Amerikanistik, Psychologie und Informatik ein.

Sie ist sehr zufrieden mit ihrer Entscheidung, die Bank verlassen zu haben: "Ich wäre dort unglücklich geworden." Dass sie die Lehre gemacht hat, bereut Niemann aber nicht im Geringsten: "Jetzt weiß ich, was ich wirklich will. Und meine kaufmännischen Fähigkeiten kann ich überall gebrauchen."

Mittlerweile ist Martina Niemann im siebten Semester. Ihr Ziel: ein Arbeitsplatz in der Verlagsbranche. Nach dem Abitur dachte die junge Frau zunächst ganz anders: Sie hatte nach 13 Jahren Schule genug von der Theorie. Eine handfeste Lehre erschien ihr erstrebenswerter als ein Studium mit unsicherer Perspektive.

Dieses Gefühl teilen jährlich offenbar Tausende von Oberschülern. Die Berufschancen für Jungakademiker sind ge-

sunken, staatliche Unterstützungen wurden immer magerer, zugleich legen die Abiturienten heute mehr Wert auf materielle Sicherheit als zu Zeiten der Vollbeschäftigung. 1999 wollten ein halbes Jahr nach Schulabschluss immerhin 26 Prozent aller Absolventen ganz auf ein Studium verzichten, 6 Prozent absolvierten erst eine Lehre, um dann zu studieren.

Oftmals hängt der Ehrgeiz zu studieren mit der Erkenntnis zusammen, im Beruf unterfordert zu sein. So erging es Ronnie Eisenack, 22, der nach seinem Realschulabschluss eine Lehre als Bauzeichner anfing. "Ich merkte schnell, dass es das nicht ist. Zu wenig Einfluss, zu wenig Verantwortung. Als Ingenieur liefert man die Vorgaben, das ist besser." Nach der Ausbildung machte er sein Fachabitur, derzeit studiert er im zweiten Semester Bauingenieurwesen an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) in Berlin.

Sein Kommilitone Stefan Briesenick, 26, gelernter Zimmerer, hat sich erst nach dreieinhalb Jahren Wanderschaft als Geselle entschieden: "Erst mal wollte ich mir die Welt ansehen. Aber ich habe gemerkt, dass ich als Zimmerer mit zunehmendem Alter nur abbauen kann." Der selbstbewusste Briesenick gesteht den Abiturienten, die direkt nach der Schule an die Hochschule kommen, zwar einen Vorsprung im theoretischen Wissen zu. Aber er hat als Zimmerer mitbekommen: "Die Ingenieure, die nur die Uni gesehen haben, gelten auf dem Bau zu Recht als Fachidioten. Mir kann später keiner was erzählen."

Studenten mit Berufserfahrung sind an der FHTW gern und oft gesehene Leute. Der Anteil von Studierenden mit Berufsausbildung ist an Fachhochschulen traditionell höher als an Universitäten. "Optisch", so Dekan Dieter Bunte, 43, "fallen die natürlich gar nicht auf. Ich sehe nicht, ob jemand 20 oder 24 Jahre alt ist. Wir führen auch keine Statistik, wer mit welcher Vorgeschichte zu uns kommt." Die Unterschiede liegen für den FHTW-Professor dennoch auf der Hand: "Die kritischeren, praxisbezogeneren Fragen kommen von den Studenten mit Beruf."

Diese Beobachtung teilen viele seiner Kollegen. Hartmut Verleger, der vor allem Seminare in Umweltschutz und Geotechnik gibt, hält die "Praktiker" nicht nur für zielstrebiger, sie könnten auch besser organisieren. Den Vorsprung, den frisch gebackene Abiturienten etwa in Mathematik haben, holen die anderen schnell auf.

Der Umweltverfahrenstechniker Frank Reichert, 49, arbeitet bei Forschungsprojekten, bei denen es beispielsweise um die Entwicklung oder den Umbau von Messanlagen geht, gern "mit diesen Diplomkandidaten, sie sind sehr effizient". Aber trotz der Vorzüge, die berufserfahrene Studenten mitbringen, will Dekan Bunte aus der Ausnahme keine Regel gemacht sehen. "Es gibt für den Weg in den Beruf keinen Königsweg, das ist eine sehr individuelle Frage. Die Mischung ist es, die das Geschäft belebt."

Die positiven Eigenschaften der Doppelqualifizierer sind statistisch für alle Fachrichtungen belegt: Sie studieren ein bis drei Semester schneller als "Direktstudierer" und wechseln weit weniger häufig das Fach. Die Statistik widerlegt das gängige Vorurteil, wer zuvor eine Lehre mache, sei beim Examen zu alt für den Arbeitsmarkt: Der Altersunterschied der Uni-Absolventen beider Gruppen ist am Ende nur noch minimal.

Je besser die Abiturnote, desto seltener absolvieren die Schulabgänger eine Lehre. Überflieger gehen meist sofort an die Uni, der Besuch einer Eliteuniversität - gern im Ausland - ist immer noch eine beliebte Eintrittskarte für die Traumkarriere. Nach einer Studie des Hochschul-Informationssystems (His) liegt der Anteil der Studenten mit Lehre in Fächern wie Medizin bei 2,8 Prozent, in Jura bei 2,5 Prozent, 7,4 Prozent der Kultur- und Sprachwissenschaftler weisen eine Lehre vor.

Die Doppelqualifizierer lassen sich in zwei Typen einteilen: die Karrieristen, die sich von vornherein mit Berufsausbildung plus Studium die besseren Zukunftschancen ausrechnen, und die auf Sicherheit bedachten Kandidaten, die nicht recht wissen, wo es langgehen soll.

Doch die These, die akademischen Späteinsteiger seien "risikoscheu" und deshalb bei Arbeitgebern unbeliebt, sei unhaltbar, findet der Leiter der Personalentwicklung der Beiersdorf AG, Christian Heuer, 55. "So jemand fragt sich vielleicht gründlicher, ,was kann ich wirklich'', aber das ist ja kein Nachteil." Außerdem: "Er weiß, wie ein Betrieb funktioniert, auch im menschlichen Miteinander gibt es weniger Probleme." Diese Pluspunkte, so Heuer, machen das leicht höhere Einstiegsalter wett.

Studenten der Wirtschaftswissenschaften bilden die größte Gruppe der "Praktiker". Abitur - Banklehre - Studium, ein beliebter Weg in die Managementetagen der großen Unternehmen. Schon Rolf Breuer, ehemals Chef der Deutschen Bank, hat es so gemacht.

Für Michael Schleef, 32, ist Banker Breuer eindrucksvolles Vorbild. Allerdings waren Schleefs Beweggründe, ein e Banklehre zu machen, bescheidener: "Nach dem Abi fiel mir die Orientierung schwer. Im Bankgeschäft wollte ich arbeiten, wusste aber nicht genau, was." Also beschloss er, "erst mal das Geschäft kennen zu lernen", obwohl er es für "ziemlich wahrscheinlich" hielt, noch zu studieren. Mit seiner guten Abschlussnote (1,3) bekam er auf Anhieb einen Ausbildungsplatz bei der Deutschen Bank. Zwei Jahre später begann Schleef ein Betriebswirtschaftsstudium - und blieb fest angestellt.

Die Deutsche Bank bietet ihren Nachwuchskräften die Chance, ein berufsbegleitendes Studium zu absolvieren. Anfangs müssen die Teilnehmer 50 Prozent, in der Examensphase 33 Prozent Teilzeit für die Bank jobben. Das Studium wird vom Unternehmen genau kontrolliert, regelmäßige Gespräche und die Vorlage der Seminarscheine sind Pflicht. Schleef ließ sich von der Doppelbelastung nicht abschrecken, im Gegenteil: Nach seinem Abschluss in BWL setzte er noch eine Promotion oben drauf. Die Schinderei bedauert er nicht: "Ich würde es wieder so machen. Für mich war es der richtige Weg."

Beiersdorf-Psychologe Heuer würde bei gleich guten Noten einen Universitätsabsolventen mit Berufsausbildung einem Konkurrenten ohne Lehre vorziehen. Susanne Bitzer, 39, Leiterin der Abteilung Berufsausbildung bei der Deutschen Bank, sieht das etwas differenzierter: "Theoretisch ja, weil derjenige mit Ausbildung im Zweifelsfall mehr Berufserfahrung hat. Ein hochwertiges Praktikum würde ich aber gleich bewerten. Entscheidend ist letztlich die Persönlichkeit des Kandidaten und ob er zum Unternehmen passt."

Eine Erfolgsgarantie für die Karriere ist also auch der Weg über eine Lehre nicht. Zwar hatten anderthalb Jahre nach dem Examen laut His bereits 55 Prozent der Absolventen mit praktischer Ausbildung eine Festanstellung und nur 44 Prozent der befragten Direktstudenten. Aber für den Aufstieg nach ganz oben braucht der Bewerber noch etwas anderes: Glück. "Vorstandschef", sagt Bitzer, "kann nur einer werden." KATHARINA STEGELMANN

Wie entscheidend sind Auslandserfahrungen?

Früher ist aufgefallen, wenn welche vorlagen, heute fällt es auf, wenn sie nicht vorliegen. Entscheidend sind intensive Erfahrungen im Umgang mit anderen Kulturen und Verhaltensweisen sowie die durch das Leben im Ausland erhöhte Sicherheit im Umgang mit fremder Sprache.

Adolf Michael Picard, Personaldirektor Otto Versand

Auslandserfahrungen sind Pflicht, und zwar nicht der einmonatige Abitururlaub in der Provence, sondern "work experience" ist gefragt. Auslandspraktika während des Studiums sind das Mindeste. Denn wer im Ausland gearbeitet hat, ist den internationalen Anforderungen besser gewachsen als andere.

Anke Pflaumer, Personalchefin Springer & Jacoby

Sie sind sicherlich nicht von Nachteil. Es wäre jedoch Unsinn zu verlangen, dass jeder Student ab sofort ein bis zwei Semester im Ausland studiert. Viel wichtiger als

Auslandserfahrung ist Auslandsfähigkeit, also die Bereitschaft, auch für Siemens im Ausland zu arbeiten.

Peter Pribilla, Personalvorstand Siemens

Welche Rolle spielen bei einer Bewerbung menschliche Qualitäten?

Wenn ein Bewerber unseren so genannten Segelcheck nicht besteht ("Kann ich mir vorstellen, mit diesem Menschen ein Wochenende auf einem Segelboot zu verbringen?"), hat selbst der Intelligenteste, Dr.-Weiß-und-kann-Alles, keine Chance. Die neuen Leute müssen kompatibel mit der bestehenden Mannschaft sein. Und das scheitert meistens, wenn überhaupt, nur am Charakter.

Anke Pflaumer, Personalchefin Springer & Jacoby

Extrem wichtig sind Authentizität und Echtheit, sozialemotionale Intelligenz, Initiative und Selbstverantwortlichkeit. Engagement in Aktivitäten neben dem Beruf ist bei unbekannten Kandidaten ein scheinbares Indiz, für mich mit unsicherer Validität.

Christian Heuer, Personalentwickler Beiersdorf

Die so genannten sozialen Kompetenzen sind genauso wichtig wie das Fachwissen und eine gute Allgemeinbildung. In Einstelltests und Assessmentcentern haben wir deshalb auch zahlreiche Gruppenübungen. Dort beobachten wir dann sehr genau, wie sich einzelne Bewerber anderen gegenüber verhalten, wie kooperativ, kommunikativ und hilfsbereit, aber auch wie erfolgsorientiert und

zielgerichtet sie agieren.

Peter Pribilla, Personalvorstand Siemens

* In den Werkstätten der Berliner Staatsoper. Im nächsten Heft: Die Misere der deutschen Universität 80 Prozent Studienabbrecher - Mittelmäßige Professoren - Masse statt Klasse - Sind die Hochschulen noch zu retten? - Zwei deutsche Wissenschaftler über Studium und Lehre in den USA.

DER SPIEGEL 28/2002
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