08.07.2002

Der Zar des schwarzen Goldes

Er gilt als der Reichste in Russland und als Mann mit schillernder Vergangenheit. Er kontrolliert riesige Erdölfelder, schlägt Börsenrekorde und nennt als seine Vorbilder US-Tycoons. Ist Michail Chodorkowski ein beispielhafter Unternehmer oder ein skrupelloser Räuberbaron? Von Erich Follath
Was haben sie ihm nicht schon alles nachgesagt, seine geschäftlichen Konkurrenten, seine kommunistischen Feinde und natürlich "diese Giftzwerge von der Journaille", die er ganz selten ganz nahe an sich ranlässt: Er sei ein Mafia-Typ, ein Rohstoffdieb im großen Stil, ein Ausbeuter seines Volkes. Mehrere tausend Fundstellen mit Informationen zu seinem Namen gebe es im Internet, sagt Russlands reichster Mann und vielleicht mächtigster Wirtschaftsboss. Fast alles Schund, seiner Meinung nach.
Wo aber liegt die Wahrheit? Wie sieht der Tycoon seine Unternehmerrolle in der postkommunistischen Wirtschaft?
Michail Borissowitsch Chodorkowski, 39, Chef des Jukos-Erdölkonzerns und im ganzen Land nur MBC genannt, stößt einen tiefen Seufzer aus. Er hebt die Hände wie zum Schutz, ganz Unschuldslamm im Raubtiergehege - und überrascht mit einem Geständnis. "Hier herrschte in den Übergangszeiten nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems das Gesetz des Dschungels. Keiner wusste genau, welche Vorschriften noch galten - ich nutzte das aus, so wie andere Unternehmungslustige auch."
Er gönnt sich eine kleine Verschnaufpause in Sachen Ehrlichkeit. Zögert, nimmt einen Schluck Mineralwasser. "Waren wir deshalb Räuberbarone? Vielleicht. In dem Sinne, wie die großen amerikanischen Firmengründer Ende des 19. Jahrhunderts Robber Barons waren."
Der Russe nennt die Rockefellers als sein Vorbild, allen voran John D., den Selfmademan und Gründervater der Ölindustrie. "Er war am Anfang seiner Karriere nicht der absolute Saubermann. Sein Sohn galt schon als respektabler, die Generation der Enkel dann über alle Zweifel erhaben. Hundert Jahre und drei Generationen dauerte dieser Prozess vom etwas dubiosen Beginn bis zur allgemeinen gesellschaftlichen Anerkennung - als ich kürzlich in Harvard eine Rede hielt, hat mir ein Professor versichert, ich hätte dasselbe allein und in wenigen Jahren geschafft."
Als Unternehmer im Rampenlicht muss er auch repräsentieren, so schwer ihm das fällt. Und deshalb trägt Chodorkowski nicht mehr seine geliebten speckigen Jeans und den alten Rollkragenpullover bei der Arbeit. Er hat sich durchstylen lassen: der dunkle Anzug Maßarbeit, die Krawatte von Ermenegildo Zegna, die randlose Brille Porsche-Design. MBC ist immer bereit für einen Auftritt bei CNN. Sogar das stets kontrollierte Lächeln in dem jungenhaften Gesicht wirkt wie vom Designer verordnet. Eingefroren, bei Bedarf aufzutauen.
Jedes Wort, jede Geste macht es deutlich: Die Suche nach Respekt für seine Leistung und die Respektabilität des Jukos-Konzerns sind sein Antrieb, seine Droge. Mal springt MBC auf, um an der Landkarte in seinem Büro mit einer weit ausladenden Handbewegung zu zeigen, wo die Firma überall Erdöl und Erdgas fördert. An der Wolga bei Samara etwa, aber vor allem in den sibirischen Weiten, am Flusslauf des Ob. Mal schaut er, ganz Wall-Street-Manager, in seinem elektronischen Notizbuch nach dem Börsenkurs der Unternehmenspapiere.
"Leicht zurückgegangen", sagt MBC stirnrunzelnd. "Aber das ist wohl nur eine technische Korrektur, nachdem unsere Aktie einen Rekord nach dem anderen gebrochen hat - ihr Wert hat sich in den letzten zwei Jahren mehr als verzehnfacht."
Jukos gilt als die Erfolgsfirma im boomenden Markt der Energie-Anbieter, als "erste Adresse der russischen Investoren" ("Frankfurter Allgemeine"). Über 90 000 Mitarbeiter, eine Börsenkapitalisierung von 20 Milliarden Dollar und ein Nettogewinn von über 3,5 Milliarden im Vorjahr lassen Jukos bei den Produktionszahlen zwar (noch) nicht am russischen Konkurrenten und Branchenriesen Lukoil vorbeiziehen. Aber das von Chodorkowski geleitete Privatunternehmen ist um einiges effektiver als der bürokratische Lukoil-Konzern, der immer noch zu 14 Prozent dem russischen Staat gehört.
In den Weiten unter den Frostböden liegen noch ganze Meere des schwarzen Goldes - rund ein Viertel dieser Vorkommen kontrolliert der Jukos-Chef. Und macht sich einen Spaß daraus, der Konkurrenz eins auszuwischen. "Willkommen beim Branchenführer", steht provozierend in großen Lettern auf dem Banner vor dem Jukos-Hauptquartier in Moskaus Stadtmitte. Das graue Monsterbauwerk aus Sowjetzeiten beherbergte einst eine Waffenfirma und liegt gleich ums Eck vom protzigen Glaspalast des Wettbewerbers. Es ist schwer für Lukoil-Mitarbeiter, auf dem Weg zur Arbeit nicht zu Jukos aufzusehen.
MBC scheut sich nicht, von Kapitalisten zu lernen - und beste westliche Fachleute für sich arbeiten zu lassen. Im Aufsichtsrat sitzen drei Franzosen, sein Büromanager ist ein Norweger, der Vizepräsident ein Amerikaner. Joe Mach heißt der Mann, ein alter Hase im Geschäft. Mach arbeitete früher für die modernste US-Firma in Sachen Erdöl-Ausrüstung und empfahl seinem russischen Chef, deren teure Bohrmaschinen und Software-Programme zu kaufen. Das Hightech-Gerät amortisiert sich.
Für ein nach westlichen Regeln geführtes Unternehmen von dieser Größenordnung ist es ungewöhnlich, dass die Eigentumsverhältnisse lange verschleiert wurden. Erst Ende Juni gab Jukos bekannt, dass MBC 36,3 Prozent der Firmenaktien hält - ein Riesenpaket. Nach Berechnungen des amerikanischen Magazins "Forbes" ist Michail Chodorkowski mit konservativ geschätzten 3,7 Milliarden Dollar Vermögen gegenwärtig der reichste Russe. Ein Big Shot von Weltniveau. Einer der 200 Wohlhabendsten der Erde.
Im letzten November hat MBC wohl den Durchbruch in Sachen Seriosität geschafft. Er rettet mit einer Finanzspritze von 100 Millionen Dollar ein traditionsreiches Unternehmen der kapitalistischen Welt. Jukos wird beim vom Konkurs bedrohten norwegisch-britischen Anlagen- und Schiffsbaukonzern Kvaerner zweitgrößter Anteilseigner. 30 000 Arbeitsplätze scheinen durch den Einsatz aus Moskau gerettet. Einen "Zusammenbruch der Stereotypen" konstatierte daraufhin nicht ohne Stolz die russische Zeitung "Nowyje Iswestija". Und die "Frankfurter Allgemeine" befand, Jukos habe sich "vom Schmuddelkind zum Musterknaben" gewandelt.
Verschafft ihm das Genugtuung? Was macht er, plant er mit all seinem Geld? Und wie kommt er mit dem Präsidenten Wladimir Putin zurecht, der doch Chodorkowskis Mit-Oligarchen und Co-Milliardäre Boris Beresowski und Wladimir Gussinski außer Landes gedrängt hat?
MBC wählt seine Worte, als hätte sich bei diesen Reiznamen die eingebaute Selbstkontrolle angeschaltet: Achtung, vermintes Terrain. Er sagt, Putin sei generell auf dem richtigen Weg. Er sehe ihn in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit anderen Wirtschaftsführern "zum Gedankenaustausch". MBC vermeidet aber Vieraugengespräche mit dem Kreml-Chef: "Ich will keine Privilegien, zu große Nähe zum Präsidenten muss nicht hilfreich sein."
Der Platz auf der Liste der weltweit Reichsten ist für ihn "Bestätigung, dass uns der Westen anerkennt". Aber auch Verpflichtung, wie er gleich hastig hinzufügt, immer aufs Image bedacht: Verpflichtung, anderen zu helfen. Er sieht sich als Patriot, als Wirtschaftsführer in einer Vorbildrolle. Deshalb fördert er mit Millionengeldern Computerprogramme für Schulen. Im nächsten Jahr sollen schon 300 000 Kinder davon profitieren.
"Jeder kann es schaffen, wenn er eine gute Ausbildung und eine Chance bekommt", sagt Chodorkowski. Er hat sich unweit von Putins Domizil am Stadtrand eine Villa gekauft, fährt einen großen BMW und lässt seinen 17-jährigen Sohn in der Schweiz studieren (zwei kleinere Kinder leben bei ihm und seiner Frau). "Dafür steht mein Lebensweg in den schwierigen Zeiten des Umbruchs."
Moskau, 10. März 1985. Es ist einer dieser tristen Tage, für die Russlands Hauptstadt damals berühmt-berüchtigt ist. Lange Schlangen vor weitgehend leeren Geschäften; in den Fluren der Regierungsbüros der ewigsozialistische Geruch von Bohnerwachs und billiger Seifenlauge; auf den Straßen fast nur zusammenbrechende Ladas. Die Sowjetunion in den Zeiten der Stagnation, ein Land wie gelähmt.
Im Kreml aber herrscht an diesem Tag fieberhafte Aktivität. Generalsekretär Konstantin Tschernenko ist gestorben - nach dem Ableben Breschnews und Andropows nun schon der dritte Tod eines greisen KP-Chefs innerhalb von zweieinhalb Jahren. Der Kreml-Chefarzt benachrichtigt Michail Gorbatschow, das jüngste Mitglied des Politbüros. Innerhalb weniger Stunden geschieht Erstaunliches: Das mächtigste Gremium der UdSSR einigt sich auf den 54-Jährigen als neuen Generalsekretär.
Welche revolutionären Folgen diese Wahl für die Welt haben wird, kann damals keiner auch nur erahnen. Schon gleich gar nicht einer der jungen Männer, die zu den Wirtschaftsführern eines neuen Russland aufsteigen sollten: Sie sind damals fern der Macht, und sie haben noch keinen Kontakt zueinander. Was sie verbindet, ist ihr Ehrgeiz, sich Freiräume zu verschaffen innerhalb des zerfallenden Sowjetsystems - zur Not auch ein wenig außerhalb.
Wladimir Gussinski, bei Gorbatschows Wahl 31 Jahre alt, fährt damals eines der nicht lizenzierten Taxis, die zwischen Innenstadt und Flughafen pendeln. Er hat von einer Karriere am Theater geträumt, ist aber als Regisseur nie recht zum Zug gekommen. Ein von Zorn getriebener, begabter Außenseiter, ausgestattet mit einem ausgeprägten Geschäftssinn.
Boris Beresowski, 39, hofft am Institut für Komplexe Steuerungssysteme auf ein eigenes Laboratorium; der Mathematiker beschäftigt sich mit Studien zur Entscheidungsfindung, interessiert sich aber mehr für die Praxis als die Theorie. Ein Hansdampf in allen Gassen. Ein meisterlicher Organisator, dem nur das Instrument fehlt, auf dem er spielen kann.
Auch Michail Chodorkowski ist ein Suchender, politisch vielleicht der Angepassteste im Kreis der späteren Oligarchen. Mit 21 fehlt ihm beim Gorbatschow-Antritt noch ein Jahr bis zum Examen als Chemie-Technologe am prestigereichen Mendelejew-Institut. Er ist das einzige Kind einer Arbeiterfamilie, ein brillanter Student, Mitglied beim KP-Jugendverband Komsomol. Schon als Sechsjähriger, als Alterskameraden Lokomotive fahren oder als Astronauten durchs All jagen wollen, hat er seinen Eltern seinen eher konventionellen Berufswunsch verraten, und bei dem bleibt er auch: "Ich möchte Werksleiter werden."
Sacharow oder andere Dissidenten sagen ihm nichts, statt verbotener Samisdat-Literatur liest der Jungkommunist mit Begeisterung Staatstragendes, etwa Nikolai Ostrowskis Heldenepos "Wie der Stahl gehärtet wurde" aus der Zeit des Aufbaus der Sowjetunion: "Ich glaubte damals wirklich, so aufopferungsvoll müsse man leben - und rücksichtslos. Wenn es sein müsste, eben auch dem Gegner den Hals brechen." Skrupel sind dem Durchsetzungskräftigen fremd, der sich früh in asiatischen Kampfsportarten stählt. Die lange Narbe am linken Arm stamme von einer Messerstecherei im Moskauer Untergrund, erzählt einer seiner alten Bekannten.
Als Student mit dem besten Examen darf Chodorkowski sich eine Arbeitsstelle aussuchen. Er will in eine Rüstungsfirma. Das wird von den Behörden aus "Sicherheitsgründen" verweigert - in Chodorkowskis Pass steht unter Nummer fünf "Jude", und das heißt für die Bürokraten: möglicher Risikofaktor. "Dabei waren wir zu Hause gar nicht religiös, schon gar nicht politisch subversiv", sagt er. Die Zurückweisung wird zum Wendepunkt. Was ihm die Obrigkeit nicht zugestehen will, muss er sich eben nehmen.
Als Kassierer der Komsomol-Beiträge pflegt Chodorkowski seine Verbindungen zu KP-Größen. Er gründet ein Jugendcafé, das freilich kein Erfolg wird: Es liegt ungünstig auf dem Gelände der Uni, dem die Studenten in ihrer Freizeit so schnell wie möglich entfliehen wollen. Er lernt seine erste Lektion von Angebot und Nachfrage - und glaubt Ende der Achtziger doch noch immer, dass der Sozialismus das überlegene Wirtschaftssystem sei, wenn man es nur ein wenig zurechtbiege.
Das Erstaunliche: Die KP lässt ihn und die anderen Partei-Kids Kapitalismus spielen. Ausgerechnet den Komsomol hat der frühere Komsomol-Aktivist Gorbatschow für Wirtschaftsexperimente freigegeben. Der Verband der Parteijugend wird so etwas wie eine marktwirtschaftliche Oase in der Wüste der Planwirtschaft. Versuchslaboratorien wie die "Zentren der wissenschaftlich-technischen Kreativität der Jugend" und die "Kooperativen" entstehen, ihre Repräsentanten dürfen gegen Entgelt Staatsfirmen beraten und auf eigene Faust neue Produkte entwerfen.
Chodorkowski gestaltet diese neuen Freiräume äußerst kreativ - plötzlich, da der marktwirtschaftliche Geist aus der Flasche ist, weiß keiner, wer ihn stoppen sollte. Der Jungunternehmer lässt ab 1987 Matrjoschka-Puppen mit Gorbatschow-Porträts herstellen, verkauft dann Brandy - gelegentlich etwas verschnitten, wie er zugibt -, verlegt sich schließlich auf den höchst lukrativen Import von Computern. "Wissentlich brach ich kein Gesetz", sagt er in der Rückschau vorsichtig. Galten beispielsweise Zollbestimmungen eines Staates, der zu existieren aufhörte - wenn neue, russische, noch nicht geschrieben waren?
Wilde Zeiten auch im Bankgewerbe: Chodorkowski, der in seinem Einzimmerbüro in einem Keller 14 Stunden am Tag arbeitet, findet einen genialen Weg zum "Gelddrucken". Er schafft es - unter dem Schutzschild des Komsomol -, staatliche Subventionsgutscheine zu baren Rubel zu machen, sogar zu Dollar. Er gründet 1988 mit Menatep eine der ersten russischen Privatbanken und wirbt in Fernsehspots mit eigenen Auftritten für seine Firma.
Jetzt ist MBC im Big Business. Sein Kreditinstitut kauft auch mit Geld aus dem Ausland sowie mit großen Staatskrediten, die ihm wundersam gewährt werden, russische Metallurgiebetriebe und Chemiewerke. Als Gorbatschow 1990 eine Reihe neuer Wirtschaftsführer in den Kreml bittet, gehört Chodorkowski dazu, tauscht die Jeans gegen einen Anzug. 27 ist er, nun schon ein überzeugter Kapitalist. Und ein Jahr später auch politisch auf der richtigen Seite: Beim Putsch der Altkommunisten verteidigt er an Boris Jelzins Seite das russische Parlament und den neuen Kurs.
Gemeinsam mit seinem Freund und jetzigen Jukos-Vorstand Leonid Newzlin schreibt er ein Buch, dessen Lektüre dem strammsten Neoliberalen Tränen der Rührung in die Augen treiben würde. "Unser Kompass ist der Profit, unser Idol das Kapital, unser Ziel die erste Milliarde", heißt es in "Der Mann mit dem Rubel". Und an anderer Stelle machen sich die Autoren über Lenin lustig, dessen Maxime Gleichheit in der Armut gewesen sei: "Wir sind Verfechter einer anderen Gleichheit - des Rechts auf Reichtum."
Bei den Neureichen fließt der Champagner. Man zeigt, was man hat, um sich und anderen zu beweisen, dass man zur neuen Elite gehört. MBC macht sich nach Aussage seiner Freunde wie seiner Feinde nie viel aus Luxus. Aber an dem Trend zum Protzen kommt er nicht vorbei, und so lädt er 1991 zu einer rauschenden Party in den "Commercial Club". Unter den Gästen ist alles, was in der Moskauer KP oder im KGB Rang und Namen hat. Die Wirtschaftsjournalistin Julija Latynina erinnert sich: "Chodorkowski hat als einer der Ersten begriffen, welchen Vorteil es bringt, in Regierungsleute zu investieren."
Die Menatep-Bank kann es sich bald leisten, die strengen Regeln für Geschäfte in harter Währung mit dem Ausland zu ignorieren. Womöglich werden dabei Parteigelder im großen Stil in den Westen verschoben. Nach dem missglückten Coup gegen Gorbatschow und Jelzins Aufstieg im Sommer 1991 haben sich innerhalb weniger Wochen die beiden letzten Schatzmeister der Kommunistischen Partei in den Tod gestürzt - Selbstmord, sagt man. KP-Barvermögen und KP-Guthaben verschwinden auf Nimmerwiedersehen.
"Kann es sein, dass dieser begabte junge Mann zum Rettungsanker der Kommunisten wurde, dass er für die Parteibosse und den KGB die Reichtümer auf ausländische Konten transferierte? Er hatte die Fähigkeit und das Netzwerk", schreibt der Russland-Kenner David E. Hoffmann über Chodorkowski. MBC mag von solchen Spekulationen nichts hören, er meint, die Konkurrenten könnten das gestreut haben. Aber die Gerüchte über seine engen Kontakte zu Offshore-Banken auf Zypern, in Gibraltar und der Isle of Man wollten nie verstummen.
Beim Verkauf der russischen Bodenschätze verdienen sich jedenfalls die Leute mit den richtigen Kontakten eine goldene Nase. MBC erkennt, dass sich mit Erdöl schnell Geld machen lässt. Sein Ziel ist es, einen Konzern aufzubauen und unter seiner Leitung zum modernen Unternehmen von Weltrang zu machen. Der Jugendtraum vom allseits respektierten "Werksdirektor" - in neuen Dimensionen.
Chodorkowski mag es nicht, wenn man ihn als Oligarchen bezeichnet, "dieses herabsetzende Wort, was bedeutet es schon?" Aber die Härte und Skrupellosigkeit, mit der er sich im Dezember 1995 Jukos sichert, muss jeden der anderen Neokapitalisten, die sich Staatsvermögen zu Schleuderpreisen unter den Nagel gerissen haben, vor Neid erblassen lassen.
Der Staat braucht damals dringend Geld. MBC schafft es, dass seine Bank die Versteigerung der Jukos-Aktienmehrheit durchführen darf - und trickst ausländische Interessenten wie inländische Konkurrenz aus. Für die Aktienmehrheit bei Jukos hat Chodorkowski nicht mehr als 410 Millionen Dollar bezahlt - ein Spottpreis, den er zudem größtenteils nicht bar auf den Tisch legt, sondern über zukünftige Öllieferungen an den Staat finanziert.
Politik interessiert den neuen Zaren des schwarzen Goldes nur in dem Maß, wie sie seine Geschäfte fördert oder behindert. Gemeinsam mit Oligarchen-Kollegen organisiert er Geheimtreffs, in einer Villa auf den Moskauer Sperlingsbergen. Man kennt sich, schätzt sich - und belauert sich: Beresowski, Gussinski, Chodorkowski & Co., die allesamt durch zweifelhafte Rohstoff-, Firmen-Deals und Bankengründungen zum großen Geld gekommen sind, vereinbaren gemeinsames Handeln. Und sie schließen einen Waffenstillstand untereinander, angeblich sogar schriftlich.
"Kann sein, dass es so war", sagt MBC, und dann lächelnd: "Manchmal habe ich Gedächtnislücken."
Anfang 1996 wird die Situation für die Oligarchen prekär. Die Unzufriedenheit im Land ist groß, weil sich der Lebensstandard der meisten Russen dramatisch verschlechtert hat; Jelzins Chancen, die anstehende Wahl zu gewinnen, sind gering, eine Rückkehr der Kommunisten wird immer wahrscheinlicher. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos umwerben westliche Wirtschaftsführer und Politiker KP-Chef Gennadij Sjuganow schon wie einen Sieger. George Soros, Investor mit besonderem Gespür für Entwicklungen in Russland, rät Chodorkowski, die Koffer zu packen und in den Westen zu fliehen.
In Jelzins Umfeld denkt man an Verfassungsbruch, will die Wahl absetzen, politische Gegner inhaftieren. Der oft kranke und gelegentlich alkoholisierte Präsident schwankt. Da ergreift der "Club der Oligarchen" die Initiative. "Es war eine bewusste politische Entscheidung unsererseits", sagt Chodorkowski, der bei den entscheidenden Sitzungen im Kreml dabei war und erstmals ausführlich von den aufregenden Stunden erzählt. "Wir schenkten Jelzin reinen Wein ein. Ihre Berater führen Sie in die Irre und betrügen Sie, sagte ich. Er wurde weiß wie die Wand, hörte uns aber weiter zu."
Die Oligarchen organisieren und finanzieren Jelzins Wahlkampf. Sie stellen ihm ihre Massenmedien praktisch exklusiv zur Verfügung, heuern amerikanische PR-Profis an. "Man kann uns vorwerfen, dass wir Standards der Fairness verletzt haben, aber angesichts der Alternative haben wir das Beste für unser Land getan", sagt MBC. Sicher auch das Beste für sich selbst.
Jelzin gewinnt, die Tycoons und der Präsident sind nun zusammengeschweißt. Seine Macht hängt fest an ihrem Reichtum, an ihrer Unterstützung. Je mehr Jelzin körperlich zerfällt, desto wichtiger werden die Wirtschaftsbosse - und desto dreister. Beresowski plädiert im Oligarchen-Kreis für eine "Regierung der Konzerne". In einem Interview sagt er am 22. März 1998 in Gussinskis Fernsehsender NTW, die Suche nach einem Nachfolger für den Präsidenten sei in Gang und es gebe "enorme Chancen, neue Leute an die Spitze zu bringen". Jelzin hat da laut Verfassung noch zwei Jahre im Kreml vor sich.
Am Tag nach dem Beresowski-Interview feuert der Präsident seinen Premier Wiktor Tschernomyrdin, und in rascher Folge kommen "neue Leute" in hohe Ämter. Am 16. August 1999 wird der weitgehend unbekannte Wladimir Putin Premier, nach Jelzins dramatischem Verzicht aufs Amt in der Silvesteransprache der amtierende Präsident. Er gewinnt dann im März 2000 auch die Wahl. Ein Mann, ausgesucht von den Oligarchen, eine Marionette von ihren Gnaden?
"Der Name Putin wurde in unserem Kreis schon mal diskutiert, ich kenne ihn seit seinen KGB-Zeiten", sagt Chodorkowski. Er sei aber an Putins Aufstieg oder gar der Ernennung nicht beteiligt gewesen. Er habe sich von den Sitzungen des "Clubs" schon vor Jahren zurückgezogen. "Beresowski und Gussinski wurden immer mehr zu Politikern. Ich wollte ein Mann der Wirtschaft bleiben."
Und was für einer. Schon im August 1998, als der Rubel ins Bodenlose fällt und die russische Wirtschaft über Nacht wieder am Boden zu liegen scheint, startet er kaltblütig einen großen Coup. Verhindert nicht, dass die Menatep-Bank Pleite geht, die Jukos-Aktien abstürzen. Erklärt seinen westlichen Gläubigern, unter anderem der Düsseldorfer WestLB, er könne die ihm
gewährten Darlehen nicht voll zurückzahlen. In Panik geben die Gläubiger sich mit etwa der Hälfte der geliehenen 236 Millionen US-Dollar zufrieden.
Sie hätten besser gewartet: Im nächsten Jahr und bei gestiegenen Ölpreisen ist Chodorkowski schon längst wieder flüssig. Sollte jemand klagen und Akten einsehen wollen, so erlebt er einen herben Rückschlag. Unter mysteriösen Umständen stürzt im Mai 1999 ein Lastwagen mit 607 Kisten von Dokumenten der Menatep-Bank in den Fluss Dubna.
Auch bei Jukos passieren merkwürdige Dinge. Chodorkowski gibt neue Aktien aus und verringert so die Macht seines amerikanischen Großinvestors Kenneth Dart. Die neuen Papiere und viele alte Aktien geraten an undurchsichtige Offshore-Gesellschaften, die Chodorkowski angeblich nur zu diesem Grund gegründet hat - praktisch die gesamten Firmenanteile wandern so ins Ausland. Für westliche Kreditgeber bleibt in Russland nur der Zugriff auf eine leere Hülle. "Wie man eine Ölgesellschaft stiehlt" nennt der amerikanische Analyst James Fenkner die Aktion; Chodorkowskis Vorgehen sei "unglaublich unverschämt" gewesen. Doch Männer wie der US-Milliardär Dart verstehen, wenn sie verloren haben. Er lässt sich auszahlen.
MBC ist seinen letzten ernsthaften Konkurrenten um die Macht bei Jukos los. Und wandelt sich, fast über Nacht, vom Saulus zum Paulus. Als hätte er nie von schmutzigen Tricks gehört oder sie gar angewendet, predigt er nun Durchlässigkeit, Regeltreue und westliches "Corporate Governance" für seinen Konzern. Der Chef selbst reist zu den Arbeitern nach Sibirien. Mit aufgekrempelten Hemdsärmeln wirbt er um ihr Vertrauen und drängt darauf, in der Ölstadt Neftejugansk neue Wohnblocks und vorbildliche Sozialeinrichtungen zu bauen. Jukos zahlt jetzt seinen Aktionären Dividenden, lässt seine Bilanzen von dem internationalen Marktführer PricewaterhouseCoopers kontrollieren.
So schnell, wie sich westliche Unternehmer und Banken von dem "Schmuddelkind" MBC abgewandt haben, so schnell sind sie wieder zurück, um mit ihm Geschäfte zu machen. "Das Big Business hat eben keine Zeit für Larmoyanz", sagt der Jukos-Chef in seinem Büro unter einem Porträt Katharinas der Großen.
Er strahlt, mit sich und der Welt zufrieden. In London hat MBC den ehemaligen Außenminister Lord Owen als Jukos-Repräsentanten angeheuert, israelische Regierungsmitglieder hofieren ihn bei Jerusalem-Besuchen: Das ist der Umgang, den der Jukos-Boss sucht.
Neben seinen Spenden für russische Schulen und Waisenhäuser gibt sich MBC nun auch als Kunstmäzen. Prinz Charles eröffnet im Herbst 2000 die von Jukos mitfinanzierten "Eremitage-Räume" im Londoner Museum Somerset House. "In Würdigung der Großzügigkeit des Spenders" wird einer dieser Räume nach Michail Chodorkowski benannt. Er ist angekommen bei den Großen. Er muss nun nicht mehr wie die gewöhnlichen russischen Neureichen an der Côte d''Azur Urlaub machen: MBC leistet es sich, seine Ferientage im unglamourösen Finnland zu verbringen oder gar patriotisch in der Heimat. Und er verschlingt dabei Science-Fiction von seinem Lieblingsautor Arthur C. Clarke.
Jukos fehlt noch manches zu einem Weltkonzern. Solange das so ist, ist Chodorkowski noch nicht satt. Gerade hat er für 225 Millionen Dollar seine Anteile an der russischen Eastern Oil aufgestockt, die angeblich neue sibirische Ölquellen gefunden hat. Er beteiligte sich mit 49 Prozent an der slowakischen Firma Transpetrol, um die Transportwege seiner Rohstoffe Richtung Westen zu verbessern, entwarf Pläne für eine Pipeline nach Peking.
Als die Opec im letzten Jahr mit den Russen vereinbarte, ihre Ölexporte zurückzufahren, um die Preise hoch zu halten, widersprach Chodorkowski vehement: "Wir gehören nicht zu diesem Club. Man darf nicht zu gierig sein - wenn der Preis pro Barrel Öl, wie jüngst geschehen, über 25 Dollar geht, ist das zu viel."
Sein Hauptkonkurrent hat Chodorkowski jetzt ein Kompliment gemacht. Leonid Fedun, einer der Größen bei Lukoil, sagte: "Wir versuchen bei uns jetzt das durchzusetzen, was Jukos durchgesetzt hat." Bei genauerem Zusehen keine gute Nachricht für MBC: Wenn der Mammut Lukoil wirklich Ernst macht mit seinen Plänen der Modernisierung, könnte die Firma zum neuen Börsen-Liebling werden - der russische Staat verkauft demnächst sechs Prozent seiner A nteile am Konzern.
Und dann ist da immer noch die Gefahr, dass Präsident Putin sich einen Vorwand sucht, um auch gegen den mächtigen Jukos-Boss vorzugehen. Den Oligarchen Gussinski, der dem Kreml-Chef mit seinem regierungskritischen Medien-Imperium gefährlich zu werden drohte, haben Anteilseigner mit wirtschaftlichen Tricks, unterstützt vom Kreml, um seinen Einfluss gebracht; Gussinski lebt heute in Spanien. Den Oligarchen Beresowski, der Putin im Wahlkampf noch geholfen hat, will die Staatsanwaltschaft wegen Wirtschaftsvergehen verhaften. Putin stört besonders Beresowskis Kritik am brutalen Vorgehen der russischen Armee in Tschetschenien; der Tycoon lebt heute in London. "Beresowski - wer ist das?", rief Putin im letzten Jahr bei einer Pressekonferenz. Und dann blickte er in die Runde, die Augen lauernd und rücksichtslos wie die eines Panthers beim Sprung auf die Beute.
So weit will Chodorkowski es nicht kommen lassen - deshalb die Distanz zu Putin und zur Politik generell. Er unterschätzt den Mann im Kreml nicht, will aber auch nicht unterschätzt werden. Vorsichtige Kritik, kein Frontalangriff. MBC sagt, Russland und seine Unternehmer bräuchten dringend mehr Rechtssicherheit. In diese Richtung kämen die Reformen viel zu schwerfällig in Gang. Der Reichtum Russlands müsse gerechter verteilt werden. Und auf die Dauer sei eine Zivilgesellschaft ohne unabhängige Medien undenkbar.
Amen, werden die Skeptiker rufen: Da verstellt sich einer, ein Opportunist reinsten Wassers, der den Kommunismus bequemerweise gegen eine neue Religion ausgetauscht hat. Möglich. Es könnte aber auch sein, dass Michail Chodorkowski mit seiner Karriere und seinen Widersprüchen einen wirklichen Wandel verkörpert. Der Monopolist auf dem Weg zum sozialen Marktwirtschaftler. Zar einer halbkriminellen Raffgesellschaft von gestern - und Zimmermann eines neuen, aufgeklärteren Russland von morgen.
"Mit 45 will ich nicht mehr Wirtschaftsführer sein", sagt MBC. "Vielleicht gehe ich dann in die Politik." Das wäre in sechs Jahren - eine mögliche zweite Amtszeit Putins würde sich da praktischerweise gerade dem Ende zuneigen. "Vielleicht leite ich aber auch ein Waisenhaus oder mache einen anderen karitativen Job." Auf eine weitere Diskussion seiner Zukunft will sich Science-Fiction-Fan Chodorkowski nicht einlassen. Schwingt sich aus seinem kostbaren Ledersessel. Und hat es wieder aufgesetzt, dieses unergründliche Lächeln.
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 28/2002
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