08.07.2002

ARCHITEKTURTrotziges Versteckspiel

Deutschen Architekten, so scheint es, geht es ähnlich wie deutschen Filmschauspielern: Sie rackern sich ab, doch zu internationalem Ruhm will und will es nicht reichen. Die echten Stars heißen Norman Foster oder Renzo Piano und ziehen durch große Posen die Aufmerksamkeit der Presse und der Investoren auf sich. Trotzig haben nun Vertreter der Hamburgischen Architektenkammer eine Wanderausstellung zur "Neuen Deutschen Architektur" konzipiert, die ab 11. Juli im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen sein wird. Überraschend ist die Auswahl der vorgestellten Architekten nicht gerade: Hans Kollhoff, Peter Kulka und Christoph Sattler - es sind die üblichen Verdächtigen. So mag sich der Begriff "neu" im Ausstellungstitel auf Bauten beziehen, auf Namen jedoch nicht. Aus dem Mangel an großen Posen machen die Ausstellungsmacher eine Tugend: Die deutsche Architektur sei nun mal "gedämpft und leise", sie neige nicht zu Showeffekten und daher auch nicht zu falschen Versprechungen, behauptet Ullrich Schwarz von der Hamburger Kammer. Nach der Postmoderne und Postpostmoderne nun die Neue Einfachheit? Den Ausstellungsmachern wär's am liebsten: Sie wählten Schlichtes und Erhabenes aus. Die Herz-Jesu-Kirche in München vom Architektenteam Allmann Sattler Wappner etwa ist von außen als Kirche kaum zu erkennen: ein Glaskubus mit einem gigantischen Tor. Auch die Synagoge in Dresden vom Saarbrücker Büro Wandel Hoefer Lorch Hirsch lässt sich auf den ersten Blick keiner Gattung zuordnen: ein massiver Baukörper, der erst innen filigrane Lieblichkeit offenbart. Die deutschen Architekten, so scheint es in dieser Schau, üben sich im Versteckspiel - weltberühmt wird man so allerdings wirklich nicht.

DER SPIEGEL 28/2002
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