DER SPIEGEL



AUSSTELLUNGEN

Blick zurück auf den Zorn

Von Knöfel, Ulrike

Ihr Ziel war die Attacke auf Bürgergemüt und Hippie-Seligkeit - 25 Jahre nachdem sich auch in Deutschland junge Menschen mit Sicherheitsnadeln die Wangen piercten, feiert eine Düsseldorfer Schau die Rebellion der Punker als kreative Explosion.

Aus ein paar Schritten Abstand wirkt das Bild wie ein gewöhnlicher Ölschinken, bloß ist die Leinwand in knallig bunten Farben bemalt und zeigt ein sehr merkwürdiges Motiv: Zu sehen ist ein Straßenköter, der eine Mischung aus einem Dackel und einem Schäferhund sein könnte - und der ein zerrissenes T-Shirt trägt, in dem eine Sicherheitsnadel und ein Button mit dem Konterfei von Franz Josef Strauß stecken.

Seltsam ist auch der Name des Malers: Moritz Ra. Das drollige Bild stammt aus dem Jahr 1980 - und damals wurde gerade mit allen Traditionen gebrochen: Die Welt stand Kopf, zumindest für jeden, der jung war. Der Ausnahmezustand hieß Punk. Man mochte oder hasste ihn, nur ignorieren konnte ihn niemand.

Moritz Ra heißt eigentlich Moritz Reichelt. Der heute 47-Jährige war als Musiker, Sänger, Maler, Bühnenbildner und Gestalter von Plattencovern eine typische Vielfach-Existenz - jeder konnte machen, wozu er sich berufen fühlte.

Zu sehen ist Reichelts Gemälde neben vielen anderen Reliquien aus der Früh- und Hochphase des Punk in einer Ausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle*. Und die will nicht nur den lärmenden Erfolgszug der Punks und ihrer wüsten, lauten Musik zwischen 1977 und 1982 illustrieren und deren kreative Schübe feiern - sondern auch mit ein paar Vorurteilen aufräumen.

Das Erstaunlichste an dieser Hommage an Punk ist vielleicht, dass sie erst jetzt stattfindet: nach dem ausgiebig abgefeierten Revival der achtziger Jahre, das sich in Neue-Deutsche-Welle-Partys, Fernseh-Shows und Gedenkbüchern wie "Generation Golf" manifestierte.

Jede Generation, so wollen amerikanische Schlaumeier nun herausgefunden haben, verkläre spätestens in ihren frühen Dreißigern die eigene Jugend: Dieses "Nostalgia"-Phänomen schildert das US-Magazin "Newsweek" in seiner jüngsten Ausgabe - und amüsiert sich über Partys in Londoner Discos, auf denen 30-Jährige in Schuluniformen ihre Teenagerjahre aufleben lassen.

Die Punk-Pioniere, die längst die vierzig überschritten haben, zögerten lange; doch jetzt blicken viele von denen, die sich einst geschworen hatten, dass sie nie erwachsen werden wollten ("Jung Kaputt spart Altersheime" hieß ein Song jener Jahre), umso euphorischer auf ihre wildesten Jahre zurück. In Kunst und Musik, auf dem Buchmarkt und im Kinobetrieb werden die Krawalljahre nun heftig verklärt.

Mit feierlicher Gründlichkeit widmeten sich die Feuilletons etwa zwei Punk-Bilanzbüchern: der erstmals auf Deutsch erschienenen Rückschau "England''s Dreaming" des Briten Jon Savage und der Dokumentation "Verschwende Deine Jugend" des deutschen Journalisten Jürgen Teipel. Teipel hat nun auch die Düsseldorfer Schau mit zusammengestellt*.

Punk gilt auch im Kino derzeit als hip: Genauso wie Teipels Buch - nämlich "Verschwende Deine Jugend" (nach einem Songtitel des Duos Deutsch-Amerikanische Freundschaft) - heißt ein Kinofilm aus der Zeit von Punk und Neuer Deutscher Welle, der gerade in München gedreht wird. Verpflichtet wurde ein ganzes Jungstar-Aufgebot, darunter mit Jessica Schwarz und Tom Schilling zwei große Nachwuchshoffnungen des deutschen Kinos.

Zu den Überraschungserfolgen des letzten Kinojahres zählte Connie Walthers Punk-Romanze "Wie Feuer und Flamme", die 1982 im geteilten Berlin spielt.

Auch der Film "Was tun, wenn''s brennt", eine über fünf Millionen Euro teure Produktion, erzählt von einem Leben zwischen Straßenkämpfen und Hausbesetzung. Immerhin 450 000 Zuschauer sahen im vergangenen Winter den Film, in dem Til Schweiger einen ewigen Rebellen spielt.

Hollywood verfilmt demnächst das Leben der Punk-Legende Johnny Rotten, Sänger der britischen Gruppe Sex Pistols.

In der Popwelt ist die Beschwörung einer Punk-Renaissance schon länger oberste Trendscout-Pflicht. Mal werden Veteranen wie die mittlerweile 55-jährige Sängerin Patti Smith von der "New York Times" als "Patin des Punk-Rock" bejubelt; mal Nachwuchs-Punk s wie die angemessen rotzfreche und höchst erfolgreiche US-Sängerin Pink, 22.

Während Modemagazine den Retro-Chic der Sicherheitsnadeln und Stachelfrisuren auf Hochglanzbildern neu ausbreiten, machte der stilbewussteste aller Fußballspieler, der Brite David Beckham, 27, bei der Fußball-WM mit einem kuriosen Irokesen-Haarschnitt Furore - der galt einst als Standardfrisur der Punks.

Es scheint, als sehnten sich die gelangweilten Menschen am Beginn des 21. Jahrhunderts in eine abenteuerliche Zeit zurück, in der es als Provokation galt, wenn sich Schüler ihre Haare wöchentlich umfärbten und die Parole "No Future" auf ihre Lederjacken sprühten.

Punk war die Ausgeburt einer Krisenstimmung in den siebziger Jahren. Fragt sich angesichts der trüben Welt- und Wirtschaftslage im Jahr 2002: Kann der verflossene Revoluzzergeist noch einmal aus der Flasche gelassen werden? Wohl kaum.

"Punk war ein einziger Störfaktor, das lässt sich nur schwer wiederbeleben", behauptet Buchautor Jürgen Teipel.

In seiner Dokumentation kommen unter anderem der Schauspieler Ben Becker, der Sänger Campino und die Musikerinnen und Produzentinnen Inga und Annette Humpe zu Wort - und feiern jeder auf seine Art eine ebenso radikale wie lobenswerte Kultur-Revolution. Der Musiker und Maler Reichelt etwa schwärmt, erst dank Punk hätten sich deutsche Popkünstler von ihren angloamerikanischen Vorbildern emanzipiert und das Singen in der eigenen Sprache plötzlich "viel witziger" gefunden.

Die Punks selbst erhoben den Anspruch, nicht nur die Musik, sondern auch fast alles andere neu zu erfinden: die Mode, die Sprache und die Kunst. Es herrschte plötzlich das lustige Heimwerkerprinzip des "Do it yourself". Man bastelte sich seine Outfits selbst, aber auch seine Fanmagazine - von denen in der Düsseldorfer Kunsthalle jede Menge auf die Wände gepinnt wurden: als riesige Collage aus lustigen Zeichnungen und schwärmerischen Musikbesprechungen.

Die Schau verzichtet klugerweise auf jegliche bizarre Inszenierung. Die Dokumente wirken laut und direkt genug. Das Publikum darf sich die Lieder von einst anhören, altes Filmmaterial ansehen - und viel staunen über die Exotik der späten siebziger und frühen achtziger Jahre.

Zu bewundern sind bunte Bühnenbilder und mal comicartige, mal gruftig düstere Covergestaltungen - und irgendwo steht ein Schlagzeug herum, das sich die Mitglieder der Gruppe Einstürzende Neubauten einst aus Schrott zusammenschraubten: Das Exponat, längst von historischem Wert, darf allerdings nicht angefasst werden, was gestandene Punks von einst, die sich ja an kein Verbot halten wollten, schon irritieren könnte.

"Natürlich werden einige der einstigen Pioniere von der Ausstellung entgeistert sein", schwant es Teipel. "Jeder, der damals dabei war, hat doch eine eigene Definition von Punk entwickelt."

Eine klingt besonders hymnisch und ist im Katalog nachzulesen: "In ganz Europa fühlten junge Menschen, wie etwas in ihrer Seele einrastete. Etwas Pures, Klares, Hartes, Glühendes, Wütendes war in die Welt gestürzt wie ein Meteor."

Härte, Glut und Null-Bock-Haltung der Punks brachten Eltern und Lehrer auf die Palme und richteten sich im Prinzip gegen alles. Am liebsten aber stänkerte man über die damals noch jungen Veteranen von 1968: die Hippies. Von denen hielten sich viele für die größten Revoluzzer aller Zeiten - und wurden nun als diskutierwütige Langweiler beschimpft: Viel wichtiger als die Emanzipation von den Eltern war die von den 68er-Helden.

Der Schriftsteller Peter Glaser, 45, gerade in Klagenfurt mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet, lobt noch heute: Punks hätten einen schöpferischen "Anti-Intellektualismus" entwickelt - nicht nur, was das Erproben immer neuer Provokationen anging.

Auch die Düsseldorfer Schau zeigt: Die Verweigerung erwies sich als ähnlich innovativ und befreiend wie einst die Anti-Kunst der Dadaisten.

Punk, der Stilbruch gegen den guten Geschmack, wirkt denn auch bis heute nach: in den Extravaganzen der Haute Couture, den wackelig direkten Dogma-Filmen, selbst im Gebaren und den Texten deutscher HipHop-Bands.

Die Gruppe Fehlfarben sang 1980: "Wir tanzten bis zum Ende / zum Herzschlag der besten Musik / jeden Abend jeden Tag / wir dachten schon, das wär der Sieg."

War er auch. Die Rebellen wurden von Glamour-Magazinen wie "Cosmopolitan" gefeiert und von Plattenfirmen eingekauft, wo einige von ihnen zu Protagonisten der nonsensverliebten Neuen Deutschen Welle konvertierten oder, wie Nina Hagen, zur Rock-Mumie versteinerten.

Nicht der kommerzielle Erfolg habe die Punk-Bewegung erledigt, glaubt Jürgen Teipel, sondern die Humorlosigkeit, mit der viele Mitläufer Parolen wie "No Future" nachbeteten: "Denn eigentlich bedeutete Punk Ironie." ULRIKE KNÖFEL

* "Zurück zum Beton". Bis 15. September. Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König; 200 Seiten; 19,80 Euro. * John Savage: "England''s Dreaming". Edition Tiamat, Berlin; 544 Seiten; 29 Euro. Jürgen Teipel: "Verschwende Deine Jugend". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 384 Seiten; 12,50 Euro.

DER SPIEGEL 28/2002
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