08.07.2002

UNIVERSITÄTENMit der Maus zum Diplom

An Universitäten und Schulen grassiert der Ideenklau per Mausklick: Bis zu einem Drittel aller Hochschul-Hausarbeiten sind wahrscheinlich Plagiate.
Manch einer braucht Jahre, um seine Magisterarbeit zusammenzuschreiben. Manch anderer ist schon nach Stunden fertig - es kommt nur auf die Methode an.
Nie war es einfacher, Hausaufgaben oder sogar ganze Diplomarbeiten zu kopieren und unter eigenem Namen neu in Umlauf zu bringen. Denn das Internet ist ein Paradies für Ideendiebe.
Hunderte Schummelbörsen bieten unter Namen wie www.diplom.de oder www.fundus.org ("Wozu das Rad zweimal erfinden?") eine gewaltige Auswahl an Übungsarbeiten zum freien Abkupfern an, die Benotung wird praktischerweise gleich mitgenannt. Mehr als 17 000 Referate finden sich, bequem nach Fächern sortiert, allein bei www.hausarbeiten.de - von der "Mundhöhlenverdauung" über "Besessenheit und Exorzismus" bis hin zur "Konstruktion und Auslegung eines Lastkranes".
Mit Hilfe von Suchmaschinen wie Google und Yahoo ist auch in den Weiten des Internet leicht der Stoff für eine Diplomarbeit aufzuspüren. Binnen Sekunden lässt sich aus mehreren alten Texten ein neuer komponieren. Immer mehr Schüler und Studenten erliegen der Verlockung des Wissenserwerbs per Mausklick frei nach dem Motto: Man muss nicht alles wissen - man muss nur wissen, wo es steht.
"Manchen Studenten, die Google und Yahoo verinnerlicht haben, kann der Unterschied zwischen ,downloaden'' und ,Plagiat'' nicht mehr plausibel gemacht werden", stellte im Februar ein Brandbrief des Promotionsausschusses an die Dekane der geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität fest, "gleichzeitig ist ein Abnehmen des Unrechtsbewusstseins seitens der Studenten festzustellen."
Rund ein Drittel aller studentischen Hausarbeiten, fürchten einige US-Fachleute, seien ganz oder zumindest in Teilen Plagiate. Zwar mag diese Zahl eine Übertreibung sein. Doch das Problem ist real. "Ich glaube nicht, dass deutsche Studenten ehrlicher sind als amerikanische", sagt Manuel Theisen, Professor für Betriebswirtschaftslehre in München. Eine Doktorarbeit, die ihm neulich zur Prüfung vorlag, entpuppte sich zum Beispiel als bloße Übersetzung aus einer amerikanischen Quelle. Theisen, Autor des Standardwerks "Wissenschaftliches Arbeiten", musste für die zehnte Auflage ein neues Kapitel hinzufügen: "Fälschung, Verfälschung und Betrug".
Die Universitäten haben inzwischen ihrerseits aufgerüstet: In den USA werden teure Prüfprogramme feilgeboten, mit deren Hilfe sich neu eingereichte Arbeiten mit alten Texten vergleichen lassen. Allein den Online-Dienst Turnitin.com nutzen laut eigenen Angaben bereits 800 Universitäten.
Dort zerhackt ein Computer jeden Text in kurze Schnipsel, die er wie Fingerabdrücke mit rund einer Milliarde anderer Dokumente abgleicht - die Datenbank des Dienstes ist gefüllt mit digitalisierten Büchern, zahllosen Texten aus dem Internet und den rund 100 000 Arbeiten, die bislang eingereicht worden sind. Binnen 24 Stunden bekommen die Anfrager ihre Texte zurück. Die abgekupferten Passagen
sind eingefärbt: rot, gelb oder blau je nach Schwere des Verdachts.
Für das Deutsche dagegen gibt es bislang keine zufrieden stellende Software, musste Debora Weber-Wulff feststellen. Routinemäßig überprüft die Berliner Professorin für Medieninformatik die Arbeiten ihrer Studenten. Dabei fahndet sie nach jähen Stilwechseln, Gedankensprüngen oder wunderlichen Rechtschreibfehlern. Wenn sie solche Textpassagen in Internet-Suchmaschinen wie kosh.de eingibt, ist die Ausbeute oft erstaunlich hoch. Unter 34 Texten fand Weber-Wulff unlängst 12 Plagiate. Das Fazit der Professorin: "Per Internet zu mogeln ist leicht - die Mogler zu ertappen aber ebenfalls."
Erst im Laufe des Sommers soll mit www.edutie.com die erste Plagiat-Suchmaschine für den deutschsprachigen Raum fertig gestellt sein. Sie funktioniert zwar schon leidlich gut, durchsucht jedoch nur frei zugängliche Texte im Internet, während die beliebtesten Mogelbörsen verschlossen bleiben: Der kommerzielle Anbieter www.diplom.de zum Beispiel verlangt für Einsicht in Abschlussarbeiten teilweise über 200 Euro Gebühr. Derlei saftige Preise erschweren die Überprüfung durch misstrauische Lehrer. Studenten dagegen bekommen Rabatt.
Im digitalen Hase- und Igel-Rennen haben die Hochschullehrer eine schlechte Startposition. Um sich vor Plagiatoren zu schützen, so eine hilflose Standardfloskel, müsse man einfach ausgefallenere Themen an die Studenten vergeben. "Aber an Massenunis wird eine derartige Individualbetreuung immer schwieriger", widerspricht Erhard Schütz, Germanist an der Humboldt-Universität in Berlin.
Zudem haben Mogler kaum etwas zu befürchten. Gerade wurden zum Beispiel an der Uni Konstanz zwei Studenten der Verwaltungswissenschaft ertappt, die Plagiate eingereicht hatten. Konsequenz: Sie müssen ihre Prüfung wiederholen. Diese milde Strafe lässt das Plagiieren als "Freischuss" erscheinen: Man kann es ja einfach mal probieren; und wer erwischt wird, muss eben doch eine eigene Arbeit verfassen. In den USA dagegen fliegen Mogler oft in hohem Bogen von der Uni.
"Wir dürfen bislang Betrüger nicht einmal von einer erneuten Prüfung ausschließen", klagt Manfred Witznick, Justiziar an der Uni Konstanz. "Ich halte die derzeitige rechtliche Situation für skandalös", stimmt Rainer Schnell, Mitglied des zuständigen Prüfungsausschusses, zu. Seine Uni erwägt nun härtere Strafen. HILMAR SCHMUNDT
* In der Bibliothek der Ruhr-Universität Bochum.
Von Schmundt, Hilmar

DER SPIEGEL 28/2002
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