15.07.2002

MANAGERPhantom auf Durchreise

Früher nannten sie ihn „Samtauge“, dann „the Wunderkind“, neuerdings einen „Blender“ - wer Ron Sommer wirklich ist, weiß er momentan womöglich selbst nicht genau.
Manchmal scheint es nicht viel zu sein, was den Chef der Deutschen Telekom von einem Masochisten unterscheidet. Wenn Ron Sommer abends nach Hause kommt, darf er das Grauen dieser Tage noch einmal erleben: In seinem Arbeitszimmer hängen die hässlichsten Karikaturen über ihn. Seine Frau schneidet sie aus. Die übelsten Schlagzeilen hängt sie gerahmt daneben. Ihr Mann kennt jeden Witz, den man mit seinem Nachnamen machen kann.
Früher, als Sommer noch nicht "Vernichter des Volksvermögens" genannt wurde, als er "the Wunderkind" ("Business Week") war und Gerhard Schröder seine Hände für die Kameras noch zum Telekom-"T" formte - da füllte sich die Wand im Arbeitszimmer nur spärlich. In letzter Zeit kommt Sommers Frau mit dem Ausschneiden nicht mehr nach. Vielleicht hat sie es inzwischen auch sein lassen, denn was ursprünglich als Abhärtung gedacht war, beginnt ihrem Mann wehzutun. Er ist dünnhäutig geworden. Heißt es.
Der 52-Jährige gilt inzwischen nur noch als "Blender" ("Max") oder "Bibelverkäufer" ("Bild"). Bei der Hauptversammlung im Mai buhten die Kleinaktionäre ihn nicht nur aus. Sie lachten über ihn. Sommer sagt: "Es ist ein Traumjob." Dabei sieht er aus, als spreche er über eine Gallenoperation. Dann erzählt er seine Geschichte, die er "Wachstumsstory" nennt. Sie handelt vom "Umbau" und "Aufbau", von "Skaleneffekten" und "Prozessverbesserungen". Sie wimmelt von Zahlen, und manchmal vertreibt sie die Menschen, wie zuletzt bei der Hauptversammlung: Manche Aktionäre verließen während seiner Rede entnervt den Raum.
Er gilt als Marketinggenie, obwohl er sich bei solchen Auftritten ans Rednerpult klammert und abliest. Für Fernsehauftritte trainierte er früher tagelang, wie etwa im Januar 1996. Er war erst ein paar Monate im Amt und sollte in der Sendung "Talk im Turm" die Gebührenerhöhungen im Ortsnetz verteidigen.
"Da hinten", sagt er und zeigt zur Tür seines Büros in der Bonner Telekom-Zentrale, "stapelten sich damals 300 000 Postkarten." "Bild" hatte seine Leser mobilisiert. Sommer bekam auch andere Post. "Was hat dieser Jude an der Spitze eines deutschen Unternehmens zu suchen?", schrieb jemand. Das war noch einer der harmloseren Briefe.
Jürgen Kindervater, Kommunikationschef des Unternehmens, hatte ihm vorgeschlagen, in einem Fernsehstudio den geplanten TV-Auftritt zu simulieren. Er organisierte Sparringspartner, die Sommer so zusetzten, dass dieser später das mediale Tribunal umdrehte und eine Lehrstunde seiner wirtschaftspolitischen Vision daraus machte.
Seit dieser Zeit hat Sommer zu keinem im Unternehmen einen engeren Draht als zu ihm. Kindervater ist sein Seismograf, einer, der Erschütterungen ahnt, Intrigen spürt und Mitarbeitern auch mal den Arm um die Schulter legt.
Sommer würde so etwas nicht machen. "Er hat wenig Empathie für Mitarbeiter", sagt ein ehemaliger Vorstandskollege. Jahrelang habe er "mit Sommer zusammengearbeitet, ohne ihn wirklich zu kennen".
Er würde seinen Chef "nie privat treffen", sagt Kindervater. Doch als er irgendwann auf dem Weg zur Hannover-Messe im Auto zusammenklappte und sofort auf die Intensivstation musste, da habe Sommer alles liegen lassen und sei sofort ins Krankenhaus gekommen. Der Telekom-Chef sah auf seinen bleichen Angestellten und sagte nur: "Kindervater, alles klar?"
Es war nichts klar, aber es war Sommers Art zu zeigen: Ich bin da, es geht weiter. "Prioritäten kann ich setzen", sagt Sommer, wenn man ihn darauf anspricht. Und dann: "Das gehört aber zu den ... , nochmals ... , also ... , ja, ich würd''s unter dem Aspekt zusammenfassen."
"Nochmals" sagt Sommer oft. Es ist sein Mittel, von einer ihm unangenehmen Frage wegzukommen, von sich selbst wegzukommen und stattdessen zum 17. Mal die "Wachstumsstory" zu erzählen. Sommer schafft es, bei der Frage, wie seine Familie unter den Nazis gelitten hat, nach einem Satz auf den Aufsichtsrat seines Unternehmens abzulenken. Mitunter stell t er sich die Fragen auch selbst: Vor kurzem wollte Sandra Maischberger in einem TV-Interview etwas zu seiner Zeit als Student wissen. Sommer antwortete: "Und jetzt Ihre Frage: ''Glauben Sie an die Zukunft der Deutschen Telekom?''"
Nur manchmal zieht er den Vorhang für Sekunden weg. "Es ist schon komisch, wenn sie mit sechs Jahren plötzlich jemand anderes von der Schule abholt." Das war 1955, in Haifa. Sommers Mutter, eine russische Jüdin, war 1938 als 18-jähriges Mädchen vor den Nazis nach Palästina geflüchtet. Dort heiratete sie einen Deutschen jüdischer Abstammung, Ron Sommers Vater. Er hieß Lebowitsch. Diesen Namen trug der Junge bis zu seinem Studium, als ihn sein Stiefvater, der Österreicher Richard Sommer, adoptierte.
1955, nach der Trennung seiner Eltern, holte ihn also plötzlich sein neuer Vater von der Schule ab. Ein Jahr später siedelte die Familie nach Wien um. "Er schiebt seine jüdische Herkunft weg", sagt ein Vertrauter aus Sommers Zeit beim Elektronikkonzern Sony. "Sein Leben fing erst in Wien an."
Sommer ist 18, als sein Stiefvater stirbt, wenige Monate nach seinem leiblichen Vater. Wer ihn fragt, was er von den beiden für sein Leben mitgenommen habe, dem antwortet er: "Keine Verweichlichung."
Sommer schont sich nicht, studiert in Rekordzeit Mathematik und harrt selbst in Vorlesungen aus, die so kompliziert werden, dass am Ende nur noch vier Übereifrige im Hörsaal sitzen. Die Sekretärinnen an der Fakultät nennen ihn "Samtauge" - weil selten jemand unter den schüchternen Studenten sie so intensiv angeschaut hat.
Sommer sei "blitzgescheit" gewesen, aber "kein Wissenschaftler", erinnert sich sein Doktorvater. "Mathematik sah er als ersten Stein seiner Karriere."
Viele können sich an den Studenten jener Zeit erinnern, doch richtig greifen kann ihn niemand. In den Erzählungen erscheint er als Phantom, das mal auf Durchreise vorbeigeschaut hat.
Der Medienwissenschaftler Peter Glotz hat sich tagelang mit Sommer unterhalten. Am Ende sei ihm klar gewesen, "dass ich nicht genug Stoff für ein Buch über ihn hatte", sagt Glotz - und schrieb ein Buch über Ron Sommer.
Glotz schrieb auch in der "Bunten" über ihn und bewunderte dort den "Cybermanager", der "ein typischer Vertreter der globalen Elite" sei: rund um die Uhr erreichbar und kalt "wie eine Hundeschnauze". Das Buch hat eine ähnliche Melodie. Es ist eine Art Bauchrede des Telekom-Managers. Doch als es erschien, hingen Glotz'' Sprachbilder eines "Satellitenstarts auf Cape Canaveral", einer "unaufhaltsamen Aufwärtsbewegung", bereits ziemlich schief, wenn es um Sommers Karriere ging.
Der Kauf des US-Mobilfunkanbieters Voicestream hatte den Manager so unter Druck gesetzt, dass das Buch erst im Herbst erschien, weil der Verleger glaubte, der Porträtierte überstehe den Sommer nicht.
Any time, any place, beschleunigte Gesellschaft, Manager als moderne Nomaden - Sommer gefiel das Buch. Es entsprach dem Bild, das er von sich produzierte, dem
Bild des Überfliegers, eines Teflontypen, an dem jeder Zweifel abperlt. Die Telekom orderte etwa 70 Prozent der Erstauflage.
Der "Anker", der Sommer hält, sei seine Familie, schreibt Glotz. Ein ehemaliger Telekom-Vorstandskollege erzählt, wie er einmal in Sommers Büro kam und der ganz stolz erzählte, dass er sich eine direkte Nummer nur für seine Familie habe legen lassen. "Das hatte jeder, das war nichts Besonderes, nur keiner redete darüber." Sommer habe oft sehr "prätentiös" gewirkt. "Er will als Familienmensch dastehen und gleichzeitig ständig verfügbar sein, ohne dass die Familie leidet. Ich habe ihm das nicht abgenommen."
Er habe oft versucht, "Sommer zum Schreien zu bringen", sagt Peter Hoenisch, früherer Kommunikationschef bei Sony. Ohne Erfolg. Einmal habe er Sommer sogar gesagt: "Du kannst mich mal." Das dürfe er nicht sagen, erwiderte Sommer. Hoenisch darauf: "Du spinnst." Sommer: "Ja, das darfst du sag en." Fünf Minuten später habe Sommer zum gemeinsamen Kaffee gebeten. Sommer sei "kein kalter Mensch", sagt Hoenisch. "Aber seine Wärme spürt man oft erst nach Jahren." Präzise Kritik habe er "lässig eingesteckt". Damals.
Im Grunde sei er aber "ein einsamer Wolf geblieben", sagt ein anderer Vertrauter aus der Sony-Zeit. "Er hat keine Freunde" - bestenfalls Leidensgenossen. Das sind die Chefs der Kommunikationskonzerne aus anderen Ländern, die sich einmal im Jahr Anfang Juli in Sun Valley treffen.
Was früher ein Aufputschmittel der Eliten war, ähnelt seit zwei Jahren einer Selbsthilfegruppe. Die meisten kommen nur noch, weil sie Kollegen treffen, denen es noch schlechter geht. In diesem Jahr gibt es die ersten Ausfälle - Bernie Ebbers von WorldCom und Jean-Marie Messier von Vivendi. Auch Ron Sommer ist lieber zu Hause geblieben. Er besuchte stattdessen die Mitarbeiter seines Unternehmens.
Vor kurzem war er auf einer Veranstaltung des "Kunden-Kontakt-Managements" in Bonn. Sommer war der Überraschungsgast. Gerade hatten die anwesenden Mitarbeiter der Telefonzentralen gelernt, "Kundenkontakte emotional aufzuladen", als der Chef die Bühne betrat und vormachte, wie man es nicht machen sollte.
Zur Lage der Branche sagte er bloß, er wolle die Anwesenden nicht "noch deprimierter machen, als sie sein sollten". Jetzt zähle vor allem eines: "Zero defect."
Ein Mitarbeiter ging an das Saalmikrofon und fragte: "Herr Sommer, erwartet der Kunde wirklich ''zero defect'' oder einen Menschen, der auch Fehler machen kann?" Sommer hätte tausend gute Antworten geben können. Er hätte eine Spur einlenken und den Saal der Bereitwilligen dann emotional aufladen können.
Sommer sagte: "Ich versuch mal, die Widersprüche, die Sie sich selbst gebaut haben, aufzulösen."
Vorvergangene Woche hat er die Abteilung "Beschwerde-Management" besucht. Er kam auch zu Christiane Kutz. Sie ist so etwas wie Sommers telefonische Leibwächterin. Wütende Telekom-Kunden schaffen es täglich, bis zu Sommers Büro durchzukommen. Dann verbinden die Sekretärinnen zu Frau Kutz, deren Job es ist, sich anbrüllen zu lassen.
Viele seien harmlos, sagt Kutz. Aber es gebe auch "die Quereinschläger", Psychopathen, die monatelang in der Leitung hängen. Ron Sommer betrat den Raum und reichte Frau Kutz, die für ihn die Stellvertreterkriege führt, die Hand. "Also, was bei mir ankommt, das kommt bei Ihnen an?" "Ja", sagte Kutz. Dann ging Sommer. Kein Dank. Nichts.
Christiane Kutz war dennoch begeistert. "Er hat so einen ungemein weiten Blick."
Draußen warteten zwei Bodyguards neben einem schweren Mercedes. Ron Sommer, Chef der Deutschen Telekom AG auf Abruf, fragte: "Was jetzt?" NILS KLAWITTER
* Beim Besuch der Wagner-Festspiele in Bayreuth am 25. Juli 2000.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 29/2002
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