15.07.2002

LEGENDENRuhestörung im Wald

Ein 200 Jahre altes Rätsel soll gelöst werden: Liegt in einem Waldgrab in Thüringen tatsächlich „Madame Royale“, die Tochter des Bourbonen-Königs Ludwig XVI.?
Das Grab auf halber Höhe des Stadtbergs der südthüringischen Kreisstadt Hildburghausen wirkt inmitten des Laubwaldes wie ein erratischer Fremdkörper. Um den Hügel sind Quader in Form einer abgehackten Pyramide aufgeschichtet, für die der Steinmetz Thein einst in seiner "Nota über verferdigte Mauerarbeit" 48 Taler und 39 Kreuzer berechnete.
Spaziergänger stehen vor einem anonymen Mausoleum. Und das Schild dicht am Grab hilft auch nicht, den Schleier von Geheimnis und merkwürdiger Abgeschlossenheit zu zerreißen: "Hier ruht die Dunkelgräfin." Namenlos war die Tote schon, als sie hier, in einem Grabgewand aus weißem Atlas, vor mit Fackeln angetretener Dienerschaft in der sechsten Morgenstunde des 28. November 1837 bestattet wurde.
Das Mysterium beschäftigt seither die Phantasie. Wurde hier nur eine "Sophia Botta, ledig, bürgerlichen Standes, aus Westphalen, achtundfünfzig Jahre alt" zur letzten Ruhe gebettet, wie es ihr geheimnisvoller Beschützer fürs Kirchenbuch angab? Oder liegt hier tatsächlich eine Asylantin königlichen Geblüts, wie lokale Bourbonen-Forscher mit immer neuen Indizien zu belegen versuchen?
Sie vermuten im Grab "Madame Royale", die legendenumwobene Tochter König Ludwigs XVI. von Frankreich und seiner aus dem Hause Österreich stammenden Gemahlin Marie Antoinette. Für Helga Rühle von Lilienstern, 89, ist das schon keine Frage mehr. Die ehemalige Grafikerin ist seit 25 Jahren dem Geheimnis auf der Spur. Ihre eloquenten Texte, etwa im Jahrbuch des Hennebergisch-Fränkischen Geschichtsvereins, werden bereits ins Französische übersetzt. Ihr Fazit: Die Geschichte der Dunkelgräfin sei "ein politisches Drama von europäischem Ausmaß und voll menschlicher Tragik".
Nach ihren umfangreichen Ermittlungen ist die Königstochter Marie Thérèse Charlotte, die 1793 in den Wirren der Französischen Revolution im Pariser Staatsgefängnis Temple den Tod der Eltern auf der Guillotine erleben musste, als 17-Jährige von Gefängniswärtern geschwängert worden. Ihre offizielle Rolle bei Hofe habe daher ihre von der Königin adoptierte Halbschwester Ernestine de Lambriquet übernommen - sie soll vom König, nach erfolgreicher Behandlung einer Phimose, mit einer Kammerfrau gezeugt worden sein. Ein damals durchaus vorstellbarer Prinzessinnen-Tausch.
Der unglücklichen Königstochter sei nur die Emigration geblieben. Die habe sie 1807 für 30 Jahre nach Hildburghausen und in das nahe Dorf Eishausen geführt. Für die nötige Konspiration habe ihr Gefährte Leonardus Cornelius van der Valck, der ehemalige holländische Gesandte in Paris, gesorgt. Nur zweimal während ihres Exils habe die meist verschleierte Dame mit Fremden gesprochen.
Die thüringische Lesart der Bourbonen-Geschichte reicht Steffen Harzer, dem PDS-Bürgermeister der 12 500 Einwohner zählenden Kommune, für den Hausgebrauch durchaus. Das "Mysterium an sich", sagt er, "lässt sich für den Tourismus schon ganz gut verkaufen". Doch nun wollen einige Dunkelgrafen-Forscher der Leiche im Waldesgrund an die Gebeine.
So fordert Heinrich Dietz, als Jurist und Historiker promoviert und heute Präsident des Landesrechnungshofs, eine erneute Exhumierung. Am 8. Juli 1890 war das geheimnisvolle Grab schon mal geöffnet worden, mit allerdings geringem Erkenntniswert. Der Stabs- und Bataillonsarzt von Mielecki fand damals "mit Sicherheit" das Skelett einer weiblichen Person. "Besonders die Zähne" waren gut erhalten.
Eine DNS-Analyse könnte diesmal Aufschluss bringen. Erbmaterial für einen Vergleich wäre sogar vorhanden. Gerichtsmediziner aus Münster und dem belgischen Löwen identifizierten im Frühjahr 2000 eine Reliquie als Herz des zehnjährig verstorbenen Ludwig XVII. Die Dunkelgräfin müsste seine Schwester sein. Der Mainzer Historiker Peter Claus Hartmann, ein ausgewiesener Ludwig-XVI.-Experte, will für Dietz gutachterlich das "wissenschaftliche Interesse" an einer Analyse begründen.
Die Hildburghausener aber fürchten, die könnte wie in den Fällen Anastasia und Kaspar Hauser ausgehen: Die angebliche Zarentochter wurde als Schwindlerin entlarvt, beim badischen Findelkind gab es keine Belege für das vermutete fürstliche Blut. Dann wären alle stolz präsentierten Indizien entwertet, etwa die Kopie eines herzöglichen Schutzbriefs für den Dunkelgrafen van der Valck aus dem Thüringischen Staatsarchiv. Das Postulat vom 12. März 1824 lautet: "Wie Wir den Herrn Grafen, so lange er seinen Aufenthalt in Unserem Lande fortsetzen will, beständig unter Unsern besonderen Schutz nehmen." Auch ein Opalcollier mit Bourbonenlilien und ein Zylinderschreibtischchen mit Wappen des Fürstenhauses aus dem Nachlass von Madame wären belanglos.
Da die Herrscher im Zwergherzogtum Sachsen-Hildburghausen "unter Eid aufs Kreuz" Geheimhaltung über ihre Schutzbefohlenen vereinbart hätten, ist Frau Rühle von Lilienstern gegen eine Exhumierung. Ein positiver Befund, schwärmt dagegen Dietz, könne Hildburghausen "zum Wallfahrtsort der Royalisten aus aller Welt" machen.
Stadt der Aufklärung ist es schon. Hier wurden einst die ersten 52 Bände von "Meyers Conversations Lexicon" herausgebracht. WOLFGANG BAYER
Von Wolfgang Bayer

DER SPIEGEL 29/2002
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