15.07.2002

KATHOLISCHE KIRCHEVertuschen und versetzen

Als der Papst die amerikanischen Bischöfe für eine Vielzahl sexueller Übergriffe rügte, begann eine weltweite Debatte. Nur die deutschen Bischöfe taten, als gehe sie die Problematik nichts an. Tatsächlich gibt es Parallelen zu den USA - auch die deutschen Opfer wollen nicht länger schweigen.
Die Abhängigkeit, die Ingo K. noch Jahre später das Leben zur Qual macht, kam schleichend und scheinbar mit Gottes Segen. Damals, 1988, war Ingo 14 Jahre alt und Ministrant in einer Gemeinde im Taunus. Vor und nach dem Dienst am Altar wurde er von Hochwürden Norbert E. oft und gern in den Arm genommen und ganz lieb "gedrückt". Bald schon, erinnert sich der junge Mann heute, "war es so, als gebe es keine Grenze zwischen den Ministranten und dem Pfarrer".
An vielen Wochenenden übernachteten er und andere Jungen im Pfarrhaus. Seine Mutter habe keine Einwände gehabt, eher "ein gutes Gefühl", ja sogar die Gewissheit, der Sohn sei gut aufgehoben. "Bei einem Pfarrer kann ja schließlich nichts Schlimmes passieren."
Doch den Hirten interessierten mehr noch als die Seelen der Schutzbefohlenen die Jungen selbst. Er bot ihnen einen ganz persönlichen Aufklärungsunterricht an. Eines Tages, sagt Ingo, habe ihn der Pfarrer am Penis befummelt. "In diesem Augenblick wusste ich nicht, ob ich etwas sagen, gehen oder einfach sitzen bleiben sollte." Ingo sagte nichts und blieb. "So fing der Teufelskreis an."
Von nun an, berichtet Ingo, wurde er systematisch vom Pfarrer sexuell missbraucht, bis hin zum regelmäßigen Analverkehr. Was in dieser Zeit im Pfarrhaus geschah, entschuldigte Norbert E. später larmoyant in einem Brief an Ingo so: "Ich habe Dich geliebt ... das war sicher eine Abhängigkeit." Und: "Manches ließ sich dann nicht mehr steuern. Wenn man einmal angefangen hat, ist es sehr schwer, ein Ende zu finden."
Was der Pfarrer "Liebe" nennt, war eher die Gier nach Sex. "Nach und nach bot er mir dann Geld für entsprechende Gegenleistung", sagt Ingo - Liebe für Bares? Auch bei seinem zwei Jahre jüngeren Bruder, sagt Ingo, habe es der Geistliche versucht, Ähnliches wisse er zudem von vier anderen Ministranten. Doch keiner habe gewagt, darüber öffentlich zu sprechen.
So nahm ein Verhältnis seinen Lauf, das auf beklemmende Weise jene These in Frage stellt, die deutsche Bischöfe geradezu starrsinnig glauben machen wollen: Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen sei vielleicht in den USA und einigen afrikanischen und europäischen Ländern ein Problem - aber nicht so sehr in der katholischen Kirche Deutschlands.
Noch vor wenigen Wochen wiegelte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann, in einem SPIEGEL-Gespräch (26/2002) ab, den "Schuh der Amerikaner" müsse sich seine Kirche nicht anziehen. In seinem Bistum, erklärt Lehmann gern, müsse jeder, der "wirklich pädophil ist, sofort aus dem pastoralen Dienst entfernt werden". So jemand dürfe "nicht einfach an einen anderen Ort versetzt werden".
Leere Worte, wie sich jetzt zeigt. Denn Norbert E. trieb sein Unwesen in Lehmanns Bistum - über Jahre hinweg und auch heute noch offenbar mit Wissen seiner engsten Mitarbeiter.
Die Macht des Pfarrers über seinen einstigen Ministranten war schließlich so groß, dass Ingo sogar ebenfalls umzog, als Norbert E. 1995 eine neue Stelle als Schulseelsorger in einer 80 Kilometer entfernten Gemeinde antrat. Zeitweilig quartierte der Priester ihn der Einfachheit halber gleich in seiner Pfarrwohnung ein.
Drei Jahre ging das so, dann vertraute sich Ingo einer Bekannten an, die erzählte es weiter. So machte bald das Gerücht die Runde, der Pfarrer bezahle Ingo für seine Liebesdienste. Im Sommer 1999 verlangten Eltern, die dem Pfarrer schon lange skeptisch gegenüberstanden, von der Bistumsspitze in Mainz dessen Ablösung.
Der Personalchef des Bistums, Domkapitular Dietmar Giebelmann, erhielt immer deutlichere Hinweise auf das sexuelle Treiben des Priesters - und tat so gut wie nichts. Er bestellte Norbert E. zu diskreten Gesprächen ins Bischöfliche Ordinariat. Der stritt ab, und alles blieb ohne Folgen.
Die Eltern griffen daraufhin in ihrer Not zur Selbsthilfe. Ein Vater, der um seinen 17-jährigen Sohn fürchtete, wachte nächtelang im Auto vor der Wohnung des Pfarrers. Als er Silvester 1999 seinen minderjährigen Sohn beim Pfarrer und Ingo wähnte, donnerte er gegen dessen Haustür und versuchte, in die Pfarrwohnung einzudringen. Die besorgten Eltern eines Jungen aus der Pfarrgemeinde fuhren schließlich auf eigene Faust nach Mainz zur Bistumszentrale. Sie trafen Giebelmann und legten dort ihr Wissen über den Pfarrer auf den Tisch.
Der Domkapitular gibt zu, auch im Besitz eines brisanten Tonbands zu sein. Es dokumentiert ein erregtes Gespräch zwischen Norbert E. und dem Jugendlichen Lars, der den Pfarrer zur Rede stellte. Eindeutig, sagt Lars, habe der Pfarrer dabei den sexuellen Missbrauch von Ingo eingestanden. Diese Auseinandersetzung wurde heimlich aufgenommen. Ein anderer Pfarrer der Gemeinde, der ebenfalls Details des Missbrauchs erfahren hatte, ließ das Tonband der Bistumsspitze zukommen.
Selbst Ingo war im Dezember 1999 bereit, über sein Verhältnis zu Norbert E. zu reden. Er bot Giebelmann in einem Brief an, persönlich zu den Vorwürfen auszusagen. Doch der Domkapitular mochte ihn nicht einmal anhören.
Stattdessen wurde Norbert E. zur Erholung ein paar Wochen ins Kloster geschickt - und im Herbst 2000 erneut versetzt: in ein kinderreiches Viertel, gleich neben eine Schule. Als Schulseelsorger erteilt E. 11- und 12-Jährigen den Religionsunterricht.
Doch damit nicht genug. Mit Erlaubnis der Bistumsspitze übernahm Norbert E. die Betreuung eines 14-Jährigen. So kann der Mann, vor dem noch kürzlich Eltern ihre Kinder in Sicherheit brachten, ganz legal mit einem Minderjährigen zusammenleben. Ganz legal und ganz allein.
Und schon wieder gibt es Bedenken. Kürzlich äußerten die Mutter des 14-Jährigen und eine Mitarbeiterin des Jugendamts den Verdacht, es könne wieder zu sexuellen Übergriffen des Pfarrers gekommen sein. Der Junge hatte das in einem Brief angedeutet. Norbert E. versicherte gegenüber Giebelmann erneut, der Vorwurf sexuellen Missbrauchs stimme nicht. Er habe zu dem kleinen Christian nur "ein intensives Betreuungsverhältnis".
Der Domkapitular lässt den Hirten immer noch weitermachen. Er verteidigt seine verhängnisvollen Entscheidungen auch heute noch.
Alle Stationen des Pfarrers Norbert E. gehören zum Sprengel des Oberhaupts der deutschen Katholiken. Jetzt muss sich Lehmann fragen lassen, warum dieser Fall, der die typischen amerikanischen Verhaltensmuster - Vertuschen, Verschweigen, Versetzen - aufweist, in seinem Bistum über Jahre hinweg und mit Duldung seines engen und wichtigen Mitarbeiters möglich war. Sogar diese Frage stellt sich: Hat auch Lehmann selbst um das Problem Norbert E. und die von seiner Kirche organisierte Verantwortungslosigkeit gewusst?
Das wird nun vom Justiziar des Bistums geprüft. Der Jurist räumt ein, dass die Entscheidung, einen 14-Jährigen in die Obhut von Pfarrer E. zu geben, "in den Augen einer kritischen Öffentlichkeit keinen guten Eindruck macht". Dass dies "kritisch betrachtet werden kann, steht außer Frage". Man habe keine relevanten Hinweise auf eine sexuelle Beziehung von Pfarrer E. und Ingo gehabt, gleichwohl das Verhältnis "als fragwürdig angesehen", doch bislang nichts Strafbares daran entdeckt.
Der Starrsinn, mit dem die katholische Kirche immer noch die Sexualität ihrer Priester tabuisiert, ist logische Konsequenz des Festhaltens an jahrhundertealten Moralvorstellungen. So verbietet sich für die Bischofskonferenz jeder Zweifel am Zölibat. Die verordnete Ehelosigkeit der Priester sei nicht ursächlich für sexuelle Übergriffe, verkünden die deutschen Hirten unentwegt ex cathedra.
Dem widersprechen immer häufiger ausländische Experten - nachdem sie sich mit den Missbrauchsfällen in ihren Ländern intensiv beschäftigt haben. Solange man am Zwangszölibat im Umfeld einer hierarchischen Kirchenstruktur festhalte, sagt der Zürcher Gerichtspsychiater Frank Urbaniok, bleibe die katholische Kirche "eine Risikozone für sexuelle Übergriffe".
Vor allem das spezielle Machtgefüge zwischen den Stellvertretern Gottes auf Erden und ihren Anbefohlenen hält Urbaniok für einen idealen Nährboden: "Wenn sich ein Mensch überlegen fühlt, liegt der Schritt zu einem Übergriff näher als in einer partnerschaftlichen Beziehung."
Solche Überlegungen zu ignorieren wird den Kirchenoberen mit jedem neuen Fall schwerer fallen. Denn anders als in der Kirche ist Sexualität in fast allen anderen Bereichen der Gesellschaft enttabuisiert worden - und damit wächst auch die Bereitschaft der Opfer, sich zu outen.
In vielen unabhängigen Beratungsstellen zwischen Kiel und München melden sich Hilfe Suchende, die von Priestern missbraucht wurden. Fälle, die bisher vor der Öffentlichkeit verborgen und bei denen die Täter strafrechtlich nicht belangt wurden.
So berichtet die Sozialpädagogin Ulrike Tümmler-Wanger von der Münchner "Kibs", einer Kontaktstelle für männliche Opfer sexueller Gewalt, von der Hilflosigkeit der Mutter eines missbrauchten Jungen. Ein jüngerer Pfarrer in einer nahen Kleinstadt vergreift sich offenbar an den 13- bis 14-Jährigen seines Firmkreises. Die Mutter zögert noch, den Priester anzuzeigen. Sie weiß nicht, ob die Eltern der anderen Opfer den Schritt mitgehen, und hat daher Angst, stigmatisiert zu werden.
Im Ordinariat Mainz kennt Ellen Ullrich vom nicht kirchenoffiziellen Arbeitskreis "Sexuelle Gewalt im kirchlichen Raum" genug Fälle, die zur Dunkelziffer zählen: "Die Leute rufen an, erzählen von ihrem Missbrauch. Sie möchten einfach mal so reden, aber keine Verfolgung des Täters, allenfalls vielleicht eine Therapie."
Einer Frau, die ihr vom Missbrauch als junges Mädchen durch einen Priester berichtete, habe sie geraten, "einfach mal alles aufzuschreiben". Die Frau nahm den Rat an und erklärte im Abschlussgespräch, wie gut und wichtig das für sie gewesen sei - aber nun sei "alles abgelegt". Der Täter bleibt damit für immer unbelangt.
Offensichtlich setzen die deutschen Bischöfe darauf, dass die Scham der Opfer länger anhält. Selbst als der Papst die Verfehlungen der amerikanischen Bischöfe öffentlich anprangerte, hielt der Ständige Rat der Bischofskonferenz eine schonungslose Aufklärung nicht für notwendig; ihm reichte die Beauftragung einer Kommission, die schon seit Jahren existiert.
Damit stehen die deutschen Oberhirten weltweit als besonders störrische Ignoranten da. Keine landesweite, ständig besetzte Telefonzentrale für Opfer kirchlichen Missbrauchs wie in den Niederlanden. Keine breit propagierten Anlaufstellen, keine Ombudsmänner oder -frauen wie in der Schweiz oder Österreich.
In Irland ernannten die Bischöfe vor wenigen Tagen eine Frau zur Leiterin einer nationalen Untersuchungskommission. "Wir wollen die Wahrheit herausfinden", betonte der irische Katholikenchef Sean Brady. Die katholische Bischofskonferenz Neuseelands ließ vor zwei Wochen eine offizielle Entschuldigung für den sexuellen Missbrauch durch Priester landesweit in den Kirchen verlesen. Selbst in Ländern wie Japan, Costa Rica und den Philippinen setzten die Bischöfe Kommissionen ein, um verbindliche Richtlinien zu erarbeiten.
Nicht einmal dazu mochte man sich in Deutschland durchringen. Jede Diözese kann weiterhin nach eigenem Gutdünken handeln. Das Sprengel-Denken hat nämlich einen unschätzbaren Vorteil: Es gibt keine zentrale Stelle, die einen Überblick über das Ausmaß des Missbrauchs in den Pfarrhäusern hat, niemanden, der exakt die Zahl der Opfer nennen kann. So stehen der Tatsache, dass bisher nur relativ wenige Priester verurteilt wurden, lediglich Schätzungen gegenüber.
Der Psychotherapeut Wunibald Müller, der Priestern Therapiehilfen anbietet, hat hochgerechnet, dass in Deutschland 200 bis 300 pädosexuell veranlagte Priester in den Gemeinden wirken. Andere, eher grobe Insider-Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu einem Drittel der Priester gleichgeschlechtlich veranlagt sei, ein weiteres Drittel heterosexuelle Verhältnisse habe und nur ein Drittel nach dem Keuschheitsgebot lebe.
Mitverantwortlich für die plötzliche Aufarbeitung im Ausland ist die Angst vor Regressansprüchen. Auch die katholische Kirche hier zu Lande käme in Not, wenn die Opfer wie in den USA Interessengemeinschaften bilden würden. Von 1972 bis heute wird die Zahl der von Kirchenmitarbeitern sexuell missbrauchten Opfer ohne Berücksichtigung der Dunkelziffer auf wenigstens 1000 geschätzt - und viele Ansprüche dürften noch nicht verjährt sein.
Bislang sind alle Proteste eher verzweifelte Versuche, über eine öffentliche Diskussion, über eine Konfrontation mit den Dienstherren der Pfarrer überhaupt als Opfer wahrgenommen zu werden.
Die Kinder, sagt Johannes Heibel, Vorsitzender der "Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen", erlebten "ihren Seelenmord" und würden darunter lange, mitunter ihr ganzes Leben lang leiden. Scham und das Schuldgefühl, letztlich mitgemacht und gesündigt zu haben, würden von Alpträumen und Ängsten abgelöst. Die Folgen der Übergriffe würden immer stärker spürbar, bis hin zur Verhaltensauffälligkeit, je älter der Missbrauchte werde. "Die Opfer leben mit einer Zeitbombe, die in gewissen Lebensabschnitten wieder hochgeht."
Die Kirche aber sorgt sich selbst dann weniger um die Opfer als um die Täter, wenn deren kriminelle Energie zweifelsfrei vor einem Gericht nachgewiesen wurde. So kann ein 62 Jahre alter Geistlicher, der sich nicht nur an Kindern vergriff, sondern auch noch mit anderen Kirchenmitarbeitern seiner Gemeinde einen florierenden Kinderporno-Ring aufzog, weiterhin finanziell wohl behütet in einer Einrichtung des Aachener Bistums arbeiten.
Gerechtfertigt wird das damit, dass der Priester "nur" wegen des Missbrauchs eines Kindes gerichtlich verurteilt worden sei. Doch die Mauer des Schweigens dient vor allem dem Ziel, die Mitschuld der Kirche nicht deutlich werden zu lassen.
Als die Ermittlungsbeamten 1993 das Pfarrhaus einer Krefelder Gemeinde durchsuchten, fanden sie 58 000 Kinderporno-Bilder und 300 Videokassetten. Den größten Teil der Hardcore-Produktion hatte Pfarrer Hans-Dieter I. über Jahre hinweg in Eigenarbeit erstellt. Er besaß dafür eine teure Foto- und Filmausrüstung. Viele seiner unfreiwilligen Hauptdarsteller, die nackt vor dem Priester mit ihren Genitalien spielen mussten, fand er während seiner regelmäßigen Besuche sozialer Projekte der Kirche in der Dritten Welt, etwa rund um den berühmten Müllberg von Manila.
Doch Hochwürden hatte das über Jahre gesammelte illegale Material nicht nur gehortet.
Mit Keksen hatte er 1990 einen Neunjährigen in seine Wohnung gelockt. Dort zeigte er ihm seine Videos, zwang den Widerstrebenden, genau hinzugucken und schickte ihn mit einem barschen "das bleibt aber unter uns" nach Hause. Beim nächsten Mal machte er Nacktfotos von ihm.
Über das dritte Treffen gibt es in der Urteilsbegründung eine Darstellung, die wegen ihrer juristischen Kühle frösteln lässt, aber auch das Elend der missbrauchten Kinder eindringlich deutlich macht:
"Dann musste sich der Junge ausziehen und auf ein Sofa legen. Der Pfarrer zog sich auch aus und legte sich mit erigiertem Penis über den Jungen, stützte sich ab und führte seinen Penis ein Stück in den After des Jungen ein. Als der Junge dann schrie: ,Das tut weh'', sagte der Pfarrer nur: ,Ist egal'', und machte bis zum Samenerguss weiter."
Anschließend bot der Geistliche dem Neunjährigen großzügig an: "Nun darfst du mich Hans-Dieter nennen." Zugleich verschärfte er seine Drohungen. Bei weiteren Treffen verlangte er gegenseitigen Oralverkehr und immer wieder Fotos.
Der Junge schwieg über die seltsamen Wünsche. Erst drei Jahre nach dem ersten Missbrauch erklärte er eines Tages - er baute gerade aus Legosteinen ein Flugzeug zusam men - seiner Mutter unter Tränen, es gebe da etwas, das "in mir wie eine Säure frisst". Lange habe er darüber nicht reden können, nun müsse es sein.
Die Mutter erstattete 1993 Anzeige, die Bistumsleitung, die dem Täter lange mehr Glauben schenkte als dem Opfer, schickte ihren Pfarrer ins Kloster. Er hatte behauptet, er wolle sich endlich von allem Bösen lösen. Als die Staatsanwaltschaft Hans-Dieter I. festnehmen ließ, fanden die Ermittler in der Klosterzelle schon wieder jede Menge Kinderpornos.
Die Bistumsleitung versicherte, davon ebenso wenig gewusst zu haben wie vom kriminellen Treiben ihres Pfarrers. Doch der ermittelnde Krefelder Staatsanwalt Hans-Erich Müllers zweifelt: "Da tauchte kein Pädophiler aus dem Nichts für die Kirche auf."
Wahrlich nicht.
Schon bald nach seiner Priesterweihe hatte Hans-Dieter I. seinen Hang zu kleinen Kindern festgestellt - und hatte die Kirche davon erfahren. Die in Aachen geführte Personalakte enthält den Vermerk, dass der Geistliche bereits 1972 einen Jungen belästigt hatte. Die Eltern verzichteten damals auf eine Anzeige, weil die Kirchenoberen ihnen versprachen, der Pfarrer werde künftig keinen Religionsunterricht mehr geben und bald versetzt.
1983 trat der damit einschlägig bekannte Hans-Dieter I. in Krefeld seinen Dienst an - in einer Gemeinde, die wenige Jahre vorher schon einmal einen Oberhirten gehabt hatte, der wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt worden war.
Eine seiner ersten Maßnahmen: Er ließ im Keller des Pfarrhauses eine Sauna einbauen. Fortan lud Hans-Dieter I. kleine türkische Jungen - die Pfarrei liegt in einem ausländer- und kinderreichen Viertel - zum regelmäßigen Saunagang ein.
Er habe, gab Hans-Dieter I. später zu, schon in den achtziger Jahren regelmäßig Sex mit 12- bis 15-Jährigen gehabt. Bald war Hochwürden auch Teil eines lokalen Pädophilen-Netzwerks, das auf Kinderfang ging. Darunter war ein Hausmeister ebenso wie ein Erzieher im Kirchendienst, ein Kirchenmusiker und ein bekennendes Mitglied der "Studiengemeinschaft Pädophile". Sie alle wurden, einige mehrfach, wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt.
Der Pfarrer erhielt 1994 vier Jahre Haft - und wurde nach seiner Entlassung mit einem nach außen seriös wirkenden Job im Bistum rührend versorgt. Weil er zuletzt erneut mit Kinderpornografie ertappt wurde, kassierte er bereits wieder einen Strafbefehl. Das Bischöfliche Generalvikariat räumt ein, dass der Täter "bis heute keine Einsicht und Reue zeigt".
Zusammen mit Mitgliedern der "Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen" demonstrierten im Herbst vergangenen Jahres der von Hans-Dieter I. als Neunjähriger missbrauchte Junge und seine Mutter vor dem Aachener Dom. Sie hatte inzwischen erfahren, dass die Kirche Hans-Dieter I. versetzt hatte, obwohl sie von seiner Veranlagung wusste. Vor dem Dom klagte sie die Kirche an, die "den Tätern eine zweite und dritte Chance einräumt - zum Missbrauch, nicht zum Aufhören".
Da öffnete sich eine Tür, und der ehemalige Generalvikar Karlheinz Collas, der damals für den Pfarrer Hans-Dieter I. verantwortlich war, wollte nachsehen, wer die Ruhe vor dem Dom stört. Dann bat er die Mutter, sie möge doch bedenken, es gehe hier zwar "um einen Menschen, der schwer gesündigt" habe - aber die Kirche müsse "auch den Verlorenen helfen".
Solche Sätze empfinden auch andere Mütter, etwa die Krefelder Lehrerin J., als blanken Hohn. Ihr Sohn Michael, heute 25, ist eines der vielen Opfer von Hans-Dieter I., die in keiner Ermittlungsakte auftauchen, von denen aber die Bistumsleitung weiß - und für die sie nicht einmal annähernd so viel Verständnis aufbrachte wie für den Täter.
Michael wurde als achtjähriges Kommunionskind vom Pfarrer missbraucht. Als er mit 16 Jahren zögerlich begann, über seine Leidenszeit zu sprechen, hatte er schon eine eigene Abwehrhaltung entwickelt: Er lief von zu Hause weg, verweigerte sich in der Schule, fügte sich Verletzungen zu.
Heute ist der begabte Junge ohne Beruf, ohne abgeschlossene Ausbildung, ein Sozialhilfeempfänger. Und seine Mutter, eine Lehrerin, sagt: "Er lebt ohne Ziele, ohne Wünsche und ohne Hoffnungen. Dieser Mann hat sein Leben zerstört."
Die Familie hat alles versucht: Therapien ohne Ende, sogar einige Monate Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik. Dort wurde eine für viele Missbrauchte typische Diagnose gestellt: kombinierte Persönlichkeitsstörung, Borderline-Syndrom.
Seinem Wunsch, als Erzieher zu arbeiten, verweigerten die Ärzte ihre Zustimmung. Sie erklärten ihm, dass er als Opfer dann möglicherweise zum Täter werden könnte. Und Michael sagt: "Ich habe immer schon gedacht, dass die Kinder, die nach dem Missbrauch umgebracht werden, besser dran sind als ich."
Das Bistum hat ein paar der Therapiestunden bezahlt. Lächerlich sei das, sagt die Mutter, "aber irgendwann verlässt dich die Kraft, wenn du ganz allein gegen die Kirche stehst".
Nur durch diese schier unfassbare Ignoranz der Leiden der in Kirchenobhut zerstörten Menschen lässt sich die Doktrin der Leibfeindlichkeit noch durchhalten - jede Diskussion, scheinen die Kirchenoberen zu fürchten, werde die katholische Welt in den Grundfesten erschüttern. Es dominiert offenbar das Interesse, die negativen Erfahrungen mit dem 1139 zur Kirchenrechtsnorm erhobenen Zölibat auszusitzen - wie schon über acht Jahrhunderte.
Gerade mal 80 Jahre nach der Einführung beschrieb der Zisterzienser-Mönch Caesarius von Heisterbach die Folgen des Zölibats so: "Kein weibliches Wesen ist vor der Geilheit der Kleriker sicher. Jeder Ort und jede Zeit ist zur Unzucht recht." Dem versuchte die katholische Kirche fortan mit immer neuen Vorschriften zu begegnen. Im Lehrbuch "Priesterliche Umgangsformen" mussten ganze Generationen zukünftiger Geistlicher detailliert bimsen, wie sie sich zu verhalten haben, wenn ihnen auf der Straße eine Frau begegnet. Und das liturgische Handbuch regelte, dass bei spontanem "nächtlichem Samenerguss" der Priester am folgenden Tag keine Messe lesen dürfe.
Der belgische Religionspsychologe Antoon Vergote stellte die These auf, dass junge Priester zunächst kaum unter dem Fehlen jeglicher sexueller Erfahrungen zu leiden hätten. Häufig aber gebe es dann im Alter zwischen 30 und 40 Jahren heftige Ausbrüche der unterdrückten Triebkräfte.
Die beinahe vorbehaltlose Rückendeckung durch die Vorgesetzten erklärt sich damit, dass viele von ihnen auch mit diesen Prägungen und Zweifeln leben mussten und müssen. So wurde der fränkische Geistliche Wolfdieter W. in einer Weise geschützt, die schon dem Tatbestand der Strafvereitelung nahe kommt.
Obwohl W. 1987 zu einer Geldbuße verurteilt wurde, verklagte die Kirche damals den Vater eines Opfers wegen Verleumdung. Als W. in seiner neuen Pfarrei wieder auffällig wurde, versetzte ihn die Bistumsleitung 1992 in die Nähe von Coburg. Neue Beschwerden konterte der Generalvikar mit dem Hinweis, die Erzdiözese Bamberg sei sich der Verantwortung bewusst, als sie W. "eine neue Möglichkeit gab, sich als Pfarrer in einer Pfarrei zu bewähren". 1997 wurden von aufgebrachten Eltern "hieb- und stichfeste" Beweise durch das Bistum verlangt.
Erst als ein Vater 1999 den Missbrauch seines Sohnes im Weihnachtsgottesdienst öffentlich machte, wurde der Pfarrer nach Ostern beurlaubt, schließlich vom Landgericht Coburg zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt (SPIEGEL 18/2002). Gegen eine beabsichtigte erneute Versetzung sammelten die Eltern 800 Unterschriften - W. ging daraufhin im April dieses Jahres mit vollen Bezügen in den Ruhestand.
Eine Mutter, deren Sohn als Neunjähriger von W. missbraucht wurde, denkt angesichts des fast 16 Jahre andauernden Beistands für den Kinderschänder sogar über Schadensersatzforderungen nach (siehe Seite 62). So beginnt es in der katholischen Kirche, nach Selbstdefinition immer noch der Hort des Guten, überall zu rumoren. "Schweigt nicht länger", rät Heibel den bei seiner Initiative Rat Suchenden - und Opfer wie Ingo K. oder die Mutter des missbrauchten Michael aus Krefeld fühlen sich durch die Reaktion in den USA bestärkt.
Sogar der keineswegs revolutionärer Umtriebe verdächtige "Bund der Deutschen Katholischen Jugend" (BDKJ) will sich nicht wieder, wie schon 1993 und 1995, mit allgemeinen Floskeln abspeisen lassen. Nachdem eigene Recherchen eine Vielzahl sexueller Übergriffe durch Kirchenmitarbeiter zu Tage förderten, wurde der BDKJ Ende April erneut bei der Bischofskonferenz vorstellig. Man habe, sagt die Bundesvorsitzende Gaby Hagmans, "den Bischöfen erklärt: Da gibt es ein Problem, das ist nicht zu leugnen. Das Tabu, darüber zu reden, muss aufgebrochen werden".
Der BDKJ verlangt "eine vernünftige Opferberatung, überhaupt ein offensiveres Angebot für die Opfer, damit sie nicht länger schweigen", sowie "eine Änderung der Strukturen der Priesterausbildung".
Diese Forderung wird auch von anderen Missbrauchs-Experten wie Wunibald Müller immer offensiver vertreten. Solange es die "Tarnkappe Zölibat" gebe, müsse den Problemen in den Priesterseminaren und schon bei der Auswahl der Kandidaten entgegengewirkt werden.
Doch angesichts des Nachwuchsmangels nimmt die Kirche beinahe jeden, der sich entschließt, Priester werden zu wollen. Dass darunter immer mehr junge Männer sind, die den Priesterberuf auch deshalb reizvoll finden, weil sich dort ihre sexuellen Probleme scheinbar am besten kaschieren lassen - sie dürfen keine Partner haben, sie dürfen keine Ehe eingehen -, das wollen in der Amtskirche nur wenige wahrhaben. Und so beginnt ein ganz besonderer Teufelskreis.
Da immer weniger Priester geweiht werden, im vergangenen Jahr nur noch 155, wurde die Masse der 20 000 Priester und Diakone in der erzkonservativen sexualfeindlichen Kirchenwelt der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre ausgebildet. Das gilt insbesondere für viele Entscheidungsträger in den Diözesen, die dann die jungen Priester mit ihren Problemen allein lassen.
Daher sind die sexuellen Störungen der Priester für Udo Rauchfleisch von der Klinischen Psychologie der Universität Basel eine "Folge der Strukturen der katholischen Kirche, die den Menschen mit ihrer Verdrängung und Dämonisierung Gewalt antut".
Die notwendigen radikalen Veränderungen in den Priesterseminaren sind unter progressiven Experten wie Rauchfleisch und Müller unumstritten: Überprüfung der emotionalen Reife, offene Kommunikation über Sexualität und die Hilfe eines Sexualtherapeuten, der die angehenden Priester mit den Gefahren psychischer Fehlentwicklungen vertraut macht.
Noch aber braucht die Basis viel Energie, sich falscher Hirten wie Norbert E. zu entledigen: Im Mai wurde sein eigener Pfarrgemeinderat ("Warum der zu uns versetzt wurde, hat uns keiner gesagt") bei Domkapitular Giebelmann vorstellig: Der Pfarrer kümmere sich nur noch um die Jugendlichen, vernachlässige die Gemeindearbeit.
Auch da schwieg Giebelmann weiter.
PETER WENSIERSKI
Rapport in Rom
14 amerikanische Oberhirten mussten dem Papst über den Missbrauchsskandal in den USA Rechenschaft ablegen.
Vom Dienst suspendiert wurden bereits über 200 der 48 000 katholischen US-Geistlichen, 3 Bischöfe traten zurück.
Über tausend Zivilklagen sind inzwischen bei Gerichten anhängig, der bereits gezahlte Schadensersatz wird auf eine Milliarde Dollar geschätzt.
Die "Null-Toleranz-Politik" der US-Bischofskonferenz kann künftig für Sextäter die sofortige Amtsenthebung bedeuten.
* Vor dem Bamberger Dom mit Initiativenleiter Johannes Heibel am 20. März 1999.
Von Wensierski, Peter

DER SPIEGEL 29/2002
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