15.07.2002

ÖSTERREICHRote Fini auf der Via Dolorosa

Sie steht immer noch im Verdacht, mehrere hundert Millionen Mark DDR-Vermögen beiseite geschafft zu haben. Jetzt tritt Rudolfine Steindling in Israel als Wohltäterin auf und pflegt beste Kontakte.
Wer in Jerusalems Altstadt dem Leidensweg Christi zu Fuß bis in die Grabeskirche folgt, der passiert 14 Kreuzwegstationen. Knapp ein halbes Jahrtausend sind einige alt. Und erstrahlen doch in neuem Glanz.
Gönner waren beim Aufputz der Via Dolorosa hilfreich. Diskret unerwähnt bleibt dabei, mitten im Herzen der Heiligen Stadt, ein Beispiel ideologieübergreifenden Sakral-Sponsorings - hinter den verschönerten christlichen Pilgerstätten steckt auch Geld der Wiener Kommunisten-Circe "Rote Fini".
Die spendable Kommerzialrätin Rudolfine Steindling, 68, war einst heimliche Chefin des mit der DDR-Spitze eng verdrahteten austro-kommunistischen Wirtschaftsapparats. Bis vor sechs Jahren wurde sie mit Haftbefehl gesucht, nach Aktenzeichen 24 Js 1019/92, vom Amtsgericht Berlin-Tiergarten. Interpol hatte sie steckbrieflich zur Fahndung ausgeschrieben.
Im Haftbefehl hieß es, sie stehe im Verdacht, als Treuhänderin über die von ihr allein geleitete Ost-Berliner Handelsgesellschaft Novum "mindestens 450 Millionen Mark" aus altem SED-Vermögen ins Ausland transferiert und damit der Bundesrepublik entzogen zu haben. Die Erwartung, dieses Geld stünde der Bundeskasse zu, wurde erstinstanzlich 1996 vom Berliner Verwaltungsgericht enttäuscht. Jetzt, im elften Jahr des Rechtsstreits, schleppt sich die Berufungsverhandlung vor dem Oberverwaltungsgericht dem Ziel entgegen.
Die Rote Fini, einst gern gesehener Gast in den karg möblierten Residenzen der SED-Wirtschaftsgrößen Günter Mittag, Gerhard Beil und Alexander Schalck-Golodkowski, ist unterdessen zu einem Faktotum der israelischen High Society aufgestiegen. Im Chanel-Kostüm, mit Klunkern an Hals und Armen, steht sie für ein Stück resches Wien. Frau Kommerzialrätin verbringt knapp die Hälfte des Jahres in einer Hotelsuite an der Strandpromenade von Tel Aviv und widmet sich wohltätigen Zwecken. Sie reiht sich ein in eine ansehnliche Phalanx von Österreichern, die
dem untergegangenen jüdischen Wien die Treue halten, indem sie Israel Gutes tun.
Eine Sicherheitsleistung in Höhe von etwa der Hälfte jener viertel Milliarde Euro, die die deutsche Treuhand-Nachfolgerin BvS für den Bund reklamiert, ist in Sachen Steindling derzeit eingefroren. Der größere Teil des eigentlichen Novum-Vermögens aber gilt, 1992 von Fini in weiser Voraussicht dutzendfach tranchiert und in alle Welt verschickt, als verschwunden.
Deutsche Ministeriale beobachten mit wachsender Ohnmacht, wie Fini "sich vermögenslos zu machen versucht und auch ihr Haus in Wien schon übertragen hat". Sie ahnen nicht, dass Steindling gleichzeitig in Israel als Caritas-Schwester im Designergewand auftritt - zu Gunsten von Krankenhäusern, Kreuzwegstationen und Konzerten.
"Die Fini ist für Israel so etwas wie ein wandelnder Bankautomat", verlautet aus diplomatischen Kreisen in Tel Aviv: "Es gibt von ihr zu jeder Zeit Geld, außer das Tageslimit ist einmal erschöpft." Natürlich seien "Gerüchte über sie und die Herkunft ihres Vermögens" auch bis nach Israel gedrungen, räumen dort lebende Landsleute ein, aber: "Schauen Sie bitte mal, wer alles zu ihren Gartenfesten kommt."
Fini Steindling darf den Bürgermeister von Tel Aviv umarmen und den Ex-Premier Ehud Barak wie den Jerusalemer Alt-Bürgermeister Teddy Kollek oder die Rabin-Tochter und Vizeverteidigungsministerin Dalia Rabin-Pelossof zu ihren Freunden zählen.
An prominenter Entourage hat es der ehemaligen Grande Dame des Handels zwischen Österreich und der DDR nie gefehlt. Genosse Erich Honecker sprang ihr noch aus dem Exil in Chile mit einer eidesstattlichen Versicherung bei. Österreichs Premier Franz Vranitzky lud sie zum Kanzlerfest. Und Ehud Barak kam vergangenes Jahr eigens nach Wien, um eine Laudatio auf sie zu halten - Steindling wurde der Mount-Scopus-Preis der Hebräischen Universität in Jerusalem überreicht, in Anwesenheit von Paul Spiegel, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland.
"Ihr verleiht der einen Preis nach dem anderen, und wir kriegen von ihr noch Geld", hat ein Alt-Minister aus dem Kabinett Kohl israelischen Gesprächspartnern unlängst sein Unverständnis geklagt. Doch die sind auf diesem Ohr taub - gegen Steindling liegt bis heute kein rechtskräftiges Urteil vor.
Zum diplomatischen Schmuddelkind ist in Israel hingegen Fini Steindlings Heimat herabgestuft, die Republik Österreich, und zwar seit dem Amtsantritt der von Jörg Haider mitgeschmiedeten ÖVP-FPÖ-Regierung. Israels Botschafter in Wien ist abgezogen. Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer wurde im vergangenen Jahr in Tel Aviv von einem einfachen Knesset-Abgeordneten am Flughafen begrüßt. Kein Mitglied der Wiener Regierung ist in den ersten zwei Jahren nach Amtsantritt offiziell empfangen worden.
Bis vor wenigen Wochen Franz Morak kam. Der Staatssekretär für Kultur und Medien, Ex-Burgschauspieler und ein alter Bekannter von Fini, hatte beim ersten protokollarisch verankerten Besuch auf Regierungsebene eine Sigmund-Freud-Ausstellung für Tel Aviv im Gepäck und ein Paket von fünf Gastspielen der Wiener Staatsoper für Februar 2003 - beides mitfinanziert von der Kommerzialrätin.
"Franzi", ruft Fini Steindling, als sie in Tel Aviv dem Staatssekretär zur Seite eilt, und sorgt dann dafür, dass trotz kühlen Empfangs für den Gast aus dem Haider-Land hinter den Kulissen das Eis schmilzt. Sicher, Morak vertritt eine Koalition, die durch Jörg Haiders Schatten in Israel unter anhaltendem Faschismus-Verdacht steht. Sie hingegen, Fini, Witwe des jüdischen Resistance-Kämpfers und Holocaust-Überlebenden Adolf Steindling, war kommunistische Parteigängerin in Österreich und ist hoch dekorierte Freundin Israels. Aber: Muss das allein schon ein Widerspruch sein?
Nicht für Fini.
Beeindruckt registrieren Delegationsteilnehmer, dass in ihrem Hotel trotz offizieller Ächtung Österreichs neben dem Banner mit dem Davidstern auch die rotweiß-rote Flagge zu sehen ist - und dass die Kommerzialrätin auf fremdem Terrain und auf dem Höhepunkt der zweiten Intifada auftritt wie die Oberbefehlshaberin am Ort. Ihr Name dient als Passierschein bei Sicherheitskontrollen.
Am Rabin-Denkmal in Tel Aviv räumt Fini mit einem resoluten Kick ihres Damenschuhs das dürftige Gesteck von Guido Westerwelle ab, das der hier kurz zuvor niedergelegt hatte, und brummt entschieden: "Des brauch'' ma da net." Von Vertretern eines Staats, der sie einsperren lassen wollte, duldet sie keine Spuren in ihrer näheren Umgebung.
Als am Abend im Diaspora-Museum zu Tel Aviv die Sigmund-Freud-Ausstellung eröffnet wird, sitzt die Rote Fini bescheiden im Publikum. Auf der Sponsoren-Tafel aber prangt ihr Name sichtbar zwischen dem des österreichischen Bundesministeriums für Wissenschaft und Kultur und jenem der HypoVereinsbank-Tochter Bank Austria - der Finis alter Spezi Gerhard Randa vorsteht.
Randa hat sich, als der Haftbefehl gegen die Kommerzialrätin längst ausgesprochen war, noch ungerührt in Finis Begleitung bei Schimon Peres gezeigt. Bis heute ist die von "Profil" als "Waschtrog für das kommunistische Firmenvermögen" titulierte Bank Austria in Gestalt ihrer Schweizer Tochter vor einem Zürcher Gericht angeklagt wegen des Verdachts der Geldwäsche und der Beihilfe zur Veruntreuung.
Aus ihrer Hotelsuite beobachtet die Kommerzialrätin, deren Firmenkonten vor zehn Jahren nach den Worten eines Treuhandanwalts "wie Getreidespeicher sturzartig vollständig geleert" wurden, den Fortgang der Dinge. Sie nimmt zur Kenntnis, mit welch erzwungener Langmut das Oberverwaltungsgericht Berlin einer endgültigen Wahrheitsfindung näher zu kommen versucht.
Sieben Monate allein hat es zuletzt gedauert, bis die österreichischen Behörden einem deutschen Rechtshilfeersuchen entsprochen haben. Am 25. Juli soll es endlich so weit sein: Der Zeuge Heinz Wildenhain, bis zur Wende Finanzchef der SED, wird aussagen müss en - und zwar in Hallein, Salzburger Land, dem Ort, den er zu seiner Wahlheimat gemacht hat.
Wildenhain, der aus gesundheitlichen Gründen eine Vernehmung in Berlin abgelehnt hat, von Nachbarn aber als durchaus rüstiger Rentner mit Drang ins Freie wahrgenommen wird, ist einer der letzten Lebenden, der wissen müsste, ob die Anteile an der 1951 gegründeten Novum von Steindling treuhänderisch für die SED oder für die KPÖ gehalten wurden. Im letzteren Fall fiele, ein entsprechendes Urteil vorausgesetzt, die viertel Milliarde Euro der 5000-Mitglieder-Partei KPÖ zu.
Was wird Wildenhain sagen? Wird er bezeugen, dass Steindling Treuhanderklärungen unterschrieben hat, in denen sie einräumt, "auf Weisung der Zentrag", einer SED-Firma also, tätig gewesen zu sein?
Schon einmal soll der alte SED-Mann sich zu Ungunsten Steindlings geäußert haben. Danach sei er von ihren Anwälten "bearbeitet" und - in der Folge - von Erinnerungsschwäche heimgesucht worden.
Fini Steindlings Lebensmaxime jedenfalls - "Ich mach nix, wo kein Geld rausspringt" - wird, unbeschadet des Prozess-Ausgangs, überdauern. Geht das Urteil gegen sie aus, wird sie - vermutlich erfolglos - nach den verschollenen Geldern zu fahnden beginnen. Oder vor das Bundesverwaltungsgericht ziehen.
Eile hat sie keine. Einen, der sie unlängst gefragt hat, wie sie das alles überhaupt aushalte, hat sie auf gut Altösterreichisch ins Ungefähre entlassen: "Meine Anwälte müssen leben; aber die Anwälte von der anderen Seite müssen auch leben." WALTER MAYR
* Mit dem Leiter des Holocaust-Zentrums Awner Schalew am 25. Mai. * Vor dem Rabin-Denkmal in Tel Aviv am 28. Mai.
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 29/2002
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