22.07.2002

WEITERBILDUNG„Positiv denken macht krank“

Viele Stars des milliardenschweren Motivationsgeschäfts sind pleite, angeschlagen oder abgetaucht. Zudem seien viele Seminare nicht nur albern, sondern gefährlich, warnen Experten.
Steig ab vom Pferd, wenn es tot ist", pflegte Deutschlands berühmtester Motivationstrainer Jürgen Höller in seinen Seminaren zu predigen. Keiner konnte wie er durch große Hallen stürmen und "Alles ist möglich, du musst es nur wollen" verkünden. Nun liegt der Gaul/die Branche leichenstarr da, und der Reiter muss umsatteln. Guru Höller hat ein Problem. Die Schar seiner Gläubiger ist inzwischen größer als die der Gläubigen.
Seine Botschaften will kaum einer mehr hören. Immer mehr Firmen verzichten auf die teuren Motivationsseminare, für die Höller nach Eigenangabe bis zu 22 000 Euro pro Tag kassiert haben will. Gegen den Feuerläufer und Machbarkeitsfanatiker läuft derzeit ein Ermittlungsverfahren.
Seine Firma Inline AG ist seit Ende vergangenen Jahres zahlungsunfähig. Zeitgleich begann die Justiz wegen des Verdachts der verschleppten Insolvenz, der Untreue und des Betrugs zu ermitteln. Die Würzburger Staatsanwaltschaft ließ in einer ersten Aktion über 100 Ordner beschlagnahmen. Anfang Juli kamen die Fahnder nochmals bei Höller vorbei und packten weitere Akten ein.
Das Ende kam in Raten. Vor der Insolvenz war schon ein geplanter Börsengang gescheitert. Statt der zunächst erwarteten 250 Millionen Euro Firmenwert taxierten die Emissionsbanken das Unternehmen auf weniger als 50 Millionen. Zu klein, hieß es. Zu gestern.
Die Zentrale in Schweinfurt, geplant für 400 Mitarbeiter, wurde als Bauvorhaben gestoppt. Ende 2001 entließ Höller 80 Mitarbeiter. Seine Ehefrau und sein Schwager versuchen nun, Höllers Kernkompetenzen zu reaktivieren, was heißt: Er will wieder auf die große Bühne.
Das wird schwierig, hat der Franke doch stets seine Fangemeinde mit Sprüchen wie "Zeige Schwäche und Zweifel, und du wirst nie erfolgreich sein" herangezüchtet und sie mit vorgetäuschter Kompetenz wie dem "Käsekuchen-statt-Energie-Prinzip" oder dem "Scheibenwischer-Prinzip" bedient. Wem das noch nicht reichte, dem erklärte er auch noch das "Lindenstraßen-Syndrom".
Das Geheimnis seines Erfolgs war weniger der Inhalt seiner Vorträge als die Chuzpe, mit der er das Nichts glamourös dekorierte. Mit der er für jede Sekunde Stumpfsinn einen Euro verdiente.
Sein roter Ferrari, PS-Symbol für Erfolg und Männlichkeit, wurde schon im Herbst vergangenen Jahres für 75 100 Euro verkauft. Insolvenzverwalter ist Michael Jaffé, der zurzeit auch an der Pleite Leo Kirchs verdient. Höller ist da ein vergleichsweise kleiner Fisch: 271 Investoren, 180 offene Rechnungen. Insgesamt 6,2 Millionen Euro Schulden.
Sein Absturz ist kein Zufall, sondern ein Symptom. Derzeit herrscht in der Weiterbildungsbranche Fronleichnams-Tristesse. Trainer-Stars wie Emile Ratelband, Bodo Schäfer, Ulrich Strunz oder Erich Lejeune - das Credo dieser Prototypen der vergangenen Jahre für Erfolg und "Du kannst es, wenn du nur willst" hat ausgedient.
Höller ist pleite, die Fernsehsendung mit Ratelbands Sofort- und Fernheilungsallüren wurde abgesetzt, Schäfers frühere Firma Finanz Coaching musste ebenfalls Insolvenz beantragen. Und der Unternehmer Lejeune, heute nebenbei Moderator beim Münchner Lokalsender TV München, wird unter Journalisten verhöhnt, weil er zu seiner Sendung "Börsenquartett" gelegentlich und der Einfachheit halber Kollegen einlädt.
Die Theorie all der schillernden Propheten der vergangenen Jahre hat sich selbst entzaubert. Das wird einen besonders freuen. Der Psychotherapeut Günter Scheich aus dem westfälischen Oelde führt seit Jahren einen Kampf gegen die selbst ernannten Heilsbringer des Glücks.
"Positiv denken macht auf Dauer krank", sagt Scheich, der eine Lanze für die gelegentlich schlechte Laune brechen will. "Negiert man nämlich all die negativen Gedanken, die in einem sind, löst das Identifikationskrisen aus, und das Realitätsempfinden geht kaputt. Folge: Die Frustrationstoleranz sinkt, man wird depressiv, weil zwangsläufig nicht alle Erwartungen erfüllt werden können."
Später komme mitunter "noch Zwanghaftigkeit oder Schizophrenie dazu". Die Zahl von Scheichs Patienten, die in den vergangenen Jahren auf Grund übertrieben positiver Denkdogmen zu ihm kamen, sei sprunghaft gestiegen. "Der Druck, dazu gehören zu wollen zu der Gruppe der immer Erfolgreichen und immer Gutgelaunten, wächst ständig."
Trainer, die unter großem Medieninteresse verbreiten würden, nur gut gelaunte Menschen hätten Erfolg, seien gerade wegen der großen Reichweite ihrer Thesen gefährlich, so Scheich: "Höller arbeitete mit totalitären Methoden, und das Schlimme ist: Er ist ja nicht der Einzige, sondern nur ein kleiner Teil einer gewaltigen Infantilitätsüberflutung, die in den letzten Jahren über uns hereingebrochen ist." Höller will ihn für den Vorwurf übrigens verklagen.
Scheich ist mit seinem Wettern gegen den Trend der Weltverbesserer in Leichtbauweise nichts anderes als ein neuer Trendsetter, diesmal als Vertreter der Antialles-wird-gut-Bewegung. Und das, obwohl sich ein ganzer Wirtschaftszweig jahrelang gut mit den Biografien seiner Promi-Protagonisten über seichtem Wasser hielt.
Mehrere Milliarden Euro geben die Deutschen pro Jahr für "mentale Fitness" aus, dazu gehören neben den klassischen Seminaren auch Bücher, Kassetten, Videos, Wochenendkurse, Einzelcoachings und Vorträge. Laut Stiftung Warentest stecken bundesdeutsche Unternehmen insgesamt rund 40 Milliarden Euro in die Weiterbildung.
Zwar wächst der Motivationsmarkt kontinuierlich weiter. Nach einer neuesten Umfrage der "Manager Seminare" geben 56 Prozent der Bildungsanbieter an, dass sie im vergangenen Jahr mehr Aufträge als im Jahr 2000 hatten. Doch mittlerweile wirkt manches Motivationsmotto so abgestanden wie die meisten Seminaraufheiterungswitze der Sorte: "Der Pessimist sagt: 'Alle Frauen sind verdorben', der Optimist: 'Na hoffentlich'."
Noch vor ein paar Jahren schätzte man die Zahl der Trainer auf über 1000. Doch längst dü rfte sie dramatisch gesunken sein. Wer glaubt einem Unternehmensberater, der im Verdacht der Untreue steht? Und wer vertraut den Erfolgssprüchen eines Pleitiers?
Vor allem hat sich auch der Seminarbedarf geändert. Statt mit "Strategien für ihren persönlichen Erfolg" werden Teilnehmer neuerdings in konstruktiver Lethargie geschult. Sie lernen, was sie nicht lernen müssen. Das bestätigt auch Axel Gloger, Chefredakteur des Informationsdienstes "Trendletter": "Konventionelles Präsenztraining ist nicht mehr der alleinige Angebotskanal. Viele Unternehmen experimentieren zurzeit mit alternativen Unterrichtsmethoden." Dazu kommt: "Immer mehr Mitarbeiter wollen am Arbeitsplatz lernen, genau dann, wenn der Wissensbedarf auftritt."
Reiner Wolf von der Unternehmenskommunikation der Allianz sieht diesen Trend inzwischen auch in Deutschland angekommen, wo es hin "zu maßgeschneiderten Angeboten für einzelne Abteilungen und Fachbereiche" gehe. Der Versicherungskonzern verbot dem Marktmissionar Höller vor einiger Zeit gar, auf seiner Homepage die Allianz noch als Referenz anzugeben.
Sustainability, zu Deutsch: Nachhaltigkeit, ist der neueste Schrei, auf den Firmen bei der Auswahl der Weiterbildung hören. Oberste Order: Nicht für einen Tag gedopt, sondern für zehn Jahre gebildet.
Weil der Du-kannst-alles-Anspruch der Motivationsseminare und die Ätsch!-Doch-nicht-Realität der momentanen Wirtschaftslage weit auseinander klaffen, fangen Firmen an, genau darauf Rücksicht zu nehmen. Fehler, Versagen, Schuld sind auf einmal keine gotteslästerlichen Wörter mehr. Lufthansa etwa bietet interne Workshops zu den Themen "Fehlerkultur und Fehlermanagement" an.
Aber auch die Motivationsprofis sehen einen zunehmenden Bedarf an "Positiv denken? Nein, danke!"-Nachfragen. Joachim Selter, Leiter der Trainergemeinschaft Berlin und selbst seit Jahrzehnten im Geschäft: "Konfliktmanagement-Kurse boomen. Vor fünf Jahren war das noch kein Thema, heute gibt es ein Bedürfnis für Führungskräfte, sich mit diesen Schlüsselqualifikationen weiterzubilden."
Ähnliches bestätigt auch die Trainerin Vera F. Birkenbihl, seit Jahren die einzige Frau, die in puncto Prominenz mit Höller, Ratelband und Schäfer mithalten kann. Nicht so schnittig, nicht so ölig wie die Herren, rauscht sie durch die Lande und hat sich in der Szene eine Nische gesucht: Medizinisch angehaucht, historisch unterfüttert, und wer jetzt noch Fragen hat, wird mit Fußnoten abgeschossen.
Zwischen Bullrich-Salz und Heimorgel bereitet sie sich im eigenen Wohnmobil auf ihre Vorträge vor, die der Einfachheit halber mit Video gefilmt und anschließend als eigenständiges Produkt verkauft werden. Wie man Synergien schafft, weiß die kompakte Expertin nicht nur aus der Theorie. Über 65 Bücher hat Birkenbihl im Lauf der Jahre geschrieben. Für mehr als zwei Dutzend weitere verkaufte sie ihren Namen. "Mit einer Empfehlung von Vera F. Birkenbihl" steht dann auf den Umschlägen.
Themen der Sorte "Wie steuere ich mein Unterbewusstsein?" und "Das Relativitäts-Prinzip der Psyche" vermitteln ihren Kunden einerseits Beschäftigung mit dem verschütteten Ich, andererseits Grundlagen zur Nutzung der eigenen Lernressourcen.
Der passende Lernhinweis zu so viel verbalem Sprühnebel: Lernen Sie passiv! Lassen Sie über einen Kopfhörer mit minimaler Lautstärke die Fremdsprache auf sich einrieseln - Ihr Unterbewusstsein nimmt mehr auf, als Sie ahnen. Nachts werden diese Informationen im Hirn gefestigt - und am nächsten Morgen sitzt es dann. Hauptsache: Sie hören nicht hin, was der Kopfhörer sagt.
Mit diesen wissenschaftlich überpuderten Lernhinweisen glaubt sich Birkenbihl unabhängig vom Zeitgeist, obgleich auch sie Positiv-denken-Klischees verhaftet ist: Lächeln Sie auf der Toilette 60 Sekunden, wenn Sie sich über jemanden ärgern, steht auf ihrer Homepage. Ein Ratschlag, der bei richtigem Zorn so gehaltvoll ist wie das hellbraune Tee-Kaffee-Gemisch, das auf keinem ihrer Seminartische fehlen darf.
Immerhin: Das Birkenbihlsche Rhetorikimperium wird mittlerweile auf viele Millionen Euro geschätzt.
Weil er die Zeichen der Zeit schon früher instinktiv zu nutzen wusste, könnte auch Pleitier Höller wieder zum Trendsetter der Bildungsbranche werden. Neuerdings verkündet er auf Seminaren: "Misserfolge gehören zum Leben dazu."
KATRIN WILKENS
Von Katrin Wilkens

DER SPIEGEL 30/2002
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