29.07.2002

UNION„Ich will Beute machen“

Mit dem jovialen Gemütsmenschen Peter Harry Carstensen plant Kanzlerkandidat Stoiber in der Agrarpolitik eine Rolle rückwärts. Der Nordfriese gilt als Kandidat der Bauernlobby.
Am besten gefällt Peter Harry Carstensen, 55, die Politik, wenn er so richtig zupacken kann. "Moin, Herr Ministerpräsident", ruft er Edmund Stoiber entgegen, drückt mit beiden Pranken dessen Hand und strebt nach der Begrüßung gleich dem Stall entgegen. Hier muss der schwarzbunte Bulle "Kalli" ran. Carstensen lockt das Rindvieh mit Heu in Fotopose, plaudert gleichzeitig locker mit Stoiber über Fütterungssysteme, will vom Bauern wissen: "Wi oolt is he denn?", und bei all dem sieht der Hüne so aus, als könnte ihm nichts anderes mehr Spaß machen als Stoiber und Rindvieh im Stall.
Carstensen, Landeschef der CDU in Schleswig-Holstein, wäre geradezu eine Idealbesetzung für die Grüne-Woche-Show, die der jeweilige Bundeslandwirtschaftsminister alljährlich in Berlin absolviert - mit Kälbchenstreicheln und Biss ins Schinkenbrot. Auf einem Bauernhof in Tornesch bei Hamburg stellt Stoiber den Nordfriesen am vergangenen Freitag als Mitglied in seinem "Kompetenzteam" vor. "Er ist ein Mann, der auf die Menschen zugehen kann", sagt Stoiber über seinen Wunschkandidaten für das Landwirtschaftsressort. Er brauche jemanden, der "seit langem politisch mit diesen Themen verwoben ist", nennt der CSU-Chef als Grund dafür, warum er sich ausgerechnet den Oberlandwirtschaftsrat a. D. ausgesucht hat.
Mit der Agrarwirtschaft ist Carstensen tatsächlich verwoben, aus Sicht der rotgrünen Bundesregierung allerdings zu sehr. Der Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses im Bundestag habe "eine starke Affinität zum agro-industriellen Komplex", rügt Reinhard Loske, umweltpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion. Carstensen stehe für die "absolute Rolle rückwärts in der Agrarpolitik", so der Parlamentarische Staatssekretär im Verbraucherschutzministerium, Matthias Berninger.
Sollte Carstensen nach der Wahl am 22. September tatsächlich Agrarminister werden, dann dürfte sich einer ganz besonders freuen: Gerd Sonnleitner, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV). "Politisch lagen Herr Carstensen und ich bisher in vielen Fällen auf einer Linie", sagt Sonnleitner. An grundlegende Meinungsverschiedenheiten könne er sich nicht erinnern.
Wird Stoiber Kanzler, stehen aus Sicht des DBV die Chancen nicht schlecht, dass in der Landwirtschaftspolitik wieder alles so wird wie früher: der Minister als verlängerter Arm der Bauernlobby. Carstensen weist das zurück. Dass der Bauernverband im Hintergrund die Strippen ziehe, sei eine schlicht "beknackte" Behauptung. Doch schon der neue geplante Zuschnitt des Ressorts - der dem alten aus Helmut-Kohl-Zeiten ähnelt - kann als Programm gelten. Carstensen soll sich voraussichtlich um Lebensmittel, Landwirtschaft und ländliche Räume kümmern - was mit dem Verbraucherschutz passiert, ist noch nicht klar.
Der Agraringenieur beteuert zwar: "Es wäre fatal, wenn hier der Eindruck entsteht, wir wollen weniger Verbraucherschutz." Aber dann spricht er darüber, wie er die "Diskriminierung der konventionellen Landwirtschaft" abbauen wolle, wie das "zu bürokratische" Modulationsgesetz in Deutschland rückgängig gemacht werden soll, dem zufolge ab 2003 ein Teil der EU-Direktzahlungen an die Bauern in Programme zur Förderung der umweltgerechten Landwirtschaft umgewandelt werden könnte. Statt "Öko-Wende" heißt Carstensens Credo "Gleichwertigkeit von Ökos und Konventionellen". Ihn ärgere, dass deutsche Bauern unter schärferen Gesetzen litten als ihre Konkurrenz in anderen EU-Ländern.
"Jetzt will die Union den besten Freund der Agrochemie auf die Bauern loslassen", kommentiert Verbraucherschutzministerin Renate Künast des Nordfriesen Berufung ins Kompetenzteam. Denn Carstensen fungiert auch als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Agrar- und Umweltpolitik, die sich für die gentechnische Forschung in der Pflanzenzucht ausspricht.
Ansonsten wirkt der umtriebige und joviale Gemütsmensch von der Insel Nordstrand noch als Vorstandsmitglied im Deutschen Institut für Reines Bier, im Verein für Agribusiness-Forschung sowie im Aufsichtsrat der CG Nordfleisch. Auch als Betreiber von Windrädern war er eine Zeit lang aktiv; mit einer Importfirma für Holzhäuser aus Estland fiel er 1996 auf die Nase.
Wer Carstensen die Probleme seiner Branche vortragen will, findet bei ihm meist ein offenes Ohr. Und so sitzt der CDU-Abgeordnete vergangenen Mittwoch, am Tag nach der Wahlkampftour an der Ostseeküste, im Café Reimers in der Fußgängerzone im dithmarsischen Heide an der Kaffeetafel und lässt sich von Funktionären des Deutschen Konditorenbundes erklären, warum sie nicht schriftlich dokumentieren wollen, was in jeder Torte steckt.
Carstensen thront in der Mitte, breites Kreuz im grauen Jackett, rosafarbene Krawatte, die Ellbogen auf den Tisch gestützt. Er macht sich mit der zierlichen Kaffeegabel in der Hand an das erste Erdbeertörtchen.
"Als ich vor 20 Jahren noch einen ordentlichen Beruf hatte und Fütterung gelehrt habe, stand auf dem Sack für das Kälberfutter schon drauf, was drin ist", witzelt er und lacht dröhnend los. Es wirkt ansteckend - und Carstensen genießt es. Mit seiner stattlichen Statur, dem weißen Haarschopf und gestutztem Vollbart, der dunklen Stimme, die aus dem ganzen Körper zu kommen scheint, strahlt er Gelassenheit aus.
Als der oberste Konditor allerdings Steuerbefreiungen für die Branche fordert, akzeptiert Carstensen die nächste Cremeschnitte und brummt: "Nu komm mal wieder runter von der Wolke." Gut gefahren ist die Lebensmittellobby mit Carstensen trotzdem. Mit ihm hat die Union das Verbraucherinformationsgesetz blockiert, das ermöglicht hätte, Lebensmittelpanscher an den Pranger zu stellen.
Im Agrarausschuss des Bundestags bestimmt der Haudegen seit 1994 den Ton: Hier duzen sich fast alle, und seine Stellvertreterin, die Grüne Ulrike Höfken, bedenkt er gern mit Sprüchen wie "Bist doch ''ne ganz vernünftige Deern", oder er erzählt Döntjes von den Wikingern. "Fröhlich" und "zugänglich" empfinden das die einen, als "Gutsherrenart" die anderen. Sein Halali auf die grüne Agrarpolitik leitet er gern auf Plattdeutsch ein.
Carstensen stammt von einem Bauernhof aus der winzigen Gemeinde Elisabeth-Sophien-Koog auf Nordstrand. Er studierte Agrarwissenschaft, war Mitglied in einer schlagenden Verbindung. Für sein Steckenpferd, die Jagd, wirbt er gern mit unkonventionellen Sprüchen. "Dieses Argument, man jage nur, um zu hegen, das ist unehrlich. Ich will auch Beute machen", sagt er.
Mit seiner Volksnähe trifft Carstensen im Norden bei vielen Menschen den Ton - davon will Stoiber profitieren. Und der Landesverband der CDU, der sich bis heute nicht von der Barschel-Affäre erholt hat, kann es kaum fassen, dass einer der ihren in Stoibers Bundesliga-Mannschaft mitspielen soll. Solcher Stolz lässt leichter das Gestichel vergessen, der neue Kompetenzteamler sei nicht gerade der Fleißigste.
Wenn er in Berlin abends in seine Wohnung in der "Abgeordnetenschlange" kommt, nimmt sich der Mann von der Insel Zeit für eine entspannende Lektüre. Auf dem Nachttisch - Carstensen beteuert, dass das wirklich so ist - warten dann die Geschichten von "Hägar dem Schrecklichen". ANNETT CONRAD, CORDULA MEYER
* Am vergangenen Dienstag in Travemünde.
Von Annett Conrad und Cordula Meyer

DER SPIEGEL 31/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 31/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

UNION:
„Ich will Beute machen“

Video 00:58

Tödliche Schüsse in Charlotte Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen

  • Video "Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen" Video 00:58
    Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen
  • Video "Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen" Video 00:55
    Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen
  • Video "Schlepper: Die Ware Mensch" Video 01:56
    Schlepper: Die Ware Mensch
  • Video "Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale" Video 03:41
    Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale
  • Video "Cybersec: Angriff auf ein Smart-Home" Video 01:50
    Cybersec: Angriff auf ein Smart-Home
  • Video "Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los" Video 01:24
    Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los
  • Video "Tödliche Polizeischüsse in Charlotte: Nicht schießen, nicht schießen. Er hat keine Waffe" Video 01:24
    Tödliche Polizeischüsse in Charlotte: "Nicht schießen, nicht schießen. Er hat keine Waffe"
  • Video "Nobelpreis für VW: Wer den Schaden hat..." Video 00:59
    "Nobelpreis" für VW: Wer den Schaden hat...
  • Video "Wütende Wahlkämpfer in Georgien: Politiker prügeln sich in TV-Debatte" Video 01:36
    Wütende Wahlkämpfer in Georgien: Politiker prügeln sich in TV-Debatte
  • Video "Griechenland: Kampfhubschrauber-Absturz vor der Küste" Video 00:53
    Griechenland: Kampfhubschrauber-Absturz vor der Küste
  • Video "Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos: Wie eine tickende Zeitbombe!" Video 02:38
    Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos: "Wie eine tickende Zeitbombe!"
  • Video "Filmstarts im Video: Kampf den Supermüttern" Video 08:02
    Filmstarts im Video: Kampf den Supermüttern
  • Video "Razzia in Polen: Polizei hebt Potenzpillen-Großlabor aus" Video 00:49
    Razzia in Polen: Polizei hebt Potenzpillen-Großlabor aus
  • Video "Brennpunkt Calais: Polizei setzt Tränengas gegen Flüchtlinge ein" Video 01:42
    Brennpunkt Calais: Polizei setzt Tränengas gegen Flüchtlinge ein
  • Video "North Carolina: Protest gegen Polizeigewalt eskaliert" Video 01:14
    North Carolina: Protest gegen Polizeigewalt eskaliert