29.07.2002

JOURNALISTEN„Dann bist Du erledigt“

Gerd Heidemann war ein Star. Im Hauptberuf „Stern“-Reporter, schrieb und fotografierte er - wie jetzt aufgetauchte Dokumente belegen - gleichzeitig als Geheimer Mitarbeiter „Gerhard“ für die DDR. Als er die falschen Hitler-Tagebücher präsentiert hatte, ließ ihn sogar die Stasi fallen.
Es war ein Leben in zwei Welten, sogar in Liebesdingen. Der junge Journalist Gerd Heidemann reiste mit seiner Freundin Irene von Hamburg nach Berlin. Die zwei Turtelnden hatten ein schönes Hotelzimmer im Westen, aber wenn sie die Abenteuerlust packte, fuhren sie hinüber in den Osten.
Dort war gerade der Volksaufstand von sowjetischen Panzern gestoppt worden. Es war der Sommer 1953, es waren aufregende Zeiten.
Drüben im Osten "füllten unsere Mägen HO-Speisen, das ostzonale Porter-Bier brachte uns abends so richtig in Stim-
mung", erzählte Heidemann - Jahrzehnte später erzählte er das, in jenen Jahren, als er ein Star war, ein Weitgereister, eben der "hartnäckigste, raffinierteste Reporter in Deutschland", wie der "Stern" schrieb.
Heidemanns "Stern".
Es war ein Leben in zwei Welten, leider nicht nur in Liebesdingen.
Denn während jener Reise im Sommer 1953 traf Gerd Heidemann in einem Hotel namens "Jägerhaus" auf einen Genossen namens Krämer, und der machte den jungen Reporter aus der BRD mit einem Genossen namens Teucher bekannt. Ebenso freundlich wie ehrlich kam der Mann gleich zur Sache und sagte, wer sein Arbeitgeber sei: das Staatssekretariat für Staatssicherheit der DDR. Er selbst sei Major, sagte er noch, und dann äußerte er einen Wunsch. Der West-Reporter plane doch demnächst eine Reise zu den IV. Weltjugendfestspielen in Bukarest, und die Reise sei ja auch vom Osten schon genehmigt worden. Ob er vielleicht anschließend die Ost-Berliner Telefonnummer 55 04 07 anrufen könne? Unter dem Decknamen "Gerhard"?
Und so begann eine Liaison, die schräg und schillernd war, eine Groteske der Medienwelt.
Dass Gerd Heidemann ein mutiger und manchmal sehr guter Reporter war, ist seit vielen Jahren bekannt. Auch dass er ein Faible für alles hatte, was mit dem Dritten Reich zu tun hatte, für Hermann Görings angeblichen Schatz im Stolpsee, für Eva Brauns angebliche Flucht aus dem Führerbunker, für Adolf Hitlers angebliche Tagebücher - das alles ist bekannt, weil Heidemann ja einer der bekanntesten Journalisten der Nation ist. Oder zumindest war. Denn dass er 1983 im Rausch des Ruhms, in diesem Wahn, mindestens Weltgeschichte zu schreiben, und im Verbund mit dem Fälscher Konrad Kujau dem "Stern" den größten Flop seit seiner Gründung beschert hat, ist tausendfach erzählt, geschrieben, gesendet ("Schtonk") worden.
Dass Gerd Heidemann aber zugleich auch noch für die Stasi zugange war und deshalb auf zwei Schultern trug, dass er also Informationen der einen Seite für Texte und Fotos nutzte, die er dann an die andere Seite verkaufen konnte, das überrascht selbst jene Menschen, die Gerd Heidemann seit Jahrzehnten kennen.
Vier Wochen nach dem Treffen mit Major Teucher hatte Heidemann, der damals wenig schrieb und viel fotografierte, seine Rumänien-Reise hinter sich. Er verkaufte die Fotos an den "Stern", der sie am 13. September 1953 unter der Überschrift "Blick hinter die Fassaden" veröffentlichte, und weiter in alle Welt, und dann griff er zum Telefon. Der Agent am anderen Ende beorderte den Anrufer ins Schloß-Café Unter den Linden, und dort erzählte Heidemann, er wolle vorwärts kommen und benötige Geld.
Es traf sich bestens, dass Major Teucher zufällig eine Idee hatte. Er verpflichtete Heidemann - es war der 21. August 1953 - schriftlich, "für uns zu arbeiten" und "über die getroffenen Vereinbarungen zu schweigen". Der Deckname "Gerhard" blieb erhalten, und davor trug Heidemann die Buchstaben GM, was Geheimer Mitarbeiter hieß und das Gleiche bedeutete wie später das Kürzel IM, Inoffizieller Mitarbeiter.
Ziemlich stolz vermeldete der Major im Auskunftsbericht an seine Vorgesetzten, der Stasi-Novize Heidemann sei "über den Durchschnitt intelligent, in allen sozialen Schichten bewegungsfähig, zugänglich und beeinflussbar, abenteuerlustig, ohne Hemmungen und charakterlich unverdorben".
So entwickelte sich eine bizarre Beziehung, und inklusive längerer Unterbrechungen und Zeiten des Zweifelns hielt sie letztlich 33 Jahre; das belegen Akten, die die Berliner Gauck-Behörde jetzt fand.
Erst am 14. Oktober 1986, mehr als drei Jahre nachdem die Spürnase vom "Stern" der Welt die versiegelten, mit goldenen Initialen geschmückten Hitler-Tagebücher serviert hatte, gab Stasi-Oberstleutnant Herbert Brehmer die Akte MFS A-IM 2546/56 ins Archiv. Erst da nämlich hatte die Hauptabteilung X der HVA ("Aktive Maßnahmen, Desinformation") ihr Interesse an Heidemann verloren. IM "Gerhard" war verurteilt zu vier Jahren und acht Monaten Gefängnis, wegen Betrugs. Er war entlarvt, entehrt, erledigt.
Er war nutzlos.
Gerd Heidemann, im Dezember 1931 in Altona geboren, war ein Reporter, der nach Lorbeer lechzte. Und nach Abenteuern. Als Jugendlicher hatte er diese Heftchenromane gelesen, "Rolf Torring''s", 40 teure Pfennig das Stück. In Rechtschreibung, Geschichte und Erdkunde hatte er jeweils ein "gut" geschafft - das waren die Fächer, die er brauchte für das Leben, das er führen wollte. Gerd Heidemann war ein Träumer, ein Romantiker, und er dichtete über das zerstörte Hamburg: "Einst stand da eine stolze Stadt, jetzt liegt sie da so trüb und matt."
Er wollte Fotograf werden, immer schon, aber weil er keine Lehrstelle fand, wurde er erst mal Elektrotechniker.
Und dann schaffte er es doch. Die "Hamburger Freie Presse" druckte seine Bilder zuerst; über all die Jahre erschienen seine Fotos dann in der "Hörzu", im "Gong", in der "Zeit", ein paar Mal auch im SPIEGEL und vor allem im "Stern". 28 Jahre lang arbeitete Heidemann für Henri Nannens illustrierte Wundertüte, zuerst frei, dann als "fester freier Mitarbeiter", später angestellt. Schon den 21-jährigen Heidemann nannte Chefredakteur Nannen "Stern"-Reporter; 1957 tauchte Heidemann als solcher im Impressum auf. Das war der Ritterschlag, und der war verdient.
Denn Gerd Heidemann beschrieb die Haifischjagd vor Helgoland, fotografierte die Inthronisierung des Aga Khan, war im Kongo, in Nigeria, in Biafra und in Konrad Adenauers Schlafzimmer. Er fand, ganz und gar ernsthaft, die Unterhose Idi Amins, er gewann den 1. Preis im "World-Press-Foto"-Wettbewerb, und er fing sich sanfte Tadel seiner Chefredaktion ein: "Zur Spesenabrechnung für Ihre Berliner Recherchen zum Tatsachenbericht ''Nachtleben'': Muss es Ballantine''s sein, wenn Sie eine Flasche Whisky kaufen?"
Ein Lebenskünstler, so schien es, ein Könner auf allen Gebieten, ein Kerl, der wie geschaffen war für ein Parallelleben.
In das Visier der geheimen Truppe war dieser Haudegen durch seine Kontakte zur Ost-Berliner "Neuen Berliner Illustrierten" ("NBI") geraten. Seit dem Frühjahr 1952 hatte Heidemann Reportagen aus Westdeutschland geliefert, die von der "NBI"-Chefredaktion gegenüber dem Presseamt des DDR-Ministerpräsidenten als "wesentliche Hilfe im politischen Kampf gegen das Adenauer-Regime" gewertet wurden. Das gefiel den Geheimen; es gab nicht viele Reporter, die West- und Ost-Blätter bedienten.
Nach der Verpflichtung im Schloß-Café kamen die Aufträge. Zuerst sollte Heidemann seine in Bukarest geschossenen Bilder einer "Dienststelle" westlicher Agenten anbieten mit dem Hinweis, er brauche Geld. Das sollte sein Vorwand sein. Ganz nebenbei sollte er "Aufnahmen vom Inneren und Äußeren des Gebäudes machen" und die "Struktur aufklären". Der Agentenlohn war sehr stattlich für jene Zeit: 300 West-Mark. Um 100 Mark zu verdienen, musste Heidemann sonst fünf Fotos an die Springer-Zeitung "Die Welt" verkaufen.
Der Spion aus der Redaktion erwies sich als brauchbar, und darum wurden die Aufträge langsam wichtiger: In Bremerhaven sei die Ankunft der Atomgeschütze der Amerikaner festzustellen und zu fotografieren, in Oberammergau die Atomspezialisten-Schule ausfindig zu machen und in Hamburg jene Organisation aufzuklären, die "Transporte von Sabotagemitteln, Waffen, Sprengstoffen und Propagandamaterial an die Ostseeküste der DDR" bringe. All diese Weisungen, von "Gerhard" - "gelesen, einverstanden und als Auftrag übernommen" - abgezeichnet, gingen direkt weiter an jenen Mann, der erst als Staatssekretär, dann als Minister das spätere MfS befehligte: Generalleutnant Erich Mielke.
Und Heidemann, den diesmal schon 800 West-Mark Lohn lockten, spurte - wenngleich mitunter etwas unglücklich. In Bremen drückte er einem Taxifahrer 25 Mark in die Hand, damit der ihn bei Ankunft der Atomraketen herbeitelegrafiere. Heidemann fand sich schon damals sehr clever und schrieb seinem Führungsoffizier: Der Taxifahrer "nimmt an, dass ich ''Stern''-Reporter bin". Doch als das Telegramm endlich eintrifft, ist Heidemann - leider - in Oberammergau, um dort nach der Agentenschule zu suchen. Auch dies vergebens. "Durch die Presse erfuhr ich, dass die A-Kanonen angekommen sind und in Grafenwöhr stationiert werden", musste er seinen Geschäftspartnern in der anderen deutschen Welt vermelden.
Immerhin hatte "Gerhard" Heidemann die Militärpolizeischule Oberammergau, das USAREUR-Sperrgebiet bei Kaiserslautern und den Polizei-Marinegrenzschutz in Neustadt bei Lübeck fotografiert. Es waren schöne, scharfe Fotos, so etwas brachte nicht jeder Geheime Mitarbeiter zu Stande. Seine Auftraggeber glaubten jedenfalls, der junge Mann werde "ein für unsere Zwecke hervorragender Kundschafter werden"; das gelieferte Material, schrieben sie, sei wertvoll für Prüfungs- und Aufklärungszwecke des Referats VI, denn "Gerhard versteht, mit großer Geschicklichkeit zu arbeiten". Heidemann habe sogar freiwillig angeboten, bei Einführung der Wehrpflicht in Westdeutschland alles Erdenkliche zu unternehmen, "um in einer Militärlichtbildstelle der Luftwaffe unterzukommen".
Ein Held der DDR?
Willig war er, das sicherlich, aber dass er mit seinen Lieferungen den Sozialismus stärken wollte, ist eher unwahrscheinlich - Heidemann brauchte und wollte vor allem Bares.
Schon bald notierte Führungsoffizier Teucher jedenfalls irritiert, Heidemann wolle von der Mielke-Truppe in ein festes Anstellungsverhältnis übernommen werden. "Er möchte monatlich dafür ein festes Einkommen von 800 DM/West und für Spesen ebenfalls 400 DM/West erhalten." Dafür, da war GM "Gerhard" großzügig, werde er jeden Auftrag, "auch im näheren Auslande", durchführen, ohne noch weitere Kosten zu verursachen.
Aber so einfach ging das alles nicht, denn die Geschäftspartner wollten erst Leistung sehen, und darum musste "Gerhard" noch eine Weile nach US-Kanonen gucken.
Am 30. Oktober 1953 erfuhr Heidemann in Mainz, dass die Waffen gerade in Richtung Rheinland-Pfalz abtransportiert worden seien. Doch wieder hatte er nicht Glück und nicht Geschick: "Ich bemühe mich um einen Mietwagen, leider vergebens." Er irrte mit Zug und Taxi umher, war viel zu spät dran, und am Ende konnte er bloß die offiziellen Dokumente des Public Information Office der US-Armee in den Schoß der Stasi bugsieren.
Geld, viel Geld wünschte er trotzdem. Er habe die Absicht, in der nächsten Zeit eine Wohnung zu kaufen; 1500 Mark Baukostenzuschuss und 200 Mark Maklergebühr seien fällig. Einen Teil des Betrags könne doch die Stasi übernehmen, schlug Heidemann vor, und außerdem brauche er da noch eine neue Minox-Kamera. Sein Führungsoffizier notierte pikiert, es sei die Tatsache "immer auffällig, dass die Geldfrage bei ihm stets die erste Rolle spielt".
Das war scharfsinnig beobachtet. Wenig später, im Januar 1954, meldete sich "Gerhard" unter dem Pseudonym G. Peters schriftlich bei einer Stasi-Deckadresse in Berlin-Hohenschönhausen. Es sei ihm allerhand dazwischengekommen, "ich hatte Angina und bin jetzt noch schwach auf den Beinen". Mit der Ausführung seines aktuellen Auftrags habe er nun begonnen, auch wenn "ich durch eine gewisse Leere im Portemonnaie etwas behindert bin".
So ging das immer: Er war krank, und er war blank. Es bleibe festzustellen, schreiben seine Entdecker in die Akte, dass "Gerhard" darauf aus sei, "so viel als möglich Geld herauszuschlagen".
Und das war auch in späteren Jahren durchaus eine der wesentlichen Eigenschaften des Gerd Heidemann.
Die Stasi schickte Heidemann zur Außenministerkonferenz nach Genf ("Besorgen Sie sich einen Auftrag einer Illustrierten für die Schweiz"), wo er "eine Ausgabe des ,Stern'' in den Händen" halten und so von einem Verbindungsmann erkannt werden sollte. Jedoch, die Gesundheit. "Bis Donnerstag musste ich das Bett hüten, mein Fieber schwankte zwischen 38,7 und 39,9 Grad", meldete Heidemann. Den Verbindungsmann sah er nie.
Frostige Zeiten brachen an. Seine Kontaktleute fanden heraus, dass Heidemann 600 harte Devisen-Mark "für die Abzahlung der Kosten für sein Landhäuschen verbraucht hatte". "Gerhard" meldete sich nur noch schriftlich und meist nichts sagend. Der Genosse Führungsoffizier wurde in Briefen an den "Lieben Gerd" ziemlich deutlich: "Du musst immer bedenken, dass, wenn Du Deinen Verpflichtungen mir gegenüber nicht nachkommst und ich notwendigerweise meine Forderungen anstrenge, Du dann beruflich erledigt bist."
Im Juli 1955 schreibt Heidemann dennoch einen ersten Abschiedsbrief an seine Führungsleute, die ihn bis dahin mit 6400 West-Mark bei Laune gehalten hatten. Er habe sich "nach reiflicher Überlegung entschlossen, Dich vorläufig nicht zu besuchen". Er habe Angst vor der westdeutschen Polizei und rechne "mit empfindlichen Strafen". Doch auch in Zukunft werde er "das Gewesene für mich behalten".
Wie es von da an weiterging, bleibt vorerst ungeklärt. Akten, die die folgenden Jahre dokumentieren, sind bislang nicht aufgetaucht. Klar ist nur, dass die Verbindung der Stasi zu dem "Stern"-Mann nicht endgültig abriss.
Im Juli 1978 übergab die Hauptabteilung II/13 des MfS den IM "Gerhard" an das Reich des Markus Wolf - an die Hauptverwaltung Aufklärung, Abteilung X. Der Mann sei "Stern"-Reporter mit Fachgebiet Auslandsreportagen und Politik, schreiben die Offiziere von einst. Es lägen viele von "Gerhard" gefertigte Fotos und Berichte vor. Da Heidemann für die XI. Weltfestspiele der Jugend in Havanna eine Akkreditierung beantragt habe, sei zu prüfen, ob der Journalist für eine erneute Zusammenarbeit gewonnen werden könne.
Ob dies gelang, bleibt Spekulation. Da sich die HVA weitgehend selbst auflöste, sind kaum Akten aus dem Bestand erhalten. Aus den so genannten Sira-Bändern der Staatssicherheit geht zumindest hervor, dass der "IM-Vorgang mit Arbeitsakte" Anfang der achtziger Jahre dort registriert wurde - diesmal unter dem Decknamen "Rose". Zwischen 1981 und 1986 wurden Daten zu dem Vorgang gespeichert, als "aktive Erfassung für operative Diensteinheit". Für Fachleute der Gauck-Behörde bedeutet dies: Heidemann war weiter aktiv.
Ein Stasi-Mann beim "Stern"? So etwas war in jeder Redaktion möglich, auch beim SPIEGEL, und so etwas ist für keine Redaktion schön. Dass es hier aber um den Mann geht, der die Hitler-Tagebücher angeschleppt hat, um eine Schlüsselfigur jener Affäre, an deren Ende die Chefredaktion gehen musste und die Auflage des "Stern" gewaltig und dauerhaft einbrach, gibt dem Stasi-Fall Heidemann durchaus eine besondere Note.
Einen Beweis dafür, dass die Stasi die Tagebücher mitverfasst haben könnte, liefern die Akten nicht; sie nähren nicht einmal den Verdacht.
Aber die Sache mit der Stasi ist ja auch so noch heikel genug.
Der MfS-Forscher Hubertus Knabe behauptete, der "Stern" habe "für die DDR bei Kampagnen gegen den Westen eine Vorreiterrolle" gespielt und sich von der DDR mit Hilfe der Stasi instrumentalisieren lassen. Der einstige HVA-Offizier Günter Bohnsack und dessen Kollege Herbert Brehmer sekundierten: "Zwischen 1973 und 1982 gelang es uns und mit unserer Hilfe dem KGB, über den ''Stern'' Informationen und Desinformationen zu lancieren." Es hieß, die Stasi habe Unterlagen gefälscht, mit deren Hilfe der "Stern" den Redaktionsdirektor der "Quick", Heinz van Nouhuys, 1973 als Doppelagenten beschreiben und letztlich abschießen konnte; es hieß, mit anderen Papieren von drüben habe der "Stern" den Bundespräsidenten Heinrich Lübke gejagt.
Zweifellos wäre Gerd Heidemann wegen seiner schriftlichen Verpflichtung und wegen all der Quittungen erpressbar gewesen. Doch der heutige "Stern"-Chefredakteur Andreas Petzold betont, sein Blatt habe "sich in der Vergangenheit juristisch erfolgreich gegen alle Behauptungen zur Wehr gesetzt, von der Stasi gefälschte Unterlagen veröffentlicht" zu haben. Ob die Tätigkeit Gerd Heidemanns "nun zeitgeschichtlich anders bewertet werden muss", so Petzold, "wird sich zeigen". Jedenfalls sei dessen IM-Tätigkeit "nicht bekannt gewesen. Eine solche Verbindung hätte Konsequenzen gehabt".
Dieser Gerd Heidemann verdiente Anfang der achtziger Jahre 10 500 Mark im Monat beim "Stern", und seine Extras verdiente er sich, wo immer er konnte.
Im August 1981 tauchte Heidemann erneut bei der Stasi auf, diesmal auf Drängen des ziemlich windigen Medardus Klapper, eines V-Mannes des Bundeskriminalamts. Der hatte den "Stern"-Mann beauftragt, mit Hilfe seiner sagenhaften Ost-Kontakte nach dem noch viel sagenhafteren Schatz Hermann Görings zu suchen.
So erklärte "Gerhard/Rose" dem erstaunten MfS-Oberleutnant Ludwig beim "kurzfristig angemeldeten Treff", er wisse, wo drei Kisten mit 450 Kilogramm Edelmetall, 47 Kisten mit Gemälden flämischer Meister und zwei Drittel des Bernsteinzimmers zu finden seien.
Seine Legende klang schon ungefähr so, wie Heidemann wenig später auch seinen Tagebuch-Fund seiner Chefredaktion unterjubelte. Seine Informationen, sagte er, stammten von einem ehemaligen SS-Führer aus dem Begleitkommando Görings, der leider anonym bleiben müsse. Dieser sei 80-jährig und völlig verarmt aus Südamerika zurückgekehrt und unterziehe sich gegenwärtig "einer Prostatakrebs-Operation in der Schweiz". Er selbst, offenbarte Heidemann, wolle sich beteiligen und habe bereits 45 000 Mark investiert. Die Schätze, raunte "Rose" dann, würden sich in einem 50-Kilometer-Umkreis um den Stolpsee nördlich von Berlin befinden. Drei Kisten lägen direkt unter dem Uferschlamm.
Ein Vertrag müsse her. Doch die Vereinbarung müsse den Kopf einer staatlichen Dienststelle tragen, erklärte Heidemann dem Stasi-Mann, da seine "Partner in der BRD nicht wissen dürfen, dass er mit dem MfS zusammenarbeitet und dies nach BRD-Gesetzen ja auch strafrechtlich für ihn relevant ist". So erschien auf dem Dokument das "Amt für den Rechtsschutz des Vermögens der Deutschen Demokratischen Republik" als "Roses" Partner.
Die Ost-Offiziere hatten freilich ihre Bedenken mit der märchenhaften Schatz-Story: "Die ganze Geschichte klingt sehr unwahrscheinlich und zweifelhaft." Der hausinterne Untersuchungsausschuss des "Stern", der die Hintergründe der Tagebuch-Pleite aufklären sollte, befand, dass in jener Zeit "in der Redaktion niemand mehr Heidemanns aus dem Freundeskreis kolportierten Erzählungen von verborgenen Reichtümern, vom Bernsteinzimmer, dem Reichsbankschatz, den Goldkisten im Toplitz-See und anderen phantastischen Schätzen, darunter auch den Tagebüchern des Führers, lauschen" mochte. Allen Ernstes habe Heidemann erwogen, das Bernsteinzimmer aufzuspüren, um es dem damaligen sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew "als Tauschobjekt für die Freilassung von Rudolf Heß anzubieten".
Doch Erich Mielke persönlich war für die Suche. Ein Schwimmbagger der Nationalen Volksarmee (NVA) verwüstete das Ufer des Stolpsees. Gefunden wurde nichts, die NVA zog ab, und Heidemann machte sich auf die Suche nach Martin Bormann. Klapper hatte ihm erzählt, der Hitler-Adlatus lebe, er selbst habe mehrfach mit ihm telefoniert.
Der große Mann mit der khakifarbenen Weste blinzelt freundlich durch die sehr großen Brillengläser und öffnet die Tür zu seinem bescheidenen Reich. Weich tritt er auf, weich redet er, alles hier ist weich und nett und sanft. Gerd Heidemann hat den ständigen Drang, Besucher zu berühren.
Drei Zimmer, Küche, Bad in Hamburg-Altona sind dem Millionenjongleur Gerd Heidemann geblieben - voll gestopft mit Bücherregalen und historischem Kram.
Jede Ecke ist verbaut, selbst der Lichtschalter ist hinter schwarzen Ordnern versteckt: "GHS Archiv" steht auf den Kladden, eine einfallsreiche Abkürzung für Gerd Heidemanns Archiv. "Prinz Paul an Bord der Carin II" heißt es da auf den Heftern, "Rudolf Hess/Negativplatten" oder "Hitlers Gespräch mit Fürst Wrede und Generalkonsul Scharrer". Zehntausende Blätter sind das, jedes einzelne in eine Klarsichthülle verpackt, und gegenüber liegen zwei ganz besondere Glasscheiben im Regal: Es sind Teile jener Pilotenkanzel des abgestürzten Flugzeugs aus Börnersdorf, in dem angeblich die Hitler-Tagebücher lagen.
Angeblich. Vermutlich. Sicherlich. Definitiv. So dachte Heidemann damals, so dachten sie alle, die an die Tagebücher glauben wollten.
Der Meister schlurft vorbei an seinen Schätzen zu seinem schweren Holzschreibtisch, sein Hemd spannt über dem Bauch, und dann lässt sich Heidemann in
den Sessel fallen und versucht sich zu erinnern. Stasi? Wie war das mit der Stasi? "Ja, ich bin in Ost-Berlin angesprochen worden und habe das sofort dem Hamburger Verfassungsschutz gemeldet." Den Jungreporter Heidemann stellt der Senior Heidemann nun als Doppelagenten dar, und er sagt - es ist vergangenen Freitag -, dass er das Geld "an den Verfassungsschutz weitergegeben" habe; "auf Drängen des Amtes habe ich den Abschiedsbrief ans MfS geschrieben".
"Ich kann das weder bestätigen noch dementieren", sagt Reinhard Wagner, Chef des Hamburger Landesamts für Verfassungsschutz; andere Verfassungsschützer halten Heidemanns Version für ein wenig verwegen, weil der dann der wohl erste Doppelagent wäre, der nicht doppelt hätte verdienen wollen, sondern das eine Gehalt dem anderen Dienst gespendet hätte.
Herr Heidemann, wie sind Sie denn an das MfS gekommen? Schweigen. "Ich habe mal in der Berliner Normannenstraße in einem kleinen Zimmer gesessen. Ich glaube, ich bin damals mit der S-Bahn hingefahren", sagt Heidemann. Aber mit der Erinnerung sei das so eine Sache.
"Das ist alles so lange her." Strafrechtlich ohne Belang ist es allemal.
An die achtziger Jahre erinnert sich der Rentner, der heute von Sozialhilfe und den Erträgen seines Fotoarchivs lebt, hingegen gern. Wie er den Stasi-Leuten immer "die neuesten Honecker-Witze erzählt" habe und sie dabei "mächtig gesoffen" hätten. Und wie er mit dem MfS-Mann Buchner, der in Wahrheit Herbert Brehmer hieß und sein Führungsoffizier war, auf dem Rücksitz eines Mercedes Schach gespielt habe!
Erpresst? Nein, erpresst habe ihn die Stasi nie; die seien richtig zuvorkommend gewesen. "Der ,Stern'' hatte mich wegen der Sekretärin des CDU-Bundestagsabgeordneten Werner Marx in den Osten geschickt. Die Stasi lieferte mir gutes Material." Später habe es nur wegen der Tagebücher und der NS-Schätze Kontakte mit Buchner alias Brehmer gegeben.
Seinen alten Kontaktmann traf Heidemann nach der Wende noch einmal wieder. Anfang der neunziger Jahre besuchte ihn Brehmer zu Hause in Hamburg. Man habe sich nett unterhalten. Als Heidemann den Ex-Geheimen wenig später unter der angegebenen Adresse und Telefonnummer erreichen wollte, war beides falsch.
"Wahrscheinlich ist jetzt der für den Verfassungsschutz tätig", sagt Gerd Heidemann. Dann reißt er die Augen auf und dann den Mund, allein an seinem Schreibtisch, allein in seiner kleinen Welt.
KLAUS BRINKBÄUMER, STEFFEN WINTER
Die Affäre um die
Hitler-Tagebücher
Am 6. Januar 1980 hielt der "Stern"-Reporter Gerd Heidemann das erste vermeintliche Hitler-Tagebuch in Händen. Die schwarze Kladde stammte angeblich aus der DDR. Im Januar 1981 informierten Heidemann und sein damaliger Ressortleiter die Vorstandsetage von Gruner+Jahr über den Fund und den möglichen Ankauf weiterer Bücher. Dabei umgingen sie die "Stern"-Chefredaktion. Insgesamt gibt die Illustrierte 9,3 Millionen Mark für 60 Bände aus, die allesamt der Militaria-Händler Konrad Kujau gefälscht hat. Am 25. April 1983 erscheint das Blatt mit der weltweit beachteten Schlagzeile "Hitlers Tagebücher entdeckt". Knapp zwei Wochen später, am 6. Mai, verschickte die Deutsche Presse-Agentur die Eilmeldung, dass die Bücher nach Angaben des Bundesinnenministeriums gefälscht seien.
* Am 25. April 1983 mit den "Stern"-Chefredakteuren Peter Koch (3. v. r.) und Felix Schmidt (r.) bei der Vorstellung der angeblichen Hitler-Tagebücher in Hamburg. * Am vergangenen Freitag in seiner Wohnung in Hamburg.
Von Klaus Brinkbäumer und Steffen Winter

DER SPIEGEL 31/2002
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