29.07.2002

FORTPFLANZUNGDie Kinder von der Samenbank

Die erste Generation künstlich gezeugter Kinder ist erwachsen geworden - und macht sich auf die Suche nach ihren Vätern und ihrer Identität. Die Babys aus dem Kältetank sind die Vorboten des Klon-Zeitalters. Von Ralf Hoppe
Rebecca Thompson war vier Jahre alt, als sie ein Geheimnis erfuhr: Ihr Daddy sei nicht ihr richtiger Vater, vertraute ihre Mutter ihr an. Rebecca war froh darüber. Ihr Vater hatte ständig schlechte Laune, er brüllte und schlug sie beide, und so fragte Rebecca begierig nach ihrem richtigen Vater. Wie sieht er aus? Wann kommt er? Wo ist er?
In der Samenbank, antwortete die Mutter.
Von nun an hatte das Wort Samenbank für Rebecca einen verheißungsvollen Klang. Sie stellte sich ein Bankgebäude vor, glitzernd und imposant. Bestimmt war ihr wahrer Daddy reich und liebevoll, und eines Tages würde er vor ihrer Tür stehen.
Rebecca musste ihrer Mutter versprechen, keinem Menschen davon ein Sterbenswörtchen zu erzählen. Sie behielt das Geheimnis für sich, 18 Jahre lang.
Rebecca Thompson war 22, als sie aufbrach, ihren richtigen Vater zu finden. Ihre Mutter war inzwischen an Krebs gestorben. Mit ihrem falschen Vater, so nannte sie ihn, seit er sich von ihrer Mutter getrennt hat, mit diesem Mann, der darunter litt, unfruchtbar zu sein, sprach sie schon lange kein Wort mehr.
Am Sterbebett ihrer Mutter bittet Rebecca die Todkranke, sie von dem Schwur zu befreien. Ihre Mutter nickt. Rebecca bestattet sie auf einem der Mormonen-Friedhöfe von Salt Lake City und beginnt die Suche nach dem Vater.
Ein Detektivspiel. Sie freundet sich mit Sprechstundenhilfen an, um an die Krankenakten ihrer Mutter zu kommen. Sie findet heraus, wo der Gynäkologe ihrer Mutter die Samenspender akquiriert hatte - es waren immer Medizinstudenten vom selben College.
Rebecca besorgt sich die Jahrgangsbücher dieses College, auf den Fotos der Studenten sucht sie nach einem Studenten, der blond und blauäugig ist - wie sie. Denn diese Merkmale sind rezessiv, die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mann mit braunen Augen und dunklem Haar ein Mädchen wie sie zeugt, ist gering. "Ich zwang mich, die Fotos ganz gelassen zu betrachten", sagt sie.
Dann sieht sie ihn.
"Gesicht, Augen, Nase, Mund - ich wusste: Das ist mein Vater."
Rebecca Thompson findet heraus, dass der Mann, inzwischen über 50, als Neurologe in Kansas City arbeitet. Sie ruft ihn an. Versucht zu erklären, wer sie sei, was sie wolle. Der Mann legt jedes Mal sofort auf. Dreimal, an drei aufeinander folgenden Tagen, versucht sie es immer wieder; vor jedem Anruf muss sie allen Mut zusammennehmen, "und anschließend zitterte ich am ganzen Körper".
Beim dritten Telefonat schreit der Mann. Sie solle aus seinem Leben verschwinden. Er droht mit der Polizei. "Ich fühlte mich wie der letzte Dreck", sagt sie, "andererseits hatte ich auch nichts zu verlieren." Also nimmt sie sich in dem Anwaltsbüro, in dem sie arbeitet, ein paar Tage frei, steigt in ihren schwarzen Honda Civic und fährt nach Kansas City, 1100 Meilen.
Rebecca Thompson lauert dem Mann, den sie für ihren Vater hält, vor seiner Praxis auf, versucht ihn abzupassen. Zweieinhalb Tage lang spielt sie ein merkwürdiges Versteckspiel, dann fährt sie zum Haus ihres mutmaßlichen Vaters, klingelt und zwingt sich, nicht wegzurennen.
"Seine Frau öffnete", sagt Rebecca, "sie musterte mich, erst misstrauisch, plötzlich lächelte sie."
Rebecca stottert die erstbeste Notlüge hervor. Sie komme aus Salt Lake City, habe sich verfahren, suche eine Straße hier in der Nachbarschaft.
"Die Frau bat mich herein, ich musste mich aufs Sofa setzen. Sie kramte Stadtpläne und Straßenkarten hervor, brachte mir Eistee, rief sogar ihre Freundinnen an, nur, um mir diese idiotische Wegbeschreibung geben zu können, die doch nur ein Vorwand war - wofür, weiß ich auch nicht."
Rebecca Thompson sitzt auf dem Sofa wie in Trance. "Ich wollte mehrmals aufspringen, rauslaufen, aber die Frau sagte, nein, sie müsse mir helfen, denn ich sei irgendwie ihrer Tochter so ähnlich."
Auf einer Anrichte sieht Rebecca gerahmte Fotos der Kinder. Das Mädchen gleicht ihr aufs Haar.
Und dann kommt auch noch der Sohn ihres mutmaßlichen Vaters. "Mein Halbbruder, auch er sah mir verblüffend ähnlich, gab mir freundlich die Hand, er war etwas jünger als ich, setzte sich dazu, wir machten Konversation und stellten fest, dass wir genau dieselbe Musik mögen, dieselben Bücher lesen. Es war, als hätte ich meine Familie gefunden und dürfte es nicht sagen."
Nur Rebeccas mutmaßlicher Vater lässt sich während der halben Stunde, die Rebecca in seinem Haus verbringt, nicht blicken. "Seine Frau rief ihn mehrmals, aber er kam nicht aus seinem Arbeitszimmer, keine Ahnung, warum."
Diese halbe Stunde in einem fremden Haus in einem Vorort von Kansas City ist die schönste und schrecklichste in Rebecca Thompsons Leben. Eine halbe Stunde lang hält sie die peinigende Komödie durch. Dann setzt sie sich in ihren Honda und fährt die 1100 Meilen, rund 1800 Kilometer, zurück, in einem Stück. "Ich hielt nur an, um zu tanken und neue Papiertaschentücher zu kaufen."
Rebecca weint die ganzen 1100 Meilen hindurch.
Rebecca Thompson ist eine lebhafte, selbstbewusste Frau, groß, schlank, mit langen blonden Haaren. Ihr Job im Anwaltsbüro macht ihr Spaß. "Ich wollte ja gar keine Zuwendung von ihm, auch kein Geld, um Gottes willen. Ich wollte ihn nur sehen. Weil er ein Teil meiner Geschichte ist, weil ich wissen wollte, wer ich bin."
Nach Kansas City wird Rebecca nie mehr fahren. Und das Sehnsuchtswort ihrer Kindheit hat für sie einen anderen Klang bekommen. "Es gibt Tage, an denen ich das Wort Samenbank hasse."
Die Kinder von der Samenbank: Die erste Generation ist erwachsen geworden, und viele Geschichten ähneln dem Schicksal von Rebecca Thompson. Zwischen 600 000 und eineinhalb Millionen Samenspenderkinder, so vermutet man, gibt es heute in den USA, für Europa liegen die Schätzungen bei 20 000 Samenbankkindern, die jährlich geboren werden.
Eine Samenbank passt in jeden Hobbykeller; die technischen Voraussetzungen sind steinzeitlich im Vergleich zu den ausgetüftelten Tricks der Reproduktionsmedizin, wie der klassischen In-vitro-Fertilisation oder der intrazytoplasmatischen Spermatozoeninjektion.
Um eine Samenbank zu betreiben, braucht man ein paar Spender, jung und masturbationsfreudig, die man mit ein paar "Penthouse"-Heftchen in ein Kämmerchen schickt. Dazu etwas flüssigen Stickstoff in Metalltanks, um das frische Sperma bei minus 196 Grad einzufrieren, wodurch es praktisch unbegrenzt haltbar wird. Und ein bisschen Logistik, um das Zeug an die Frau zu bringen, sowie ein paar Spendertests, um Krankheiten wie Aids und Erbschäden auszuschließen.
Rund 30 000 Kinder werden heute in den USA pro Jahr auf diese Weise gezeugt; die ganze reproduktionsmedizinische Branche erwirtschaftet dort rund vier Milliarden Dollar. Allein der weltweite Samen-Export hat ein Volumen von rund 100 Millionen Dollar, die Marktführer wie die California Cryobank Inc. in Los Angeles haben Tausenden von Kindern ins Leben geholfen. In Deutschland sind es 40 Ärzte, die eher kleine, an ihre Praxis angeschlossene Samenbanken betreiben, 31 davon sind Mitglieder im "Arbeitskreis Donogene Insemination".
Für viele Paare ist die Sperma-Ampulle, verabreicht vom Gynäkologen oder bestellt via Internet, eine wunderbare Alternative - kein Vergleich zum Qualifikationsmarathon einer Adoption. Preiswert ist diese Technik obendrein, eine Empfängnis ist für 1500 bis 2500 Euro zu haben. Direkt aus dem Netz kommt das Ganze noch billiger.
Aber wer Leben erzeugt, setzt Biografien in Gang. Samenbankkinder sind fast immer Wunschkinder, und mit ihrem gesunden Erbmaterial haben sie keinen schlechten Start ins Leben. Dennoch gibt es, neben der biologischen Mutter und dem sozialen Vater, immer einen unsichtbaren Dritten. Für Rebecca Thompson war der echte Vater ein Traumbild aus ihrer Kindheit. Und es gehört zur Tragik ihres Lebens, dass sie ihm wahrscheinlich niemals begegnen wird, obwohl sie ihn gefunden hat - oder es glaubt.
Rebecca wollte ihren Vater kennen lernen, weil sie wissen wollte, wer sie ist. Wer sind wir, woher kommen wir, wo gehen wir hin? Dies sind die großen, dröhnenden Fragen der Philosophie. "Und sie gelten auch für jeden Einzelnen", sagt Bill Cordray, Gründer einer Selbsthilfegruppe. "Wer nie vor diesen Fragen stand, kann sich nicht vorstellen, wie wichtig sie sind."
1415 Ramona Avenue, Salt Lake City, hier, in seinem aufgeräumten Wohnzimmer, hat Bill Cordray mit Rebecca Thompson und vielen anderen Samenbankkindern aus den USA und Kanada einen internationalen Club der Vaterlosen ins Leben gerufen. Cordray ist Architekt, 56 Jahre alt, ein freundlicher, behäbiger Mann; seine Spezialität sind Zoos und Gefängnisse, sein neuestes Hobby eine Espressomaschine, die aussieht wie der Kommandostand eines U-Boots. Er ist verheiratet, hat einen Sohn, und er sagt: "Mein Leben wäre glücklich, wenn diese Sache nicht alles überschattet hätte."
Wie Rebecca hat auch Bill Cordray seinen Vater gesucht. Doch was Rebecca im Zeitraffer von weniger als einem Jahr durchlitt, dauerte bei ihm 19 Jahre. Er hat viel Geld bei Psychiatern gelassen.
Cordray war 37, als er von seiner Mutter erfuhr, dass sein Dad unfruchtbar gewesen war. Ihr Arzt hatte "die Sache" diskret geregelt, kommerzielle Samenbanken gab es noch nicht, sie hatte nie gefragt, woher der Gynäkologe den Samen nahm.
Für Bill Cordray ist die Enthüllung ein Schock. Er hatte keine Ahnung und hat doch immer etwas geahnt: "Mein Vater und ich waren extrem unterschiedlich, er war klein, muskulös und sehr männlich im Auftreten. Ich hingegen war groß und dünn und interessierte mich für so komische Sachen wie Ästhetik und Design - er war mir immer fremd, und jetzt begriff ich schlagartig, warum."
Auch Cordray machte sich auf die Suche. Der Gynäkologe seiner Mutter war tot, es gab keine Unterlagen, Cordray schrieb Briefe, forschte, fahndete, während seine Mutter ihn beschwor, die Sache zu vergessen. Unmöglich. "Irgendein Mann hatte irgendwann ein paar Tropfen Sperma erübrigt, und daraus war ich entstanden. Diese Vorstellung war so unromantisch und technisch, wie ein Loch in meinem Leben."
Cordray beschreibt, worunter viele Samenbankkinder leiden, wenn sie spät und unvorbereitet von ihrer Herkunft aus der Sperma-Ampulle erfahren. Es ist nicht nur die Suche nach den wahren Eltern, die sie umtreibt, nicht nur ein Zuwenig an Identität. Es ist auch das nagende Gefühl, dass ihre Zeugung ein retortenhafter Vorgang war, kalt und geheimnislos. Eine Verrichtung zwischen Masturbationszelle, Labor und FedEx-Zustellung. Es ist das Gefühl, dass jemand sie gemacht hat.
"Samen ist doch mehr als nur eine Körperflüssigkeit", sagt Bill Cordray. "Samen enthält auch die Seele eines Menschen."
Die Samenbankkinder sind die Prototypen der Reproduktionsmedizin, Vorboten des Klon-Zeitalters. "The Clone Age" heißt das Buch der Chicagoer Juraprofessorin und früheren Clinton-Beraterin Lori Andrews. Es ist ein Streifzug durch die bizarre Welt der Kindermacher. Was soll zum Beispiel mit den schätzungsweise 200 000 Embryos geschehen, die in den USA in Kühlfächern lagern? Wo noch jedes Jahr etwa 19 000 hinzukommen - Seelen auf Eis, wie Andrews sie nennt. Wie sollen Eltern sich verhalten, wenn etwa in einer niederländischen In-vitro-Klinik Zwillinge geboren werden, aber im Labor geschlampt wurde und nur eines der Kinder tatsächlich vom Ehemann stammt? Gegen das Tempo, in dem Wissenschaftler ethische Probleme aufwerfen, schreibt Andrews, ist der Rest der Gesellschaft machtlos.
Und der Frankfurter Philosoph Jürgen Habermas warnt in seinem Essay "Die Zukunft der menschlichen Natur", erschienen im vergangenen Jahr, vor der "irreversiblen Entscheidung, die eine Person über die natürliche Ausstattung einer anderen Person trifft". Diese Fremdbestimmten würden sich ihr Leben lang blind und abhängig fühlen: "Dem Hadernden bliebe nur die Alternative zwischen Fatalismus und Ressentiment."
Wie zum Beispiel wird sich eines Tages der kleine Gauvin fühlen? Sein Fall erregte unlängst Aufsehen: Gauvin wurde taub geboren - mit Absicht.
Seine Mütter, zwei lesbische Amerikanerinnen, gehörlos alle beide, glauben, dass Gehörlosigkeit keine Behinderung sei. Vielmehr hätten die Tauben mit ihrer Zeichensprache eine eigene und großartige Subkultur gegründet. Um sicher zu gehen, dass ihr Kind gehörlos würde, suchten Sharon Duchesneau und Candy McCullough bei Samenbanken nach dem Sperma eines Tauben. Fehlanzeige. Also griffen sie auf die Samenspende eines Freundes zurück, eines Mannes, der auf fünf Generationen Taubheit in seiner Familie zurückblicken kann.
Es klappte. Gauvin hört nichts, und seine zwei Mütter sind glücklich, sagen sie. Es ist auch nicht auszuschließen, dass aus Gauvin ein glücklicher Mensch wird. Vielleicht aber wird er auch zwischen Fatalismus und Ressentiment schwanken und seine Mütter mit einer fetten Schadensersatzklage überziehen. Weil sie ihm die Chance genommen haben, jemals das Gezwitscher einer Amsel zu erleben oder einen Dire-Straits-Song mitzusingen.
Was Gauvin vielleicht noch bevorsteht, hat Doron Blake aus Los Angeles schon hinter sich. Er ist nicht mit einer Behinderung geboren, dafür mit einer Gabe: mit einem Intelligenzquotienten von 180. Er ist ein Genie aus dem Kältetank.
Doron Blake kam auf die Welt, weil sein Schöpfer zu wissen glaubte, dass es zu viele dumme Menschen gibt und zu wenig Kluge. Weil nämlich die Dummen zu viel Sex haben, die Klugen zu wenig.
Robert Klark Graham, so hieß der Mann, wusste auch, warum. Intelligente Menschen dachten eben zu viel nach. Sie schrieben Bücher, entwickelten Impfstoffe, erforschten das Weltall, nur an eines dachten sie nicht - ihre segensreichen Gene weiterzugeben.
Also werde die Menschheit immer dümmer. Also sei der Untergang nahe, und also beschloss Mr. Robert Klark Graham aus Escondido, Kalifornien, etwas zu unternehmen. Er legte sich eine Samenbank zu. Nicht irgendeine. Sondern die Samenbank der Nobelpreisträger. Gene der erlauchtesten Geister, die er kriegen konnte.
Graham war zu diesem Zeitpunkt 73 Jahre alt. Er hatte acht Kinder und mit Patenten für bruchfeste Brillengläser eine Menge Geld verdient. Es war an der Zeit, das Leben zu genießen, in Kalifornien gibt es wunderbare Golfclubs. Aber die Vision war stärker. Graham wollte Brainiacs schaffen, eine Arche Noah des Geistes erbauen.
Mit dem "Repository for Germinal Choice", das er 1979 gründete, war Graham eine Art Pionier. Er klapperte die genialen Denker ab; sein Anliegen war einfach, musste aber mit Fingerspitzengefühl vorgetragen werden: Herr Professor, masturbieren Sie netterweise in eine Tasse, ich will von Ihnen Scharen von Nachkommen erzeugen.
Ein durchgeknallter Millionär, der die Intelligenz-Eliten von morgen ausbrütet - ziemlich bald wurde Graham als Dr. Frankenstein beschimpft und mit Hitler verglichen, man versuchte, die erschrockenen und versprengten Spender zum Outen zu zwingen. Der Einzige, der sich bekannte, war William Shockley, Nobelpreisträger für Physik. Dass Shockley durch rassistische Äußerungen aufgefallen war, machte die Sache nicht besser.
Am 24. August 1982, vier Jahre nachdem in Oldham, England, Louise Brown, das erste Retortenbaby, zur Welt kam, wurde Doron Blake geboren. Erst mit ihm, glaubte Graham, begann die dritte Revolution der Menschheit.
Mit zweieinhalb Jahren konnte Doron mit dem Computer seiner Mutter umgehen. Auf dem Weg zum Kindergarten memorierte er Verse aus "King Lear", vormittags spielte er mit Dinosauriern, nachmittags mit Primzahlen. Doron war sechs, als seine Mutter ihn zu einem IQ-Test schleppte, das Ergebnis lag bei 180. Mit zehn schrieb er ein Buch: "George, der Dinosaurier", eine charmante Fabel, für die auch ein ausgewachsener Kinderbuchautor sich nicht schämen müsste.
"Für Graham war ich das Paradestück, eine Art Prototyp", sagt Doron. Ein Messias, den man fördern musste: Regelmäßig kamen dicke Buch-Pakete und Chemie-Baukästen, oft holte Graham den Kleinen mit seinem weißen Chevrolet ab und führte ihn zum Essen in die besten Restaurants von Beverly Hills, wobei er mit dem Knaben jedes Mal ausgewählte Probleme aus Mathematik, Physik und Literatur erörterte. Er bestärkte Doron auch, die LSD-Trips, die seine Mutter ihm anbot, abzulehnen; dafür ermunterte er die Mutter, Afton Blake, eine Psychologin, ihren Wundersohn der Welt vor Augen zu führen.
Afton Blake war, als sie mit Doron schwanger wurde, Single, "ich fand einfach keinen Mann, der zu mir passte", sagt sie.
Ihre Doktorarbeit hatte sie, nach ausgedehnten Hippie-Jahren, über Existenzformen vor der Geburt verfasst, nun betrieb sie, mit eher schwankendem Erfolg, eine Psycho-Praxis und daneben eine Hundezucht, spezialisiert auf Salukis, eine iranische Windhundrasse. Als das FedEx-Päckchen mit dem heiligen Sperma ankam, machte sie aus der Empfängnis eine Party-Nacht: ein mystisches Trallala mit Räucherstäbchen, Freundinnen in wallenden Kleidern und Mond-Gesängen und mit der Öffnung der stickstoffgefüllten, kalt dampfenden Sperma-Ampulle und der vaginalen Einführung als Höhepunkt. Als ihr Sohn geboren wurde, nannte sie ihn Doron, "Geschenk" der Götter. Und sein Leben verwandelte sie kurzerhand in eine Truman-Show.
Afton Blake schleifte ihren Sohn in alle möglichen Talkshows, brachte ihn auf die Titelseiten des "Los Angeles Times"-Magazins und von "California", wo sie ihn in Alien-Pose ablichten ließ. Der Tenor der Artikel: etwas Grusel, viel Ehrfurcht.
Es war Ende der achtziger Jahre, noch kannte niemand Craig Venter, aber eine Erbsenzähler-Wissenschaft wie Biologie war plötzlich sexy geworden. In dem Business steckte Geld. Die Biotech-Firma Amgen, 1983 an die Börse gegangen, sollte ihren Kurs noch auf mehr als das 140-Fache bringen.
Und Doron wurde zum Genius aus der Kältekammer.
Graham, sein Übervater, und Afton Blake, die Publicity-Mutter, waren selig. Nur Doron, Projektionsfigur für die Träume und Ängste vom neuen Menschen, wurde nicht gefragt.
Heute bewohnt Doron Zimmer 312, dritter Stock, hinten links. Vom Fenster aus sieht man den Campus des Reed College in Portland (Oregon). Auf dem kleinen Schreibtisch steht der iMac, auf dem Bett liegt eine indische Tagesdecke. Im Regal stehen die "Harry Potter"-Bände neben einer Abhandlung über italienischen Madrigal-Gesang und einer Geschichte der Tuscarora-Indianer. Es riecht nach Räucherstäbchen. Hier studiert Doron Blake, mittlerweile 19, Religionswissenschaften, hier versenkt er sich viele Stunden am Tag in sein Sitar-Spiel; und hier versteckt er sich vor der Welt.
Sein langes Haar ist zum Zopf gebunden, er ist schlaksig und durchscheinend blass, und fast immer, auch im Winter, geht er weite Strecken zu Fuß, oft ohne Socken in ausgelatschen Birkenstock-Sandalen. Seine Zehennägel sind lackiert. Er spricht einerseits sehr schnell und präzise; dann wiederum stottert er, manchmal minutenlang.
Doron ist ein introvertierter Junge; außen freundlich, innen melancholisch und kalt wie flüssiger Stickstoff. Atomphysik, Informatik - um die Hightech-Fächer, die sein Übervater ihm wahrscheinlich empfohlen hätte, hat Doron einen Bogen gemacht. Er ging auch nicht nach Harvard oder Yale, obwohl er an den Elite-Unis ebenfalls leicht ein Stipendium bekommen hätte. Statt dessen Religionswissenschaften im verschlafenen Portland. Dazu das weltentrückte Plingplang des Sitar.
Dennoch blitzt Dorons außerordentliche Intelligenz immer wieder durch. Verblüffend schnell überblickt er die kompliziertesten Sachverhalte, und er könnte eine Schachpartie bewältigen, ohne einen Blick aufs Brett zu werfen. Manchmal vergräbt er sich tagelang in der College-Bibliothek. Je entlegener und schwieriger die Bücher, desto besser, sein Verstand ist wie eine Armee in Friedenszeiten, er muss ihn beschäftigen.
Die Geschichte von Doron ist die einer Verweigerung. Graham, sein Erfinder, starb vor fünf Jahren, 90-jährig. Seine Mutter hockt auf den Trümmern ihrer Psycho-Praxis plus angeschlossener Windhundzucht. Die Träume vom Neuen Menschen zerfielen, übrig blieb Doron, der alles ausbaden muss.
Das hat ihn zu einem Medienprofi gemacht, er ist mit seinen 19 Jahren so freundlich wie unnahbar, und wenn ihm Fragen zu heikel sind, lächelt er breit und antwortet auf Esoterisch.
Wollte er jemals seinen leiblichen Vater kennen lernen? "Der Mann ist ein Fremder", sagt er, "wir haben keine spirituelle Verbindung." Er lächelt.
Und wie ist es, ein Genie zu sein? "Daran ist nichts Besonderes, es gibt wichtigere Werte im Leben, wie Liebe, Wärme, Respekt vor Gott." Er lächelt.
Und hat er seinem Schöpfer Graham übel genommen, wie er gemacht wurde - hat er ihn jemals dafür gehasst? "Nein", sagt Doron, "wenn ich die Art und Weise meiner Zeugung in Frage stelle, dann würde ich auch meine Existenz in Frage stellen."
Er lächelt. "Das wäre ein Paradoxon."
Nur manchmal, wenn er mit seiner Mutter zusammen ist, kann es passieren, dass Doron nicht lächelt. Sondern überraschend scharf und schneidend wird, für einen kurzen Moment, dann schreit er sie an, aus geringfügigem Anlass, und er wird bleich, und seine Stimme überschlägt sich. Als würde er eine große Wut mit sich herumschleppen. Oder auch Sehnsucht nach einem normalen Leben, das man ihm vorenthalten hat. "Ich muss damit leben", sagt Doron Blake. Und lächelt.
Wie auch Rebecca Thompson damit leben muss, dass sie ihren Vater-Traum fand und verlor, und wie auch Bill Cordray mit dem Gefühl seiner Retortenzeugung und Gauvin mit seiner Gehörlosigkeit fertig werden müssen.
"Das ist das Seltsame am Samen", sagt Rebecca Thompson, "für die Spender sind es nur ein paar Handgriffe, anonym und schnell vergessen - aber für dich ist es dein Leben."
Und sie fügt hinzu: "Damit bleibst du dann allein." Sie sagt es sehr ernst.
* Mit Lousie Brown (l.), dem ersten Retortenbaby der Welt (1989).
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 31/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 31/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FORTPFLANZUNG:
Die Kinder von der Samenbank

Video 01:23

Ihr Kinderlein, jauchzet! Eigenbau-Achterbahn im Garten

  • Video "Ihr Kinderlein, jauchzet! Eigenbau-Achterbahn im Garten" Video 01:23
    Ihr Kinderlein, jauchzet! Eigenbau-Achterbahn im Garten
  • Video "Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte" Video 00:43
    Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte
  • Video "Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen" Video 02:15
    Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen
  • Video "Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer" Video 00:54
    Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer
  • Video "Freiburgs Trainer über Fremdenhass: Man muss große Angst haben" Video 01:38
    Freiburgs Trainer über Fremdenhass: "Man muss große Angst haben"
  • Video "Virales Video aus Österreich: Was machen die da?" Video 00:57
    Virales Video aus Österreich: Was machen die da?
  • Video "Filmstarts der Woche: Hi, ich bin Frank Zappa" Video 05:00
    Filmstarts der Woche: "Hi, ich bin Frank Zappa"
  • Video "Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel" Video 00:43
    Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel
  • Video "Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe" Video 01:07
    Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe
  • Video "Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe" Video 00:58
    Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe
  • Video "Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt" Video 01:15
    Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt
  • Video "Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung" Video 00:52
    Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung
  • Video "Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser" Video 00:46
    Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser
  • Video "Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo" Video 01:48
    Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo
  • Video "Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit" Video 01:54
    Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit
  • Video "Werbevideo der US-Polizei: May you be with the force" Video 01:28
    Werbevideo der US-Polizei: "May you be with the force"
  • Video "Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen" Video 00:52
    Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen