12.08.2002

ARCHÄOLOGIEHitlers Nachttopf

Ein ungewöhnlicher Fund in Bayern gibt Rätsel auf: Ist der goldene Chiemsee-Kessel ein keltisches Kultobjekt? Oder Teil eines mysteriösen Nazi-Schatzes?
Die Nachricht schlug ein wie einer der Blitze der Gewitter, die den Wirtsleuten des bayerischen Ferienidylls Seebruck derzeit die Sommergäste verhageln. Heftiger noch als die Sturmschauer prasselten plötzlich Gerüchte durchs Chiemgau: Andeutungen über düstere Kelten-Rituale, esoterische Nazi-Zirkel und versunkene Kultstätten - voll gestopft mit obskuren Artefakten aus purem Gold.
Grund für die wetterresistente Aufregung war ein Edelmetall aus dem Chiemsee, dessen Fund erst am Dienstag vergangener Woche bekannt wurde. Schatztaucher hatten offenbar schon vor einem Jahr im feinkörnigen Seeschlick einen zehneinhalb Kilo schweren Goldkessel entdeckt. Der kostbare Topf, gefertigt aus gewalztem, 18karätigem Goldblech, hat einen Durchmesser von 50 Zentimetern und ist rundum mit keltischen Motiven verziert.
Über Monate war die Existenz des Schatzes wie ein Staatsgeheimnis gehütet worden. Und noch heute schweigen sich die Beteiligten - allen voran das Bayerische Finanzministerium und die Archäologische Staatssammlung München - beharrlich zu Einzelheiten aus; niemand will - oder darf - genaue Angaben zu den Umständen des Fundes, der Identität der Taucher oder dem Zeitpunkt der Bergung machen.
Sicher scheint nur, dass inzwischen ein Gerangel um die Rechte an dem Goldkessel entbrannt ist - und um dessen Alter.
Während die Privat-Ausgräber zunächst fest davon überzeugt waren, eine keltische Opferschale gehoben zu haben, stuften die Landesarchäologen den Pott sogleich als Relikt aus dem Dritten Reich ein.
Für die Kelten-Version sprachen vor allem die Verzierungen und die Fundstelle, knapp 80 Meter vor dem Strand von Arlaching. Hier, im einstigen Kelten-Königreich Noricum, soll vor über 2000 Jahren ein Wasserheiligtum existiert haben, das dem Seegott Bedaius geweiht war. Um dessen Zorn zu mildern, seien Menschen geopfert worden: Ihr Blut wurde möglicherweise in kostbare Gefäße gefüllt und in die Fluten gegossen.
Indizien für eine Nazi-Herkunft des Kessels dagegen sind die Verarbeitungstechnik, die womöglich erst im 20. Jahrhundert gebräuchlich war, sowie der Ruf des Chiemsees als diskrete Müllkippe des Tausendjährigen Reichs. Nazi-Größen auf der Flucht sollen hier ihre Hakenkreuzgeschmückten Preziosen entsorgt haben.
Ein Hakenkreuz ist auf dem mysteriösen Topf zwar nicht zu finden. Aber immerhin, so die dünne Argumentation der Archäologischen Staatssammlung, könnte das Gerät in Verbindung mit der "Hohen Schule der NSDAP" stehen, einer geplanten Kaderschmiede der Nazis unweit des Fundortes.
Doch die Frage nach dem Zweck des kryptischen Kessels ist nicht nur eine historische: es geht um sehr viel Geld.
Allein das Material soll 100 000 Euro wert sein. Würde die Goldschale als keltischer
Schatzfund eingestuft, gehörte sie zu gleichen Hälften dem Finder und dem Freistaat Bayern, der Eigentümer des Chiemsees ist. Käme heraus, dass der Topf Bestandteil von NS-Vermögen ist, wäre das Land nach dem Gesetz Allein-Eigentümer.
Für Montag dieser Woche ist ein diskretes Treffen zwischen dem Finanzministerium und dem Anwalt der anonymen Taucher anberaumt, an dem man "in konstruktiver Weise" über die delikate Angelegenheit verhandeln will.
Denn die Kooperation verlief wohl nicht immer reibungslos: Die Schatztaucher, so heißt es in der Szene, hätten zunächst versucht, den Topf auf dem grauen Kunstmarkt ins Ausland zu verkaufen. Erst durch einen Tipp sei die Archäologische Staatssammlung alarmiert worden und habe auf eine vorläufige Übergabe des Kessels zu Untersuchungszwecken gedrängt.
Dabei sei herausgekommen, dass es sich keinesfalls um einen Kelten-Schatz handeln könne, sondern eine NS-Herkunft am wahrscheinlichsten sei.
Endgültige Beweise für diese These dürften schwer zu finden sein - auch wenn die historische Topographie des Chiemgaus mit abenteuerlichen Legenden über versunkene Nazi-Schätze und eingegrabene Geheimwaffen durchsetzt ist.
Mitunter treiben die braunen Geschichten skurrile Blüten, die an den Film "Schtonk" erinnern: So habe Hitler bei seinen Touren zum Berghof öfter mal Station im Seebrucker Gasthof Lambach gemacht. In der eigens eingerichteten "Hitler-Stube", so beteuern Einheimische, sei dann auch ein bis dato unbekannter Führer-Spross entstanden. Ob wahr oder nicht - die Wirtsleute konnten jedenfalls schon zu NS-Zeiten von einem schwunghaften Handel mit Original-Führer-Tassen, -Führer-Löffeln und -Führer-Postkarten profitieren.
Die "Hitler-Stube", nach dem Krieg eilig umdekoriert und fortan "König-Ludwig-Stube" genannt, gibt es heute noch. Und unter den lokalen Schatzsuchern kursiert bereits das Gerücht, bei dem Goldkessel könne es sich nur um Hitlers Nachttopf handeln. Das meiste, was Devotionalienjäger bisher vom Grund des Chiemsees fischten, waren keine Goldschätze, sondern "KVK" - ein Begriff, der im Fachjargon für wertlose, rostige Nazi-Orden steht. Übersetzt bedeutet er: "Kannste-Vergessen-Kreuze".
SVEN RÖBEL
* Vor dem Gasthof Lambach in Seebruck.
Von Sven Röbel

DER SPIEGEL 33/2002
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