12.08.2002

BÜCHERKosmos der Konspiration

Ost-Berlins einstiger Chefaufklärer Markus Wolf setzt seinen Top-Kundschaftern ein literarisches Denkmal.
Seine liebste Agentin, zumal eine der erfolgreichsten, umsorgt heute seine Katzen, geht der frühere DDR-Spionagechef auf Reisen. Das kommt noch immer recht häufig vor, obwohl Markus Wolf, Chefaufklärer des untergegangenen sozialistischen deutschen Staates, nun auch
schon die 80 ansteuert. Sonja Lüneburg war gleichsam der Prototyp des Agenten,von denen der Spähtrupp Ost viele besaß, sein westlicher Gegenspieler eher wenige: Gesinnungstäter, die aus einem Gefühl innerer Überlegenheit an der Kundschafterfront im Ost-West-Konflikt agierten.
16 Jahre lang spionierte Sonja Lüneburg - ihr richtiger Name lautete Johanna Olbrich - für Ost-Berlin in Bonn und Brüssel, zuletzt als Chefsekretärin des FDP-Bundeswirtschaftsministers Martin Bangemann. Wolfs Spitzenquelle lieferte brisante Interna über die Vorbereitung der Ostverträge, zum Transitabkommen und Grundlagenvertrag.
Dass sie dabei Freundschaften erschlich und Vertrauen missbrauchte, gehörte zum Kundschafteralltag. Es hat sie in dem einen oder anderen Fall bedrückt, indes nie in der Überzeugung beirrt, dem besseren deutschen Staat zu dienen: "Mir half das Bewusstsein, etwas Richtiges und Wichtiges getan zu haben", räsoniert die nach der Wiedervereinigung vom Düsseldorfer Oberlandesgericht zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilte Agentin im Rückblick.
Markus Wolf, das ist Teil seiner Legende und seines professionellen Ruhms, hat niemals einen seiner Agenten ans Messer geliefert, obwohl es verlockende CIA-Offerten gab. So wurde dem "roten Mischa" nach dem Zusammenbruch der DDR "eine amerikanische Option" angeboten, wie er der im vereinigten Deutschland drohenden Verhaftung entgehen könne.
Auch das in dieser Woche erscheinende Wolf-Buch "Freunde sterben nicht" verrät keine Geheimnisse**. Aber die neun Porträts von Weggefährten, politischen Gesprächspartnern, deutschen, russischen und amerikanischen Agenten vermitteln streckenweise einen faszinierenden Einblick in den Kosmos nachrichtendienstlicher Konspiration zu Zeiten Hitlers, Stalins und des Kalten Krieges. Dies ist wohl Wolfs persönlichstes Buch und in der fortdauernden Trauer über den zerstobenen sozialistischen Traum auch das am wenigsten larmoyante. Was nicht heißt, dass der erfolgreichste Stasi-General insgeheim die politischen Fronten gewechselt hätte. Er hat für sich "die Freiheit bewahrt, weiterhin nach unseren Wertvorstellungen zu leben".
So wie Sonja Lüneburg. Die war in ihrer Kindheit geprägt worden von ihren Erlebnissen der Hitler-Herrschaft, des Krieges, dem Todesmarsch von Auschwitz-Häftlingen. Deshalb wurde sie überzeugte Antifaschistin, Marxistin, Friedenskämpferin. In schlichten Worten trug Sonja Lüneburg ihre Glaubensgrundsätze, die sie zur Arbeit für den Nachrichtendienst der DDR brachten, den Düsseldorfer Richtern vor. Das löste Betroffenheit im Gerichtssaal aus, und der Bundesanwalt verlor die Beherrschung. "Sie konnten meine Motive einfach nicht begreifen, denn sie waren Gefangene ihrer Vorurteile", erinnert sich die Top-Spionin.
Wolf prahlt nicht mit seinen konspirativen Juwelen, präsentiert eine nachgerade bescheiden anmutende Erfolgsbilanz der von ihm dirigierten Kundschafter: "Von hundert ins Rennen Geschickten bleiben viele auf der Strecke, und nur einer oder eine geht als Sieger durchs Ziel." Sonja Lüneburg übrigens wurde abgezogen und nicht verheizt, als 1985 das Risiko ihrer Enttarnung drohte. Erst im Juni 1991 stöberten westdeutsche Fahnder Wolfs Favoritin bei Berlin auf.
Geschickt verstand es Ost-Berlins Chefaufklärer, Partner zu gewinnen, indem er virtuos die Klaviatur gemeinsamer politischer Überzeugungen bediente. Solch eine "ungewöhnliche Freundschaft" pflegte er mit "Sir William", dem FDP-Bundesvorstandsmitglied und Berliner Ehrenvorsitzenden William Borm.
Beide trafen sich seit den sechziger Jahren unter konspirativen Umständen zum Meinungsaustausch - als "Gleichgestellte", wie Wolf betont, "es war ein Geben und Nehmen und nicht einfach eine simple nachrichtendienstliche Abhängigkeit seinerseits".
Borm war Informant über die Bonner Ostpolitik, aber gewiss kein klassischer Agent oder gar Verräter. Wolf beschreibt ihn als "Mann, der stets allein aus innerer Überzeugung handelte", sehr starrsinnig sein konnte und ihn laufend mit Vorträgen über die Notwendigkeit des "Meinungspluralismus" im Sozialismus traktierte. "William beriet mit mir sein politisches Agieren", notiert Wolf nicht ohne Selbstgefälligkeit, doch richtig steuern vermochte er Borm eben nicht: Nach dem Bruch der sozial-iberalen Koalition kehrte Sir William seiner Partei den Rücken, und Schluss war es mit dieser schönen Quelle in Bonns kleinerer Regierungspartei.
Viele von Wolfs Freunden und Agenten waren Juden. Er bewundert die "Unbedingtheit", die Unbeirrbarkeit des Handelns ihm bekannter Menschen jüdischer Herkunft, "ich kannte diesen Charakterzug bei meinem Vater" (dem Schriftsteller Friedrich Wolf).
Ein Jude war auch "der kleine Mischa", auf den Wolf eine Eloge anstimmt: Michael Wischnewski, gebürtiger Pole und Auschwitz-Überlebender, nach dem Krieg Chef der Schmugglerbande "Die Starken" und mit Stasi-Protektion schließlich aufgestiegen zum Ost-West-Händler und sozialistischen Multimillionär.
Seine Handelsfirma F. C. Gerlach stand im Zentrum von Schalck-Golodkowskis KoKo-Imperium, und nach der Wende suchte die bundesdeutsche Justiz Wischnewski das Verschieben von 100 Millionen Mark aus dem SED- und Stasi-Vermögen nachzuweisen. Der kleine Mischa setzte sich nach Israel ab und wurde dortiger Staatsbürger. Das schützte ihn vor Auslieferung.
Wolf rühmt, wie sich der kleine Mischa als "privater Unternehmer" durchlavierte im erstarrten Apparat des DDR-Systems, in dem "alle Entscheidungen einer kleinen Runde starrsinniger Ignoranten vorbehalten blieben". Da retuschiert der Chefaufklärer nun freilich gehörig, denn dieser Privatunternehmer unterstand der Treuhandschaft des Stasi-Staatsunternehmens.
Kurz vor seinem Krebstod wurde der kleine Mischa 1996 in Tel Aviv vom großen Mischa besucht. Während die Amerikaner dem einstigen Agentenchef die Einreise verweigerten, bereiteten ihm die Israelis trotz der bekannten Stasi-Kontakte zu Arafats PLO einen Empfang "mit großem Respekt", wie Wolf mit Genugtuung registriert. Ex-Premier Jizchak Schamir hatte Zeit für ihn, ebenso die Generäle des Geheimdienstes Mossad. Klar doch, Mossads wie Wolfs Spione galten mit als die Besten ihres Genres.
Ein wenig findet der Altkommunist bei dieser Reise zurück zu seinen jüdischen Wurzeln. Der Gang zur Klagemauer ist "bewegend". Doch die Frage eines orthodoxen Begleiters, ob sich in seinem Innern Gefühle der jüdischen Herkunft regten, lässt Wolf ohne Antwort: "Mein Israel müsste ich erst suchen, wenn die Wurzeln der Zwietracht und des schrecklichen Hasses in Palästina beseitigt sind."
Diese Suche dürfte Markus Wolf, bei aller Vitalität, dann wohl doch nicht mehr gelingen. OLAF IHLAU
* Mit Bundeswirtschaftsminister Bangemann 1985. ** Markus Wolf: "Freunde sterben nicht". Verlagsgesellschaft Das Neue Berlin, Berlin; 260 Seiten; 17,50 Euro.
Von Olaf Ihlau

DER SPIEGEL 33/2002
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