12.08.2002

SUCHTKick aus der Wasserpfeife

Offensiv fordern die Grünen die Legalisierung von Hasch. Doch Suchtexperten warnen: Zwar sinkt die Zahl der Drogentoten, doch immer mehr Kinder greifen zum Joint. Die Gefahr wurde bisher unterschätzt: Neuen Forschungen zufolge drohen Gedächtnisausfälle und langfristige Hirnschäden.
In seinem ersten Leben strotzte Markus vor Energie. Er kickte im Fußballverein und war einer der Schnellsten auf der 5000-Meter-Strecke. Mit seiner Mutter, dem Stiefvater und dem älteren Bruder verstand er sich prima.
Sein zweites Leben nahm einen ganz anderen Verlauf. Er wurde verschlossen, kapselte sich ab. "Mir ist vieles egal geworden", sagt er. Der Auslöser des Wandels war Hasch: Schon ein halbes Jahr nach seinem ersten Joint im Freibad war Markus von morgens bis abends zugekifft. Er konnte sich kaum noch auf Gespräche konzentrieren. Wenn der Stoff zur Neige ging, wurde er schnell aggressiv.
Die ständige Beschaffung von neuem "Dope" ging ins Geld: Demnächst steht der Ex-Hascher wegen Raub und schwerem Diebstahl vor dem Richter.
Sein drittes Leben hat Markus soeben in einer Entzugsklinik im Nordwesten von Hamburg begonnen. Nach drei Wochen Entgiftung gibt er sich "sehr, sehr sicher", dass er nicht mehr "in den Kifferpool" zurückfallen wird. Wenn er Glück hat, kann das dritte Leben eine ganze Weile dauern - der Junge ist 16.
Cannabis, das Rauschmittel aus der Hanfpflanze, gilt als "weiche" Droge. Experten halten Marihuana und Haschisch für weniger gefährlich als die legalen Drogen Alkohol und Nikotin. Todesfälle durch Cannabis sind nicht bekannt - die Rezeptoren für die psychotropen Wirkstoffe der Pflanze sitzen nicht in Hirnregionen, die für lebenswichtige Funktionen wie Herz oder Kreislauf verantwortlich sind.
Als "Einstiegsdroge" spielt Cannabis kaum eine Rolle: 80 Prozent der Kiffer bleiben bei ihrem Kraut, sie greifen nicht zu härteren Drogen. Im Nachbarland Niederlande etwa ist nach der Liberalisierung der Cannabis-Abgabe die Nachfrage nach Kokain oder Heroin nicht gestiegen.
Auch die gesundheitlichen Folgen des Haschischrauchens gelten als moderat. In einer Untersuchung für das Bundesgesundheitsministerium stellten der Psychologe Dieter Kleiber und der Pharmazeut Karl-Artur Kovar 1997 fest: Ein Joint am Feierabend sei "weniger dramatisch und gefährlich" als gemeinhin angenommen.
Die akute Toxizität ist tatsächlich eher gering. Genetische oder zelluläre Schäden durch Marihuana und Haschisch wurden bislang beim Menschen nicht eindeutig nachgewiesen. Das Suchtpotenzial der "Genussdroge" ist geringer als das von Alkohol und Nikotin.
Ebendeshalb fordern viele Linke und Alt-68er, Cannabis nicht länger zu ächten. Mit einer Anfang Juli gestarteten Kampagne etwa tingeln die Bündnisgrünen und ihre Nachwuchsorganisation "Grüne Jugend" durch Deutschland, um 100 000 Unterschriften zur Legalisierung zu sammeln.
Sie trommeln für eine "rationale Drogenpolitik", bei der nicht länger Hunderttausende von Cannabis-Konsumenten kriminalisiert würden. In Anlehnung an den Appell des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog lautet ihr Motto: "Durch Deutschland muss ein Joint gehen!"
Doch der Zeitpunkt ist schlecht gewählt. Denn gerade jetzt melden Drogenexperten zunehmend Bedenken an: Bei Kindern und Jugendlichen sei Cannabis auf dem Vormarsch wie nie zuvor. Der Konsum von Heroin, Kokain und Ecstasy ist insgesamt rückläufig, in vielen Jugendcliquen verdrängt Haschisch dagegen sogar den Alkohol: "Alle kiffen", sagt eine Schülerin, "es gibt kaum noch einen, der etwas trinkt."
Unter deutschen Jugendlichen hat es Cannabis mit Abstand zur beliebtesten "Partydroge" gebracht. Suchtexperten wie Roland Simon vom Münchner Institut für Therapieforschung registrieren einen "irrwitzigen Anstieg" (siehe Grafik).
Schon Acht-, Neun- oder Zehnjährige machen ihre ersten Erfahrungen mit dem Joint oder der Wasserpfeife ("Bong"). Mit 14 oder 15 dröhnen sie sich dann als "Kampfkiffer" nicht selten mit täglich drei bis fünf Gramm "Dope", "Shit" oder "Gras" zu. "Die glauben inzwischen, dass das, was sie tun, die Norm ist", klagt Udo Küstner, Psychotherapeut an der Drogenambulanz für Jugendliche und junge Erwachsene am Uniklinikum in Hamburg-Eppendorf (UKE). "Viele Jugendliche können sich kaum mehr vorstellen, einen Videofilm ohne Kiffen anzuschauen", sagt auch Heidrun Wiedenmann, Psychotherapeutin an der UKE-Drogenambulanz.
Die Beobachtungen der Helfer decken sich mit den neuesten epidemiologischen Zahlen. Bei den 18- bis 24-Jährigen ist die Gruppe der Probierer, Gelegenheits- und Dauerkiffer in Westdeutschland in den letzten vier Jahren von 24 auf 38 Prozent gestiegen. 16 Prozent der 12- bis 18-Jährigen haben schon Erfahrungen mit der Droge.
Noch alarmierender klingen die Zahlen aus Hamburg: Jeder fünfte 12- bis 20-Jährige steckt sich den Joint nach Angaben der Landesstelle gegen Suchtgefahren "regelmäßig" an. "Gerade bei den ganz Jungen ist der Konsum in den letzten Jahren explodiert", berichtet Rainer Thomasius, Leiter der UKE-Drogenambulanz.
Schon haben sich in vielen Drogenhilfeeinrichtungen Cannabis-Konsumenten zur zahlenmäßig stärksten Problemgruppe gemausert. Vor zehn Jahren noch war der typische Klient in den ambulanten Anlaufstellen für Suchtkranke der heroinabhängige Junkie. Wenig später folgten die Kokser. Jetzt werden die Beratungsstellen zunehmend von jugendlichen Bleichgesichtern überschwemmt, die mit dem Kiffen nicht mehr klarkommen.
"Es gibt Patienten, die haben mit acht Jahren angefangen", berichtet Karin Harries-Hedder, Psychologin bei der Hamburger Drogenstelle "Therapiehilfe". "Wenn die dann mit 13 bei uns auftauchen, sind sie oft schwer depressiv, können sich nicht mehr konzentrieren oder logisch denken."
Trotzdem haben selbst viele Suchthelfer den Umbruch noch nicht verinnerlicht - sie halten Cannabis noch immer für ungefährlich und schicken die Hilfesuchenden wieder nach Hause. "Über Heroin weiß fast jeder Bescheid", klagt Wiedenmann, "der Informationsstand zu Cannabis ist leider äußerst jämmerlich."
Erklärungen für die rapide Zunahme der Probleme mit dem Kiffen haben indessen auch viele Experten nicht. Die heute verwendete "Partydroge" ist durch gezielte Pflanzenzucht um ein Vielfaches potenter als in den siebziger Jahren. Wer von den Jungen öfter als nur gelegentlich raucht, besorgt sich meist schnell die Wasserpfeife: Der psychotrope Pflanzenbestandteil "Tetrahydrocannabinol" (THC) flutet dadurch schneller und intensiver im Gehirn an. Die Wirkung gleicht fast dem "Flash" oder "Kick" bei der Heroinspritze. "Es gibt viele Kiffer, die ihr Leben auf die Reihe kriegen, aber Bong-Raucher sind das bestimmt nicht", sagt die 26-jährige Marion, die seit dem elften Lebensjahr Cannabis raucht.
Jeder Zehnte der 18- bis 24-Jährigen, die Cannabis probieren, wird davon abhängig oder betreibt zumindest "schädlichen Gebrauch", wie es die Mediziner nennen: Der Konsum nimmt zwanghaften Charakter an, das vermeintlich harmlose Kraut lässt seine Opfer nicht mehr los. Wie bei den Konsumenten harter Drogen wird der ganze Tagesablauf durch den Erwerb und Konsum bestimmt.
"In schweren Fällen endet das fast wie beim Heroin", erklärt Küstner. Die "Schwerstabhängigen" sind nur noch fixiert auf die Droge. Sie werden wie Junkies kriminell, um sich neuen Stoff besorgen zu können. In manchen Fällen sehen die Drogenberater bei ihrer Cannabis-Klientel bereits das ganze Spektrum der Beschaffungskriminalität - "nur Prostitution", so der UKE-Experte, "haben wir noch nicht erlebt." In der Altersgruppe der 18- bis 20-Jährigen wird derzeit fast keine andere Erkrankung so häufig diagnostiziert wie Cannabis-Missbrauch oder -Abhängigkeit.
Viele Opfer treibt die Droge in die Verelendung. "Es gibt Jugendliche, bei denen nichts mehr funktioniert außer Haschrauchen", berichtet Karin Wied, Drogenärztin an der Fachklinik Bokholt bei Hamburg. Ihr soziales Netzwerk ist zerstört, sie leben abgeschottet in vermüllten Wohnungen und können sich zu nichts mehr aufraffen. Der einzige menschliche Kontakt, der ihnen bleibt, ist der mit dem Dealer. "Ich bin zwei Jahre nur noch mit dem Hund vor die Tür gegangen", erinnert sich der 23-jährige Jurastudent Claus.
In der ambulanten oder stationären Entgiftung leiden die Gewohnheitskiffer unter starken Entzugserscheinungen wie Schweißausbrüchen, Depressionen, Schlaflosigkeit oder Angstzuständen. Nur ein Drittel, so die Erfahrung in Bokholt, hält die Entgiftung durch. Manche brechen schon am zweiten Tag ab. Nur jeder Zwanzigste bleibt auch nach dem dreiwöchigen stationären Entzug rückfallfrei.
Bei regelmäßigen Kiffern leiden die kognitiven Funktionen oft schon nach kurzer Zeit. Sie können sich nicht mehr konzentrieren, haben Wortfindungsstörungen und werden vergesslich wie 80-Jährige. Auch die Bewegungskoordination schwindet: "Manche haben Angst, Treppen zu steigen, weil sie die Stufen nicht mehr treffen", berichtet Dieter Adamski, Suchtexperte bei der Hamburger "Therapiehilfe".
Besonders anfällig für den Stoff ist nach Erkenntnissen der UKE-Suchtforscher das "Lerngedächtnis", das die Reproduktion von Wissensstoff im Minutenbereich ermöglicht. Die Ausfälle im Kopf offenbaren sich typischerweise bei Telefonnummern-Tests: Die Kiffer können sich die Zahlenfolgen fünf, sechs oder sieben Minuten lang merken, dann sind sie oft spurlos verschwunden, als würden sie aus dem Gehirn förmlich herausfallen.
Fatal wirken sich die Denk- und Gedächtnisstörungen in der Schule aus. Unter ihren Klienten treffen die Drogenberater häufig auf Cannabis-Opfer, die erst im Gymnasium scheitern und schließlich kaum noch den Hauptschulabschluss schaffen. "Leistungseinbußen begegnet man bei fast allen Kiffern", weiß Wiedenmann.
Schon ein durchgerauchtes Wochenende macht sich am Montag im Unterricht bemerkbar. Denn durch die lange Halbwertszeit des THC kommt es zur Wirkstoffakkumulation im Körper. "Die kognitiven Beeinträchtigungen halten deutlich länger vor, als viele meinen", konstatiert die UKE-Expertin.
Dass Cannabis in der Entwicklungsphase sogar zu bleibenden Schäden führen kann, haben Forscher der Uni Göttingen 1998 erstmals festgestellt. Zwischen dem 12. und 15. Lebensjahr durchläuft das visuelle System im Gehirn einen wichtigen Reifungsprozess. Wer in dieser Lebensphase mit dem Kiffen beginnt, muss damit rechnen, dass er die Folgen lebenslang spürt - die visuelle Informationsverarbeitung bleibt herabgesetzt. "Das in der Reifung befindliche Gehirn ist für die zytotoxischen Effekte des Cannabinols besonders empfindlich", kommentiert Thomasius.
Forscher aus Australien und den USA kamen jüngst zu ähnlichen Ergebnissen. Ihr Fazit: Je länger und massiver der Cannabis-Konsum, desto größer die Gefahr, lebenslang eine Matschbirne davonzutragen. Durch die Schäden im Gehirn können "die akademische Ausbildung, die berufliche Qualifikation, die Beziehung zu anderen Menschen und das Funktionieren im Alltag" in Mitleidenschaft gezogen werden.
Viele der jugendlichen Cannabis-Konsumenten werden nach Beobachtungen der Drogenexperten in ihrer Entwicklung um Jahre zurückgeworfen. Sie hängen in einem Alter am "Dope", in dem sie sich ausprobieren, Gefühle testen und Konfliktverhalten erlernen müssten.
Kiffer hingegen erhalten nie das Gefühl, Durststrecken überstehen und Ziele mit eigener Energie erreichen zu können. Sie bauen keine eigene Identität auf und lösen sich emotional nicht richtig von den Eltern. "Wer alle Probleme nur wegraucht", sagt Harries-Hedder, "weiß am Ende nicht, was er sich zutrauen kann."
Jedes fünfte Cannabis-Opfer, das an der UKE-Drogenambulanz Hilfe sucht, leidet unter solchen Entwicklungsstörungen. Bei vielen verraten Physiognomie und Verhalten den Rückstand - 26-Jährige, die seit Jahren auf "Dope" oder "Gras" waren, wirken nicht selten wie 16. "Sie erscheinen reifungsverzögert", sagt Thomasius, "man sieht ihnen die Entwicklungsdefizite an."
Noch kann niemand sagen, ob regelmäßiger Cannabis-Konsum auch psychische Leiden wie Depressionen, Angststörungen, Panikattacken oder Schizophrenie verursacht. "Es ist einfach noch nicht erforscht, wir wissen zu wenig darüber", sagt Andreas Heinz, Psychiatrie- und Psychotherapiechef an der Berliner Charité. Sicher scheint indessen, dass schon vorab bestehende Probleme durch die Droge verschärft werden.
Schon wenige Jahre nach dem Beginn des Konsums, so berichten viele Drogenexperten, können Gewohnheitskiffer in psychosenahe Zustände geraten - sie werden aggressiv, greifen ihre Eltern an, können nicht mehr zwischen Realität und Phantasiewelt unterscheiden. "Vor allem bei jugendlichen THC-Konsumenten beobachten wir, dass Psychosen, Persönlichkeitsstörungen und dissoziales Verhalten zunehmen", konstatiert Wolfgang Weidig, Sozialpädagoge und Klinikleiter in Bokholt.
Wer mit 25 in die Sucht einsteige, so der Experte, habe zumindest noch "eine Chance, sein Leben mit Cannabis sozialverträglich zu gestalten". Die ganz Jungen hätten diese Möglichkeit kaum. Weidig: "Sie bleiben auf der Strecke."
Drogenexperten wie Thomasius sehen die Legalisierungsbemühungen für die "weiche" Droge deshalb "mit allergrößter Sorge": "Da wird mit falschen Botschaften Harmlosigkeit suggeriert", warnt er. Wer "Hanf für alle" fordere, der kenne nicht "den neuesten Stand der Forschung und nicht die dramatischen epidemiologischen Daten der vergangenen zwei bis drei Jahre".
Der 16-jährige Markus denkt nach zweieinhalb Jahren Abhängigkeit und einem schmerzhaften Entzug das gleiche, er sagt es nur anders: "Ich glaube, beim Kiffen wird unheimlich viel schöngeredet."
GÜNTHER STOCKINGER
Von Günther Stockinger

DER SPIEGEL 33/2002
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