Von Bayer, Wolfgang; Dohmen, Frank; Kerbusk, Klaus-Peter
Alles schien bestens vorbereitet für den Wechsel. Mit aktuellen Fotos und der Schlagzeile "Helmut Sihler ist neuer Vorstandschef" sollte die Mitarbeiterzeitschrift "Monitor" die Telekom-Belegschaft schnell über den spektakulären Wechsel an der Spitze informieren.
Doch dann entdeckten die Telekom-Manager einen kleinen Fehler. Eilig wurde die gesamte "Monitor"-Auflage, rund 230 000 Exemplare, wieder eingestampft.
Der Grund für die rund 20 000 Euro teure Aktion: In einem Bericht über die notwendigen Sparmaßnahmen im Konzern war vom "Projekt 50" die Rede - die Reduzierung der Finanzschulden bis Ende 2003 von jetzt 67 auf 50 Milliarden Euro.
Interimschef Sihler, 72, wollte sich den Mitarbeitern aber nicht mit einem noch von Ron Sommer erarbeiteten Plan vorstellen, sondern einen eigenen "eisernen Sparkurs" verordnen: "Projekt E3" heißt das neue Paket, mit dem durch "Effizienzsteigerung, Ergebnisverbesserung und Entschuldung die Verbindlichkeiten des Konzerns bis Ende 2003 auf rund 50 Milliarden Euro gesenkt werden" sollen.
Am Mittwoch dieser Woche wird der reaktivierte Manager, der seit dem 16. Juli die Telekom leitet, sein Programm offiziell der Öffentlichkeit präsentieren. "Beim Sparen gibt es für uns keine Tabus mehr", will Sihler dann verkünden und so den gebeutelten Aktionären Hoffnung machen auf eine baldige Erholung der T-Aktie.
Doch dazu besteht kaum Anlass. Kenner des Konzerns werden im "Projekt E3" vergeblich nach einem Strategiewechsel oder neuen Lösungen für das drängende Schuldenproblem suchen. Außer dem Namen hat sich an dem im März unter der Leitung von Sommer erarbeiteten Plan kaum etwas geändert. Betriebs-Events zum Beispiel sollen reduziert werden, auch bei der Bewirtung von Gästen sowie bei Dienstreisen, die vergangenes Jahr noch mit 290 Millionen Euro zu Buche schlugen, muss stärker auf die Kosten geachtet werden. Alles in allem sollen so jährlich eine Milliarde Euro eingespart werden.
Das sind aber nur Kleinigkeiten angesichts der gewaltigen Probleme des Konzerns. Um zu spürbaren Entlastungen zu kommen, muss Sihler Teile des Konzerns abstoßen. So stehen der Verkauf der TV-Kabelnetze sowie von nicht mehr benötigten Immobilien auf der Agenda. Diskutiert wird auch über eine Neuausrichtung der US-Mobilfunkgesellschaft Voicestream. Vom Verkauf bis zur Suche nach einem Partner - alles ist möglich. Neu sind aber auch diese Pläne nicht.
Abgesehen von solchen bekannten Optionen ist Sihlers Spielraum extrem eng. Und mit anderen wichtigen Themen wie einer realistischen Darstellung der Unternehmenswerte hat sich der promovierte Jurist offenbar noch nicht auseinander gesetzt. Dabei müsste dem Interims-Chef die Dringlichkeit der Aufgabe bewusst sein.
Bei der Staatsanwaltschaft in Bonn und beim Bundesrechnungshof in Berlin liegt seit einigen Wochen eine Ausarbeitung über die näheren Umstände des Voicestream-Kaufs, die den Telefon-Multi in ernsthafte Schwierigkeiten bringen könnte.
Sollte sich erweisen, dass auch nur in Ansätzen stimmt, was Wolfgang Philipp - ehemals Syndikus der Dresdner Bank, Chefjurist der Rütgers Werke und heute Wirtschaftsanwalt in Mannheim - aufgeschrieben hat, bröckelt nicht nur das Eigenkapital in der Telekom-Bilanz. Der umstrittene Deal wäre dann auch ein Fall für den Staatsanwalt. Der Bundesrechnungshof jedenfalls will die "substanzielle Analyse" eingehend prüfen.
Was die Experten dabei zu Tage fördern werden, ist zumindest ein merkwürdiger Ablauf des Milliarden-Deals. Als die Telekom sich im September 2000 entschloss, den US-Mobilfunker zu übernehmen, war das Unternehmen nämlich nach wirtschaftlichen Kriterien so gut wie wertlos - es machte mehr Verluste als Umsatz. Die fast unbekannte Mini-Firma, die später den Filmstar Jamie Lee Curtis als Werbeträger gewann, war damit ein so genannter Nonvaleur (Philipp), der bestenfalls zum symbolischen Wert von einem Euro hätte übernommen werden dürfen.
Den damaligen Telekom-Chef Sommer störte das nicht. Im Spätsommer 2000 wurde er mit Voicestream-Gründer John Stanton handelseinig, auch Aufsichtsratschef Hans-Dietrich Winkhaus war zufrieden. In einem ersten Schritt bezog die Telekom Vorzugsaktien der Mini-Firma, die Voicestream vorher im Wege einer Kapitalerhöhung selbst geschaffen hatte. Preis der Einlage: Rund 5,6 Milliarden Euro.
Im Mai 2001 flossen weitere Milliarden. Insgesamt addiert die Telekom den Kaufpreis in ihrem Geschäftsbericht auf 39,4 Milliarden Euro. Rund 4,9 Milliarden davon flossen im Mai noch einmal in bar. Der Rest wurde mit rund einer Milliarde T-Aktien beglichen, die im Zuge einer Kapitalerhöhung von der Telekom zum Mindestpreis von 2,56 Euro ausgegeben wurden, um sie dann zum Marktpreis von 24,50 gegen Voicestream-Papiere zu tauschen.
Für die T-Aktionäre hatte das schlimme Folgen: Sie bezahlten die Geldschöpfung mit drastisch fallenden Kursen. Dabei hätte Sommer damals ahnen können, dass der Wert des US-Unternehmens unter dem von ihm bezahlten Preis liegen könnte.
In einem Gutachten, das die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO mit Datum vom 31. Mai 2001 beim Amtsgericht in Bonn einreichte, testieren die Prüfer für die noch nicht von der Telekom übernommenen 89,5 Prozent einen Mindestwert von rund 8,8 Milliarden Euro. Der Gesamtwert der Firma, so Philipp, lag damit bei rund 9,8 Milliarden Euro.
Selbst diese Wertermittlung ist nach Ansicht des Juristen nur als "Gefälligkeitsgutachten" zu sehen. Denn die BDO-Experten stützten ihre Zahlen fast allein auf eine Zehn-Jahres-Prognose des Voicestream-Vorstands. Dass solche Prognosen vor einem lukrativen Milliarden-Deal äußerst positiv ausfallen, liegt nahe.
Hinzu kommt: Der von BDO testierte Mindestwert konnte nach Ansicht Philipps nur entstehen, weil die Telekom kurz zuvor durch die Zeichnung von jungen Vorzugsaktien 5,6 Milliarden Euro in das US-Unternehmen eingeschossen hatte.
"Initial-Investment" nennen das die Telekom-Strategen. Von einem Trick spricht Philipp, weil die Telekom ein Unternehmen zu einem horrenden Preis kaufte, das sie erst durch eigenes Geld werthaltig gemacht habe.
Die Telekom mag in dem Kreislaufgeschäft nichts Anstößiges erkennen. Es handele sich, sagt Chefjurist Manfred Balz, um zwei voneinander unabhängige Deals. Insofern sei die Darstellung falsch, dass man mit eigenem Geld erst den Wert geschaffen habe, den man später teuer bezahlte.
Auch von einer künstlichen Aufblähung des Eigenkapitals will die Telekom nichts wissen. Alles sei korrekt abgelaufen. Doch auch daran nährt die Analyse des Wirtschaftsanwalts Zweifel.
Denn allein auf Grund des hohen Kaufpreises verdoppelte sich der Bilanzwert von Voicestream im Jahr 2001 auf mehr als 41 Milliarden Dollar, ohne dass sich am tatsächlichen Wert der Firma etwas geändert hätte. Nach US-Recht nämlich werden nach einem Verkauf des Unternehmens die Bilanzwerte dem Kaufpreis angepasst - immaterielle Vermögensgegenstände wie Lizenzen waren nun plötzlich das Doppelte wert. Nach deutschem Recht wäre ein solcher Sprung unmöglich, weil die Anschaffungskosten das Anlagevermögen nicht überschreiten dürfen.
Für die Telekom sollte sich die US-Bilanzierung trotzdem auszahlen. Als Voicestream im Mai 2001 als 100-prozentige Tochter in der Bonner Bilanz konsolidiert wurde, stieg das Aktivvermögen der Telekom mit einem Schlag um mehr als 23 Milliarden Euro.
Die "wirkliche Lage" des Konzerns, moniert Philipp, werde durch dieses "Luftgeschäft" nicht zutreffend dargestellt. Eine Abwertung von mindestens 20 Milliarden Euro sei deshalb in diesem Jahr dringend geboten. Ein Teilwert, so der Wirtschaftsjurist, hätte schon 2001 per Sonderabschreibung eleminiert werden müssen.
Die Telekom hält all das für "blanken Unsinn", die Notwendigkeit einer Sonderabschreibung gebe es bisher nicht. Davon werde man auch die durch die Philipps-Analyse aufgeschreckte Staatsanwaltschaft überzeugen.
Dabei können die Telekom-Juristen gleich ein weiteres Thema klären. Denn bei den Ermittlern in Bonn sind inzwischen neue Vorwürfe eines Telekom-Mitarbeiters gegen Ex-Chef Sommer eingegangen.
Der soll in den letzten Tagen seiner Amtszeit rund 20 Millionen Euro Aktionärsvermögen verschleudert haben, nur um seinen Chefsessel zu sichern. In der detaillierten Berechnung sind beispielsweise zwei bundesweite Anzeigenkampagnen aufgelistet, die von der Telekom bezahlt wurden, um die Ablösung des Chefs zu verhindern.
Außerdem soll Sommer fünf Anwälte und die Investmentbank Goldman Sachs mit teuren "Analysen" beauftragt haben. Die Fragestellung lautete: Wie ist die Ablösung mit Rechtsmitteln zu verhindern?
Die Telekom bestreitet das. Sommer habe nur einen Anwalt beauftragt - und den auch aus eigener Tasche bezahlt.
WOLFGANG BAYER, FRANK DOHMEN,
KLAUS-PETER KERBUSK
DER SPIEGEL 34/2002
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