19.08.2002

PRESSERECHT Ohne Nachweis

Ein peinliches Eigentor hat Margarita Mathiopoulos vor der Berliner Pressekammer geschossen: Die heute 45-Jährige, die bundesweit bekannt wurde, als Willy Brandt sie 1987 zur SPD-Vorstandssprecherin machen wollte, hatte gegen die "Berliner Zeitung" vor dem Gericht eine einstweilige Verfügung auf Unterlassung erwirkt. Das Blatt hatte Anfang Juli anlässlich des FDP-Beitritts der bislang Parteilosen unter Berufung auf eine frühere "FAZ"-Veröffentlichung berichtet, sie habe "ihre Doktorarbeit ('Geschichte und Fortschritt im Denken Amerikas') in Teilen ohne Nachweis aus Standardwerken abgeschrieben". Neben der Unterlassung dieser Behauptung, der das Gericht vorerst stattgab, forderte "Brandts schöne Griechin" ("Bild"), die kürzlich als "Beraterin" zum Wahlkampfteam von FDP-Chef Guido Westerwelle stieß, von der Zeitung eine prominent aufgemachte Gegendarstellung auf der Titelseite. Dazu wird es indes nicht kommen. Bei der Verhandlung am vergangenen Donnerstag zog Mathiopoulos, im Hauptberuf Geschäftsführende Direktorin eines Forschungszentrums für Sicherheitspolitik in Potsdam, ihren Antrag auf Anraten des Richters wieder zurück. Zuvor hatte der Anwalt der "Berliner Zeitung", Christian Schertz, dem Gericht eine 15-seitige Gegenüberstellung von Mathiopoulos-Textstellen und den Originalquellen präsentiert, die bereits 1991 in der Zeitschrift "Amerikastudien" erschienen war. Und sogar in einem Gutachten der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn, das Mathiopoulos' Anwalt zu ihrer Entlastung vorlegte, war davon die Rede, dass in der Arbeit "in wörtlicher und sinngemäßer Wiedergabe mehr übernommen" sei, "als es die Zitatnachweise" erkennen lassen. Westerwelle-Beraterin Mathiopoulos will die Gegendarstellung nun zurückgenommen haben, weil "das Gericht für mich klargestellt hat, dass der Bericht nicht den Vorwurf der Täuschung enthält". Im Übrigen schreibe sie "lieber ein neues Buch, statt mich mit der 'Berliner Zeitung' weiter zu ärgern".

DER SPIEGEL 34/2002
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