19.08.2002

AUTORENEntschluss zum Wahnsinn

Mit 16 beschrieb die Französin Anne-Sophie Brasme eine obsessive Mädchenfreundschaft, die mit Mord endete. Das Buch wurde eine literarische Sensation.
Acht Wochen lang hatte der Vater seine Tochter jeden Abend in ihrem Kinderzimmer tippen gehört. Erbarmungslos hämmerten ihre Finger auf die Tastatur des Laptops. Woran sie schrieb, wollte Anne-Sophie Brasme nicht verraten. Und als Pierre Brasme das Manuskript zu "Dich schlafen sehen" endlich lesen durfte, zweifelte er am Erfolg seiner Erziehung: Das jüngste Kind des Geschichtslehrers hatte sich eine detaillierte Mordphantasie ausgemalt - in einem düsteren Roman über die obsessive Freundschaft zweier Mädchen*.
Die damals 16-jährige Gymnasiastin forderte jetzt das väterliche Urteil. Es fiel - trotz des Schocks - überraschend begeistert aus. Pierre Brasme bot das Manuskript dem Pariser Verlag Fayard an, der postwendend einen Autorenvertrag schickte. Die Lektoren hatten den richtigen Riecher. Mit fast 40 000 verkauften Exemplaren und überschwänglichen Kritiken war "Dich schlafen sehen" die Sensation des französischen Bücherherbstes 2001.
Brasme erzählt die Geschichte von Charlène Boher, 19 Jahre alt, die seit drei Jahren im Gefängnis sitzt. Das Mädchen hatte seine Freundin Sarah erstickt, es war fast eine Art Lustmord: "Für kurze Zeit geriet ich in einen Zustand höchster Ek-
stase. Nichts zählte mehr außer den Händen auf dem Kissen und dem Kissen auf dem Gesicht." Kurz überlegt sie, die Augen zu schließen, aber "ich zwang mich, sie offen zu lassen. Ich musste alles bei vollem Bewusstsein tun." Warum hat Charlène Sarah umgebracht? Es sei, sagt sie hinterher, für sie die einzige Möglichkeit gewesen, die zerstörerische Beziehung zu beenden. Und sie bereue nichts: "Dem Wahnsinn zu verfallen ist nicht nur ein unausweichliches Schicksal, sondern möglicherweise ein Entschluss."
Es ist der Entschluss, dem gnadenlosen Spiel der Unterwerfung, das Sarah mit Charlène treibt, ein Ende zu bereiten. Anne-Sophie Brasme seziert diese Freundschaft wie ein Pathologe den Leichnam auf seinem Untersuchungstisch, mit klarer, nüchterner Sprache. Ohne Pathos, ohne Mitleid. Aber mit einem untrüglichen Gespür für Spannung.
Mittlerweile wurde "Dich schlafen sehen" in 17 Sprachen übersetzt, auch ins Deutsche. Anne-Sophie Brasme, 18, hat inzwischen ihr Abitur bestanden. Mit den Eltern lebt sie in einem Reihenhaus in Woippy - einem 14 000-Einwohner-Vorort von Metz, mit sterbender Industrie und Häusern in seelenlosem Beige.
Eine große Schriftstellerin will Anne-Sophie nun werden und weiß, dass das harte Arbeit erfordert: "Man wird nicht über Nacht Malraux."
Viele Rezensenten verglichen Brasmes Debüt mit den Büchern von Françoise Sagan, aber die Jungautorin wiegelt ab: "Dieser Vergleich ist dumm. Es ist eine Schublade, wie Journalisten sie lieben. Sagan war sehr jung, als ''Bonjour tristesse'' erschien, und ich bin auch sehr jung - das ist die einzige Gemeinsamkeit." Obwohl: "Ich wäre gern so wie die Sagan. So schön, so mutig, so lebenshungrig. Sie hat sich Sportwagen gekauft, ihr Geld zum Fenster rausgeschmissen. Ich dagegen bin nicht besonders hübsch, eher verschlossen, schüchtern und ziemlich unbeholfen."
Dieses Mädchen mit dem von braunen Strähnen gerahmten, runden Gesicht mit Schlupflidern beschreibt sich selbst genau so schonungslos wie seine Figuren, zumal die Einzelgängerin Charlène, linkisch, depressiv, unzufrieden mit ihrer pickligen Haut und dem lethargischen Charakter. Und die strahlende Sarah, die stets im Mittelpunkt steht und alles bekommt, was sie sich in den Kopf gesetzt hat.
Nach Charlènes Selbstmordversuch besucht Sarah, die strahlende Selbstbewusste, die Mitschülerin im Krankenhaus und trägt ihr die Freundschaft an. Das verändert Charlènes Leben: "Wenn ich mit ihr zusammen war, hatte ich das Gefühl, endlich wahrgenommen, vielleicht sogar geliebt zu werden. Nach und nach nahm mein Leben Formen an, ich wurde wer." Aber bald schon will Sarah nichts mehr von ihr wissen. Charlène ist verzweifelt, kämpft um ihr Glück: "Ich lebte wie aus zweiter Hand. Meine Besessenheit war wie eine Infektion, ein Krebsgeschwür."
Über hundert Seiten lang, drei Jahre erzählter Zeit, lässt Brasme diese Obsession langsam wachsen. "Mein einziger Grund zu existieren war sie, war Sarah. Ich hasste mein Leben."
Charlène versucht, die Wünsche und Launen der überlegenen Freundin vorherzusehen, hört nicht auf die Warnungen ihrer inneren Stimme: "Ich war bereit, alles zu geben, alles an sie abzutreten, auch zu sterben, wenn sie es wünschte. Sie hätte mich blutig schlagen, auf mich einstechen, mich töten können, wenn sie gewollt hätte." Und Sarah lässt keine Gelegenheit aus, die Klette an ihrem Bein zu demütigen, sie klein zu machen und von sich zu stoßen. Bis Charlène, die längst Bücher über den Mord aus Fanatismus sammelt, beschließt, dass Sarah sterben muss.
Ein starkes Stück, dass eine wohlbehütete 16-Jährige sich so etwas ausdenkt? "Das finden Erwachsene, die vom grausamen Alltag eines Teenagers keine Ahnung haben", sagt Anne-Sophie Brasme.
"Dich schlafen sehen" beruht auch auf eigenen Erlebnissen. Auch sie hatte eine Freundin, die sie demütigte und ihre Macht genoss: "Sarah existiert. Ich habe sehr unter diesem Mädchen gelitten. Aber heute bin ich ihr fast dankbar. Ohne sie hätte es den Roman vielleicht nicht gegeben."
Wie aus den Erlebnissen ein Roman wurde - Anne-Sophie Brasme weiß es nicht mehr so genau: "Ich habe das Buch in zwei Monaten ausgespuckt und in dieser Zeit wie in einer Blase gelebt." Es war wohl so, wie Charlène es im Roman formuliert: "Man schreibt, wie man tötet: Es kommt aus dem Bauch, und dann, ganz plötzlich, bricht es einem aus der Brust. Wie ein Schrei der Verzweiflung." ANJA HAEGELE
* Anne-Sophie Brasme: "Dich schlafen sehen". Aus dem Französischen von Reiner Pfleiderer. Goldmann Verlag, München; 192 Seiten; 18 Euro.
Von Anja Haegele

DER SPIEGEL 34/2002
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